Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 217 (31.5.1896)
- Date
- 1896-05-31
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Frei«» Blatt. Nr. .217. und iojiail'hiloicniitctt spielte, begründete seine Ausmcisungsvcrordnnng damit^ daß die finden für das ökonomische Leben der Kosaken schädlich wären. Dbzwar die Kosaken eine freie Selbstverwaltung besitzen und Gcnicindcaugelcgenheiteu nur von den Kosaken ältesten ohne jegliche 'incmo» von Seite der Atamane geregelt tmbtn dürfen, verfügt; Fürst Swjalopolk Mirskij die Ausweisung der Juden, obnc die coinpetentcn Skaniza Berwa^ungcn ciiivrrnoinmcn zn haben. In Folge dieser Ler sügung'machte sich aber linier den Kosaken eine starke Unzufriedenheit bemerkbar. Die Kosaken, welche vom Staate keinen Sold beziehen, sind dafür im Besitze von grosse» Fischereien und von Salzsee», deren Aus beutnng eiusichließlich ihnen zustcht. An den im Kosakcngcbietc lebenden Inden ballen sie Abnehmer und Käufer, und seit deren Ausweisung versiegten die Einnahmsquellen der KosakcnSAus dkm Don- und Kubangebiete wurde sofort eine Deputation zum Fürsten Swjatopolk-MirSkij entsendet, um die .Hnrückziehn'iig der AnSwcisungsordre gegen die Juden zu» erwirken. Allein der Helman empsing die Deputation nicht und sie tonnte ihre Beschwerde nicht Vorbringen. So reifte denn unter den Unzufriedenen der Gedanke, eine Bittschrift an den Ezar, den Hetman aller Kosiskcn. zu richten und ihn um Belasiung der Inden zu er suchen. I\i jedoch Bittschriften von Militärs an den Ezar nur durch den betreffenden Mililärchcf überreicht werde» dürfen, so hätten die Koiake» ilire Bittschrift zunächst dem Fürsten Swjatopolk Mirskij übergebe» müssen. Sa traf es sich aber, daß der Sbercontrolor der Kosaken, <''c»aal Bi'arkow ans Petersburg, nach den Kosakengcbicten cniicndcr wurde, - um die .^„saininciisrellnng der zur Krönung »ach Moskau zu entsendenden Koiakcudcpnlalionen vorzunebmen. Diesem t^'eiieral 'übergaben nun die mit der Altsweisung der Juden nnzusrie denen Koiakeu ihr (s'einch an den Ezar und legten dcinsclben eine ausführliche Denkschrift h'i, in «velchcr sie die Ehrlichkeit und den Fleiß der Juden hervorboben und die durch deren Ausweisung hcrvorgerufcnc wirihschaftliche Kriie schilderten. Diese Denkschrift wurde thatsächlich dein Ezär überreicht, der auf dieselbe eigenhändig die Worte niedcrschrieb: ,,D ie Ausweisung der Inden einNelleu >. vom Fiirsken Swja topolk Erklärungen verlangen." Darauf ist cs zurückzusühren, daß der ,,t>>egicrnngsvokc" am 1:‘>. März die lakonische Mittheilung brachte: „Der Herman der Don und Knbankosakcn har die von ihm im vorigen Imine verfügte I>ndc>ianswcisung bis auf Weiteres eingestellt'." Doch nicht die Koiakengeschichtc allein war es, welche dein Ezar Nikolaus II. die llcberzcugnng beibringen tonnte, daß die gegen die Juden erhobenen Beschuldigungen auf Erfindung beruhen. Ein in Kiew lebender Jude. Namens Zeitliu, der' sich mm die Papierindustrie große Berdiensie erworben batte, wurde vor ungefähr drei Jahren vom General gonverueur i-Ea'c» Ignaijeiv vlöplich der Berngniß zur Errichtung und zum Betriebe von Papierfabriken für verlustig erklärt, so daß er gezwiliigen war. seine Papierfabriken zu sperren. Diese Maßregel,-durch ivelche inebr als dreitausend Arbeiter brotlos wurden, rief damals auch in der oribodoren Kan'uiannswcli große llnznfricdcnheit hervor. Der Än'-ekipente ches Kiewer Borseaeoniib s, der bekannte russische Philanthrop Dere'chl'chenko, richtete unlängst an den Finanzminister Peilte ein Meniorauduni. in ivclchcin er ans die Verdienste .