Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 214 (10.5.1896)
- Date
- 1896-05-10
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Feeke» Blatt Nr. 214. sprocbcn wurde, veröffentlicht worden. Lueger selbst äußerte, daß der Kaiser mit ihm sehr scharf ins Gericht gegangen sei und ihm bedeutet habe, daß gerade seine ercessive, leidenschaftliche Parteiführung daS HiiHcrniß der Bestätigung sei. Die. führenden Persönlichkeiten, erkennen jcpt auch die Nothwendigkcit an, einen andere» Ton anzuschlagen." Wer sollen diese führende» Persönlichkeiten sein? In der Wiener Frage gibt es seit dem »encstcn Eourse -nur eine führende Persönlichkeit, und das ift Lueger. D crselbrzeigt aber nicht die geringste Lust, einen anderen Ton anzuschlagc». Die Besorgniffc, welche die Antisemiten an die Ernennung des Grafen Badeui znm Ministerpräsidenten geknüpft hatten, erwiesen sich schließlich als ganz unbegründet, und der liberalen Minorilät des Wiener GemcinderathcS bleibt jetzt nichts Anderes übrig, als die Eoininnnalvcrwaltnng sorgfältig zu controlircn und nach Möglichkeit Hebel zu verhüten. vEiit Jubiläum. Holland ift feit drei Jahrhunderten als der Zufluchtsort der sonst überall verfolgten Inden bekannt, und cs erscheint uns kaum glaublich, daß auch in diesem Lande der Freiheit das hundertjährige Jubiläum der Emaiicipation erst in diesem Jahre eintritt. Und dennoch ist cs so: am 16. Mai 1706 winde die Bestimmung über die religiöse Frei' heit in die Verfassung der Niederlande aufgcnommcn, von deren Giltigkeit an erst die Juden dieser Staaten völlig frei und gleichberechtigt wurden. Als die Juden 157<> nach Holland kamen, war dies Land freilich für sie ein Ideal von Tolcran;, denn sie durften ungestört ihre Geschäfte treiben, sie durften sogar ihren religiösen Pflichten Nachkommen, ohne irgend welche Beschränkungen zu erleiden. Aber die bürgerlichen I Rechte blieben ihnen doch, immer versagt, und obwohl sie auf das Eitrigste und Hertbaftestc für ihr ncueS Vaterland eiutraten, seine Schlachten mitkämptten tiiid in den Eolonien eines der wichtigsten Enltnrclemente waren, gelangten sie doch nicht in die Verwaltung des Heimatslandes, sie hatten keinerlei politisches Stimmrecht, und selbst im Eolonialdicnst waren die obersten Stellungen ihnen verschloffm. Dagegen beiaßen sie in ihren inneren Angelegenheiten die vollste Unabhängigkeit, eine sehr weitgehende Selbstverwaltung, und die ursprünglichen Ansiedler, die spanischen Iirden, hatten sogar gegenüber den später gekommenen Glaubensgenoffcn aus Deutschland und Polen eine Reibe bedeutender Vorrechte. So bildete sich in den jüdischen Gemeinden eine Art von Aristokratie heraus, die ihre Spitze in den Parnassim in 'Amsterdam fand, die sich fast unbeschränkter Machtvollkommenheit' erfreuten. Die'c seltsame Situation dattrrte bis zum letzten Drittel des nötigen Jahrhunderts fort, die Juden befanden sich gegenüber ihrer gedrückten Situation ganz wohl dabei, und die Holländer hatten sich über die Aufnahme der jüdischen Flüchtlinge nicht zu beklagen. Aber mit der fortschreitenden Entwicklung aller Länder begannen auch in Holland ffch neue Ideen zu regen, und die Juden singen an, sich nach den politischen Rechten zu sehnen. Nicht lange, so bildeten sic eine Gesellschaft, die den Namen „Felix Liberale" führte, und als die französische Ncvolution ausbrach Lind sich bald auch Hollands beniüch tigte, da gingen sic daran, bei der Ausarbeitung der neuen Verfaffung auch die Inden in Erinnerung zu bringen: Schon hatte man am -I.'Mär; 17ist! sich mit einer Petition an die ncngcwühltcn Gcneralstaaten gewendet, um auch in das Grundgesetz der neuen batavischcn Nepnblik einen Paragraph einznfügcn, der T>cn Juden volle Gleich berechtigung gewährte. Jndcß die Angelegenheit der Juden war der geictzgebenden Kämmer doch nicht so wichtig, wie ihnen selbst, zumal sich im Volke judenfeindliche Skimmcu regten, viele eifrige Republikaner die Inden, als treue Anhänger der Dränier, mit Mißtrauen bettachtcten, und selbst unter den Juden wollten manche von der Nenerung nichts ivinen. ' Ta aber-am 16. Mai 17'.*6 in der Verfaffung der Grundgedanke der religiöien Freiheit bereits niedergclegt war, so konnte es 'nicht mehr in Frage kommen, daß auch aus die Juden diese Bestimmung der Ver'aü'ung ausgedehnt werden mußte, und in der Thal arbeitete bald eine Eommiffion die ciinchlägigcn Bestimmungen ans, die dann am -. Sevtember angenommen nud am 20. September proclamirt u.:>. den. Haue dieie Emanzipation den bürgcrlictten Rechten der Inden ge o.-.-.-.i, so wurde im Jakre 17'.>> auch die jüdische Religion als gleich be.e.'