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Freies Blatt · 1896-05-31 · 217 (31.5.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
217 (31.5.1896)
Date
1896-05-31
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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Freie» Statt. Nr. 217.!'■ - Seit« 8. ökonomie und Gesellschaftswissenschaft, den unvergänglichen Werth der Geschichte des classischen Allerthums eben für diese Jnteresien laut und rückhaltSlos anerkannt, die Gleichartigkeit zahlreicher Erscheinungen im Leben der alten und modernen Völker an daS Tageslicht gefördert hat. Indem wir untersuchen, waS die Alten gewesen und gethan, erleben wir unS gleichsam selbst zum zweitenmal. Wie auf allen anderen Gebieten, so ist die Forschung der Griechen auch auf dem der Socialphilosophie allen kommenden Zeiten vorangeeilt und zu Ergebnissen gelangt, welche heute noch die ernsteste Berücksichtigung verdienen. Die antike StaatSwissenschaft war eS, welche uns gelehrt hat, daß dem Staate die positive Förderung der Bildung, Wohlfahrt und Sittlichkeit seiner Bürger obliegt, daß er nicht nur die Erfüllung der in formaler Beziehnng rechtlichen, sondern auch der höheren socialen Verpflichtungen Legen den Nächsten zu erzwingen, die Bürger zu dieser höheren Art von, Pflichterfüllung zu erziehen hat. Die Hellenen * haben eS zuerst als politisches Ideal aufgestellt, eine Organisation der Staatsgewalt zu finden, welche stark genug wäre, gegenüber den in der Gesellschaft sich befehdenden Sonderinteressen die Idee des Staates als des Vertreters des Gesammtinteresses zur Geltung zu bringe», den Egoismus der Gesellschaft den gemeinsamen Zwecken des Staatslebens zu unterwerfen. Und in dieser Sehnsucht nach einer kräftigen Vertretung des StaatSgedankens haben 'sie auch den geschichtlichen Beruf des monarchischen PrincipeS mehr oder minder klar erkannt. „Diejenige Art von Alleinherrschaft," sagt Aristoteles in Uebereinstimmung mit seinem Meister Plato, „welche auf das Gemeinwohl ihr Augenmerk richtet, nennen wir Königthum. Die Aufgabe desselben ist, darüber zu wachen, daß den besitzenden Elassen kein Unrecht widerfährt, daß sie sich aber auch ihrerseits jedes frivolen Mißbrauches ihrer Ucberlegenheit zur Unterdrückung der Nichtbesitzenden enthalten." Der Herrscher ist ihm demnach das Recht in Menschengestalt. Es ist eine bedeutungsvolle Thatsache. daß sich Alterthum und Gegenwart gerade auf einem Punkte berühren, auf welchem vielleicht der größte Fortschritt zu verzeichnen ist, den die historischpolitischen Wissenschaften im letzten Jahrhunderd aufzuweisen haben. Dieser Fortschritt besteht in der Erkennlniß von Begriff und Wesen der Gesellschaft, von den Lebensgesctzen der socialen Organismen, Bewegungen und Kräfte, in dem Berständniß für die mächtigen und intensiven Wirkungen, welche dieselben auf den Einzelnen wie auf die politische Gemeinschaft, den Staat, auszuüben vermögen. Diese selbstständige Analyse der socialen Erscheinungen hat jene - tiefere Auffassung des Staates und der staatlichen Zwecke möglich gemacht, welche vor Allem Klarheit darüber sucht, wie sich der Staat zu den Elementen der Gesellschaft und wie diese sich zu ihm verhalten oder verhalten sollen. Es hat erst der französischen Revolution und der durch sie entfesselten Elassengegensätze bedurft, bis die moderne Welt sich von dem Banne der allmächtigen Anschauung befreite, welche Staat und Volk nur als eine- Summe von Individuen zu denken vermochte und über dem ausschließlichen Gegensätze von Individuum und Staat jenes wichtige Mittelgebiet übersah, das zwischen beiden liegt und bejde in höchstem Grade beeinflußt. Es ist dies um so seltsamer, als die Erkennlniß, welche wir der geschichtlichen Erfahrung der letzten hundert Jahre verdanken, geistiges Eigenthum ' der Antike gewesen ist. Schon Aristoteles hat den Wechsel der Verfassungsformen und die Gestaltung der politischen Parteikämpfe ■ in ihrem Zusammenhänge mit der wirthjchaftlichen und socialen Gliederung des Volkes gewürdigt, er hat die Abhängigkeit der > staatlichen Entwicklung von der gesellschaftlichen Ordnung und j deren materieller Grundlvge, der Vertheilung des Besitzes, in ■ einer Weise klargelegt, daß einer der bedeutendsten Vertreter der! modernen Staatswisfenschaft, Loren; v, Stein, von ihm gesagt hat, seine Politik würde in dieser Hinsicht für die StaatSwissenschaft der Zukunft das sein, was Copernicus' „Organon" für die Astronomie gewesen. „Reben Plato," äußerte er sich in seinem Handbuche der Verwaltungslehre, „ist Aristoteles der Erste, der den Besitz und seine Gewalt als den unwiderstehlichen Factor aller positiven Staatsrechtsbildung erkannt hat; wer Aristoteles' Politik nicht kennt, weiß nicht, was der Besitz bedeutet. Es ist Zeit, daß wir das in ihm lesen, was er als sein wahres geschichtliches Eigenthum fordern darf." Sehr richtig bemerkt der Vcrfasicr: „Wenn nun aber schon das Alterthum sich zu dieser