^citlin's nm die Papierfabrieaiion in Südrnßland hinwics, seine allscils anerkannte ch'echlschaffeuhcii rühmte und das ihm zngefügtc Unrecht gutzumachcn rat. In Ebren Wittes sei bemerkt, daß er sich dieser Sache sehr warm annalnn. Er eilte zum Ezar und trug ihm diese Angelegenheit vor, wobei er betonte, daß die Dhäligteik ^eiklin's höchst lobcnswcrth sei und das; die Emsiellung derselben den Intcrcsicn der russischen Industrie zuwiderlanfc. Der Ezar beauftragte nun den Finanzminister, Zeitliu zn persiäiidigeii. daß ihm die Bcfngniß zur Errichtung und zum Betriebe von Papierfabriken werde ciiigcräumt werden, .^eirlin verlangte, daß dieie Beringung im „Rcgieruugsbotcn" publicirt werde. In der Tlnii brachte auch das ossiciclle Blatt bald darauf den Wortlaut dieser Beeingnng in Form cinks llkaies Die K.'sakenasfaire und der Fall Zeitliu bewirkten cs, daß Ezar :e>aits schließlich drei :>eabbiner zur Krönungsfeier nach Moskau be schied, koelt >>aben dieselben nur die Aufgabe, im Namen der Juden d an z'eenä::roiiten zu gratnlircn. Unter den anderen Deputationen an d in 'eierlichen Kronungszuge lhcilznnehmen — diese Auszeichnung wurde den Rabbinern nicht gewährt. Pessimisten legen diesem Umstande eine '»nivloiiialiiche Bedeutung bei und glauben, daß trotz der beiden obcrwähnten Entscheidungen, eine wesentliche allgemeine Aenderung zn l^nniten der Juden nicht zu erwarten sei und daß im Großen und stanzen auch nach Ler Krönung Nikolaus II. der kneift Alexanders III. fortlierrschen werde. ArgUS. Zur Verjüngung und Veredlung. Wir erhalten von einem angesehenen jüdischen Theologen folgende Zuschrift: Hochgeehrter Herr Rcdactcnr! A Da nnr ein wirklich freies Blatt freimüthigc Acußerungen, wie sie beiliegender Artikel enthält, zuläßt, muß ich die von meinen Glaubensgenoffen geleiteten Zeitungen übergehen und meinen Aufsatz Ihnen zur gefälligen Veröffentlichung unterbreiten. Ihr geschätzte« Blatt wird ja auch viel von Israeliten gelesen, »nd es schadet auch christlichen Lesern nicht, zu wiffen, wie man im befferen Thcile der Judenschaft über die Sittenfänlniß pon hüben und drüben denkt, und was sich in den "Geistern und Gemüthern regt. Der Aufsatz lautet: Durch die Lectüre eines kühnen Traumes von einem freien und glücklichen Iudcnstaate ciumal ins Träumen gcrathen, fand ich mich in einen Bildersaal versetzt, der unter vielen Kunstwerken zwei Gemälde enthielt, die meine Aufmerksamkeit lebhaft fcffcltcn. Ich betrachtete zunächst das eine an der Westwand hängende Bild. ES zeigte einige Männer mit verzerrten Zügen und wirren Blicken, die sich hüpfend und wankend vorwärts bewegen. Ihnen folgen in großer Schaar Leute mit geschlossenen Augen, von denen einige die Rockschöße der Vorder mänuer fcsthaltcn; es sind Blinde, die sich der Führung Irrer anver trauen. AiD den traurigen Zug drängen sich verwahrloste, verschmitzt und boshaft grinsende Rangen, eifrig bemüht, den Unglücklichen allerlei Hindernisse in den Weg zu legen. Im Hintergründe ist ein