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Freies Blatt · 1896-05-24 · 216 (24.5.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
216 (24.5.1896)
Date
1896-05-24
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Freie» Blatt. Nr. 216. Man" auS. Dal „unchristliche und unpakriolische Vorgehen Schöuerer-Wolf'S" .wurde vom „Arbeitervereine" nach berühmten Mustern verurtheilt. f (®fßtn die Snbofratie.) Tie Protestnote der Wiener Bubokratie gegen die ungarische MillenniumSseier war auch von einem Reichsdeutschen Namen» Ost hau» und von vier ungarischen Staatsangehörigen croatischer und rumänischer Rationalität unterfertigt. Die Polizeibehörde verfügte utun die Ausweisung de« Ausländer« Lftbau« au« den im ReichSrathe vertretenen Königreichen und Ländern und warnte die vier ungarischen Staatsangehörigen vor einer Fortsetzung ihre« agitatorischen Treiben«, da sie sonst ebenfalls auSgewiejen würden. Die Behörde ging hiebei von der Ansicht au«, daß eine aufreizende Agitation gegen die Millenniumsfeier selbst für einen österreichischen Staatsbürger ungehörig, für einen Ausländer aber eutschieden unstatthaft sei. (Für Gksimanu.) Lueger, Geßmann und Steiner machten vorige» Sonntag einen AuSftug nach Rey und sprachen dort in einer Antiseinitenv.ersammlung. Tie Liberalen und Ungarn, die Juden und — Schönerianer wurden gehörig verrisien. DaS Ganze batte aber keinen anderen Zweck, alS da» Terrain für Geßmann'S LandlagScandrdatur zu ebnen. („Katholischer Volksvereill" in Prag.) Unter dem Namen „Katholischer BolkSverein" constituirte sich in Prag ein tschechischer clerical-antisemitischer Berein. Ein dem ritterlichen Kreuzherren-Orden aiigehöriger"Priester sprach bei dieser Gelegenheit tschechisch ungefähr so' wie der Pfarrer von Weinhau«, welcher dieser Tage ein Gastspiel in der Leopoldstadt absolvirte, deutsch spricht. Ein anderer Redner forderte die canstituirende Versammlung auf, sich die Stadt Wien zum Muster zu nehmen, denn nur der Antisemitismus würde den Tschechen Glück bringen. Am Ende tragen bloß die Juden daran Schuld, daß da« „böbmssche Staat-recht" bisher sich keine Geltung verschaffen konnte. «Stöcker» Antwort auf die Depesche Kaiser Wilhelms.) Ter gewesene Holprediger blieb die Antwort auf die Depesche Kaiser Wilhelm« gegen die Ehristlich-Socialen überhaupt und ue in Politik machenden Pastoren insbesondere nicht schuldig. Jtt einer Berliner Versammlung, in welcher er vorige Woche sprach, begann er seine Rede mit dem Hinweise auf einen schottischen königSrreuen Edelman», welchem nach einem Urtheile de» König» die rechte Hand abgebauen woiden war und der dann mit der Linke» den Hut in die Höhe warf und dem Könige duldizte. Im Anschlüsse an diese Erzählung brachte er da» sonst in den Versammlungen der Ehristlich-Socialen nicht übliche „Hoch aus den Kaiser" au». Sodann besprach Stöcker die Depesche des Kaisers in derselben Weile, wieder die» schon früher in seiner „Kirchenzeitung" gethan hatte, indem er seststellte, daß der regierende Monarch selbst al» Prinz seine Sympathien für die chrisilich-'ociale Bewegung dethätigt habe. Gegenüber den kaiserlichen Worten, daß Slocker geendet habe, wie varauSgesagt wurde, bemerkte der „GotteSmann". „Ich habe gar nicht geendet: >ch 'üble mich so frtich und lebendig, al» man sich nur fühlen kan». Wir haben im Gegentheile eine» neuen Anfang gemacht." Im weiteren Verlaufe seiner Polemik gegen den Kaiser sagte Stöcker: „Im Jadre 1648 sind die politischen Pastoren ei» «ehr gesuchter Artikel gewesen. Dar war auch in der EonstictSzeit der Fall, ebenso 'pater, und eS wird bald die Zeit kommen, wo man sie wieder lieb haben wird. Tie Politik geht die Pastoren nur zu sehr an, Senn sie sind nicht Unterthanen ohne politische Rechte und dürren nicht bloß» io.idern müssen Politik mache». Wer soll den» der