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Freies Blatt · 1896-05-10 · 214 (10.5.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
214 (10.5.1896)
Date
1896-05-10
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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t fr > Freies Blatt AbounrmeutSpreiS. Für Orflrrrrtch.Ungarn: Gangibrig ...» Bronrn (fl. 3.—) valbiälirig.... 3 Brontn 40 Hrllcr (fl. 1.70) Birrtrljührig. . . J Brontn (fl. 1.—) Für kaf gtfammte Jlullanb: wanijihrig. KalkiiUirig . Einjtlnr iilumnitrn 6 kr. « Mark 4 Mark llnfronkirtt Britkt wtrdtn nicht anotnommtn. Erscheint an jedem ^onntaae. 'Jicbactiou uni) NDmiiiiftratioii: L Lcilcrstiitte 10. vtitlcraK* trttbvit mit 20 Heller kr.) Hlr d«e viermal gespaltene 'KcmuareiflfKilc derechnet. Kleiner AnittAer daS Wort 4 Heller kr ). Ausnadme i>ou Inseraten in unserer Adunmllration sowie im -Ittnoncendureatt M 5uke-. t. Wollzeile Nummer 214. Wien, 10. JHai 1896. V. Jahrgang. Russen für die Rechtsgleichheit. (Qriginal-Mitlhrilung de» „Frtitn Blattes'.) Petersburg, 4. Mai. Um die Regierung Nikolaus II. in ihrer judcnfeindlichcn Politik zu bestärken,, gaben die Führer der antisemitischen Bewegung in . Rußland vor geraumer Zeit eink Flugschrift heraus, in welcher behauptet wurde, die Regierung Alexanders II. hätte den ursprünglich bestandenen Plan der Emancipation der russischen Juden deshalb aufgegcben, weil die damals eingeholten Gutachten der Gouverneure' über die Stellung der Juden im ökonomischen und finanziellen Leben dcS Reiches ein belastendes Material gegen die russischen Unterthanen mosaischer Konfession geliefert hätten. Die Flugschrift, deren Berfasier ein bekannter judenfeindlichcr Publicist ist, berief sich mit beispielloser Dreistigkeit auf Actenstücke, die in der sogenannten zweiten Ablhcilung der Kanzlei deS Selbstherrschers aufbewahrt seien und die Schädlichkeit der Juden deutlich bezeugen sollen. Daß diese Flugschrift auf^die umßgebenden RegierungSkreise in Petersburg einen den Juotn ungünstigen Einfluß übte, erhellt auS der Thatsachc, daß unmittelbar nach deren Veröffentlichung die Zuweisung von Grund und Boden an sogenannte ausgediente jüdische Soldaten zur Gründung von Ackerbaucolonien, welche Minister Jermolow stets befürwortet hatte, gänzlich eingestellt wurde. Nunmehr hat sich der bekannte russische Publicist Günzburg der mühseligen Aufgabe unterzogen, sämmtliche unter Alexander II. über die Juden cingeholten Gutachten auS dem Dunkel der Archive hervorzuholen und sie der Ocffentlichkcit zu übergeben, und dieses interiffante Werk liegt uns jetzt vor. Roch niemals waren officielle Actenstücke mehr geeignet, die Grundlosigkeit der gegen die russischen Juden erhobenen Anschuldigungen darzulegen, alS die von Gunzburg publicirten. Was aber den Werth der neuesten Publikation besonders erhöht, ist die Thalsache, daß sämmliche Gutachten die Gleichberechtigung der Juden mit der einheimischen Bevölkerung fordern, um „den Staat mächtig, reich und civilisirt" zu machen. Die unS vorliegenden Actenstücke sind auch für jene westlichen Staaten lehrreich, in welchen berufsmäßige Hetzer die Emancipation der Juden als Quelle aller Nebel erklären. In erster Reihe ist daS Gutachten zu verzeichnen, welches Fürst N. Orlow, der Chef der Staatspolizei unter Alexander II. und später russischer Botschafter in Berlin und in Paris, abgegeben hat. Dasselbe lautet: „Es wird gefragt, ob man die gesammten russischen Juden unter den gegen sie geschaffenen AuönahmSgesetzen belaffen oder ihnen alle Rechte einräumen soll. UnS scheint eS, daß diese Frage nur eine Lösung haben kayn: Man muß den Juden gleiche Rechte mit der orthodoxen Bevölkerung einräumen. Man muß ausländischen Juden gestatten, ungrhstzdert nach Rußland reisen und überall wohnen zu können. Man muß allen Juden daS Recht einräumen, im ganzen Reiche ungehindert Handelshäuser und Bankinstitute zu errichten. Dadurch wird die russische