Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 217 (31.5.1896)
- Date
- 1896-05-31
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 217. < Seite 7. Fr »i e » deren GeschäftSgebahren mit ^Lug und Trug durchsetzt sei. Biet jüdische Kausteuie fühlten sich beleidigt und stellten Strafantrag gegen zwei Mitglieder de» „Teutichsocialen Beceines". Tie Strafkammer lehnte die Eröffnung der Hauptversahren» ab, weil der Inhalt der Flugblattes sich allgemein auf die Juden, nicht speciell auf die in Hage» beziehe und diese nicht, zur Stellung der Strafantrages legitimirt feien. Ta- Lberlande-gericht ordnete dagegen die Strafverfolgung an. In der Berhandlnng vor der Strafkammer wurde »»»mehr die SleUnug de» Strafantrages für berechtigt erachtet, und eerfolgte die Berurlbeilung der An< geklagten zu je 50 Mark Geldstrafe. (Ein Gönner des „kleinen Mannes".) Au» G o l l n o w in Hinterpommern wird die Berhaflung de» dortigen Stadtverordneten Gabler wegen Unterschlagung der ihm von mehrere» Bereinen aiivertrauteil Gelder gemeldet. Gabler, ei» fanatischer Antisemit, batte sich seit Jadr und Tag al» Gönner de» „kleinen Manne»" geberdel. An ähnlichen Gönnern habe», 'reif die Eriminalchronik' lehrt, die tleineil Leute auch außerhalb HinterpominernS keinen Mangel zTie christlich-socialcu Pastoren gegen Maiftr Wilhelm.) Ter Evangelisch-sociale S o n g r e ß, der in Stuttgart' zlisamnieiitrat, faßte eine Resolution, in welcher da« Bedauern über den Aiiktritt Stöcker'» au» der evangelisch-socialen Bereinigung anSgedrnckt und beschlossen wurde, Stöcker die» mitzutdeilen. Hieraus nahm der Eongreß einstimmig eine Resolution an, in welcher ausgesprochen wurde, daß die Diener und Zugehörigen der evangelischen Kirche au der Abstellung der gesellschasllichtii moralische» Schäden Mitwirken müssen, und daß ferner der Eongreß die evangelische Kirchenbehörde bittet, der evangelischen Geistlichkeit die hieraus sich ergebendeu Freiheiten zu gewähre». (Bom dollarvurstigku Adlwardk.) I» Broichürensorm ist ei» Bortrag Ablwardt'S, den dieser in New 1)olk gehalten hat, von der „BerlagSgejellschast der amerikanisch.antisemitischen Associalio» in Hoboken" herauSgegeben worden» Wa» der „Rector aller Deutschen" hier an Berdrehungeu und Lüge» leistes überschreitet alle» bi» dahkn Gewesene. Einige nach einet» Berliner freisinnigen Blatte hier zusaminengestellte Proben, mögen genügen. Gleich im erste» Satze erklärte Ahlwardt, um der Frage vorzubeugen, weshalb er al» deutscher Reich»- tagrabgeordneter nicht mehr an den Berhandlungen der Reichstage» iheilnehme, »S sei ihm die» ui^nöglich gemacht worden, weil die Parteien sich au» Furcht vor seinen Enthüllungen dahin geeinigt hätte», ihn nicht zu Worte komme» z» lassen. Auch seine birherigen Parteifreunde, Werner,. Z i i» in ermann und Eonsorken, seien von den Juden „gekauft" und nur »och zum Schein Antisemiten. Daß die Jude» „Eullurwaiizen" sind, daß sie den Enllurkampf herbei geführt haben, damit sich Katholiken und Protestanten gegenseitig zerfleischen, daß Goeth§ uit» in seinem Mephisto de» modernen Resormjude» darstelle, elegant, fein gebildet, unterhalltnd und doch weit gefährlicher al« der Teufel, daß der Antikemiti-mu» die einzige wahre Freiheit»- und ForlschriltSvartki sei :c., da» ist eine kleine Auswahl an» den Behauptiiligen, die der Erwäblte von ArnSwalde in Amtrika zu colportire» bestrebt ist. — Unsere Berliner Abwehrrollegin stellt fest, daß sogar die Amerikaner von Ahlwardt Reclame und Humbug lerne» könne». Auch verweist sie darauf, daß er neulich in