Hügel, von dem ans ein Mann in altröinifchcr Kleidung die Scene betrachtet; seine Rechte hält cine halbgeöffnete Rolle, auf der zu lesen ist: „Heilig, heilig, heilig ist der Gott Zebaoth, lange währt seine Gnade, ewiglich sein Fluch!" Ein auf der Sstseitc des Raumes besindlichcs Gegenstück stellte ebenfalls eine Wanderung dar: Vier in weiße Vläntcl gehüllte kräftige Männer schreiten, cine mit Stangen versehene Lade auf den Schultern tragend, rüstig vorwärts. Die Lade hat einen höchst eigen thümlich gestalteten Deckel. An seinen beiden Enden sind zwei Figuren mit edlen anmuthigen Kindergesichtern, sie haben Flügel, die wie zum Fluge »ach oben gerichtet sind; damit bedecken sic ihre Basis. Die Gesichter sind einander zngcwendct und ihre Blicke gesenkt. Der Lade folgt ein geordneter Zug von Leuten mit fröhlichen Mienen, an dessen Spitze ei» stattlicher Greis mit einer himmelblauen Fahne schreitet; sic trägt die" Aufschrift: „Strafe bis ins vierte Geschlecht, Gnade ins tausendste.'- .. Aus meinen Träumen erwacht, konnte ich mich dennoch von den beiden Bildern nickit losreißen, und ich suchte sic mir zu deuten. Das erste Gemälde ist cine Illustration des AntiscmitiSmus in seiner ganzen Erbärmlichkeit, das Gegenstück stellt den nur zn wenig bekannten Grundriß der mosaischen Ethik dar. Auf der Bundeslade des Herrn, in der die zwei steinernen Gesetzestafeln aufbcwahrt wurden, stand nach biblischem Berichtes in einer Fignrenschriftz, die nach Art der Hicro glnvbcn zu lesen war. Folgendes: „Suchet euch in eine hochsittlichc Spbäre zu erbeben." — „Schützet die euch anvertrautcn heiligen Güter!" — „Die Menschenkinder seien einander in Güte, Treue und Liebe zugcwcndek." — „Die Blicke seien auf den gemeinsamen Ur sprnng Allcr^ gerichtet." — „Von der Idee der Zusammengthörigkeit der im Ebenbildc des Höchsten geschaffenen Wesen durchdrungen, von der Menschenwürde eines Jeden in^nnd um sich beseelt, zur Mäßigkeit, Nüchternheit, Wahrhaftigkeit unö 'Milde gestimmt, trage Israel den reinen Gottesbegriff und die ans ihm fließenden Normen durch alle Zeiten!" — Dem über den Buchstaben schwebenden Geiste der Cherubim entsprang das Gebot der Nächstenliebe und die Vorschrift: „Wie der Eingeborene unter euch, sei euch der Fremdling, der bei euch weilet, und du sollst ihn lieben, wie dich selbst!" (Lcviticus 19. 34.) ' Und der hohen Auffassung der Menschenwürde huldigend, haben die Propheten in und um Israel Jahrhunderte hindurch unter ständiger Lebensgefahr einer in Blut und Unzucht schwimmenden Welt Moral gepredigt. Es war auch nur die auf Achtung des Menschenwesens beruhende umfassende Liebe, was die Häupter einer israelitischen Seele bewogen, das Evangelium auch den Heiden zu verkünden. Aus alldem erhellt, daß die arische Welt ihre Religion und Jnneneultur nur den ansivärts -gehegten Principien der über Confessio» und Race weit hinausgrcifcndcn Achtung und Liebe der Mitmenschen verdankt. Das Ehrislenthum ist demnach eine Religion der „israelitischen" Liebe. Wo seine Bekenner gegen andere Menschen und gegen die Nachkommen Israels überhaupt Verachtung und Haß hegen und Zustände platzgreifen, wie sie das westliche Gemälde zeigt, sind seine Wurzeln untergraben; denn was man in Kreisen, die die allgemeine,Menschenwürde •) Ssodus, <S. 25. 10—22. ' .'