Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 217 (31.5.1896)
- Date
- 1896-05-31
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Blatt _,_. Redaktion und Adiniiiistrallou: ' ' l. Eeilerftätte 10. s£rfd]0int CHI jcÖClll ^TOUUtiU^f» vnferate werden mit r« Heller (10 kr.) Nie dir vier. - "" mal gespaltene Nonpareille;«»!« berechnet, »keiner . Anzeiger dag Wort 4 Heller (S kr.). Ausnahme von Inseraten in unserer Administration sowie im Annoncenhureau M. Duke-, l. WollzeUe Nummer 217. Wien, 31. Mai 1896. V. Jahrgang. Ab«uiitment»prriS. Kür Oesterreich-Ungarn: Sanzjidrig . . 6 Kranen (fl. S.—) Halbiidrig - . . . 3 Kronen 40 Heller (fl. 1.70) Bierteljiihrig. . . i Kronen (fl. I.—) Kür da» gelammte «u»Iand: ‘ Banziddrig.. 6 Mark Hatt»ithri, .4 Diorl Einzelne Nummern 8 kr. Ilnfrankirle Briefe werden nicht angenommen. ZXodi ein 5ica- Wie bekannt, war vor längerer Zeit von dem Niederöster reichischen Gewerdcverein die Idee lancirt worden, anläßlich deS 5x1jährigen RegierungSjubilüumS unseres Kaisers im Jahre 18*18 in Wien eine ReichSauöstellung großen SlhlcS zu veranstalte». Die Idee wurde von patriotischen und für die Hebung dcS heimischen GewcrbcfleißeS begeisterten Kreisen eifrig aufgegriffen und auS gebildet, und wie man weiß, wäre dieser Ausstellung insbesondere die Aufgabe zugcfallcn, die Entwicklung und individuelle Eigenart der österreichischen Industrie und ganz besonders daS können und Vermögen des stüdlischcn SileingewerbeS' zu zeigen. Die wahrhaft gewerbefreundlichen Kreise knüpften an dieses Projekt große Erwartungen. Ilm so bedauerlicher und deprimircnder wirkt jetzt die Nachricht, daß die Mitglieder dcS für die geplante Veranstaltung eingesetzten Vollzugsausschusses beschlossen haben, der großen AuS stcllungücommission die Niederlcgung ihrer Mandate vorzuschlagen und dem Gewcrbevereine zu empfehlen, von der Veraustalumg ÜncS solchen Unternehmens überhaupt abzusehen, da ein Erfolg desselben nicht zu erwarten sei. Man braucht nicht nach den Gründen dieses Beschlusses länge zu forschen.--In der Unvorsichtigkeit dcS ersten Augenblickes hieß cS, die Veranlassung zu diesem Schritte sei hauptsächlich in den politischen und socialen Lerhältnissen zu suchen, in der Unmöglichkeit, die Wiener Bürgerschaft zu einem einträchtigen Zufamnicnwirkcn auf wirthschaftlichem und soeiulem Boden zu vermögen. Aber wenn daS auch nicht der Fall wäre und der Grund — wie Andere jetzt sagen — in der Auöstellungömüdigkeit der Wiener Industriellen, in der unmittelbaren Nähe dergroßen Pariser Ausstellung von 1W0 oder endlich in der mangelnden Geneigtheit der Regierung, daS gewerbefreundlichc Werk genügend zu unterstütze», liegen sollte, daS traurige Bild der inneren Verhältnisse unserer Stadt und unseres Reiches wird dadurch nicht verwischt, sondern noch markanter und eindrucksvoller. Während in Budapest die Millenniums- AuSstellnng trotz des wahnwitzigen HaberfeldtreibenS der Rationalitäten und ihrer clerical-antifemitischen Affiliationen diesseits und jenseits der Leitha sich bereits einen Weltenruf erworben hat; während die große Berliner Gewerbeausstellung ein beredtes Zeugniß -von der Schaffenskraft des deutschen Bürgerthumes ablegt; während man sich heute schon allerorten auf die große JahrhundertS-AuSstellung in Paris rüstet, erklären sich die Wiener Groß- und Kleingewerbetreibenden für unfähig, mit Budapest, Berlin und Paris die Concurrenz auShalten zu können. Während die ungarische und die französische Regierung für ihre Expositionen immense Summen beisteuern, weigert sich die österreichische Regierung, für die Wiener Ausstellung eine Subvention zu leisten, welche im Vergleiche zu den Hilfsfonds der Pester und Pariser Ausstellung eine Bagatelle