Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 214 (10.5.1896)
- Date
- 1896-05-10
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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ttrj 214 i Seite 3 Freie» „Verein der Deutsch-Nationalen", welchem er bis zur Aufstellung feiner! Viccbürgcrmeistcr-Candidatur angehört hatte, austretc», während er im Steinwender'fchen „Deutschen Verein" verbleiben durfte. Jene Teutsch-Volklichen, die es gerne gesehen hätten, wen» der Vcrwaltnngsrath a. D. Paul v. Pacher zum Bicebürgermcister befördert ' worden wäre, waren mit dieser Lösung der Candidatcnfrage um so unzufriedener, als Strobach einmal seiner Abneigung gegen die Deutsch-Nationalen Ausdruck gab, indem er unter Anspielung auf die Gebrechen einzelner Personen ausricf: „Die Deutsch-Nationalen bestehen aus lauter Kruniinen, Buckligen und Blödsinnigen." Das Ccgan der Tcutsch- Bolklichen nennt Strobach, der trotz seiner protestantische» Abstammnng ein ständiger Gast und Beisitzer clcricalcr Versammlungen sei, eine» „Strohmann", einen „Platzhalter", eine „vorgeschobene Figur", eine» „Einstweiligen" und einen „Trockenhaltcr". Auch wirft cs die Frage apf, ob Strobach die primitivste» Begriffe von jenem Anstandsgefühl besitze, das man im öffentlichen Lebe» fordere. Trotzdem parirtcn die Tcutsch-Bolklichcn dem Eommando dcS BürgerclnbS, und bei der am 6. d. M. vorgenommcnc» Bürgermcistcr wähl erhielt Josef Strobach die Stimmen aller Antisemiten ohne Unterschied der ParteifaLbe. Für Strobach stimmte auch derselbe Pacher, welcher einen Tag »ach der Wahl ein die „Platzhaltcrschaft" vcrdämmendes Schreiben, das er i»> April an Lueger gerichtet hatte, publicirtc und dabei Gcßmann, Ncumaycr rc. sehr dcspcctirlich bc handelte. Der »eugewählte Bürgermeister hielt eine Rede, welche die ihm von den Teutsch-Bolkliche» verliehenen Titel vollkonimen recht fertigte. Er sagte: Hochgeehrte Herren! Durch die heiüige Wahl wurde mir die au-zeichnende «ihre zntheil. zum Bürgermeister der Stadt Wie» gewählt zu werde», und ich danke allen jenen Collegen, welche mir ihr Pertraue» entgegengebracht habe». Ich weiß sehr genau, daß meine Wahl »up eigenthllmliche» Verhältnissen, insbesondere dem Umstande zuznschreiben ist, daß die Wahl desjenigen Manne», welchen wir als in erster Linie für den verantworlungSvollen Posten geeignet erkannt habe» und an welchem die Bevölkerung auch immerdar festhalten wird, die kaiserliche Bestätigung nicht erlangt hätte. Wichtige Fragen, welche zur Enischeiduug gelangen muffen, habe» die Partei und ihren Führer Tr. Lueger bestimmt, e» möglich zu machen, daß die Berwaltnng der Stade Wien in die Hände der Gewählten gelange und somit von der hiezn berufenen Köiperschast geführt werde. Das peisönliche Opfer, welcher Dr. Lueger gebracht hat, ist n»r im Jntereffe des Volke« erfolgt und muß auch in diesein Sinne ansgesaßt und gewürdigt werden. Wenn ich die Wahl annehme, ivaS ich hiemit auSd ücktich erkläre, so geschieht e« einerseits au« Parteitreue, andererseits au« persönlicher Freundschaft für Dr. Lueger, welchem ich gerne den Platz räumen werde, so bald die Zeit hiczü gekommen ist. Ich thue e» auch, weil ich erwarte, daß die gesammte Partei einig und fest zusammenstehen und mich i» dem schweren Amte, welche» ich im Falle der kaiserlichen Bestätigung Ubernehine, voll und ganz unterstützen wird, »m so den berechtigten Forderungen deS christlichen Volke« gerecht zu werden. Wenn ich mich an die unendlich schwere Ausgabe herangewagt habe, so geschah die», weil ich die Z isicheruitg der vollen Unterstützung meine» hochverehrte» Freunde- Dr. Lueger