Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 216 (24.5.1896)
- Date
- 1896-05-24
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 216. Zr«t», uns am allcnucnigftcn geleugnet werden; nur halte» wir den Abgeordneten Tr. Ruß cntschlcdcn nicht für den Mann, welcher geeignet wäre, cinc neue Partei »nt »cncn und frische» (idealen zn ihrem Heile zu führe». Tr. Ruß hätte nicht nnr die Zeit, sonder» auch die Pflicht und den hie;» »Sthigen Einfluß gehabt, die alte Partei, an deren Spitze er steht, in dein von ihm angegebenen 2imi zu führen. Tie Reformbcdürftigkcir, »welche Tr. Ruß aber seht predigt, ist eben;»>» großen Thcile auf sei» eigenes Schnldconto zu stellen, »nd daher verdiene» seine Aussige»- Worte allenfalls als Testauient, nicht aber als Programm Beachtung. — Auch in Eger hat sich die Handclo kammer nach Anhörung ihres 1'andtagsabgeordnctcn Tr. ^denko Schlicker für die Bildung einer »enen großen, alle deutsch freisinnige» Elemente umfassenden Partei ausgesprochen. Unterdessen scheint in Wien der AbbröckclungSproccß der! „Bereinigten i'inkcn" begiiuicn;» wollen. Tic Abgeordneten Sueß nnd Wrabetz sind bereits aus dem Partei verbände geschieden, und Abgeordneter R oskc scheint ihrem Beispiele folgen zn wollen. I» einer am 21. d. M. abgchaltcncn Bersamni lnng deS „Tonauclnb" sprachen die genannten Wiener Abgeordnete» »nd gaben die fortgesetzte Zurückstellung der freisinnige» Principicn seitens der Partei als Motiv der Secession an. Tic überaus zahlreich besuchte Bersauinilnng billigte dicic» Schritt und seine Motive und sprach sich gleichfalls für die Bildnng einer neuen Partei ans. <?cr Wiener Gtmcinderath und die Freisinnigen.) Am l(>: Mai hielt der „Politische BolkSvcrcin" unter dem Borsitze des TbinanneS Tr. Uhl cinc Bcrsammlung ab, die der Besprechung der derzeitigen coinmunalcn Bcrhältnissc gcividmct war. . l^emcinderath Schlechter leitete die TiScnssio» mit einige» Bemerkungen über die Stellung der fortschrittlichen Gcmcindcräthc ein, deren vornchmlichstc Pflicht eS fei, unter allen Umständen an den beschworenen Principicn festznhalten. Rach wie vor gebe cs gegenüber den Antisemiten kein Eompromiß, kein TranSigircn, Eonspirirc», die Tircctivc sei klar vor geschrieben: in der Gemeindeverwaltung dürfe und tonne lein Unter schied zwischen Bürgern nach Eonfcssioncn, nach Racc »nd Ständen gemacht werden. Rach mancherlei bewegten Zwischenfällen habe dieselbe Regierung, die vor Mostalen noch daS Princip der (Gerechtigkeit so hoch gehalten, einen AnSivcg gefunden, um den Strohmann l'ncgcr's in Amt nnd Würde cinzusctzc». Ltrobach sei bestätigt, nnd Alles sei gerettet; eS.werde nicht intcrpcllirt und nicht cxccdirt, die liberale Partei, deren' Unglück eS seit jeher gewesen, daß sic viel zu viel opportunistisch war. sic thuc, waS sic zumcist in der letzte,^ Zeit gcthan — und hierin bekunde sic eine bcwundcrnngSwürdigc Eonfegucnz — sie rühre sich nicht. Ans den letzten Begebenheiten wäre aber gerade die Eine l'chre zu' ziehen, daß derjenige gewinne, der lärmend, rücksichtslos und mit kolosialcr Grobheit anftrete. Gcmcindcrath Schlechter streifte dann kurz die Frage der Rcdncirung der' Gehalte des Bürgermeisters, der Bicc bürgcrmeistcr nnd der Stadlräthe und meinte, daß die Antisemiten »»behelligt thun können, waS sic wollen; wenn sie glauben, daß die Arbeit ihrer Fnuctionärc nur das halbe Geld wcrth sei, tönucn sic getrost rcdncircn. „Wir," fuhr er fort, „werden der Majorität keine Prügel zwischen die Füße werfen. Wir werden sic