Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 215 (17.5.1896)
- Date
- 1896-05-17
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Freie» Blatt. Nr. 215. r Seil. 4. Oesterreich, mit einander nicht in Widerspruch kommen dürfen, auf daö Lebhafteste^bedauert. Man fürchtet, daß den deutsch-liberalen Abgeordneten eil?' gleiches Schicksal beschicden sein könnte, wie es chre früheren alttschechischen College» ereilt hat. Unter diesen Umständen sah sich der hiesige „Deutsche Verein" zu der folgenden, als Warnung aufzufaffcnden Kundg'binig veranlaßt: „Der Ausschuß erblickt in der überraschenden Wendung der Wiener Bürgcrmeistcrfrage einen neuen sprechenden Beweis dafür, daß die optimistische Auffaffung, die sich an den Rcgicrnngsantritt des Ministerium Badeni knüpfte, von Voraussetzungen auSgegangcn, welche;u den thatsächlich eingetrctcnen Verbältnisicn sich in offenkundigem Gegensätze befinden. Die augenfälligen Erfolge, welche die extremen Parteien durch ihre radikale Haltung und ihr rücksichtsloses Porgehcn erreichen, während die Vereinigte deutsche linke wohl zur Votirckug der Vorlagen der führenden Regierung hcrangezogen wird, aber tiichts für Fortschritt und Deutschthunr dnrchzusetzen vermag, lasien den dringenden Wunsch gerechtfertigt crsckftincn, daß unsere Partei im Abgcordnctcnhanse ohne jede Rücksicht auf die RcgierungSpolitik nur noch für ihr eigenes Programm mit ganzer .straft einstehe, hiebei rückhaltlos von allen parlamentarischen Mitteln Gebrauch mache und fortan ihre einzige Aufgabe darin sehe, iu entschiedenster Weise entschlossen und zielbewußt die nationalen und politischen Forderungen zn vertreten, zu welchen sich ihre Wählerschaft bekennt." — Auch auS Znaiin wird eine Kundgebung in dieser Richtung gemeldet. Der dortige .Deutsche Verein für Stadt und Land" faßte eine Resolution, in welcher der Wunsch ausgesprochen wird, „die Vereinigte deutsche Linke möge in Ztckunft einzig und allein die Interessen des Deutschthums, des wahren Freisinns und Fortschrittes ohne alle weitere Nebenrücksichten zur Richtschnur ihrer Haltung und eines strammen Vorgehens nehmen". <Ein Haberfeldtreiben in — Mähren.) Dian schreibt uns aus Ga na: Fn einem zur Bezirkshauptmannschaft Gaya gehörigen Dorfe kam es jüngst zu einem förmlichen Haberfeldtrciben. Die Sache verhielt sich so: Der jugendliche Pfarrer hatte als Köchin eine verheiratete Frau zu sich genommen, , und diese nahm ihren rechtmäßigen Mann mit. Zwischen dem Pfarrer und dem Manne der Pfarrersköchin kam cs schließlich zn Differenzen, der Mann der Köchin appellirte an die Volksstimme, und dieselbe setzte cs durch, daß der Pfarrer die Köchin sammt ihrem Manne eutlaffen mußte. Die Moral aus dieser Geschichte zu ziehen, sei den — Christlich-Socialen. überlasten. (Zur Affaire Acichtinger.^ Die Strafuntersuchung gegen den Antiscmitcnführer, gewesenen' Znstitulsinhaber und späteren Rcdactcur eines christlich-socialen Blattes in Graz, Josef Feichtingcr, ist bereits abgeschloffcn. Die Anklage wird auf Crida und Veruntreuung lauten. Feichtingcr . bleibt bis zur Verhandlung in Haft. Der Abgeordnete Dr. Pattai wurde ersucht, deffcn Bertheidignng zn übernehmen, hat dies aber abgelehnt. Cs hat sich bisher auch kein Grazer Advocat zur Uebernahme der Vertheidigung bereit erklärt. Curorte, die zu meiden sind.) Unsere Berliner Abwehrcollegin verzeichnet jene deutschen Curorte, wo erholungsbedürftige Juden Gehässigkeiten und Beleidigungen ausgesetzt sind. Durch und durch antisemitisch sind: