Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 217 (31.5.1896)
- Date
- 1896-05-31
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 217. f Freie» Blatt. 4 ein Volk auf dem weiten Erdenrunde, so haben die Israeliten bewiesen, welche Macht einer consequcnten Erziehung eigen ist." lieber die Erziehung bei den Juden äußert sich DjtteS: „Das Familienleben ist seine Basis, die Famisienerziehnng die Grundform seiner pädagogischen Praxis, der Familiensinn, das feste Zusammenhalten der Blutsverwandten bjldet einen Grundzug der israelitischen "Nationalität. Ehrfurcht, Gehorsam und werkthätige Dankbarkeit ist heilige Pflicht der Kinder gegen ihre Eltern; strenge Zucht, entspringend aus treuer Sorge für das Lebensglück der Kinder, ist daö wichtigste Anliegen der Eltern." Ausführlich erörtert Dittcs nun das ErziehungS- und Unterrichtswescn bei den Juden von der Zeit ihres ersten Auftretens als Bolk in der Geschichte bis zum Verluste seiner politischen Freiheit. Dabei bemerkt er: „Doch haben die Juden in der letzten Zeit dcS AltcrthumS, sodann durch das ganze Mittelalter hindurch und bis ans die Neuzeit herauf fortwährend eine rege Thätigkeit auf allen Gebieten der Wiffenschaft entfaltet. Ucberall, wo sic in größerer Anzahl beisainmen wohnten, nicht bloß in Jerusaleni, Alexandria, Babylon lind anderen Städten des Orients, sondern auch in den xomanischen und deutschen Ländern unterhielten sie blühende Akademien, welche die Stellen der späteren Hochschulen vertraten." Folgende Worte beschließen das den Inden gewidmete Capitel: „Im Ganzen haben die unter allen Völkern zerstreuten Israeliten immer eine hervorragende Begabung und ein lebhaftes Interesse für intellektuelle Arbeit an den Tag gelegt, und Jahrhunderte lang sind sic die wichtigsten Pfleger der Wissenschaften: der Mathematik, Astronomie, Medicin, Geschichte, Sprachkunde und Philosophie gewesen. Noch jetzt zeichnen sich die Juden durch große Regsamkeit. auf allen Gebieten des geistigen Lebens ans. Insbesondere ist auch ihre Bctheiligung am Schulwesen meist eine sehr eifrige. Tie Eltern halten ihre Kinder nachdrücklich zum Lernen an und bekümmern sich sorgfältig um deren Fortschritte; die Kinder stehen nicht selten an Wißbcgierdc und zähem Fleiße ihren christlichen Schulgcnossen voran. Auch an wohlthätiger Menschenfreundlichkeit zur Erziehung der vom Schicksale oder von der Natur vernachlässigten Kinder (der Waisen, Tauben, Blinden) fehlt cs den Israeliten nicht, wie ihnen überhaupt der Sinn für Humanität nur mit Unrecht abgesprochen werden kann. Und wenn auch noch manche Schattenseite als Erbtheil des Stammes und als Wirkung langer Mißhandlung vorhanden sein mag, so haben doch die modernen Völker allen Grund, an ihre eigene Brüst zu" schlagen und mit den Israeliten eine aufrichtige Versöhnung auf Grundlage voller Gleichberechtigung herbeizuführcn." (Ferienheim.) Für den Bau des eigenen Heims, anläßlich des uOjührigcn Regierungs-Jubiläums des Kaisers, sind bei dem Vereine „Ferienheim" nachstehende Spenden cingelaufen: Bon Herrn Ignaz Fröhlich 50 fl., Frau Olga Wolfs 15 fl., Herrn A. Friedmann 20 fl., Herrn Julinö Wachtel 3 fl., Herrn Leopold Bittner 5 fl., Herrn Marcus Fanto 10 fl , "Herrn Adolf Fanto 10 fl., Herrn Earl Goldmann 10 fl., Hcrr^r Tr. Leopold K oh-n 10 fl., Herr» Professor Josef Schiff 3 fl., Herrn Armin Wallcß 5 sl., Herrn Adolf Paschkis li fl., Frau