einet» Raushandel mit New Liorker "Jildeu einen Revolver zog, vor Gericht aber dann behauptete, er wisse nicht, wie der Revolver in seine Tasche gekommen sei. Ta» sei, bemerlt sie, die beste Ahlwardt'sche Arbeit, die an folgende Evisode im „Iuttiislinten"- Proceß eri»»ere: Ahlwardt nahm Pulver ein. die ihn verilkkinnngSunsähig niachen sollte», um de» Pcoceß hinail-zuschiebe». Al» solche Pulver von der Gesängnißverwaltung einen Tag vor der Berhandlung bei ihm entdeckt wurde», behauptete er, e» müsse Jemand sie ihm ohne sein Wissen in die Tasche gesteckt haben. Aus antisemitischen Blattern. (Warum so aufgeregtIn IaSlo wurde der geistliche Agitator Stoja- I o w»I i in Haft genommen, und e» steht ihm wegen seine» verhetzenden Treiben» unter der galizischen Bauernschaft ein neuer Slrasproceß bevor. Ei» j Wiener Antisemitenblatt, da» manchmal deutsch national schillert, ihali'ächlich aber den Ebristlich-Socialen Borschnb leistet, geläih Uber die Berhaftung! , Stojalowrki'S.in große Ausreguiig und beschwert sich darüber, daß die An, wie " die Freiheit in Galizien re-pectirt werdet viel zu wünschen übrig lasse. Diese» Blair kümmert sich sonst um Galizien blutwenig. Tie Aufregung, die e» jetzt zeigt, und die Beschwerde Uber die zu geringe Achtung der Freiheit, die e» vorbringt, wirken befremdend. Sie lassen sich nur dadurch erklären, daß Lueger und Schneider, welche wahrend der Pfingsttage in■ Mratmi weilten, dort wohl zur Ueberzeugung gelangt sind, Galizien sei kein günstiger Boden für die Freiheit im Sinne der Wiener Christlich-Socialen. —j. «.Lauter Juden.s Lueger nannte unlängst die Engländer die arifchen Juden Europa». „Freideulschland" aber schrieb dieser Tage: „Der Italiener besorgt den Inte» selbst." Tie tapferen und freiheitliebenden Maguare» sind für l.nsere Anliiemiteu selbstverständlich auch Jude». (Ein Malheur.) Eine antisemitische Größe, der christlich sociale Pastor Rauh au» Cladow im Regierungsbezirke Stetii», wurde wegen Beruiilreiiung verhaftet. Es sollte nämlich bei ihm eine Revision der Kirchkiicassen stattsinden: daraus tbeille Rauh dem Luperiillendenten mit, daß die augelagie Revision nicht Blaer. eintreren könne, da er die Kirchencasse um 35.000 Mark zu seinen Nutze» betröge» habe. Ans de» Bericht de» Superiniendeuten beim Eoiisistorium in Stettin erfolgte die sofortige AmtStiilscz'ung de» Raub. Ta» Llöcker'jche „Bolk" bemerkt zu dieser Assaire: „Hier liegt wieder ein Fall vor. der zeigt, wie alle Schlchlen und Parteien uuter der Zunahme der Pstläuvergkssenheit und lluredlichkeit zu leide» haben." Tie pflichtvergessensten und unredlichsten Mit gliedcr scheinen aber doch die aiitiiemilischtn Parteien zu besivc» — ein Malhen». wofür ei» gewandter „Schriftleiter" tioch die Juden befender» veraniworkllckl mache» dürste. (Gegen die Social-Temokratic. > Ta» Organ der antisemitischen Agrarier in Teutichland, die „Deutsch t! a g t r; e i t » II g", befürwortet die Bekämpfung der Social-Temokratie u»d schreibt: „l. Tic internationale Sociai- Deinokratie ist wegen ihrer auf Aushebung de» »alionalt» Staate» gerichieten Tendenz wiederum unter Sonderstrasgesetz zu stelle». 