Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 214 (10.5.1896)
- Date
- 1896-05-10
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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jcdo bidtt. Nr. 214. Seit«, 2. tehrlinaswesen und tehrlinasbildung irn Gewerbe. Eine bekannte Phrase, welche die oft recht mißliche Lage des Kleingewerbeerklären soll, ist die, daß der in den Fabriken hcrangebildcte gewerbliche Nachwuchs nicht mehr jene vortreffliche Ausbildung genieße, welche den Handwerker der „guten alten Zeit" auszeichnete. Daß eint mangelnde gewerbliche Ausbildung der Lehrlinge und somit ein technischer Rückschritt des Handwerkerstandes überhaupt thatsächlich vorhanden ist und eine 'der Hauptveranlassungen für den Niedergang vieler (bewerbe bildet, haben wir selbst bereits wiederholt anerkannt. Nur liegt die Sache insofcrne etwas anders, als die Mängel, und Fehler der Ausbildung kcincswcgs auf die Rechnung der Großindustrie, sondern fast gan; und ausschließlich auf die der Handwerker selbst zu schreiben sind. Bor uns liegt der Bericht der k. k. Gcwerbcinspcctorcn über ihre Amtsthätkgkcit im Jahre 1895. Fast alle amtlichen Aufsichtsorgane sind in der Beobachtung einig, daß zwischen der gewerblichen Ausbildung jugendlicher Hilfsarbeiter und Lehrlinge in den Fabriken und in den Handwerksbetrieben eine große Berschiedcnheit bestehe, und daß ein Vergleich keineswegs zu Gunsten der Kleingewerbe ausfalle. Während die meisten Gewerbeinspectoken bei den diesbezüglichen Verhältnissen in der Großindustrie in den meisten "Fällen eine Beffcrnng zu constatiren in der Lage sind, werden die Berhältniffc im Kleingewerbe als anhaltend schlecht, ja geradezu trostlos geschildert, und einzelne Gewcrbeinspectoren sprechen sogar den Zweifel aus, daß cs in dieser Hinsicht jemalsbester werden könne. Während z. B. im Anfsichtsbezirke Wien wegen Nichtbefolgung der die gewerbliche Ausbildung jugendlicher Arbeiter betreffenden Vorschriften von den Fabriken kaum 15 Percent Anstände hatten, mußten von den Kleingewerben mehr als .'■0 Perceut beanständet werden. Die Erklärung hiefür liegt wohl^ darin, daß in den Fabriken die vielen im Kleingewerbe vorhandenen Mißstände entfallen, welche das dort übliche Wohnen des Lehrlings beim Meister mit sich bringt. Weiters ist das LchrlingSmaterial in den Fabriken ein relativ besseres als im Kleingewerbe, weil die Lehrdauer eine kürzere und die Arbeit in der Regel vou allem Anfänge an entlohnt ist, und endlich sind die Fabriken viel leichter zu überwachen als die Kleinbetriebe. Im Kleingewerbe, ivelchcs im Polizei rayvn von Wien circa 70.000 Betriebe zählt, ist das Lehrlingswcscn nach dem amtlichen Berichte derzeit noch ohne jede genügende wirksame Eontrole, nachdem die vereinzelten Jnspicirungcn des Gemerbeinspcctoratcs eine allgemeine Besserung nicht hcrbcizuführen vermögen und die meisten Genoffenschaften nicht in der Lage sind, die ihnen gesetzlich anvertrautc Borsorge für ein geordnetes LchrlingSivescu durchzuführen. Der genossenschaftliche Apparat ist viel zu unbedeutend, und die ganze Organisation — namentlich bei den großen Genossenschaften — nicht derart den localen Bedürfnissen angepaßt, um auch nur halbwegs diese schwierige Aufgabe erfüllen zu können. Hiezu kommt noch, daß in den letzten Jahren Parteiungen und Spaltungen im Schoße vieler Genossenschaften cingerissen sind, wodurch ein erfolgreiches Wirken schon von vorneherein vereitelt