Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 213 (3.5.1896)
- Date
- 1896-05-03
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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) Seite 8. freier «Vom Satholischkll Schulvrrcillk.) DaS „Vaterland" berichtet über eine Reihe von Versammlungen deS katholischen Schulvereins. Zn einer Bersammlung der Pfarrgruvpe Penzing traten alS Festredner Prinz Alois Liechtenstein und der gräfliche Eooperator MelS-Colloredo auf. Ter Prinz hielt einen Portrag über die Nothwendigkeil confessioneller Schulen „jur Erhaltung und Befestigung der Religion, dieser besten Stütze des Staates", und eS ist ihm da ein sehr kostbares Geständniß entschlüpft. Zn einer Persammlung antisemitischer Wähler würde sich dieser Unsichrer der Christlich-Socialen wohl gehütet haben, die confessionelle Schule andelS alS mit dem „Bedürfnisse" nach der Trennung arischer'und semitischer Kinder zu begründen; in einer Versammlung deS Katholischen Schulvercins konnte er aber ungescheut seiner wahren Auffassung der Frage Ausdruck geben >md zeigen, daß er den Boden, von dem aus er einst seinen SchnlaNtrag eingebracht hat, auch heute trotz seiner christlichsocialen Häutung nicht verlaffen hat. In dieser Versammlung waren, wie da« „Vaterland" berichtet, auch die Herren Geineinderäthe H r a b a und Rauer, sowie die_Be;irksansschüsse Bauer und G u se » l e i t h n e r anwesend. Zn einer andere» Versammlung, jener der Psarrgruppe RudolsSheim, deren Ob- Mann Gemeinderath Leopold B r a u n e i ß ist, sprachen Landtagsabgeordneter Tr. K » pka und der obenerwähnte Cooperator, ferner bewiesen die Gemeinderäihe S e i ch e r t und P l a t t-e r. sowie die Bezirksausschüsse Köck, B a r t a, Schul; und Stix durch ihre Anwesenheit dem Katholischen Schnlvereine ihre Snmpathie. Weitere Bemerkungen, meint ein um die Abwehrbewegung verdienter „Schrislleiter" eines teutzch-volklichen Blattes, können füglich unterlassen werden, da ja obige Feststellungen völlig genügen. — Der Obmann der Psarrgruppe St. Brigitta, der Kanzlist der Iiordbahn Franz Kral, lvurke ausdem Katholische» Schulvcrein ausgeschlosten, weil er laut Angabe eines Circular« de« Tr. Ca'par Schwarz „den Vereinszweck geschädigt bat und den unzähligen Schrillen, welche die Ccntralleitung behufs Beseitigung der in der Pfarrgruppenleitnng herrschenden Mißstände unternommen hat, sich beharrlich widersevte". Kral verlor zugleich auch die LbmannSstelle in dem Antisemitenvereine „Kernige Brigittenau« r", woselbst Gemeinderaih Loren; Müller zu seinem Nachfolger gewählt wurde. «Schönerer in Saaz.» Man.schreibt uns au« Saaz: Etwas verspätet komme ich erst dazu, Ihre» Lesern Einiges über den Verlauf der am Ist. April hier abgebaltene» 47. Versammlung de« „Bunde« deutscher L a n dwirthe in der Ostmark" zu berichten. Allein die Sache dürste, trotzdem sie bereits historisch geworden ist, nichts an Heiterkeit eingebüßt haben. „Schönerer in Saaz" ist an und für sich ein ganz heiteres Zusammentreffen von Personen und Dingen. AlS Schönerer wirklich »och Povularität, ein ReichSralbsmandat und den Adel besaß, zog er e« vor, unsere Sladt auf seine» politischen Gastipielreisen lieber nicht zu berühren. Heute versuchen e« ein paar Oberländer, welche bei der wirihschaftlichen Bekämpfung ihrer jüdischen Eoncurrenten in dein Antisemitismus eine brauchbare Dafse erblicken, mittelst der längst verblaßten Popularität Schönererihren deloyalen Bestrebungen in unserer Sladt leichter Eingang zu verschaffen, und Schönerer, welcher in der hochgehenden Wiener Bewegung der -Niemand ist, greift mit beiden Händen »ach diesem Anlässe, um sich hier in Teutschböbmen noch einmal auf den Führer der „Teulichen in der-Ostmark" binauSspielen zu können. Allein so naiv, wie Schönerer glaubt, sind die Saazer nicht. Neugierde trieb,wohl zahlreiche Bauern auS der