Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 215 (17.5.1896)
- Date
- 1896-05-17
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. S15 ,f r » t e Hab«. Drr Jmmunität-au-schuß hat nun in dir Erwägung, daß die kein Herrn Abgeordneten Schneider zur Last gelegte Thal, die der Privatkläger durch Zeugen erweisen will, geeignet ist, denselben an seiner Ehre zu kränken, daß die Sinnahm« einer tendenziösen Bersolgung de« Abgeordnete» im vorliegende» Falle aurgeschlossen erscheint, und derselbe in seiner Thätigkeit al» Abgeordneter durch die gerichtliche Verfolgung wegen diese« Delikte« nicht behindert wild, somit kein Grund' «orliegt, welcher die Verweigerung der Zustimmung zur gerichtlichen Verfolgung rechtfertigen könnte, und in der Erwägung, daß die Richtauesolgniig de» Abgeordnete» die Verjährung der Ihm zur Last gelegte» llebertretnng zur Folge haben könnte und einer Verweigerung de« richterliche» Schutze» für den Beleidigten gleichkäme, beschlossen, den Antrag zu stellen: »Da«-Hau« wolle beschließen: Dem Ansuchen de« k. (. städtisch-delegirten Bezirksgerichte« Fllnfhan« vom 2. April 1896 um die Zustimmung zur strafgerichtlichen Bersolgung de« ReichSrathrabgeordueten Ernst Schneider wegen llebertretnng gegen die Sicher- Tjjrit der Ehre nach $ 496 St.-V. werde stallgegebe»." «.Tie Bnrgermeistrrära Lueger, genannt Stroliaä,.» Der „Wiedeiicr Bürgerclub" hat den Beschluß gefaßt, die Parteileitung der Bercinigten deutschen Linken auf;ufordcrn, cS möge im-Abgeordneten Hause wegen der Bürgermcisterfrage von Wien eine Interpellation an die Regierung gerichtet werden. In dieser Interpellation sei auf die Erklärung hinzuweiscn, die Ministerpräsident Graf Bade ui im Herbste abgab, uni die Gründe dar;nlcgc», welche die Regierung veranlaßtc», die Wahl de« Dr. Lueger;uin Bürgernieister von Wien nicht zur kaiserlichen Bestätigung zu empfehlen, und cS sei daran die Frage zu knüpfen, ob cs wahr sei, daß die Regierung ihre Anschauung über die Richtbcstätigung dcS Dr. Lueger als Bürgernieister von Wien geändert habe, und wenn c« wahr sei, ob die Regierung diese ihre geänderte Haltung zu rechtfertige» vermöge. Der „Wiedener Bürgcrclnd" bat seinen Obmann Dr. Bauer beauftragt, diesen Beschluß der Partei lcitung niitzuthcileii. — Im „Demokratischen Ecntralvcrein" unterzog RcichsrathSabgcordncter Dr. Kronawettcr die Aufgaben de« neuen Stadtregimcs einer eingehenden Erörterung. Er besprach ziinüchst die Ursachen de« Sieges der antisemitischen Partei und betonte, daß die jetzt im Kleinbürgerthumc vorherrschende Richtung höchst bedauerlich sei. Hierauf erörterte er das communalc Programm der dcinokraliscksen Partei. Es sei zweifellos, daß die derzeitige antisemitische Majorität im Gcmcinderathc, welche unter klerikaler Flagge segelt, nach keiner Richtung hin den Aufgaben einer großen Gemeindeverwaltung gewachsen sein - werde. DaS confessioneUc Moment werde eine große Rolle spiele», in den meisten Fällen sogar ausschlaggebend sein. Unsere Schnlcn werden einen außerordentlich traurigen Eharaktcr haben. DaS sei die Fahne, welcher der größte Thcil unserer Lehrer folge. Auf wirthschaftlichem Gebiete werde man sich für die Erhaltung des kleinbürgerlichen Be lricbcS cinsctzen; auch daran sei die klerikale Strömung schuld, Rach dem Winde, welcher in de» tonangcbcndcn Kreisen weht, werde sich der ganze Berwaltungsapparat richten. Er habe, sagte der Redner, absolut kein Bertranen, daß unter dem neuen Stadtregimc auf dem Gebiete des ApprovisionirungSwcsens und auf