wird und die Lehrlingsfrage noch mehr als früher nur so nebenher läuft. Alle diese Umstände begünstigen die Fortdauer von (Gesetzwidrigkeiten, das Sichgehenlasscn und die Gleichgiltigkeit vieler Lehrherre» gegenüber den ihnen obliegenden Pflichten. Nur so ist cs begreiflich, daß bei den meisten Jnspiciningen kleiner Betriebe Anstände bezüglich des Lehrlingshaltens sich ergeben, daß beispielsweise Arbeitsbücher und Arbeiterverzeichnisse nur selten in Ordnung sind, daß die Anzahl der Lehrlinge zu groß ist, daß die Probezeit übermäßig lange — bis zu zwei Jahren — ausgedehnt und nur thcilwcise oder auch gar nicht in die Lehrzeit eingerechnet wird, daß willkürliche Bcrlängernngen der bedungenen Lehrzeit Vorkommen, daß Entlassungen ohne gesetzlichen Grund stattsinden, daß der Schulbesuch nur unregelmäßig oder gar nicht erfolgt, daß der Lehrling nicht im Gewerbe, sondern zu häuslichen Verrichtungen verwendet wird u. f. w. Daß unter solchen Umstände» die gewerbliche Ausbildung der Lebrlinge im Kleingewerbe viel zu wünschen übrig läßt, bedarf wohl nicht erst eines Beweises. Schon die eigcnthümlichc Entwicklung der Production, welche auch das Kleingewerbe zum arbritstheiligen Verfahren gezwungen hat, schließt es gan; aus, daß ein Knabe bei einem kleinen Meister heute jene fachliche Ausbildung genießt, welche ihn nach Ablauf der Lehrzeit zu einer 'alle Dheile seines Handwerkes beherrschenden Kenntniß führen würde. Es muß deshalb zu der praktischen Beschäftigung des Lehrlingsbei dem Meister eine weitere theoretische und technische Fortbildung treten, für welche in zahlreichen staatlichen und privaten Fortbildungskursen allerdings reichlich gesorgt wäre. Allein gerade hier verhalten sich die Hamdwerkermeister theils aus Egoismus, theilS aus Unverstand und Halsstarrigkeit vollständig ablehnend. Ja, der Bericht des Linzer Gewerbe-Inspektors spricht geradezu von einer „Abneigung der Meister, die gebotenen Bildungsmittel dem Lehrlinge zugänglich zu machen" und von einer „förmlichen Stellungnahme derselben gegen die beglichen Anstalten", welche eher in der Zunahme begriffen sei. So waren es im Vorjahre noch 7 Percent sümmtlicher Äleiumcister von Lin; und Urfahr, welche die ihrem Schutze empfohlenen Lehrlinge zur Fortbildung in die Staats-Handwerkerschule schickten, während es heuer (1895) nur mehr 4—5 Perceut sind. Aber auch bei dieser geringen Zahl wird der Schulbesuch nicht selten bloß durch den Einspruch der Eltern ermöglicht, manchmal aber auch trotz desselben von den Meistern noch verhindert. Ebenso trostlos schildert der Grazer Gewerbc-Jnspector die Lage, indem er schreibt: „Anläßlich des Versuches, ältere Meister davon überzeugen zu wollen, daß heute in jedem Bernfözweige eine Summe theoretischer Kenntnisse unumgänglich erforderlich ist, die nur durch andauernd steißigcn Schulbesuch erworben werden können, hört man nicht selten, ja regelmäßig die Einrede: ,Zn meiner Zeit war das Alles nicht da — und dennoch habe ich es zu einem gewissen Wohlstände gebracht? Oder die andere: .Entweder guter Lehrling oder braver Student — beides zugleich läßt sich nicht erreichen? Wird nun aber solchen Meistern entgegengchalten, daß gerade ihre Lehrlinge nicht nur keine Kenntnisse, sondern auch die relativ geringsten Fähigkeiten aufweisen, so kann man hierauf stets die leicht zu ahnende Antwort hören.Und ich soll den Zungen noch gar in die Schule schicken .... da bleibt ihm ja nur umsoweniger