Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 216 (24.5.1896)
- Date
- 1896-05-24
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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r Seite L .frete# Tempel verlassen, als endlich um zwei Uhr die Brautleute mit einigen Hochzeitsgästen ankamen. Sie begaben sich in den Ceremoniensaal. Trotz seiner liebreichen Art, mit Menschen zu verkehren, konnte Mannheimer die Bemerkung nicht unterdrücken, daß es.doch wohl nicht passend sei, ihn eine Stunde warten zu lassen. „Herr vüu Mannheimerleben," sagte der Bräutigam, „ich kann, soll ich leben, nichts dafür, daß Sie haben gemußt warten so lang. Schuld an Allem ist nur das Geld." „Wie meinen Sie das?" fragte Mannheimer/ „Wie soll ich es meinen," entgegnete der Bräutigam, „ich mein' eS offen und ehrlich, genau so, wie es ist. Fünfhundert Gulden hat mmi nnr zugesagt, alSdenn will ich.rneine fünfhundert Gulden haben." „Man hat Ihnen also das Geld nicht gegeben?" fragte Mannheimer. „Ta steht er ja," erwiderte der Bräutigam „Wer?" fragte Mannheimer. „Ter Bater von der Braut," setzte der Bräutigam fort, „da steht er, fragen Sie ihn, ob er mir einen Kreuzer gegeben hat." „Sie haben dem Bräutigam fünfhundert Gulden zugesagt?" also wendete sich Mannheimer an den Bater der Braut. „Herr vüu Mannheimerleben," sagte der Brautvater, „warum hält' ich ihm nicht gesollt Zusagen fünfhundert Gulden?" „Nun, und warum geben Sie ihm da? Geld nicht?" fragte Mannheimer. „Herr vün Mannheimerleben," sagte der Brautvater, „erst ulüssen Sie frägen, ob ich's Hab'." „Nll, haben Sie's?" „Nu, Hab' ich'S?" „Sic haben es also nicht?" „Bon wannen soll ich es haben?" „Und wie konnten Sie fünfhundert Gulden Zusagen, wenn Sie das Geld nicht haben?‘r „Ich bin' Of)ne, Herr vün Mannheimerleben," sagte der Brautvater,, „was thut ein Bater nicht Alles, um ein Kind auszugeben L Tic größten Opfer bringt man. Man strengt sich an über'n ,Jechoilö?' ^übcr seine Kräfte)." „Gar so sehr angestrengt haben Tie sich nicht," sagte Mannheimer. „Ich Hab' mich wirklich sehr angestrengt," entgegnete der Brautvater, „herumgelaufcn bin ich in ganz Wien zu allen Bekannten und Hab' mir gewollt ausleihen von einem Jeden so viel wie möglich." „Tie.Bekanntcn haben Ihnen aber nichts geliehen," sagte Mannheimer gutmülhig lächelnd. „.Aß oßer' (fürwahr nicht) wenn ein' Kreuzer," betheuerte der Brautvater. „Es ist doch ein großer Leichtsinn," sagte Mannheimer, dessen Miene inzwischen wieder sehr ernst geworden war. „Herr vüu Mannheimerleben," sagte der Brautvater, „das ist leicht gercd't. Leichtsinn e hin, Leichtsinn e her. Tie Hauptfach' ist, wenn ich das Geld hält', möcht' ich es ihm geben; aber wo nichts ist, hat der Kaiser das Recht verloren." f „Uitd was sagen Sie dazu?" wendete sich hierauf Mannheimer wieder an den Bräutigam. „Herr vün Hh'aunheimerleben," gab der Bräutigam zur Antwort, „was soll ich dazu sagen? Was ich dazu sagen thu', das Hab' ich doch schon gesagt. Meine fünfhundert Gulden will ich haben." „Und Sie würden der fünfhundert Gulden wegen das Mädchen sitzen lassen?" fragte Mannheimer. „Oeb!" sagte der Bräutigam. „Fühlen Sie," fragte Mannheimer, „gar keine Neigung für. das Mädchen?" ..Warum nicht," sagte der Bräutigam, „'Neigung Hab' ich auch." „Alio/' sagte Mannheimer, „folgen Sie der Neigung Ihres Herzens, und machen Sie der peinlichen Sache ein Ende." „Herr vün Mannheimerleben," sagte der Bräutigam, „Neigung ist recht, aber erst muß ich haben meine fünfhundert Gulden. Ich kann doch nicht nehmen ein Mädchen ohne Geld! Was soll ich anfangen niit ei»' Mädchen ohne-Geld? Wissen sie nicht, Herr vün Mannheimerleben, wie, das Sprichwort sagt: Ohne Geld ist .ka Ehasseneh' «keine Hochzeit)." „Und wozu sind Sic denn eigentlich hieher gekommen?" fragte Mannheimer, „Sie mußten das doch-schon zu Hause wissen, daß die fünfhundert Gulden nicht da sind!" „Frägen Sie ihn," antwortete der Bräutigam, indem er mit dcni Zeigesinger aus den Bater der "Braut deutete, „e r hat gesagt, wir solleii^ nur in Gott's^Ramcn hergeh'n, der Herr von Mannheimer wird die Sach' schon in Ordnung bringen." „Ja, mein Lieber," sagte Mannheimer, „was meint denn der Schwiegervater?" Stak,. Nr. 216 „Halt," unterbrach ihn der Bräutigam,;,fo weit ftWb wir noch nicht." „Was meint denn der Bater Ihrer Braut," corrigirte sich Mannheimer, „meint er vielleicht, der Prediger hat die Obliegenheit, die