wirthschastlichci» Gebiete überhaupt eine Besserung im commnnalcn Leben cintrctcn werde. Ganz besonders traurig werde sich aber daS Leben der Bürger untereinander in der Zukunft gestalten. Das Leben einzelner Bürger und daS der Familie» werden gestört werden, denn die Gleichberechtigung und Glcichwcrthigkcit der Staatsbürger werde snstemertisch nntergrabe» werden. Die Gefahr sei eine furchtbare. Die liberale Partei habe sich wohl auch manchmal Uebcrgriffc zu Schulden kommen lasten, aber in dem Maße, wie sic jetzt von dem neuen Regime, nach alle» Erschcinnngcn zu schließen, zu befürchten seien, sei die Gefahr niemals vorhanden gewesen. Der Redner schloß unter lebhaftem Beifall« seine Ausführungen mit dem Wunsche, sich in den freiheitlichen Bestrebungen dennoch nicht beirren zu lasten und die Verwirklichung dcS deinokratischen ProgrammcS mit aller Kraft anzustrrben. Ct Johann Bock.) Bcrgangene» Sonntag trug man einen der ältesten Bürger des X. Bezirkes, den Großfnhrman» Johann Bock, zu Grabe. Er "zählte noch zu der „alten Garde", die stets in der vordersten Reihe im Kampfe für Freiheit und Rechtsgleichheit gestanden ist, und auch im Greisenalter war er seinen Jugendidcale» treu geblieben. Wir erinnern uns noch der Worte, die er vor zwei Jahren bei seinem öOjShrige^sleschäftSjubiläuin gesprochen hatte: „Unser Wien io »it mehr daS Wien, wie cS einst war; die Stadt der Gcmüthlichkcit is zum Tummelplatz von ehrgeizigen Bolksverhctzern geworden. Mich Hab'» s' auch fangen woll'n, aber dä hab'n sic sich g irrt — der alte Bock bleibt treu der Fahne, zu der er geschworen — i will in meine alte» Tagen ka Kuttenküsscr wer'n!^ Johann Bock wirkte unermüdlich im Jnteresie deS X. Bezirkes und zeigte sich stets hilfsbereit, wen» Jemand an ihn mit einer Bitte' herantrat. In verschiedenen Bertretungskörpern war Bock im Jnteresie seiner.Mitbürger thätig. Wir sahen ihn im Gemeinderathe, beobachteten sein Wirken als Bezirkovorstandstellvertretcr Statt. ' Seite 3 und als Eassicr dcS Armcnrathcs. Jedes il»n übertragene Amt, füllte er voll und ganz aus, jederzeit ein treuer Parteigenosse, eitrig bestrebt, für seine Mandanten daS Beste zu mcidu’it. Für sein bnmanitärco Wirken wurde er vor fünf Jalircu. mit der großen goldenen Salvator Medaille ausgezeichnet. Johann Bock war ein Alt Favoritcncr Bürger, ei» ehrlicher Fortschritlsmaun, ei» Mcni'ckicnsreund im besten Sinne des Wortes, nud das Andenken an ilm ivird in den Herren einer großen Anzahl dankbarer Mitbürger sott lebe» II. (Wo steckt die Abwehr?! Ein angefrbcncs Mitglied de> 'Wiener Judciischast schreibt uns: Soeben erhalte ich den XXII. Jahresbericht der „Israelitischen Allianz"' über deren Thätigkeit' ini al>ge lanfcncn Jahre 1805. Ich entnehme daraus, daß der Bereite' an 23 Enltusgcmeinden - und älmliche Bereinigungen zur Unterstützung von Schnlcn und anderen Anstalten, die Bildnngozwcckc vcrsolge»', Subventionen gewährt, cltiiio auch zur Förderung jüdischer Literat»» und Wissenschaft^ beigeuagen habe Die Gebahrurigsbilanz weist für diese Posten den Ausgabenbetrag von sl. 4>5 > «',:> ans. Für die russische Aktion, welche lianptsächlich -darin bestand, daß der Bcrcin Frauen und Kindern, die ihre» Ernälirern in Überseeische Länder nach reisen, Untcrstütznngcn verabreichte, betrugen die Auslagen sl. (5t und für „sonstige Hilfszwcckc" .">4.") fl. Ein „Saldo" von st. i>I02l'>5 stellt wohl die erzielten llcberschüsic der Gcbahrung dar Im Berichte wird ferner, was meine besondere Aufmerksamkeit erregte, auf die bc drohliche Ausdehnung des Jndcnhasies „selbst in lTestcr reich" hingcwiescn und dazu bemerkt z „Zusehends mehren sich die betrübenden Fälle, wo man helfend cingrciscn mnß, um dem durch den Frcvclmulh zügelloser Ägi tatorcn erzeugten Elend zu steuern." Das glaube ich: bringt doch jede Rümmer des „Freien B«allcs" Mitthcilnngen über solche Fälle: aber ich v c r m i s s c. in de in vorliegende n Jahresberichte jede Andeutung, was den» eigentlich der Brrcin bisher im Allgcincincn und im Jahre 1 s*.