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Freies Blatt · 1896-05-31 · 217 (31.5.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
217 (31.5.1896)
Date
1896-05-31
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 217. ‘ Frei»» Blatt. (146.) Schreit» Hilst nicht-, Thatsachen beweise». So sagt inan häufig. Sollte der Spruch umgekehrt dem heutigen Brauche nicht »och mehr entspreche»? (149.) Ter Menge fiel« zu schmeicheln, ist ei» Zeichen von niedriger Gesinnung; ihr stelgrob« Wahrheiten zu sage», spricht snr Hochmnlh und Lieb losigkeit. (153.) Zu Zeiten, wo die GemüihSkräsle erschlasscn, lonute man viel mehr - reden von Menschenrechten alvon Menschenpflichten. (154.) Di« Wortlauten Pächter der Zeilgedanke» wiederhole» immer, das; der Mensch in und mit dem Ganze» leben müsse. Bei ihnen ist der geheime Urheber de- Spruche» der Wunsch, da- Ganze zu beherrschen. (156.) Ein Deutscher zog einst au«, ui» sein Volk zu suche». Und er kam zu de» Social-Demokraten und hörte, daß sie da- Volk seien. Und die Freisinnige,,, Ultramontanen, Tonservative», National-Liberale», dir Judensreunde und die Judengegner behauptete» ebenso, däS Volk stehe hinler ihnen. Da war er verzweiselt und wollte sich aushängen. Der Strick riß, und der Fall brachte ih» zur Besinnung. So manderte er weiter »nd suchte »ach Solche», die keiner der Sippe» angehörlen. Und al» er die Zahl dieser so in Gedanke» Überschlug, zeigte sich, daß sie die Mehrheit bildete». „Au« ihnen," sagte er sich getröstet, „wird da» Bolk von Netrem erstehen, sobald eS nolhthut." Und »»«» wartet er. (159.) Mit dem Dacht ihre- StaaiSgebäudeS sind die Social-Demokraten vollständig in Ordnung; eS fehlt darin kein Sparren. Wa» mangrlt, ist nur der Bauplatz und der Grundriß. (164.) Tie hastende Jugend greift schon deshalb gerne »ach dem Neuesten aus allen Gebiete», weil sie dann sich der Mähe enthoben glaubt, da» Vorher, gehende ernstlich zu prüfen. (171.) Wenn TageSpoliliker gar keine Grunde mehr austieibe» lünnen, dann berufen sie sich auf die Ueberzeuguiig der Mehrheit des Volke», uachzähleu kan» ja Niemand. (172.) Man spricht heute oft vom »Heerde,unftinct" der Menschen. Wäre man mm folgerichtig im Denken, so mußte man auch zngeben, daß die Zahl der Hirte» n»r eine kleine sei» könne. Im Gegenlheile aber lehrt man, daß jede» Schaf da» Recht habe, Hirt zu sei». (181.) Heute gibt e» kleine flaumbärtigc „Erlöser", die i», (Geheime,, nicht einmal an sich glauben und dabei euipörl sind, daß Andere nicht ossen für sie eintreten. (184.) Ei» großer Irr,hum »userer Tage nenn« sich »christlicher Staat" Christlich, d. h. de», Geiste Jesu entsprechend, wäre »ur eine Gcmeinschasi, in der e» ei» einzige» Gesetz gäbe: Christi Wort. (207.) Völker, lassen sich durch geschichtliche Elsahrungeu niemals belehre», sie glauben erst, nachdem sie gelitten habe». (595.) Echte Liebe trägt die Waage der Gerechtigkeit. (647.) Die »Programme" der heuligcn Sippen im Staate find an» todle» Legrifsen und au» Ichsucht zusonimcugesetzl; sie sind zumeist eine Sämmlnng von Worte», die einmal etwa» bedeutet habe». > Diese Eitatc genügen wohl, nin den Werth des nencn Buches zu beweisen. Manches ist zwar düster und pessimistisch, aber die (Gedanken sind die cincs Weisen, wurzelnd in tiefe», Bcobachtungssinue n»d ans zahrcichen Erfahrungen. Darum