Mitgift der Braut zur Trauung mitzubringen?" „WaS weiß ich, was er meint," entgegnete der Bräutigam, „da steht er )a. Sie können ihn ja frägen." „Herr vün Mannheimerleben," sagte der Brautvater, „die ganze Welt weiß, daß der Herr vün Mannheimerleben ist ein feiner Mensch und thut heraushelfen einem Jeden aus'n .Schlamasel' (Unglück); Hab' ich mir gedacht, er wird mich auch nicht stecken lassen, geh'» wir nur her zu der ,Chuppeh' (Trauung), der Herr vün Mannheimerleben wird schon machen, daß die Partie nicht wird zurückgehen." „Lieber Herr," sagte Mannheimer, „Sie überschätzen meine Kraft." „Nu, Herr vün Mannheimerleben," sagte der Brautvater, „machen Sie sich nicht, klein. Tie ganze Welt weiß, ein Wort von Ihnen ist mehr werth als wie tausend Wörter von mir." „Ah so," sagte Mannheimer, „Sie meinen, ich soll für Sie Bürgschaft leisten." „Chodsche (meinetwegen)!" sagte der Brautvater. „Ob sich aber der Bräutigam mit meiner Bürgschaft zufrieden geben wird," sagte Mannheimer mit einem leisen Anflug von Ironie. „Herr vün Mannheimerleben,." sagte der Bräutigam, „wenn Sie mir gut steh'n, das ist mir so viel, wie wenn ich das G:ld schon in der Tasch' haben möcht'. Wenn Sie mir aber nicht glauben, daß ich zu Ihnen ein so großes Bertranen Hab', können Sie mir ja ,e Wechsele' geben." Mannheimer mußte lächeln über die urnaive Form dieser Pfiffigkeit und hatte den Humor, auf die Sache cinzugehen. Der allzeit getreue Schnitzler in seinem braunen goldbetreßten Rocke mit dem imponireuden Zweispitz auf dem Haupte mußte dafür Sorge tragen, ein Wechselblanquett zur Stelle zu schaffen. Der Primawechsel wurde im Eere . moniensaale ordnungsgemäß ausgestellt zahlbar nach Sicht, und Mannheimer sevte sein Accept darunter. Mit großer Befriedigung steckte der. Bräutigam das Papier in die Tasche, und nachdem dies Geschäft erledigt war, begaben sich die Anwesenden auS dem Ceremoniensaalc in den Tempel, woselbst der Trauungsact vollzogen wurde. Es wirkte wie eine Ironie des Geschickes, was sich an derselbe» Stelle, an demselben Tage einige Stunden später ereignete. Zufällig traf es sich, daß für fünf Uhr Abends eine zweite Trauung angesetzt war. Ter Tempel, in welchem kur; vorher nach Ueberwindung so großer Schwierigkeiten vor wenigen Hochzeitsgästen eine so armselige Trauung stattgefunden hatte, erstrahlte jetzt im vollsten Lichtcrglanzc. Tie ganze Wiener Fmanzwclt war im Tempel versammelt und füllte denselben bis auf den letzten Platz.. Ein Kränz von schönen, aufs Reichste geputzten Damen, deren Geschmeide an Ohren und Brust dem Publicum in die Augen glitzerte, war anwesend bei der Trauungsfeier; es galt die Verbindung zweier in der Finanzwelt hervorragender Familien, der Häuser Todesco und Worms. Nachdem die feierliche Eeremonie vorüber war und sich Alles herbeidrängte, dem Brautpaar zu gratuliren, benützte Mannheimer die günstige Gelegenheit, in dieser von Gold und Freude strotzenden Bersammlung zu Gunsten der armseligen Brautleute, die er wenige Stunden vorher an derselbe» Stelle miteinander verbunden hatte, seine Stimme zu erheben. In der ihm eigenen herzgewinnenden Weise erzählte er mit schlichten Worten die Geschichte der vorangegangencn ' Trauung, und seine Schilderung des Elends, das ihm dabei zu Tage getreten, öffnete weit die Schleusen jüdischer Wohlthätigkeit. Rasch öffneten sich alle Brieftaschen, und in weniger als zehn Minuten war eine Summe beisammen, die das Dreifache der Mitgift, für deren Zahlung der Prediger sich verbürgt hatte, weitaus überstieg. Mehr als achlzehnhundert Gulden hatte die improvisirte Collecte ergeben. Alles beglückwünschte den Prediger zu dieser schönen und edlen That. Am anderen Täge ließ Mannheimer den Mann mit dem Wechsel zu sich kommen und eröffnete ihm, daß er bereits in der Lage sei, den Wechsel einzulösen. Er begann das Geld auf den Tisch zu zählen, und als fünfhundert Gulden aufgezählt waren und der junge Ehemann das Geld einstreichen wollte, sagte Mannheimer: „Warten Sic, wir sind noch nicht fertig," und zählte weiter. Der Inhaber des- Wechsels traute seinen Augen kaum, als die Aufzählung des Geldes gar kein Ende nehmen zu wollen schien. Schließlich hatte die Sache doch ein Ende, und wohlgezählte 1830 fl. lagen auf dem Tische. „Sie bekommen da," sagte Mannheimer, „eine Mitgift, die weit größer ist, als Sie sie erwarten durften. Sie müssen also gestehen, Sie haben eine gute Partie gemacht."