Borkum, Zingst, Gehlsberger Mühle bei Oberhof in Thüringen, Juii'l, Zinnowitz. Einzelne Beschwerden liegen vor über Saßniy und Binz. Möge sich kein österreichischer Jude dorthin verirre»! Leider haben wir anch in Oesterreich an Curorten und Sommerfrischen, in denen der Antisemitismus grassirt, keinen Mangel. l Ludwig Feuerbach und Rabbiner Wasiennann.) Ludwig F c u e rbach stand mit dem Vater des Kirchcnrathcs Tr. Moses v. Wassermann in Stuttgart und mit diesem selbst, so lange diese Familie in Ansbach lebte, in freundschaftlicher Verbindung. In dem vor Kurzem im Verlage von I. ('*. Cotta erschienenen Buche „Ludwig Feuerbach, sein Wirken und seine Zeitgenossen" von Wilhelm Bolin in Helsingfors thcilt der Vcrsaffer aus selbstbiographischcn Aufzeichnungen Feuerbach's mit, daß sich derselbe als Gymnasiast eifrig mit der Bibel beschäftigte und, um des Hebräischen Meister zu werden, sich nicht mit dem gewöhnlichen Gqmnasialnnterricht in der hebräischen Sprache für künftige Tlicoiogen habe genügen taffe», sondern zugleich bei einem Rabbiner Vrivatsinildcn genommen habe. In einer der Anmerkungen am Schluffe des Buches berichtet Bolin über das Ergebniß seiner Bemühungen, einige Auskunft über diese» Lehrer im Hebräischen zu erhalten: Cs sei das wohl der nämliche Rabbi Waffermann gewesen, deffen im Band II der brieflichen Biographie Anselm v. Feuerbach's theilnahmsvolle Erwähnung geschieht. Dann fährt er wörtlich also fort: „Durch den Unterricht beim Rabbi wurde Feuerbach auch mit deffcn Sohn bekannt, der bis vor Kurzem als Rabbiner der mosaischen Gemeinde in Stuttgart eine hochgeachtete Stellung einnahm. Von diesem Sohne, der wohl nur wenige Jahre jünger als Feucrbach gewesen, haben wir einen äußerst liebenswürdigen Zug auS dem Leben Beider in Erfahrung gebracht. Als der junge Gymnasiast einst mit einer hebräischen Aufgabe nicht zurecht kommen konnte, half ihm der Sohn seines Lehrers, die Schwierigkeiten bewältigen. Zum Dank dafür erbot sich Jener, dem Judenknaben lateinischen Unterricht zu ertheilen. Der Vorschlag wurde angenommen und machte in Ansbach ein gewiffcs Aufsehen, da der junge Rabbisohn der erste Jude war, der dort das Lateinische erlernte. Wenn er zu seinem jungen Lehrer ging, ward er oft von Gassenbuben angefallen und geprügelt. Eines TageS erkrankte der so mißhandelte Äudenknabc an den Folgen erhaltener Schläge und bekam das Nervcnfieber, welches dazumal für ansteckend galt. Keiner von den Schul- und Glaubensgenossen des RabbisohneS wagte den Kranken zu besuchen. Nur Feuerbach, wiewohl von Ansteckungsfurcht, nicht frei, fand sich bei ihm ein, weil er, wie er ausdrücklich sagte, es für seine Pflicht hielt, zu kommen. Dieser Unterricht von Seite Feuerbach's hat mehrere Jahre gedauert, und ein von ihm an.den Schüler hierüber ausgestelltes Zeugniß soll noch vorhanden sein. Mit Beginn der akademischen Jahre Feuerbach's löste sich das Verhältniß zu dem Lateinschüler, der die Erinnerung daran in dankbarem Herzen bewahrt hat." (Freiherr v. Durant und das Pierer'sche Conversationslexikon.) Unter dieser Ucberschrift bringt die „Magdebnrgische Zeitung" folgende berichtigende Erklärung des Rabbiners Dr. Rahmer: Ich. weiß nicht, welcher Advocat oder Diplomat den Ausspruch gelhan: .Man gebe mir eine geschriebene Zeile von irgend cknem Menschen und ich will ihn an de» Galgen bringen", aber lebhaft wurde ich an diese» (so oder ähnlich lautenden) Ausspruch durch die Rede "des Freiherr» v. Durant in der vorgestrige» Sitzung de« Herrenhauses erinnert, in