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Freies Blatt · 1896-05-24 · 216 (24.5.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
216 (24.5.1896)
Date
1896-05-24
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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£**{«• Blatt. Nr. 216. Seit. ihn mit Sc» Lorten: „Besoffener Bnb!" „Dummer Bub!" „Grobian!" beschimpft, liin Wahrheitsbeweis ist da eben nicht zulässig. Bei der am 1;’>. d. M. darüber stattgefnndenen Perhandlung sprach der Bczirksrichter, nachdem er sich über die in dem Gasthause vorgefallene Provoratio» aus das schärfste ausgelassen hatte, den Geklagten der Ilcbertrctung gegen die Sicherheit der Ehre nach ij 497 schuldig und verurtheiltc ih» zu einer Geldstrafe von sechs Gulden. Tic Perhandlung über Sie Gegenklage, welche Ncnwirth wider Pagner erhoben hat, kann erst nach Einvernahme eines derzeit auf der Reise befindlichen Zeugen statttindcn.?ic antisemitischen Cfficicre erfreuen sich des besten Wohlbefindens, denn in Oesterreich sind gottlob — alle Staatsbürger gleich. tt. K. < Gill Btrkaillltcr., Einer unserer Leser schreibt uns: Heinrich v. T rei lsch tc, Ser große und allseitig gefürchtete Judenfresser, ist todt. Tie vielen, ‘.U'ndnMc .in liberale» uud Tunkelmänncrblütter», die mir zu <''cfid)tc kamen, sind darin einig, daß der Perstorbenc zur Anfachnng des .siiScnliasics in Teutsd>land durch die Kraft seiner Be rcdiamkcit- und Sic Slnlgcwandthcit seiner Feder, durch Maßlosigkeit seines Temperamentes und schlagenden Witz ruigemein viel beigetragen habe. So nne es aber recht ist, daß man einem Todten nicht alles Schlcchlc nad,lagen soll, das man von ihm weiß, so erscheint es mir dod> noch bcrcdltigtcr, die 'Itachrede, denn eine solche ist es doch in allen Sen Nachrufen, etwas zu berichtigen. Ich nehme den bornirtcn Slandpnutt Trcitichke'S uid)t ein, daß nur deutsche Männer das Fach der Rechtschaffenheit und Tüchtigkeit in Gencralpachtung genommen haben, sondern fasse sein Schlagwort nur dahin auf, daß er in seiner nationalen Beschränktheit darunter' das. Ideal vollkommener Menschen erblicke, wie derlei Abstrusitäten in der Ausdrucksweisc bei allen Pölkcrn gang und gäbe sind. Ta ist es aber doch sehr lehrreich, auch zu erfahren, Saß Trcmchke keinen Anstand genommen hat, einmal „viele Inden" zu „dcuisdien Männern im besten Sinne des Wortes" zu erheben. Er spridit freilich wieder nur aus dem kleinen und engen Kreis seiner eigenen Erfahrung als ein Historiker und Schöngeist heraus, aber um Himmels willen, jeder andere Fachmaiui kann und muß auf feinem eigenen Gebiete sic gleiche Erfahrung erleben und selbst bei vorhandener Haßwütliigkcii gegebenen Falles ebenso für die Juden ehrend sich aus- -iprcdic». Ans-de» vielen kleinen Beiträgen entsteht dann ein Gesammtbild des Jndcnthnnis, das denn doch ganz anders aussicht als das garstige Zerrbild, das uns liaßbeflisienc Rarcnboldc täglich vorgankcln. Dem Schriftsteller Ioirf Sd>rattenholz in Düsseldorf sandte Treitfchkc für den „Antisemiten Hammer" (eine Anthologie aus der Weltliteratur, Tnsieldorf 1 ^‘ *4 > ein eigenhändig verfaßtes Excerpt aus seiner Schrift „Ein Wort über unser Judenthuni" jll. Aust. 1860, S. 2 ff.) zum Abdrud;n, offenbar mit der Absicht, damit die Hauptthese seiner Arbeit httverzuhebc» und weiteren Kreisen zugänglich zn machen. Der „Antisemiten Hammer" wiederholt diese für die gerechte Beurtheilnng Treitschte'csehr wichtige Stelle auf Seite 468 f., und ich bitte um deren nochmalig:» Abdrud zur Ehrenrettung eines Braunes, der sich nidsi mc.