Zeit übrig, etwas Ordentliches im Geschäfte zu lernen!' Daß in derartigen Füllen jeder weitere Versuch, einer besseren Erkcnntniß Eingang zu verschaffen, auch fernerhin scheitern wird, ist leider als eine Thatsachc anzusehen. Das Einzige, was hiebei überhaupt angestrebt werden kann und wurde, war die thnnlichste Bedachtnahme darauf, daß der Lehrling unter den überhaupt erreichbar günstigen Verhältnissen wenigstens bei der gewerblichen Arbeit bleibe und nicht, wie sonst, vielfach in häuslichen Verrichtungen aller Art, seine Zeit sowie durch übermäßige Dicnstbotcnlcistungen und Mißhandlungen jede Lust zur Arbeit verliere, ja selbst durch gesundheitsschädliche Unterkunft und ungenügende Ernährung seine körperliche Entwicklung gefährde." Es wäre jedenfalls mehr im Interesse der Kleingewerbetreibenden gelegen, sich, statt auf die Großindustrie zu schimpfen, über diese Mißftände und über die Mittel dev Abhilfe klar zu werden. Nur eine systematische, viel weiter als heute gehende Ucberwachung der Kleingewerbcbetricbe kann der oft sehr weitgehenden Ausbeutung deS Lehrlings und der meist ebenso weitgehenden Vernachlässigung seiner Ausbildung steuern. Und das ist'nicht bloß im Interesse des Lehrlings, sondern, im Interesse des Handwerks überhaupt sehr zu wünschen. „Nur eine theoretische und praktische Durchbildung des Hilfspersonales kann dem Kleingewerbe Hilfe bringen!" heißt es in dem Berichte eines der Gewerbe Jnspectorcn. „Die Besserung der jetzigen Lage ist bei einzelnen Gruppen des Kleingewerbes noch immer möglich, hauptsächlich aber bei jenen, die noch auf lange Zeit von der Eoncurrenz des FabrikSbetriebcs verschont bleiben oder denen bei großer Mannigfaltigkeit ihrer Erzeugnisse noch genug Arbeit geblieben ist, die von der Fabriksconcurrcnz nicht berührt wurde; die tieferen Ursachen der heutigen unleugbar traurigen Lage des Kleingewerbes werden nur von einzelnen intelligenten Meistern erkannt. Diese bemühen sich dann auch in der Regel mit Erfolg, Artikel herauszufindcn nnd zu erzeugen, die ihnen noch auskömmlichen Verdienst bieten. Der weitaus größere Theil der Klein- _ gewerbetreibenden gibt sich jedoch — und das ist eine der betrübendsten Erscheinungen — einem resignirten Pessimismus hin, der jeden Versuch zur Besserung als aussichtslos erklärt. Jede Frage über die Lage deS betreffenden Handwerks entfesselt eine Fluth von Klagen über die erdrückende Eoncurrenz der Fabrik oder der Hausirer, über die Höhe der Stenern und Umlagen u. s. w." Die Miener Bürgermeisterwahl. Die vom engeren Comite des Bürgerclubs ausgestellte Liste der Eandidaten für das Gemcindcraths-Präsidium wurde am 4. d. M. von der Plenarversammlung des Clubjs modificirt. Ter von Vergani als Bürgenneistcr-Candidat begünstigte Viertdimensionale fand umsoweniger Anklang, als der Antisemiwnhäuptling mit dem „Deutschen Volksblatt" nicht zufrieden zu sein scheint. Schlesinger wurde fallen gelassen, und es wurden als Canisidaten nominirt: der Lehrmittelverschleißer Josef Strobach für den Posten eines Bürgermeisters auf Kündigung, Tr. Lueger für die erste und Advocat Dr. Josef Neumayer für dir zweite Bicebürgcrmeisterstelle. Letzterer mußte aber erklären, daß „die zerstörenden Bestrebungen der Herren Wolff und Schönerer der antisemitischen und deutsch-nationalen Bewegung schädlich sind", daß er dieselben verurtheile und mit den genannten Personen nichts gemein habe. Auch mußte er aüs dem gegen Lncger frondirenden