2. Die Social Temokratie ist daher im össentlichen Leben, insonderheit auch im Parlamente, ferner nicht mehr al» gleichberechtigte Partei zu behandeln, 3 Tie social - politische Gcseygebuttg, die den Arbeitnehmer» materielle Borlheile ohne Rücksicht aus die Lage der Arbeitgeber (vor Allem der kleinerenj zuwenden will, ist einzuschränken, bi» 4. eine ausreichende social-politische Gesetzgebung zu Gunsten de» arbeiteudkn und arbeitgedenden MittelstaUde« durchgesührl ist." Ei» national liberale» Organ bemerkt, die Initiative zu A»»»ah»icgesetzeu gegen die Social-Temokratie könnte nur vom Centrum au»gehen. Wie aber dasselbe zu der Angelkgenheit »ach wie vor denkt, ergibt sich wohl au« folgenden Lätzen in der „Kölnischen BolkSzeitung" : „ . . . Ganz gewiß muß gegen die Social- Temokratie gekämpft werden. Wer eine» Blick in da» LentrumSlager wirft und z. B. die außerordentich. eifrige Thätigkeit de» Bolksvereine« für,i>a» katholische Deutschland beobachtet, her weiß, daß wir in diesem Kampfe un» sehr wirksain belhäligen. Wir wüßten gar nicht, wa» wir mehr etwa leisten könnten, wenn wir un» an einem großen, polizeilich geuehmigten Feldzüge be rheiligten, bei dein man mit Fahnen »nd Troinmelschlag lo«gi»ge. Mögen die andere» Parteien e» nur so mache» wie wir! Da» ewige Anrichten in der politischen Küche zu der großen Metzelsuppe de» Cartcll« har schon unendlich vielt Worte gekostet, aber noch nicht» positiv gefördert. Man spricht davon, ein sinnreiche» .Instrument für die Tödtung der Social-Temolratie zu ersinden, und schließlich wird e» wohl kaum etwa» Andere» werde», aleine Guillotine zur Hinrichtung der politischen Freiheit überhaupt." i Finnland al» Muster.) Antisemitische Blätter drucke» mit großem Behagen einen Bericht au» Helsingfor» ab. In demselben wird festgestellt, daß in ganz Finnland etwa 800 Juden leben und sich dort in sehr gedrückter Stellung desiude». Die - sinnländische» Juten, die mit wenige» Ausnahme» nur in Helsingfor», Abo und Wiborg wohnen, müsse» eine „AufeiithaltSkarte'" löst», die jährlich 40—50 Rubel kostet. Die ErwerbSzweige, die den Juden in Finnland gestattet sind, werden in den eriväkntkn „AuskiilhaltSkarien" genau aufgezähli. In den Orte», wo sie aniässig sind, müssen sie dleibeu, und namentlich sind sie in dem Besuch von Märkte» sehr chfschräukl. Södne von Jude» »lüssen, wen» sie da» elterliche Hau» verlassen, die besondere Erlaubniß »achkuchen, daß sie -m Lande bleibe» köilnen, auch wenn sie i» Finnland geboren sind. Bom allgemeincn Schuluuterrichr find die Juden i» Finnland ausgeschlossen. . . . Fiir», ländische Zustände für die Jude» in Wie» — schweben, wie e» scheint, uiiteuen christlich-sociale» und teutsch volklichen ResorMern al» Muster vor. Sollte der von Lueger'S Gnaden zum Bicebürgermeister avancine Neu inaner das Äebürfniß tinpsindeii. nochmals zu beweisen, daß er keine „naiionale Lami»»speke" sei, so wird er wohl die Einführung ülluländiicher Schutzinaßregel» zum Wodle der „christlichen Jugend" begehre» und al» kühner Jurist zugleich die Erklärung abgedeu, daß er mit seiner Forderung „aus dem sichere» Boden der Staat» gruudgeseye" stehe. iM——^mmmmm———i»— Fcuillcrun. - Die ^ociologie und das Studium >- der Antike. . | iMel ist pro und contra llntcrrrirfit in den classischcn Sprachen gesprochen und geschrikbeu worden. Bor Kurzem ist ein schwep« wicgendeö und in seiner Art einziges Gutachten zu Gunsten desselben von dem Standpunkte der politischen Erziehung d^S modernen Staatsbürgers abgegeben worden. Robert Pöhlmanii. welcher sich daö große Berdienst erworben hat, zum erstenmal eihc Geschichte des antiken EbinmuniöinuS und Socialismus (München, E. H. Beck, 1893) verfaßt zu haben, hat in seinem zu Ende dis Vorjahres erschienenen Buche: „Aus Alterthum und Gegenwartk'- die schwebende-Frage unter dem Hinweise darauf bejaht, daß gtrade diejenige Wissenschaft, welche recht eigentlich im, Mittelpunkte der culturpolitischen Interessen der Gegenwart steht, die Rationa »