genannt werden muß. Und wie kommt daS Alles? Woher rührt diese dcprimirte und deprimirende Stimmung in der Wiener Bevölkerung? Woher hat eine österreichische Regierung de» Muth, die materielle Subventionirung eines derartigen Unternehmens auszuschlagen mit dem Hinweis auf den hohen Beitrag, der von ihr für die österreichische Abtheilung der Pariser Ausstellung zu leisten sei? Offenbar verlangen diese Erscheinungen eine weitere Erklärung, und diese findet sich eben in der tiefen Zerklüftung, in der politischen Verhetzung und unheilbaren Zerfahrenheit unserer Bürgerschaft ans politischem und socialem Gebiete, welche innerhalb derselben jede Spur von Selbstvertrauen nnd Schaffensfreude auSgcrottct hat, die Regierung aber jeder Rücksicht auf ein machtloses, widcrstandöuufähigcö Bürgcrlhum enthebt. Man mag daher jetzt sich immerhin bemühen, de» niederschmetternden Eindruck der ersten Erklärungen abzuschwächen; die Thatsnche bleibt aufrecht, daß die Abdieation deö producirendcn Bürgerstandes auf die politischen Wirren in unserer «ladt und dem Reiche zurückzuführen ist. Der Geist, der hier gesiegt hat, ist derselbe, der vor einigen Tagen trium- Phirend im RathhanSsaale eingezoge» ist, cS ist der Geist der Muthlosigkeit, der Verzweiflung an der eigenen Kraft, der Furcht vor der Eoncnrrenz. WaS würde einem Pariser Pudlicisten oder Politiker blühen, der cS sich beikommen ließe, namens und im Inltresse des Kleingewerbes gegen die 'Rationalausstellung äufzutreten? Unsere Ge werbetrcibenden mögen sich in Budapest erkundigen, ob ihre Be rufSgenossen in der ungartjchen Reimshaupiu»o Rcjioruzsmot durch die Millenniums Ausstellung, den ^remdenzuzug, de» erhöhten Verbrauch Nutzen oder Schaden erfahren. Nur in Wien durfte cS eine gewisse Partei wagen, gegen die geplante Ausstellung sofort namenS deS armen, unterdrückten Handwerkers einen förmlichen Kreuzzug zu predigen. ES ist den Antisemiten nicht z» verargen, daß sie gegen ein Unternehmen auftraten, an dessen Spitze keiner der Ihrigen steht, nnd welches ganz geeignet erscheinen konnte, die Handwerker von ihrem eigentlichen Berufe, der politischen Agitation, abzubringen und so nebensächlichen Dinge», wie cs wirthschaslliche Fragen sind, zuznwendcn. Ja, sie halten umsomehr Recht dazu, alö sie eS ganz ungestraft thun konnten und die ursprünglichen Proponenten deS Unternehmens sich beeilten, vor dem überall sieg reichen Gegner die Waffen zu strecken und den moralischen Bankerott deS WienerthumS in aller Form anznsagc». In den Arönungslagen. (briginal-Mittheilmig de« „Freien Blatter".) Petersburg, 23. Mai, Die Glocken der Jsaakskirchc lüuten seit mehreren Lagen luliintcr brochen; ihr Geläute ist weit außerhalb Petersburgs hörbar, nnd die frommen Russen wissen, was man ihnen von dem Thurme dieser Kathedrale verkündigt: Ezar Nikolaus ll. schickt sich an, in der alten Krcmlstadt die Krone sich ans daS Haupt zu setzen. In dieser für Rußland und namentlich dessen Herrscher feierlichen Stunde hat dieser Beweise dafür erhalten, daß seine Unterthanen mosaischer Eonfession, die seit Jahr und Tag den sinnlosesten Verfolgungen anSgcsctzt sind, dem Reiche und dem Volke Nutzen bringen und keinesfalls jene vcr derblichcn Eigenschaften haben, die ihnen die Feinde der Gewissens freihcit zuschreiben. Ein Zufall wollte es, daß Ezar Nikolaus II. in die Leidensgeschichte der russischen Juden Einsicht nehme, welche bis jetzt für ihn angeblich eine terra ineognita war. Bekanntlich hat der Hetnian der Don-, Terek nnd Kubankosake», Fürst Swjatopolk-Mirskij, im vergangenen Jahre die Ausweisung aller in Kosakengebieten lebenden Juden angeordnet. Der Fürst, welcher zur Zeit seiner Anwesenheit in Charkow im Jahre 1881 den Liberalen