Ernestine Lothringer 25 fl., Herrn Isidor Großmann 10 fl., Herrn Maximilian Jcllinek 100 fl., Herrn Josef Sach S 2 fl., Herrn Alexander H a rt w ich 10 fl., von dc»^Kindern Frida und Anni Heller ans ihrer Sparbüchse 5 sl., von den Kindern Erich und Franz Sch mar; mann aus ihrer Sparbüchse 5 fl., He^rn Sigmund Löwen stein 10 fl.., Herren Brüder Popper ' , H Sommern itz 5 fl., Herrn Dr. Julius Bondy 5 fl., Herrn S. Popper 5 fl., Herrn M. Lothringer 5 sl., Herrn Emil Singer 3 fl., Herrn E. Salt er 3sl., Herrn Dr. Gustav Hesky, Wcidlingau, 5 fl., Herrn Dr. Gcza Winter 5 si., Herrn Hofrath Lieben 10 fl.,, Herren I. & Th. Reitlingcr 100 fl., Herrn Emil Roth 3 fl., Herren K. und I. Kraus 2 fl., Herrn Ignaz Politzer 10 fl., Herrn Chaim Bcrl Storch 3 fl., Fräulein Ella Rosen zweig 3 fl., Herrn N. Prager 2 sl., Herrn Eduard Wohl 3 fl., Herrn Ludwig Lanner 20 fl., Herrn Earl Freund 3 fl., Herrn A. Trebitsch 3 fl., Herrn Emil'Singer 10 fl., Hcrrech^rüder Redlich & Berger, Göding, 5 fl., Herrn Emannel Hoffmann 10 fl., Herrn Josef Seidl 2 fl., Herrn Sigmund Kaufmann 5.fl., Herrn Bernhard Pollak, Prerau, 2 fl., Herrn Sigmund Wechsberg, Fricdland, 1 fl., Herrn Gabriel Singer 5 fl., Herren Brüder Kann 100 fl., Herrn Heinrich Friedl, Klobouk bei Brünn, 1 fl., Herrn Hermann Goldcnbcrg 10O fl., Herrn Moritz Weiß 5 fl., Herrn S. Schnceberger 5 fl., Frau Pauline Reitzes 300 fl., Herren Sigmund und Eduard Stern 5 fl., Herrn Ignaz. Schütz 5 fl., Frau Charlotte Simon 20 fl., Herrn Franz Katz 1 fl- Frau Cäcilie Adler 10 fl., Herrn B. G erst mann 5 si., Bankhaus S. M. v. Rothschild .3000 fl., Collecte Ad. Mautner, Rokitnitz, 7 fl., Herrn Leopold Mandl, Röhrcnbach, 1 sl., Herren H. Spielmann L C o. 5 si., Herrn Seite b. Tircctor Jos. A. Go ldschmidi, Triest, 10 fl., Herrn Josef Bernstein, JaroSlau, 1 fl., Herrn Wilhelm Liebstein, Pilsen, 2 fl. (Teulscher Schuiverrju.) In den Psingsttagcn fand in Brünn die Hauptversammlung des Deutschen Schulvereines statt. Tic durch die Antisemitcrei hcrvorgcrufencn Kämpfe waren von den nachtheiligsten Folgen für diesen Verein begleitet, dessen Ansehen und Einnahmen sich wesentlich v.crringerte». In den der Hauptversammlung unterbreiteten Berichten wurde fcstgestcUt, daß die Einnahmen des abgclanfcncn Jahre« die geringsten im letzten Jahrzehnt waren, während die Erfolge der slavischcn Gegenvereinc in ihrer Wirksamkeit immer mehr erstarken. Auch in Brünn wurde der Versuch erneuert, den Ortsgruppen die Entscheidung über Jbic Aufnahme von Mitglieder» zu übertragen »nd eine auf diesen Punkt gerichtete Acnderung der Statuten dnräizuicven, welche den Zweck verfolgt, „jndeiircinc" Ortsgruppen zu bilde». Nach erregten Tcbptten gelang cs auch diesmal, alle aus dieses Ziel ge richteten Anträge niit mehr als Zweidrittelmehrheit abzulchncn. Tie „tcutsch volklichcn" Elemente könne» jedoch mit Stolz darauf Hinweisen, daß Dank ihrer Agitation die finanziellen Verhältnisse des Vereins sich so verschlechtert habe», daß die Brünncr Versammlung beschließen mußte, bedeutende Einschränkungen an bestehenden Vereinsschulcn vorzunehmcn und vckn der Schassnng neuer Schulen in national bedrängten Sprach - gebieten abzusehen. (Das Blutmärchen von Mährisch Trilbau.) Wie bereits berichtet „ wurde, hatten die Dienstmädchen Sophie "Nemluvil und Emilia Schwab i» Mährisch-Trübau bei dem dortigen Gemeindcamte angegeben, daß sie öfter "Nachts