Umgebung hieher, weil man ja hierzulande nicht alle Tage einen so meikwürdigen und komischen Kautz, wie den gegen die Juden eifernden, zur Mage deS Schmuel-Lreb-Kohn gehörigen anticapitalistischen Millionär von Rosenau sehe» kann. Zndeß siel e« den braven Bauern wohl kaum ein, damit ihren Abfall von der Sache des wahren Teutichchums und der Freiheit bekunden zu wollen. Als ein besonders heilere« Moinent ver- .dient bervorgehoben zu werden, daß die Musikcapelle, welche zum Emvfang Schönerer « ausgerückt war, beim Erscheinen derselben de» — Lueger- Marich inlonirte. Als dann die Wagen in langsamem Tempo — vermuthlich um den Eindruck einer nichlendenwollenden Eolonne hervorzuruse» — \ in die mit wohlgezählten vierzehn Fähnchen decorirte Sladt einzoge», winkte f dem ..leut'chesten" Mann in der Ostmark auch von der Dechantei eine schwarzgelbe Flagge entgegen. Tiefe Fahne und der Lueger-Marsch mochten dem ahiiung«- vollen Engel aus Rosenau wohl gesagt haben, für wen er auch hier, wie allezeit in seinem Leben, dew Acker bestelle, wenn überhaupt von einem Erfolge die Rede sein kann. Taß e» in Saaz thatsächlich ein Häuslein von Menschen gibt, «reiche an den Antisemitismus Erwartungen knüpfen, soll nicht geleugnet werden: in welchem Sinne sich diei'e Bewegung -aber ansleben würde, das zeigten die beflaggte Teäiantei und der Lueger-Marsch. - Schöneier würde ebensowenig «vie in Wien au« dieser Bewegung Prosit ziehen, unh auch jene, leider an verantwortungsvoller Stelle stehende» mattherzigen Patrone, welche zur Begrüßung Schönerer'« herbeiliesen, würden sich durch solche Opfer de« Geiste« und des Charakters ieinesweg« ihre dieherige öffentliche Stellung auch für die Tage einer antisemitischen Majorität sichern. Zm Uebrigen kann davon wohl keine Rede sein. T>r bürgerliche Bevölkerung der Stadt benahm sich der Schönerer-Koinödie gegenüber äußerst nüchtern, und die großen Ovationen einer vieltausendköpfigen ' Bolksmenge, welche den geliebten Führer mit angeblich nichlendenwollenden Beifallsrufen begrüßte, existirren bloß in den wahrheitsliebenden Berichten der Statt. Nr. 213. „Nationalen Zeitung" und ähnlicher Blätter. DaS ganz« Fest überschritt nicht die Dimensionen eines ansehnlicheren Taufschmause«, und nichts war in de» gewechselten Reden neu, nicht einmal die AuSlaffungen Schönerer« gegen seinen jedenfalls glücklicheren Concurrenten Lueger. Tie bekanntlich sehr, lebenslustigen Saazer fanden die Poffe doch allzu langweilig, und heute spricht keine Seele mehr davon. (Tie Affairr Stöcker-Krause.) Der Parieirath des „W ahlvereins der Berliner C o n f e r v a t i v e n" hat sich unlängst mit dem Zwist zwischen Stöcker und dem Obersten v. Kraus e, insbesondere mit der Schrift deS Letzteren gegen Stöcker, in fünfstündiger Sitzung beschäftigt. DaS Ergebniß der Verhandlungen war die Annahme folgender Resolution: „Ter Parteiralh des Berliner Conservativen Wahlverein« hält in allen Punkten fest an der Einigkeit der Partei. Der Parteirath hat die Broschüre deS Oberste» v. Krause nicht veranlaßt und identificirt sich damit nicht. Er muß jedoch die Angriffe, die aus dein christlich-sociale» Parteitag gegen die Eonservativen gefallen sind, durchaus mißbilligen." Ein Antrag de« OberverwaltungSgericht»- rathe« Hahn, die Mißbilligung über die Krause'sche Schrift auszusprechen, wurde abgelehnt. Aus antisemitischen Blättern. «Zur Geschaftspraxis drr Mechitariftru in Wien.) Wie unseren Leser» schon bekannt, geben die ehrwürdigen Patres vom Orden de« heiligen Melichar, ui» ihre«» tiefgesühlten GeschästSbedürfniffe zu genügen, eine verstüinmelte und verschliminerte alte Verdeutschung deS Schulchan Aruch heraus. Um Kunden zu locken, setzen sie eine Fiction in die Welt, als wäre der Text in einer Geheimspräche versaßt, die nur wenige Menschenkinder» bekannt sei. Hebräisch ist aber Zedermann gar leicht