>r selber gegen die Gemeinschaft mit Pergani und dergleichen ranbergewiltigen Erscheinungen wehren kann: i . . dv> >link sich, zn vergessen, daß sehr viele Juden, gelauste und unge- 'ausie, Mendelssohn, Beit, Rießer u A. — um der Lebenden zu .ji'Jm’ei;, ii — deutsche Männer waren im besten Sinne des Worte«. llu'er -1kitnne,s»>eseu verdankt jüdische» Talenten sehr viel. Bon einer HtiriiJi.ui iiii' oder auch nur einer Schmälerung der vollzogenen Emancipalion kann inner t-erständigen gar nicht die Rede sein. Heines unsterbliche 'Werke find wahrhaftig nicht jene internationalen Witze, um derentwillen er Is eeul poöts rrarwout parisiea genannt wurde, f.mdern die sichlichlweg deutsch empfundenen Gedichte, so die „Loreley", dies . ‘.‘ii»; deutscher Romantik, so jene herrlichen Berse „Schon tausend Jahr v.ur G.aeeia", die noch immer Alles zusammenfassen, waS die Deutschen seit -sinanu's Tzren über die Schönheit der hellenischen Welt gesungen und . / batten. Heine ist sogar in keiner Sprache, wie alle unsere großen Schriftst . ui.;-! ohne einen leiken landschaftlichen Anklang. Wie Goethe den .rranten, S .Aller den Schwaben nicht verleugnen kann, wie Lessing und?- ■ -'•* °so grm >vcr>'chied.-n unter sich, doch beide unverkennbar Obersachsen sind.?. -eigt sich Heine, wo seine Kraft rein zu Tage tritt, als der Sohn des Rdeinla»! Heute haben oie wirklich bedeutenden und gesunden Talente unter uliseren iü: i. e» Künstlern und Gelehrten längst eingesehen, daß sie nur auf den Bahnen deutschen Geistes Große« erreichen können, und sie handeln darnach. Unsere Sorglosigkeit und Schwerfälligkeit konnte von den wirthschastlichen Tugenden des jüdische» Stamme« Manche« lernen. (Witte contra Stöcker.) Die angekündigte Broschüre des Pfarrers Carl Witte: „Schneider Grüncberg und Hofprcdiger Stöcker odcrdergefälfchtcBricf" ist nunmehr bei F- Fontane und Co. in Berlin erschienen. Die Verlagsbuchhandlung begleitet dieselbe mit folgendem Rcsumü: Zn der Geschichte der christlich-socialen Partei ist die Episode des Schneider« Grüneberg gerade kein rühmliche« Blatt. Man müßte daher glauben, daß es im Interesse Stöcker'« gelegen hätte, diese weit zurückliegenden Dinge der Bergessenheit anheimfallen zu lassen. Statt dessen hat er selbst sie wieder ausgerührt, und zwar in der Absicht, seinen Amtsbruder Witte moralisch zu vernichten. Pfarrer Witte ist unlängst durch den Oberkirchenrath seines Amte« an St. Golgatha enthoben worden. Stöcker hält nun den Augenblick für günstig, um dem vermeintlich am Boden liegenden Gegner noch seinerseits den Tvdesstöß zu geben. Er thut dies durch die schwere Beschuldigung, daß Wille einen von ihm, Witte, als unecht erkannte» Brief Stöcker'« an Grüueberg au« dem Jahre 1878 durch Eorrecturen den Anschein einer echten gegeben hätte und dann mit diesem gefälschten Brief die öffentliche Meinung irrezuführen versucht habe. Wohl noch niemals ist von einem Geistlichen gegen einen andere» ein schlimmerer Borwurf erhoben worden. Pfarrer Witte hat in der vorliegenden Schrift sich der wenig angenehmen, aber verdienstlichen Aufgabe unterzogen, die näheren Umstände, unter denen Stöcker seinen Brief an Grnneberg geschrieben hat, sowie die weiteren Ereignisse, die sich daran geknüpft habe», dorzulegen. Der Leser