im Schlafe stechende Schmerzen an Füßen und Armen verspürten nnd Tags daraus Kopfweh hatten, woraus sie folgerten, daß ihr Dienstherr, der .Kaufmann Mori; Möller, ihnen gleichwie früher der. Magd Philomena W a c l a w c k im Schlafe Blut abzapfr. Letztere, bei dem Gemeindcamte cinvernommcn, erklärte, sie habe dies den beiden anderen Mädchen nur zum Scherze gesagt, nnd AllcS sei erlogen gewesen. Die Waclawck, welche später, als sic beim Brünner Landesgcrichtc einvevnommcn wurde, diese Aussage widerrief, wurde in Haft genommen, und das Ergcbniß der Untersuchung war eine gegen dieselbe erhobene Anklage wegen Verlenindung. Vorige Woche fand nun vor einem Erkenntnißscnate in Brün» die Verhandlung gegen Philomena Waclawck statt. Tie Angeklagte verwickelte sich bei ihrem Verhör in Widersprüche und behauptete, sie habe ihre Anssage vor Gericht nnd beim Gcmciudeamte aus Augst gemacht. Sophie "Nemluvil und Entilic Schwab bestätigten, daß ihnen die Angeklagte wiederholt von dem „Blntabzapfcu" Mittheilnng gemacht habe. Tiefe Beiden sowie auch die Waclawck erklärten aber, den.verdächtigten Kaufmann niemals an ihrem' Bette gesehen;n haben. Tie Waclawck fügte hinzu, sie habe wohl Schmerzen gefühlt, aber nichts gesehen, weil sic weitcrschlicf. Die Verhandlung endete mit der Vcrnrtheilnng der Angeklagten zu drei Monaten schweren, mit einem Fasttage alle vierzehn Tage verschärften Kerkers. Gegen Sophie Nemluvil und Emilie Schwab ist beim Bezirksgerichte in Mährisch-Trübau noch die Ehrenbelcidigungs klage dcS Herrn Möller anhängig. (Guter Rath.) In einer der letzten Sitzungen des deutschen Reichstages gab Eugen Richter dem Antisemiten Paul. Förster unter'' schallender Heiterkeit des Hauses folgenden guten Rath: „Herr Förster empfahl Südwestafrika als Answandernngsplatz, um das überschüssige Menschenntzttcrial dorthin zu führen. Wenn Sic (zu den Antisemiten) so überzeugt sind von der Güte des Landes, fo siedeln Sic sich doch mit Ihren Parteigenossen dort an! Das Land ist ja, wie Sie sich ausdrücken, jndenrei». Also nur hinüber, meine Herren, wir wünsche» Ihnen eine glückliche Reise!" (Ein rumänischcs Polizeistiicklein.) Bacau war in der zweiten Hälfte des Monats April der Schauplatz eines geradezu schauerlichen Polizeistückleins, über welches der Berliner „Jüdischen Presse" Nachstehendes berichtet wird: Ein Jude "Namens Fischelsohn saß mit einigen Freunden in einem Wirthühause, wo anch ein Gcrichtsbeamter Platz genommen hatte. Dieser entfernte sich »ach einiger Zeit, nahm aber die Astrachanmützc Fischelsohn's mit. Als Letzterer später seinen Verlust bemerkte und seine Mütze laut reclamirte, entstand zwischen ihm und einigen > Gästen ein Streit, zu dessen Schlichtung ein Polizei - commissür Namens Matti-an herbcigcrnfcn wurde. Ter gestrenge Herr Eommissür ließ Fischelsohn zur Polizei abführcn, allein unterwegs machte die Escorte vor dem „Eafv Central" Halt, nnd hier gelang cö Fischelsohn zu entweichen. Kurz cutschlosscn, ließ Mattian nun den Wirth Josephs fcstnchmcn und zur Wache bringen, wo er zwei Tage fcstgehaltcn und furchtbar mißhandelt wurde. Ueberdies ließ der Polizeimcister Tillian am Abend das „Eass Central" von Polizisten besetzen, bedrohte die anwesenden Gäste, falls sie anfstünden, mit Erschießen, durchsuchte alle Räume nach dem Entflohenen und ließ endlich fünfzehn Personen sestnehinen und zur Wache abführen. Vierzehn,