socialen Auffassung der Dinge erhoben hat, worin liegt eS anders, als daß eS eine ähnliche politische Schule durchgemacht wie die modernen Völker seit der großen Revolution? Ja in dem antiken Stadtstaat, in welchem seit der Ueberwindung des monarchischen Principes eine selbstständig über der Gesellschaft stehende Staatsgewalt nicht existirte, mußte sich die Macht der Gesellschaft noch viel intensiver und unmittelbarer fühlbar machen als in den großen Monarchien der Neuzeit. Dir Basis dieses antiken .FreistaateS' ist ja recht eigentlich die Autonomie der Gesellschaft. Mag er die Classenherrschaft der GeburtS- oder Besitzesaristokratie oder das Princip der .VolkSsouveränität' verwirklichen, immer ist es die Souveränität der Gesellschaft, beziehungsweise der jeweilig 'herrschenden Gesellschaftsclassen, welche die eigentliche Grundlage der Staatsordnung bildet. Die Elemente der Gesellschaftsordnung, der Besitz und seine Vertheilung,'die socialen Formen und Organisationen des WirthschaftslebenS sind hier ein so ausschlaggebendes Moment auch für die Gestaltung des politische» LebenS geworden, daß die ganze Entwicklung deS Staates zuletzt davon abhing, ob die capitalistische Minderheit oder der besitzende Mittelstand oder die Masse der wenig oder nichts Besitzenden den entscheidenden Einfluß auf die öffentlichen Dinge gewann." Es kann sohin für eine Erziehung, welche die Geister für die großen socialen Bewegungen und Kämpfe deS Jahrhunderts vorbereiten und ausrüsten will, kein werlhvolleres Bildungsmittel geben alS die Geschichte des classischen AltrrthumS, welche uns die Entwicklung und Bethätigung aller derjenigen Facloren und Kräfte, deren Kenntniß und richtige Beurthcilung die Grundbedingung des Verständniffes von -Staat und Gesellschaft ist, innerhalb eines engen Rahmens in den einfachsten, durchsichtigsten Formen, in plastischer Anschaulichkeit und Klarheit vorführt. Das uns vorliegende Buch „Aus Alterthum und Gegenwart" en.hält verschiedene, hochinteressante Abhandlungen, auf deren Inhalt ich, so gerne ich auch wollte, in maßhaltender Selbstbeschränkung hier nicht eingehen kann. Doch mögen zum Mindesten die Titel für sich spreche». Pöhlmann verbreitet sich nah der grundlegenden Auseinandersetzung über die „Methodik der Geseichte des AlterthumS", er liefert einen sehr schätzbaren völkerpsychologischen Beitrag zur Geschichte deS Werdens und der Entwicklung deS VolksepoS in der Abhandlung „Zur geschichtlichen Beurtheilung Homer's", er zeigt unS das Walten der tedenziös färbenden socialistischen Geschichtsauslegung in der „Feldgemeinschaft bei Homer", er schildert das „hellenische Mittelalter", er macht uns unter Zuhilfenahme moderner Analogien mit der aus der übersättigten Eultur der Gegenwart nach dem goldenen Zeitaller deS glücklichen, jedes Privateigenthum ausschließenden Naturzustandes' herausstrebenden und den Staatsroman zeitigenden „Romantik im Communismus und Socialismus der Griechen" vertraut, er verfolgt die „Entstehung des CäsarismuS" bis in jene Epoche der griechischen Geschichte, in welcher das republikanische Verfassungsleben seine letzten Triebkräfte zur Entfaltung gebracht und in der voll entwickelten Demokratie einen Höhepunkt oder, wenn man will, einen Tiefpunkt erreicht hatte, jenseits deffen nur noch von Revolution oder Reaction die Rede sein konnte, er beleuchtet die „Wohnungsnoth der antiken Großstädte" u. s. w. Er ist das Ideal eines Philologen, wie es ihm vorschwebs, denn er steht als gründlicher Kenner der neueren wirthschaftsgeschichtlichen Literatur und der modernen socialistischen Theorien auf der Höhe historischpolitischer Anschauung. Seine Auffassung und Methode ist dem AuSspruche Niebuhr's angepaßt, daß zur vollständigen Durchdringung der alten Geschichte eine vergleichende' Kenntniß der menschlichen und bürgerlichen Dinge nothwendig ist, welche sich zu verschiedenen Zeiten nach gleichen Gesetzen zugetragen haben. - Dr. Bernhard Münz. Aus dem Leben für das Leben. Bor Kurzem erschien bei Schall und Grund (Berlin) ein treffliches Buch: O. v. Leixner's „Aus meinem Zettelkasten". Sprüche aus dem Leben für das Leben, zugeeignet Herrn Lambert Leisewitz in Bremen. Ter „Verein der Bücherfreunde" hat mit der Veröffentlichung dieses Werkes einen Kernschuß gethan. Die höchst gediegenen Aphorismen, Beiträge zur Mcnschenkcnntniß, Aussprüche über öffentliches Leben, Zeitgeist, Literatur, Kunst, Weib, Liebe, Ehe, 'Nächstenliebe, Erziehung, Empfindungen, Gemüth, Glaube, Religion, Vaterland :c. enfftammcn alle der Feder O. v. Leixner's. Wir citiren einige markante Stellen: (143.) Ter Magen der Menge verdaut sehr leicht Worte, viele Worte, aber sehr schwer einen Bedanke». (145.) Heute ist e« eine Hauptpflichl deS echten MaiineS, von den Strömungen de» Tage» sich unbeeinflußt zu erhalten. Da» kann er aber nur, wenn er sich, so weil e» geht, von dem Sippenwesen fern hält. i

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