hatte, welcher in Partei kreisen erklärte, daß er, trotzdem er dem Wunsche de» Volke» nicht gerecht werden konnte, dennoch seine ganze Kraft seiner Vaterstadt Wie» zur Vcrsügung stellen wird. AlS geborener Deutscher bi» ich ei» treuer Sohn meines Volke» und werde mir stets vor Augen halten, daß die Stadt Wien eine deutsche Stadt ist und diesen Charakter bewahren muß. Al« treuer Oesterreicher werde ich mir immer vor Augen halten, daß die Stadt Wien die Reich-Haupt- und Residenzstadt de« Gesammt-Baterlande» Oesterreich ist und al« solche ihre volle Unabhängigkeit nach jeder Richtung hi» zu vertheidigcn hat. Als Christ fühle ich, daß e« meine Pflicht ist, im Sinne der Grundsätze des Christenthum« zu wirken und dem christliche» Volke, insoweit eS in meiner Krast gelegen ist, wieder zu zener Geltung zu verhelfen, welche eS nie hätte verlieren, sollen. Von diesen Gesichtspunkten au« geleitet, erkläre ich nochmal», die Wahl änjunehme». Nach dem Wahlacte machte eine vor dem Rathhanse angcsammclte Antisemitenschaar dem Dr. Lueger ihre Reverenz und ließ hie und da, gleichsam auS Mitleid, auch das neue Stadtoberhaupt hochleben. Die Begeisterung war aber im Ganzen so gering, daß nicht einmal gerufen wurde: „Nieder mit den Juden!" Eine lebhaftere Ovation als die Volksmenge bereiteten dem Dr. Lueger die antifcmitischcn Gemeinde räthe. Bald nach der Wahl fanden sie sich in einem Gasthausein, wo sich ihnen eine Anzahl rwn Nelkcn-Damen bcigesellte. Bei einem Festmahle wurden mehrere Toaste ausgcbracht. Strobach erklärte abermals, daß er sich nicht als Bürgermeister betrachte, sondern lediglich als Platzhalter für Dr. Lueger, dem er sofort den Platz räumen werde, wenn seine Zeit gekommen. Dr. Lueger dankte namentlich den Frauen für die Unterstützung, die sie der antisemitischen Sache zntheil werden lassen, und lud sie ein, sich an einer großen Ve.sammlung zu bctheiligen, die er für Dienstag den 12. d. M. in den Musikvereinssaal cinbcrufc» werde. Schneidermeister Wenzel Kubik feierte Dr. Lueger als — Messias. Statt Darüber, was von der Bürgermeister Aera Lueger, genannt «trobach, zu gewärtigen sei, kann nach dem Vorhcrgegangenc» kein Zweifel platzgrcifc». Nur der'Vollständigkeit halber nehmen wir davon Notiz, daß ein Wiener Eorrespondcnt des „Magyar Naplo" zwei Tage vor der Bürgermcisterwahl Unterredungen mit Dr. Lncger und Ltro dach hatte, worüber er'Folgendes berichtet: Dr. Lueger erklärte, er habe um die Audienz beim Kaiser nicht 'angcsncht, sondern der Kaiser habe ihn zu sich berufen. Worüber er sprechen könne,, war im Bor hinein nicht festgesetzt, und er habe .sein Herz »ach Lust ansschtttjen könne». Wovon die Red; war, könne er üatürlich nicht erzählen. „Doch kann ich," fuhr er ssrl,'„das sagenz l. Ich kann das Eo»l»iuniqn>- der antisemitischen Blätter über die 'Audienz nicht dcmcntircn, tvelchcs sogar von dem ofsiciösc» .Fremden Blätt' ohne jede Bcincrinng über »ommcn wurde. 2. Die Situation ist jetzt eine solche, daß ich nach der Unterredung mit dem Herrscher freiwillig ans die Stcllnng eines Bürgermeisters, verzichtete, und cs kann daher gar keine Rede davon sein, daß mich der Monarch auch zum zwcitcnmalc nicht bestätigt hätte. Ich habe als trcncr Untcrthan dem Wunsche des Monarchen in einer Sache gehorcht, in welcher die letzte Entfcheidnng durch das Gesetz in seine Hände gelegt ist. 4. Alles das geschah in solcher Weise, daß ich die ganze Angelegenheit als den »enesten Sieg der antisemitischen Partei betrachte." Ans die Frage des Eorrespondenten, ob der Verzicht wegen seines antisemitischen' Bekenntnisses odrr wegen seines Hasses