bekämpfe», sobald sic von dem vorgeschricbenen WcgoFabwcicht, werden aber nie jene nn fruchtbare, oft rüde Opposition machen, wie sic die ehemalige antisemitische Minorität betriebe» hat. WaS die Zukunft bringen wird' — daS lasten die Präludien in den antisemitischen Bcrsainmlungcu schon jetzt erkennen. Gcßmann'S .Mauscheln' nnd Pacher'S .patriarchalisches. Gesicht' bilden vorläufig ein amüsantcs Streitobjekt hüben und drüben, Schimpf worte wüsten EaliberS, denen der Geruch der Eloakc entströmt, bilden die Kuvertüre zu dem seltsamen Reigen, der nun im Rathhausc auf geführt werden wird, nnd die .(tosten dieser anwidcrndcn Musik trägt die Bevölkerung, der eine grausame Sectio» nicht erspart bleiben wird." Tr. Uhl kcnnzcichnctc seinen Standpunkt in der Frage der Mandats nicdcrlcgnng der BezirkSschnlräthc. Tie thätigstcn fortschrittliche» Mit glicder dieser Eorporatio» fühlen sich nicht mehr als Bcrtrctcr des GcincindcratheS im BezirkSschulrathe nnd erachten eS auö rein principicllcn Motive» für angczcigt, zurückzntretcn. Fm Gegensätze zu dieser Meinung sprachen mehrere Redner für die Beibehaltung der BczirkSschnlraths stellen. Tic Position dürfe im Interesse der Schule nicht anfgcgcbcn werden; so lange eS gehe, müsse die Beste vcrthcidigt werden, ein Abdicircn fei Schwäche, und die Antisemiten würden auch in diesem Falle mit Verdächtigungen nicht spare». Tie Bcrsammlung nahm schließlich folgende Resolution an: „Der Bercin spricht jenen Männern, welche im BezirkSschulrathe bis jetzt im Interesse der Schule gewirkt haben, Tank und Anerkennung ans und erachtet es mit Rücksicht auf die angeregte MandatSniederlegung 'der fortschrittlichen BezirkSschnlräthc für wünschcnSwerth, daß dieselben erst dann zum äußersten Mittel, der Resignation, greifen, wenn zwingende Gründe hicfür vorhanden sind." »lat». Seite 3 (Antisemitismus Nkitcr den Rlldfllhrcrn.) Man schreibt UNS: Bor Kurzem ivnrdc im X. Bezirke der „nicht jndenrcine" Radfahrer club „Borwärko" gegründet und zum Elnblocal desselben (((ccr's klecstanration^F» der Bnchsbaumgasse anscrkore». Tic (((»'üudniig dieser auf toleranter Basis fußenden Radfahrcrvcrbiiidung erwies sich darum nothwcndig, weil die drei anderen im X. Bezirke bestehende» >)iab fahrcrclnbS entweder keine Inden als Mitglieder anfnahincn oder sich alle Mühe gäbe», die jüdischen Mitglieder znm Austritte zu zwingen. BculcrkenStvcrth ist, daß der Baker des Sbmanncs eines dieser für die „Indcnrcinhcil" h'chwärniendcn RadfahrerclnbS, Franz H o h c n st c i»er, ei» Bediensteter der jüdischen Bankfirma o I d s ch »i i d l L' Eo. ist nnd von dem iilief dieser Firma bei jeder passenden (Gelegenheit mit Wohlthatc» übcrhänst wird. Trotzdem ist er von der strammen'Haltung feines Sohnes entzückt und gcl>erdctc sich erst kürzlich bei cincm (Muli-: abend wie toll vor Freude, als die Bcreinscaprlle de» Vnegcr Marsch intonirte. Ter neue Elnb „BorwärtS", aus christlichen nnd jüdischen Mitgliedern bestehend, hat nur mit großer Mühe ei» Heim gefunden, aber auch nur für wenige Tage, denn eS wurde dem Sbinannc die vertrauliche Mitthcilung gemacht, daß der Wirth, als er von cincm anlifcinitiichcn BrzirksanSschnß darüber interpcllirt wurde, ivarnm er dem „jüdischen" Elnb das l'ocai gebe, die Aeußerung gemacht habe: „I wirs ch bald anßischmciße», die Indenbubcn". Wir wir hören, dürste der Elnb demnächst ans. der Wieden bessere l'ocalitäte» gewinnen und von cincm nicht antisemitisch angekränkelten Wirthc gastfreundlich ausgenommen werden. —r. l Antisemitisches ans Äiährrn.