welcher dieser Herr sich für die Uebersetzung de« Schulchan Aruch auf Staatskosten begeisterte. Er schloß seine Rede' (nach dnn Bericht in der gestrigen Nummer der „Magdeburgischen Zeitung") mit folgenden Worte»: „Daß der Schulchan Aruch noch heute für die jüdische Siltenlehre maßgebend ist, (affe sich mit vielen Beweisen belegen. So habe Rabbiner Dr. Rahmer in Magdeburg im Pierer'sche» EonversationSlexiko» geschrieben: ,Der Schulchan Aruch ist von den israelitischen Gemeinden als maßgebende Richtschnur sür die religiöse Praxis angenommen? Wie verhält e» sich nun mit diesem Eitat? Ich habe sür das Pierer'sche Universal-EonversationS- ,exikon im Jahre 187!» alle die jüdische Literatur belrcfienden Artikel bearbeitet, u. A. auch den Artikel .Schulchan Aruch' im 16. Bande, S. 148 (6. Auslage). Nachdem ich den Inhalt dieses von einem palästinensischen Rabbi in den Jahren 1540 bi« 1560 verfaßten vierbändigen Werkes angegeben (auf Wunsch de« Verleger» in knappster Form), schloß ich den Artikel mit folgendem Satze: „Der Schulchan Aruch ist von den israelitischen Gemeinden als maßgebende Richtschnur für die religiöse Praxi» angenommen worden, e» läßt sich jedoch nicht bestreiten, daß eine sorgfältige Revision diese» ReligiouScodex vom Standpunkte der jetzigen Wissenschaft eine dringende Fordenmg der Zeit ist, da Manches darin absolet geworden." Der Freiherr v. Durant nimmt sich nun die Freiheit, in seinem Eilat nur ^de» Vordersatz anzusühren, den Nachsatz aber, der den Vordersatz bedeutend «inschränkt, indem er den Schulchan Aruch sür revisionsbedürftig erklärt, weil er manches Jrrthümliche und Veraltete, auch Abergläubische» enthält, einfach ivegzulaffen. Ferner: Während ich im Vordersätze ausdrücklich erkläre, daß der Schulchan Aruch nur für die „religiöse Praxi»" (d. h. sür den Rilu» und Eultu«) al» maßgebende Richtschnur von den Gemeinden angenommen sei*) — eS fällt;. B. keiner Gemeiude ein, den Theil de» Schulchan Aruch, der vom alten talmudischen Polizei-, Eivil- und Kriminalrecht handelt, heute sür inaßgebend zu halten — führte der Herr v. Durant obigen Voldersatz zum Beweise dasür a», daß der Schulchan Aruch noch heute sür die „jüdische Siltenlehre" maßgebend sei. Ich nehme zur Entschuldigung de» Herrn v. Durant an, daß er da» Eitat nicht dem Pierer'schen ConversalionSlexito», sondern irgend einem der antisemitischen Handbücher oder Flugblätter entnommen habe, in denen bekanntlich die Eitate je »ach Bedürfniß. zugestutzt werden.**) Magdeburg, den 1. Mai 1896. Rabbiner Dr. Rahmer. (Ein Heldenstücklein des Generalgouverneurs von Kiew.) Herr Lasar Brodski in Kiew hatte der dortigen Municipalität 120.000 Rubel zur Verfügung gestellt, um eine Gewerbcbank zu gründen; diese humane Idee istaber nicht zur Ausführung gekommen, da der Gencralgonverneur von'' Kiew, Graf Jgnätjew, ein Bruder des „Vaters der Lüge", in dem Statut der zu creirenden Bank einige antisemitische Clauseln angebracht hatte, mit denen sich der jüdische Stifter nicht einverstanden erklären konnte. Derselbe richtete nun an die Municipalität eine Eingabe, in der er sagt: „Da zu meinem größten Lcid- *) Und gerade auS diesem Theile hat Herr v. Durant seine Pfeile gegen den Schulchan Aruch hergeholt. **) Ich bemerke nachträglich, daß Dr. Ecker, Privaldocent an der königlichen Akademie in Münster, in seinem „Judenspiegel" (S. 17) da» Eitat au» dem Pierer'schen "Lexikon vollständig bringt, aber mit der Bemerkung: „Der Nachsatz beweist nur, daß Rabbiner Dr. Rahmer ein Resormjude ist."