gegen Ungarn gefördert wurde, antwortete Dr. Lueger: „Ich hasic die Ungar» nicht, »nr ihre vcrjndctc Regierung, die thatsächlich über einen großen Einfluß verfügt. Daraus können Sic entnehinc», was ich auf Ihre Frage antworten will." Auf die fernere Frage, ob Dr. Lncger als erster Vicebürgermcistcr die Angelegenheiten Wiens leiten werde, er - widerte derselbe: „Das ist doch klar. Ich werde mir sünnntliche wichtigen Angelegenheiten Vorbehalten, die Angelegenheiten geringerer Bc deutnng wird der Bürgermeister erledigen." Auf die Frage, wie sich der Antisemitismus Lnegcr's in seinem Regime zur Geltung bringe» werde, antwortete er: „Bei der finanziellen Gcbahrung, in der wirth schaftlichen Politik und bei den Ernennungen. Ich werde nur denjenigen ernennen, der mir beliebt, und daß dieser kein Jude sein wird, daS können Sic mir glaube»." Der Eorrespondcnt fragte mm-, wie sich das Vcrhijltniß zwischen Wien und Budapest gestalten werde. Dr. Lueger cntgcgnctc: „Lieber Freund! Das gehl mich als Vice bürgenucistcr sehr wenig an. Man hat geschrieben, daß man mich per Schub wcgspcdircn würde, wen» ich nach Pest käme. DaS möchte ich sehen. Dan» würde man mir hier in Wien einen Empfang bereiten, wie selbst Kaiser Fra»; Josef eines solchen niemals theilhaftrg geworden ist. Aber deshalb komme ich doch nach Ungarn. Kürzlich war ich in Fiume. Daraus entstand die Nachricht, daß mich ein Magnat nach Budapest cingcladcn habe. Ich koininc nicht nach Budapest, aber nicht ans Feigheit, sondern ich besitze dort und überhaupt in Ungarn "sehr viele Frcnndc, von denen ich nicht wünsche, daß sie jetzt gcnöthigt wären, Farbe zu bekenne», denn dadurch würde ich sie derzeit compromittire». Es kommt auch dafür die Zeit." „Verstehen Sic darunter die Volkspartei?" warf der Eorrespondcnt dazwischen. „Nicht nur diese," antwortete Dr. Lueger lächelnd und fügte hinzu: „Ich will »och Eines sagen. Es ist ganz richtig, daß man uns bisher nur im Wege der Prcffc und durch die Opposition beschimpfen ließ. Wir aber werde» nnn von amtlicher Stelle auS Ungarn gegenüber dasjenige sagen, was wir zu sagen haben." Der Eorrespondcnt verwies sodann auf die Zwistigkeiten unter de» Antiliberalen und auf die Möglichkeit eines baldigen Zerfalles der Partei. Dr. Lueger zuckte die Achseln u»d,vcr abschiedcte den Besucher mit den Worten: „Lassen Sie cs gut sein; meine Ideen werden auch noch in Ungarn Siege feiern." I» liebercinstiminnng mit den Acnßcriuigcn Lnegcr's sagte Strobach zum ungarischen Eorrespondenten: Der Bürgermeister könne unter den gegen wärtigcn Verhältnissen nur die Rolle eines Strohijianncs Lucger's spielen, der thatsächlich Alles erledigen und entscheiden hvcrde. Auf die Frage, weshalb Dr. Lueger abdanken mußte, und was er darübcx im Parteiclnb berichtete, antwortete Strobach: Man habe Alles, was ge schchcn, ausschließlich dem Einfluffc der ungarischen Regierung zuzu schreiben. Graf Baden! habe Dr. Lueger schon früher wiederholt ersucht, sich zur Audienz beim Kaiser zn melde», i'ijber der Elnb habe seine Einwilligung verweigert. Bezüglich seines künftigen Verhältnisses gegenüber Ungarn bemerkte Strobach, er werde wenig Gelegenheit haben, mit de» Ungarn in Eollision zn gcrathcn; nur auf wirthschaftlichem Gebiete werde er Alles thun, um Retorsion zu üben. Und was sagt zu alledem die Regierung? Die notorischen Ofsi ciöscn habe» Lueger nicht dcsavouirt. Dagegen machen die „Linie» Tiroler Stimmen" eine ergänzende Mitthcilung zu dem oberwähnten antisemitischen Siegcsbulletin. Das regierungsfreundliche clericale Innsbrucker Blatt schreibt: „Es ist nicht Alles, was bei-dcr Audienz ge