zugänglich, und tüchtige Uedersetzer für ein hebräisches Werk sind für ein bescheidenes Honorar ohnewciters zu gewinnen. Die Mechitaristen verinieden jedoch eine solche Ausgabe als überflüssig, indem sie sich an eine durch ihre vollkommenste Unkenntniß der alljüdischen Sprache weit in der Welt berühmte Autorität uin Rath und Hilfe geivandk haben. Ter Moniteur deS Mühldorfer Ehrenbürgers bringt nämlich am Schluß einer Anpreisung — selbstverständlich unter anderen zum Zweck gehörigen handgreiflichen Unwahrheiten — folgende Auslassung und Enthüllung: „Bisher ist es den Juden gelungen, ihre religiösen Schriften in ein fast undurchdringliche« Dunkel zu hüllen, und jeder Versuch dieses Dunkel zu lüften, «vurde init allen möglichen Mitteln von ihnen zu verhindern gesucht." Daraus folgt der Hauptsatz: „Der Herausgeber Dr. Josef Deck e rt konnte die ersten 160 Paragraphe de« Buche» Orach Chajim mit der bisher erschienenen Ucbersetzung de« Dr. v. Pa» ly vergleiche» und constalirt, daß die Uebersetzung L o e «v e'S mit der de» Dr. Parlq in allen wesentffchen Tingen vollkommen üdrreinstimmt." Dieser Pavlh, eine dunkle Existenz, nach deren näherer Bekanntschaft verschiedene Polizeibehörden sich sehnen, ist in Bezug aus Kenntniß de« Hebräischen dem Pfarrer Dr. Decker« zuin mindesten ebenbürtig. Seine Ausgabe des Schulchan Aruch war nur eine Verböserung der Verdeutschung Loewe's, weiter nicht«. Man darf fragen, «vie etwa ein Gymnasiallehrer dreinschauen «vürde, wenn ihm Jemand eine alle und .kauin brauchbare Uebersetzung von Cornelius Nepos in neusprachlicher Bearbeitung alS eine Originalarbeik vorlegen möchte. Ein derart univiffenschastlicheS uns unanständiges, rein auf geschäftliches Jntereffe abzielende« Vorgehen würde seinen ärgsten Spott und Hohn herausfordern. Sind aber einmal die Juden iin Spiel, dann freilich ist auch ein solche« Treiben löblich, zumal wenn c« von geistlicher Seite aus geschieht. - Dr. li 8. «Tie um TLhring gegen Lange.) Im „M o d e r»e n B ö l k e r-g e i st", dem Organ der Dühringsche» CultuSgeineinde, «vird Dr. Friedrich Lange als ,,Teuls'chrhum-Parasit", als „richtiger Hebräer-Agent" :c. in Acht und Bann gclhau,- In der Begründung deS VerdaminungSurtheils »vird zwar die Hauptschuld Lange's, der sich dein gewaltigen Dühring gegenüber nicht genug ehrerbietig benommen hat, derschiviegen, daiür aber folgende heitere Schilderung der kleineren Sünden de» Miffethäter« zuin Besten gegeben: „Wo Herr Lange ans Einzelfrogen zu sprechen koinmt, faßt er sie völlig verquert und rückständig an, geivöhnlich aber drückt er sich mit seinem allgemeinen Phrasendunst um die bestiminle Beantwortung herum. Besonders volkswirthschaftlich ist er ein Ignorant. So schimpft er, wvhlgemerkt iinmer iin Allgemeinen, auf die Börse u»d kokettirt mit dem Bunde der Landivirihe; wie aber in jeder Einrichtung sich eine sozusagen gesellschaflS-technische mit einer politisch-personalistischen Seite vereinigt findet, davon hat er nicht die geringste Abnung. Gerade die Behandlling der politisch-wirthschaftlichen Einzelfragen ist daS Allerschwerste. Hier mach! Herr Lange sich aber die Sache beguem und ruft einfach nach dem sociale» Königthnm. Je mangelhafter aber die Einzelkenntniffe sind, über die Herr Lange verfügt — jeder gewöhnlich« Jnteressenpolitiker, der ernst genommen werden will, muß bedeutend mehr davon auszuweisen haben — desto eingenommener von sich selbst zeigt er sich. Er glaubt, daß die Welt sich den Kopf darum zeibreche, ob er Idealist und Schwärmer oder ein rasfinirter Geschästspolitiker sei. Wer jedoch die Schreibereien de« Herrn Lange länger liest, dem muß Jdealismu« und Schwäimerei gründlich vergehen, eS bleibt also nur der Geschäfts- und EilelkeitSpolitiker übrig, wenn auch kein rasfinirter, sondern ein recht plumper."' Auch bei anderen Wortführern de« Antisemitismus verhält e«