> Ans. Iglau wird »ns von verläßlicher Seite berichtet: Als das Wiener Hansrcgiment Hoch- und Tcntschnicistcr Rr. t in seinem neuen Garnisonsorte Iglan vor .">T. Jahren cintraf, wurde es mit Jubel cnipfange» nnd dein Officiers.- corpS von Seite der Stadtvcrtrctlmg ein Festmahl bereitet. Aber der Jubel währte nicht lange. Trotz des überaus rittcrlick)en und höchst liebenswürdigen Eominandantcn Tbcrst Johann Werner l jetzt Brigade Eomiiiandantc») verlor das Sssicicrscorps bald seine Beliebtheit bei der Bürgerschaft. Hochangcschenc Familien von Stadtvertrctcrn, die zufälligerweise Handwerker waren, wurden zu den S fsicicrSunterhaltungcn ostentativ nicht cingelade»; mehrere Cftidci'c sahen sich auch bemüssigt, - hier als Pionnierc des Antiscmitisnius anfzntrctcn So verlangte cinc Anzahl von ihnen in entschiedener Weise, daß im (Safe Wondr>'- anti semitische Zcitnngcn aufzulcgcn seien, die erst, als die Israeliten dieses Kaffeehaus nicht mehr besuchte», wieder verschwanden. Tann kam cs wieder zu cincm keineswegs angenehmen Auftritt mit cincm bejahrten l'cinwandhändlcr, Ramcns Bartel; cs erregte bei der liberalen Be völkcrung auch gerechtes Acrgcrniß, daß ein Sfficier seine Hunde „Ind" nnd „Tawidl" benannte. Ten (((ipfelpunkt erreichte das antisemitische Gebahrcn der Tfsicicrc aber in einer Scene, die sich zn kSstern in der Pilsener Bicrhallc abspiclkc und dieser Tage erst ihr Rachspicl vor.dem hiesigen Bezirksgerichte hatte. Mehrere Sfsicicrc saßen in der Sstcrnacht in dein gedachten Gasthausc nnd machten so laute antiicniitischc Aeußc rnnge», daß mehrere an einem änderen Tische sitzende Israeliten sic hören mußten. Einer jener Sfficierc, kTbcrlicntcnant Ritter v. MitiS, sagte zn einem Maudolctlivcrkänfcr mit erhobener Stimme, er wolle ihm abkaufcn, wenn er durch die Stadt, liefe und riefe: „Alle San jndcn müssen hin werden!" Tic Israeliten sprangen entrüstet auf nnd verließe» mit Aeußernuge» des Unwillens das Zimmer. Rnr ein christlicher Kaufmann, Ria» 'Rcnwirth, blieb an dem.Tische sitzen nnd wurde »nn wegen seiner vermeintlichen jüdische» Abstanimung von dem genannten Sfficicr weiter gehänselt. Als sich die Sssicicrc entfernt hatten, rief der Kaufmann ans: „Es ist unerhört, was man sich als Eivilist gefallen lassen muß. Man ist im Gasthausc vor Insulten nicht sicher. Man kann ohne Revolver gar nicht mehr auSgchcn." An cincm Tische in der Rähc der Tfficicrc saßen drei junge Vcittc, welche den antisemitischen Auslassungen am Sfficicrstischc lebhaft zngcstiinmt hatten: Earl Bag »er, Erzieher im Hanse des BczirkSrichtcrs Wilhelm Her mann in Stecken, der Sohn des genannten BczirkSrichtcrs nnd der Praktikant deS fürstlich hohcnzollcrnschen Rentamtes, E. Dötschmann. AlS Rcnwirth die ermähnte Aeußerung that, sprang der Erzieher aus und verlangte in brüsker Weise von dem Kanfmännc die RamcnSncnnnng. Befragt, ob 'er Rcscrvcofficier sei, bejahte dies Bagncr, obwohl eS nicht der Fall ist, und als der angebliche Rcscrvcofficicr, von dem Kaufmanne zurcchtgcwicscn, rabiat wurde, mußte er von der Polizei auf die Wachstube gebracht -werden. Tort äußerte sich der ganz muthwillig angegriffene Kaufmann mit Bczpg ans Bagncr: „In einer derartigen Weise, wie dieser Herr die (Gesellschaft gestört hat, kann ein anständiger Mensch cinc Gesellschaft nicht stören." Merkwürdigerweise hatte Bagncr gegen diese Aeußerung, die gewiß sehr beleidigend ist, die Klage nicht erhoben. EL ist eben in diesem Falle der Wahrheitsbeweis zulässig. Er behauptete' vielmehr, Rcnwirth habe