gewinnt so die Ueberzeugung, daß die Behauptung, jener Brief sei gefälscht, völlig haltlos ist. Wenn der Brief aber echt ist, so ist damit bewiesen, daß in der That Hofprediger Stöcker im Jahre 1878 deksi Schneider Grüueberg beauftragt hat, de» Pfarrer Witte in einer Volksversammlung ehrenrührig anzugreisen, und daß seine eidliche Aussage in de in Proceß Bäcker- Stöcker, welche dies in Abrede stelle, der Wahrheit nicht entsprach. So dient die von Stöcker gegen Witte jetzt nach siebe» Jahren plötzlich erhobene Beschuldigung sowie die Abwehr derselben durch Wille nur dazu, daß der von Stöcker abgeschoffcne Pfeil mit doppelter Wucht aus den Schützen selbst zurückpralle» wird. (Emile Zola gegen de» Antisemitismus.) 2m Pariser „Figaro" veröffentlicht Emile Zola unter dem Titel „Für die Juden" einen Artikel gegen den Antisemitismns. „Man macht," schreibt der berühmte Romancier^ „den Juden zum Porwurfe, daß sie eine Nation sind, daß sie in der Nation das Leben einer religiösen Kaste führen, daß sie eine Art internationaler Sccte sind ohne ein wirkliches Vaterland, und daß sic wohl imstande wären, eines Tages die Hand auf die Welt zu legen. Die Juden, wie sic heute leben, sind aber unser Werk, das Werk eintr 1800jährigen blöden Verfolgung. Heute erschrickt man vor diesem Werke der Blindheit und denkt dennoch daran, in das Mittelalter zurückzukehren, die Verfolgungen wieder aufznnehmcn und neuerlich den heiligen Krieg zu predigen. Heute noch kommt die wahre Macht der Juden von euch. Man höre doch auf, eine Gefahr heraufznbcschwören, indem man jeden Morgen erklärt, daß sic besteht. Sprecht doch nicht fortwährend von den Juden, und sie werden nicht mehr sein. An dem Tage, an dem der Jude nur ein Mensch sein wird wie wir, wird er unser Bruder sein. Oeffnet ihm eure Arme, verwirklicht auch gesellschaftlich die von dem Gesetze anerkannte Gleichheit, umarmt die Juden, um sie zu absorbircn und mit uns zu vermengen. Bereichern wir uns mit ihren Eigenschaften, beendigen wir den Racenkrieg, indem wir die Raren vermischen. Der Antisemitismus ist in den Ländern, wo er eine Bedeutung hat, niemals etwas Anderes gewesen als die Waffe einer politischen Partei oder das Resultat einer schweren ökonomischen Situation. In Franhrcich aber, wo cs absolut nicht wahr ist, daß die Juden Herren der Macht und des Geldes sind, besitzt der Antisemitismus keine Wurzeln im Volke." Ter Artikel schließt mit den Worten: „Lasten wir die Narren und die Böswilligen und diejenigen, welche glauben, durch Messerstiche Gerechtigkeit zn üben, in die Barbarei der Wildniß zurückkehren." (Der Czar für Gewissensfreiheit.) Schon beim Regierungsantritte des CzarS Nikolaus II. wurde mehrfach versichert, daß er die Verfolgung Andersgläubiger mißbillige. Gegenwärtig, in den Tagen der' Moskauer Krönungsfeste, wird diese Versicherung erneuert. So erzählt der Petersburger Correspondent der „polnischen Zeitung", der Ezar hätte, als ihm jüngst eine Anzahl Bittschriften der unter der vorigen Regierung stark bedrückten Unirten in Polen vorgelegt wurde, geäußert, es sei wirklich an der Zeit, auch in Rußland an Gewissensfreiheit zu denken. Der Correspondent will erfahren haben, daß sich selbst in den Anschauungen Pobedonoszew's eine Wandlung vollzogen hätte. „Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube," läßt Goethe seinen Faust sagen. *

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