Industrie einen ungeahnten Aufschwung nehmen. Die fruchtbringende Thätigkeit der Juden wird in Rußland ein weite- Feld finden, und daS Reich wird daraus nur Ruhen ziehen." ES wäre ein Jrrthum, wenn man annehmen wollte, daß die vom Fürsten Orlow vorgeschlagene Lösung der Judenfrage nur die persönliche Ansicht dieses russischen Staatsmannes war. In einer diesem Gutachten beigegebenen Denkschrift befinden sich viele Urtheile von Behörden und ofsieicllln Körperschaften, welche einstimmig dahin laute», daß die Juden durch erprobten Palrio tiömuö und ehrlichen Gewerbefleiß dem Staate großen Nutzen bringen und daher der Gleichstellung vor dem Gesitzc vollkommen würdig sind. Während aber daü Gutachten des Fürsten Orlow die Eman cipation der Juden bloß in allgemeine» Worten fordert, bietet daS Gutachten deS damaligen Chefs i»i Südweslgebiete, Grafen KosakowSkij, erhöhtes Interesse durch die Details, mit ivelchcn er die Rolhwendigkeit dieser Cniancipalio» begründet, riosakowskij schreibt: „Wenn man daS Leben unsercp Inden genau betrachtet, so findet man, daß die gegen dieselben erlassenen AnSnahms gesetzt ihnen alle ehrlichen ErwerbSwegc abschucide». Die Beschränkung dcS Wohnrechtes der Juden ist eines der größten llebcl. Wenn man jedoch den Juden gleiche Rechte mit der orthodoxen Bevölkerung verleihen wird, so werden daraus dein Staate, den orthodoxen Einwohnern in den Eenlralgouvernenicnts und dein Südwcstgcbicte sehr große Borlheile erwachsen. Der Staat wird in den Juden ehrliche Untcrnchnier sinden, die alle tzicserungen und Bestellungen gut, billig und vorthcilhaft ansführen können, Während jetzt durch die AuönahinSstcUung der Inden die orthodoxen Untcrnchnier ihre begünstigte Lage dazu benützen, um den Staatsschatz auSzubeutcn; nur durch die ehrliche Concurrc»; der Juden könnte dieser Ausbeutung ein Ende bercilet werden. Die orthodoxe Bevölkerung in den EenträlgouvcrnenicnlS wird durch die Emancipation der Inden gewinnen, denn sic wird ihre Producte theuerer absetzen und ihren Bedarf an Lebensmitteln und änderen Sachen billiger erwerben können; ferner werden gute Arbeiten ehrlicher, billiger und prompter jüdischer Handwerker der orthodoxen Bevölkerung gioßc Borlheile sichern. Die christliche Bevölkerung deS SüdweftgebieteS endlich wird auS der Emaucipa tion der Juden deshalb Borlheile ziehen, weil sie in ihren Wohnorten nicht durch arme Jude» beeligt werden wird, welche die Regierung der redlichen Mittel zum Lebensunterhalt beraub:. In unserer Forderung nach Emancipation der Jude» bestärken uns die Wissenschaft und die Erfahrung'der europäischen Staaten., Die Geschichte Spaniens, Portugals, Frankreichs, Englands, Deutschlands und Hollands beweist zur Genüge, welchen Schaden die Beschränkung der Rechte der Juden anrichtrle und welcher Nutzen daS Ergebniß der Emancipation der Juden war. Holland hat zuerst die Gleichberechtigung der ^Juden proclamirt und die Judenbedrückung, diese Schmach deS Mittelalters beseitigt, die Juden haben sich dort durch BervoUkoniinnung der Wissenschaften und der Künste, durch Hebung von Handel und Industrie und durch Bermehrung deS Volkswohlstandes dankbar erwiesen, llnd so sehen wir denn, daß Wissenschaft und Erfahrung, Interessen der Regierung, dcö Reich.S und der orthodoxen Bevölkerung laut die Emancipation der Juden fordern." In gleicher -Weise trat Graf Stroganow, der damalige Generalgouverneur deS RoworossijSk-'GebietcS, in feinem Gutachten für die Emancipation der Juden ein. So beschaffen sind also die Actenstücke, welche die Judenfeinde in Rußland als Kundgebungen gegen die russischen Unterthanen mosaischer Confessio» bezeichnctcn. Eine größere Entstellung der Wahrheit, eine gemeinere Urkundenfälschung kann inan sich kaum vorstellen. Die aus halbvcrgangencr Zeit herrühreuden Actenstücke enthalten durchgehends beredte russische Stimmen für die Rechtsgleichheit. _ ' Argus.

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