.n:.,! >- vtaiint und davon in der Edarte Vermerk genommen. E:::.' Eo>:nsi>sjon, der hervorragende Juden angehörten, arbeitete ein ' ^: v aus. das die Beziehungen zwischen dem Staate und den jüdischen «Gemeinden zu regeln hatte, und traf folgende. Bestimmungen: Alle Reglenients über den jüdischen EuttuS sowie die Ernennungen zu den täoniistorien, sowohl dem Eentraleonsistorium wie dem localen, bedürfen der Genehmigung dcS EultuSministers, dagegen werden der Religionsr1 1 unterricht und die Rabbiner vom Staate: finanziell unterstützt. Diese Bestimmungen wurden erst 1848 etwas mddificirt, als man unter dem Eindrücke der allgemeinen Freiheitsbewegung auch den einzelnen Religionen mehr Selbstbestimmungsrecht einräupte und ihnen allmälig volle Freiheit gewährte, ihren Cultus nach eigenem Ermessen zu regeln. Die bürgerliche Gleichberechtigung bet Juden in Holland ist seit ihrer Emancipatton nicht ntchr ernsthaft: angetastet worden. Schon kurze Zcft darauf wurden einige Inden zu Deputtrten gewählt, und auch in die Beamtencarriöre gelangten sie; bald, wie sie auch in Heer und Marine rasch zu bedeutenden Stellungen kamen. Schon im Jahre 1861 wurde ein Jude, Ch. Godefroi, Jnstizminister; auch in anderen Berufen zeichneten sie sich aus und sind zahlreich an den Universitäten als Profefforen, als berühmte Aerzte und Juristen, als Dichter und Schriftsteller, als Künstler und Lehrer zu Bedeutung gelangt. Jetzt leben in Holland circa 100.000 Juden, w!ovon 40.000 sich in Amsterdam befinden, und sie haben allen Grund, mit ihrer Stellung in bürgerlicher Beziehung zufrieden zu sein. Aber die Holländer ihrerseits erkennen auch " an, und damit machen sic leider in der Neuzeit eine Ausnahme, daß die Emancipation der Juden sich voll bewährt hat, daß aus ihnen nützliche und tüchtige Bürger geworden sind und daß dem Staate durch die Emancipation eine Menge Intelligenz und materielle Kräfte zugesührt worden sind,s die ihm sonst verloren gegangen wären. Nach dieser Richtung hin bezeichnend sind die im Jahre 1842 dem Advocaten S. P. Lippmann voll den obersten Beamten des niederländischen Staates geschriebenen Briife, in denen das Betragen der Juden nach der Emancipattan ein« eingehenden Beurtheilung unterworfen wird. Alle diese hohen Beachten äußern sich lobend über die Resultate der Emancipation, und es etscheint in heutiger Zeit sehr angebracht, auf diese Documente, aus denen langjährige Erfahrung sprscht, hinzuweisen. - Es sind die folgenden sechs intereffanten Briefe: l. \ Nachdem die Israeliten während 47 Jahren theilgenommen an allen Rechten und Pflichten der niederländischen Bürger, aus einem völlig gleichen Fuße mit ihren anderen Mitbürgern flehend, hjtt die Regierung oft Gelegenheit gehabt, die sociale Veränderung ivahrzunehinen, durch welche dieser Theil der Bevölkerung, aitS seinem alten Standpunkte der Jsolirung herau-tretend, zu einer vollständigen Theilnahme an der niederländischen Rationalität berufen ward. Diese politische Emancipatton hat nach meiner: Meinung vollkommen der Erwartung ihrer ersten Urheber entsvrochen, und der niederländische Staat hat niemals diese Reform zu bedauern gehabt. Indem man einen Bergleich mit Anderen anstellt, findet man, daß besondere Umstände die Livilisation der Masse noch ausgehalten haben; aber sie hat doch den Beweis geliefert, sowohl 1813—1815 als 1830 und nachher, daß fie bereit ist, die Interessen ihre- Vaterlandes mit Kraft und als gute Staatsbürger zu venheidigezt. „ — Im Haag, den 19. April 1842. Dir Minister des Innern t Schim mit (pfenning v. d. O y e. l Auf Ihr Verlangen vom 18. d. mache ich' durchaus keine Schwierigkeit, vielmehr ist es für mich eine angenehme Pflicht, der Wahrheit zu huldigen, indem ich erkläre, daß die Zulassung der Israeliten zu denselben politischen Rechten, wie die anderer Staatsbürger, die in diesem Lande vor einem halben Jahrhundert erfolgte, die glücklichsten Resultate hervorgebracht, und daß fie sich alstreue und loyale Unterthanen, besonders in den schwierigen Verhältnissen, in denen fich das Reich der Niederlande befunden, ausgezeichnet haben. Ich habe die Ehre rc. Im Haag, den 20. April 1842. Der Minister der Finanzen R o ch u s s e n. III. Es ist mir eine angenehme Pflicht, der Forderung zu genügen, die Sie an mich gerichtet haben, indem ich Ihnen die schriftliche Erklärung zukommen . lasse, daß. wie die Niederländer im Allgemeine» sich durch ihren ruhigen Eharakter und ihre treue Anhänglichkeit an Vaterland und König ouszejchnen, ebenso diejenigen unter den Niederländern, welche die jüdische Religion bekennen, sich dapin ehrenvoll ausgezeichnet haben. In den letzten Jahren gab es in diesem Lande Gelegenheiten genug, Beweise von Pattiytismu» und Bürgertreue zu geben. Die Juden haben sich ihrerseits auf eine Weise hierin betragen, hie ihr Herz und ihren Geist gleich ehrt. Deshalb sind sie auch in unserem Baterlande allgemein als gute Bürger anerkannt und betrachtet. Die Regierung ehrt fie als solche gern, und persönlich empfinde ich ein wahrhafte« Vergnügen, daß Ihr Wunsch mir die Gelegenheit gibt, - diese« Zeuguiß zu Gunsten einer zahlreichen und achtenSwetthen Elasse von Niederländern abzugeden. Im Haag, den 21. April 1842. Der Justizminister van Hall.-