Social Teinokratie eutgegentreten, wenn nicht die evangelischen Pastoren? Tie katholischen Plärrer, die Rabbiner und. Social-Temokraten dürfen sich um Politik kümmern, aber die evangelischen Pastoren nicht. Wie ioll da die evangelisch,' Kirche auS den Stürmen der Zeit gerettet werden? Man wirft uns unsere Ui.dulL'ainkeit vor: aber da» Ehriftenihum der Liebe und deS Wohlthun« reicht für die Verhältnisse der Gegenwart nicht mehr au»." Ferner wie« Siöcker au» die »großen Erfolge" der Ehristlich-Socialen hin, namentlich in W:e>r, ui'd fügte bosba't hinzu: „ES berührt alio schmerzlich, wenn gesagt wird, .christlich.social' sei Unsinn. Ich bosse aber, daß un>'er geliebter König die«'e» Wort noch zurücknehmen wird." Tie Versammlung »ahm dann eine Resolution an, in welcher 'erklärt wird, daß die christlich-sociale Partei an ihren Grundsätzen gegenüber dem EapitaliSmu» festballe, und daß jede wahrhast staatSerhaltende Regierung im Einklänge mit dem christlichen Berufe der Monarchie die Macht de» GroßcapitalS. soweit sie den Umsturz begünstige, brechen müsse, gleichwie auch daS Furstentbum die Macht deS Feudalismus gebrochen habe. Am Schlüsse der Vecsammliing wurden Hochrufe auf Stöcker auSgebracht, welche dieser mit einem Hoch auf die Ebristlich-Sociale» erwiderte. «Clerical-antisemitische Kundgebung in Paris.) Am 18. d. M. Nach, mittags baue ei» Abbe Garnier in Pari» eine „Kundgebung der katholischen Jugend" vor der Statue der Jeanne d'Arc veranstaltet, an welcher sich namentlich die Studenten de» College Samt StaniSlar betheiligten. Ein Add« F o u s sage i o e« wollte eine Rede halten, um den Zweck dieser Kundgebung, die Förderung der Agitation mr die „Einführung eine» nationalen Festtage« zu Ehren der Jungfrau von O clean«", zu erläutern; die Polizei erhob jedoch dagegen Einsprache, und der Abb« begnügte sich damit, zu schreien: „ES lebe die gute üothringerin'." Tie Teinonstranten riesen hieraus: „ES lebe der König!" Um 6 Uhr AbeudS erschienen 8U0 Studenten mit einer Tricolvre, welche die Inschrift trug: „DaS Rationalfest für Jeanne d'Arc". Sie wurden mit deu Rufeu begrüßt: „Er lebe die Jungfrau!" „ES lebe daS Rationalfest!" »Frankreich den Franzosen!" ES wurde nun eine Resolution zu Gunsten der Einführung de» Festtage« gefaßt, worauf aber die Demonstration einen anderen Eharakter annahm. Man schrie: „Rieder mit den Juden!" und marschirte i» mehreren Gruppen nach den Boulevard«. Ein Theil der Lersammelten zog vor die Redaction de« „Jntranfigeaut". um gegen R o ch e f o r t zu demonstriren. Man schrie: „Spuckt ihn an!" „Rieder mit dem Revolutionär!" Ein Versuch, in dar Hau» Rochesort'S einzudringen, wurde von der Polizei verhindert. Ein anderer Theil begab sich vor die „Lidce Parole", wo D r u m o n t auf dem Balkon die Menge -bereit« erwartete. Drumont hielt eine kurze Rede, welche mit den Worten schloß: „Frankreich den Frauzoseu!" Mehr al« hundert SicherheilSwachmänner zerstreuten die Maitifestanten. Dieselben sainmelten sich jedoch wieder und riefe»: „Hoch die Jungfrau!" „Rieder mit den Juden!" Ein Ruf gab da« Signal, vor dem PalaiS Rothschild'- zu demonstriren. Mau schrie: „Zu Rothschild in die Rne Lafitte!" Die Menge nahm die« beifällig auf, und etwa 600 Menschen zogen von der Redaction der ^Libre Parole" in die Rue Lufitte zu Rothschild, immerfort schreiend: „Rieder mit den Juden!" In kaum einer Viertelstunde säuberte die Polizei die Rue Lafitte. Er wurde» 28 Berhafiungen vorgenommen. Bei der Balgerei mit der Polizei erhielt ein SicherheitSagent von einem sich widcrfetzendeu Studenten einen Hieb mit einem Stocke. Nachdem die Menge sich zerstreut hatte, begab sich Abb« Garnier in die Capelle Faubourg Montmartre. Hier hatten sich viele Leute augesammeli, welche den Abbe insultirten und ihm zuriefen: „Es lebe Rochefort!" Endlich konnte