stellte O. Lcirucr auch als Motto an die Spitze de» Buches dcp Spruch: »Bcrsnch' das Wort zu lebe», dann erst urthcilc über stinc Wahrheit." Der Autor hat nur Erlebtes und Geprüftes hingcschricbcn, darum wirken die Sprüche wie die Seiten eines Tagebuches, unmittelbar und packend. —d— vor fünfzig Jahren. " Zu den beliebtesten Ansflugsortcn in der reizenden Umgebung Wiens gehört seit ii nrzcin Maria Enzcrsdorf an der Südbah». Fast mitte» in den, kleinen Cite, das in Urkunde» 'des XIII. und XIV. Jahrhunderts »Engclschalcsdorf" genannt wird, bcsindct sich das Frauziökancrklostcr mit der Wallfahrtskirche „Maria Heil der Kranken", die jetzt eine so große Anziehungskraft ausübt auf die Antiscinitinnen Wiens. Das Kloster hat eine bewegte Bcrgangcnhcit. Im XV. Jahrhundert durch Ulrich v. Eilly, Besitzer des Schlaffes Liechtenstein, gegründet, wurde cs 1520 öoj, den Türken zerstört und erst 1632 durch Kaiser Ferdinand II. wieder de» Mönche» übergeben. Aber 1683 beim zwoitcn TürkeucinfaUe fiel dasselbe abermals der Wuth der MoSlimS zun, Cpfct, cs wurde »icdcrgcbrannt »nd der einzige zurückgebliebene Laienbruder und Koch Gutbcrt Lenz auf gräßliche Weise ermordet. In einer Rische des Krcuzgangcs sicht inan noch heute den Schädel dieses Laienbruders. Eine Steinplatte darunter enthält folgende Inschrift.: Hier ruhet in Gott Zoh. Gutlbcrl» Lenz Orden» St. Frauzißci Letzen und Konvent Koch, so de» 13. Julq 1683 von bene» TUrkhen Tartaren nach vill «mpsangeuen wunde» enihaubtel »nd allhicr, wo er noch der Wienerische» Be lagerung gesunden ist, alia begrabe» worden. Seit» 9 I» diesen, Krenzgange, dessen Wände von Botivbildcr» geradezu bedeckt sind, hängt auch jenes berühmte Bild, welches die.glückliche Er rcttnng Lncgcr'ö aus drohender Gefahr darstcUt, und das gegenwärtig eine so große Anzichuugskrast ausübt. , Aber auch der Friedhof von Enzersdorf ist intercsiaiit, .er bc indct sich eine kleine Strecke außerhalb des Crtcs und birgt manche thcurc Asche. Hier ruht det berühmte Dichter und Hofprcdigcr Zacharias Werner (+ 18231. Seine Grabichrift lautet: Gott fei dem arme» Sünder gnädig, Wanderer bitte gütigst für seine arme Seele. Ei» ansrccht stehendes Kren; nnd eine zu Füßen liegende Ltzra deuten auf den Priester und Sänger. An seiner Seite ruht sein Freund, der Redemptoristen General Bicar Hofbaucr (r 1820), ferner der gelehrte Astronom und Jesuit Max Hell (+1702 ), de», Baron Pcnkler, ei» früherer Besitzer von Liechtenstein, ein Monument mit einer würdige» Inschrift errichten ließ, Josef Klinkowströ.ni, der Batcr der beiden bekannten Prediger (1- 1835), und endlich der Freiherr v. Köckelberg (t 1853), unter den, Rainen Rcalis als Schriftsteller bekannt. Wie man sicht, eine sehr gute katholische Gesellschaft. Aber wer weiß, ob sich nicht der Eine oder der Andere von ihnen in, Leben verwahrt hätte gegen die Gesellschaft detz Schriftstellers Rcalis, der in seiner 18-40 erschienenen Broschüre: „Die Juden nnd die Judenstadt in Wien" sich über die österreichischen Inden folgendermaßen äußerte: „Eine Elite dieses BolkeS ist in der .Hauptstadt des Kaiserreiches seßhaft, eine Schilderung ihrer Geschicke' ist daher auch eine Schilderung der Geschicke der jüdischen Elation im ganzen Lande. Diese Fragincntc sind bestimmt, eine' solche Schilderung -anzurcgen; darum werden sie