>i> insbesondere znr Bcr Hütung solcher Bo r t o »im n i sie geleistet, mit welchen Mitteln und auf welche- Weise er seinen -Bercinszweck durch HelfcndcS Eingreifen erfü llt habe und zu erfüllen beabsichtige'? Auch der Bericht über die Zustande der Inden in Rnmänicn, .welchen die Möglichkeit benommen ist, ihre minder in den staatliche» Bolksschulcn »ntcrrichtcp zu lassen, berührt cigcnlhnmlich. Die Thatsüchlichkcit der Angaben soll nicht im Entfernteste» angczwcifclt werden: aber wenn der Bericht sagt, daß die „Jsraclstischc Allianz" vorläufig zur Hebung und Erhaltung »euer jüdischer Schule» in R» inünicn einen namhaften Betrag bewilligt habe, so darf man doch bc scheiden fragt», warum in der Gcbahrnngsbilan; darüber keine Anskunst zu finden ist, wie hoch dieser „namhafte Betrag" sich belaufe'? Ich müßte sagen, daß mich dieser Bericht bitter enttäuscht hätte, wenn er nicht — ein Bcrcinsvcrmögr» von sl. I44.2UO (i8 nud einen Stand von 3200 zahlenden Mitgliedern auswicse. —n. AlltiskUlitiSNllls der Thal. > Am 2 Mai "wurden <111 der Seiten front des israelitischen Tempels in Fün'hans (Tnrncrgasic bchnrch Slcin würfe zahlreiche kleine Fensterscheiben zcrlrüinmerl. Die Stciüe blieben thcils in der Dachrinne liegen, Ihcils sielen sic in das Innere des Tempels ans die Galerie. Um die lritifchc Zeit waren 150 Binder beim Gottesdienste iiir-Tcmpcl versammelt. Das Polizei Eomiüisiaria't Rudolfsheim hat »nnmchr als Thäter den 21 jährige» Drechslergchilfcn Martin Hannska ausgrforscht und verhaftet. Derselbe, im Haute R'r. I-> der Tcllgasic in Arbeit stchcrid, hatte vom Höfe dieses Hauics ans die Steine gegen den Tempel geschleudert, wobei auch ein Stein i» die Hofwohnung des Friseurs Mück im angrenzende» Hanse siel. Hannsta ivnrdc dem Landcsgcrichtc cingclicfert. (Ehrabschllkidcrki. Der Wcinhauer Franz Schwa bl, ei» anli semitischer Maulheld, wagte cs als Mitglied der Badener Gemeinde Vertretung, den Bürgernieister Josef Witzman» „Lügner" zn l'chimpscn. Letzterer trat in Folge dessen klagbar auf, und das Bezirksgericht vcr nrtheilte nun den antisemitischen Gclnci»dcvcrtretcr zu einer Geld strafe von 50 sl., eventuell fünf Tagen Arrests. Tie Jndtll als Soldaten.) Ein ^Freund unseres Blattes schreibt uns: Rach mehr als dreißigjähriger Trennnng traf ich zufällig, mit einem Jugendfreunde zusammen. Ratürlich kam das Gespräch auch ans daS Feldzugsjahr 1806. Mein Freund machte die Schlacht von-Königgrätz als Licntenant bei der Infanterie mit7 Er'erzählte mir, daß in seinem Regimcntedrei Juden als Sssicicre dienten, daß alle Drei sehr tapfer waren und einer von ihnen besondersansgezcichuct wurde. „Feigheit vor dem Feinde, das wäre das Letzte, waS ich den Juden Vorwürfe," fetzte der Bcteran hinzu. (Warnungen aus Böhmen und Mähren.) Atls Prag wird uns geschrieben: DgS Vorgehen der ^Vereinigten deutschen Linken wird in jene» Kreisen der Wählerschaft, welche der Sache des Liberalismus treu ergeben sind und daran festhalten, daß Tentschthnm und Freisinn, wenigstens in i l