Garnier in die Kirche eintreteteu, wo er eine Predigt über die Jungfrau von Orleans hielt. Rochefort bespricht in einem Artikel deS „Jntrausigeam" diese Vorgänge. Er greift jene Eltern an, welche ihre Kinder dem College StaniSla« anvertrauen, wo dieselben verdorben werden, und sagt: „Die Pfaffen haben, einst Jeanne d'Arc al» Ketzert» und Hexe verbrannt, heute führen sie dieselbe i» ihre abgeschmackte Ge- 'eU'itair cm. ES ist ein Glück für die clericalen Agitatoren, welche Demonstrationen aus dxr Straße veranstaltete», daß ganz Montmartre Sonntag im Boir war, denn sonst wären die Soutaneuträger beschädigt von dem Tumult zurückgekehrt, welche» sie selbst prooocirt haben." Aus antisemitischen Blättern. « Vom Centralifteu Hohenwart.) In dem Nekrolog, welchen die „Ostdeutsche Rundschau" dem am 19. Mai dahuigeschiedenen Erzherzog Carl Ludwig widmete, heißt e« u. A.: „Uebrigen« machte er (der Erzderzog) au» seiner starr centralistischen, allösterreichischen Gesiunung, die im Eabinet Hohenwart da! Ideal einer österreichischen Regierung .erblickte, kein Hehl." Für den Politiker von der „Ostdeutschen Rundschau" ist also da» Cabinet Hohenwart ein TypuS de« starrbu CentraliSmuS? So gut unterrichtet sind die antisemitischen „Schornalisteu" aus jedem Gebiete. „Biel Mund und wenig Kopf." <WaS cr ablehal und was cr begehn.) Georg Schönerer will in einen „deuisch-nationalen" Ausschuß, der in Niederösterreich die Landtagswahlen selbstständig und lischt im Bunde mit den Ehristlich-Socialen leiten soll, nicht eimeeteit und läßt seinen -Schreibknecht Jro die betreffende Einladung mit nachstehenden Worten beantworten: „In der letzten Zeit gelangte - eine Trucksorte zur Versendung, mit welcher ei» -Mitglied der .Deutsche» Naiionalpartei' (Professor Richter) an verschiedene Perionen, die auch in einer angehäugten Liste namhaft gemacht sind, die Einladung zum Eintritt in ein .deutich-nationaleS' Lentral-Wahlcomit« richtet. In dieser Liste ist auch Herr Lchöuerer augeführt und ist ihm auch eine derartige- Einladung zugekommen. Nun kommt aber' i» der Liste jener Persönlichkeiten, welche al« Angehörige diese« .deutsch-nationalen' Wahlausschusses iu Aussicht genommeu find, unter Anderen auch der Name jenes ManneS vor, der im Vorjahre, al« Schönerer den .Bund deutscher Landwirthe in der Ostmark' in« Leben rief — die Gründung eine» .Bunde« österreichischer Landwirthe', eine» .loyalen', den Bestrebungen de« Bundes deutscher Landwirthe entgegenarbeitenden Vereine», in die Hand nahm. Man kann von Schönerer denn doch nicht verlangen, daß er mit dem Anreger eine« national geschlechtslosen .patentösterreichischen' BauernvereineS in ein und denselben .deutsch-nationalen' Wahlausschuß eintrete; ganz abgesehen davon, daß der .Bund deutscher Landwirthe' dort, wo sich entsprechende Candidaten melden, stets selbstständig in den Wahlkampf eingreisen wird." Dagegen wünscht Schönerer sehnsuchtsvoll ein ReichSrathSmandat zu erlange», möchte aber nicht seine Persönlichkeit exponiren und noch weniger sein Geld für eine unsichere Sache riskiren. So wird denn au diejenigen,- welche mau für verläßlich und opferwillig hält, ein Rundschreiben versendet, das aber ein „Berräther" Bergani übermittelt hat. DaS Schreiben lautet: Vertraulich! W i e n, im Hornung 1896. Sehr geehrter Herr! Schon gilt e«, ein für uns und unsere Sache wichtige» Ereigniß inS Auge zu fassen. Die allgemeinen ReichSrathSwahlen stehen in Au«sicht, und da ist e» gewiß der Herzenswunsch — nicht nur eine« jeden Gesinnungsgenossen, sondern eine« jeden deutschsühlendtn Manne« überhaupt. Schönerer wieder im Bolkrhause zu sehen, sein kraft» ge^nialeS Wirken wieder zur Vertretung der Rechte und Befugnisse unsere» Volke« auch an jettet Stelle wieder am Werke zu wiffen. Es ist

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