bloß referircnd nnd nicht rcslcctirend-niitgctheilt und ihre Tendenz ist, weder zu loben »och zu tadeln. Wie jedes Ding in der Welt, so hat auch die jüdische Ration ihre Licht- und ihre Schattenseiten, und zu jene» gehören einige Eharaktcrzügc, die ihr i» moralischer Hinsicht zu einen, nicht geringen Bcrdienstc gereiche». Wir wollciz davon nur de» Erfahrungssatz berühre»,- daß man unter de» Bekennern des Alten Testamentes „ur selten Schlemmer und Trnnkcuboldc findet, daß, so viel uns bekannt ist, bisher kein Jude.-sich mit de», schändlichen (bewerbe des- BüchcrnachdrnckS besudelt hat, und daß gcwiffc Krankheiten wie auch GcmüthSkrankhcitcn unter ihnen „»gemein selten an gctrosfcn werden. Kein Sachkundiger wird auch die Ueberliescrungen der Geschick,Ic in Abrede stellen, daß, so wie Europa seine iviffcnschaftliche und künstlerische Bildung den Griechen, cs seine moralisch religiöse Bildung größtcnthcils den Inden verdankt, »nd daß die ersten Bcrkündigcr des Ehristenthuins geborene Juden waren, wie denn anch hie schöne Bergpredigt ans vielen althebrüischcn Wcishcitssprüchen besteht und unser einfach erhabenes Gebet .Das Batcr „nfev‘ seine», Haupt Inhalte nach ein althcbräischcs Gebet ist." ')!„» zu einem anderen ilicht minder bekannte» Schriftsteller: Heinrich Laube. In den »Monatsblättcrn" schrieb er 1847 von Paris ans: »Da des Theaters erwähnt worden war und Thiers in seinem Rcdncrgnß sich über die Wichtigkeit dieses Institutes in, StaatSlcbcn verbreitet hatte, so wurde unter den kleinen Blitzen, welche solch einem befruchtenden Gewitter folgen, anch hie und da anch wieder der Rachel gedacht. Ich hatte dabei die Bemerkung zu machen, daß Ricmand ihrer jüdischen Herkunft erwähnte. Wo der Jude cinancipirt ist, da wird er anch natwnalisirt. Warum zögert man bei unS inst einer so noth wendigen Maßregel, welche durch Humanität und Klugheit zugleich ge boten wird? Die Franzosen sind übrigens nicht so unkundig über die Bcrschicdcnhcit der Menschcnrace, welche zwischen eine,» inorgcnländischen Stamme und abendländischen Böllern herrschte, sic sind sich der Eon scqucnzcn solch einer Bcrschiedcnhcit vielfach bewußt, wenn auch in ihren Zeitungen nicht leicht die Rede davon ist. Mündlich sprechen sic sich wohl darüber auS. Hber sic sind anch in diesen, Betrachts immerdar höflich und human, jedenfalls höflicher und humaner als wir. Biclleicht weil eben diese Einverleibung schon lange bewerkstelligt ist, vielleicht weil sic leichter zu bewerkstelligen war innerhalb einer so festgcschlossenxn Einheit, wie das Franzoscnthn», eine ist. Ist sic aber, den Franzosen leichter geworden, so kann uns Deutschen die Eniaiicipation der Juden vielleicht noch nützlicher werden. Wir bedürfen vielleicht noch nöthigcr cincs scharfen Sauerteigs, noch nöthiger als die von Ratur so rührigen Franzosen. Der scharfe jüdische Geist ist ein Sauerteig der Welt geworden, waö ist es für eine Politik, diesen Sauerteig immer abgesondert gährcn z» lassen? Seine gute Wirkung leistet er erst, wenn er mit eine», anderen Teig vermischt wird, und jede Stunde Berzvgcrung einer endlich doch nöthigen ganzen Maßregel ist ein Berlust. Die Lehre von den Ucbcrgängcn ist hiebei ein Jrrthum. Die Uebcrgängc können erst eintreten nach der Bereinigung." ~ R. K.

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