Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 213 (3.5.1896)
- Date
- 1896-05-03
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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F Seite 6. freie» feint Spur ihrer Provenienz aus der Kanzlei deS Tr. Starke! wahr» zunehinen gewesen, und man habe nur. ans der Schrift erkannt, daß dieselbe die eines Mundanten fei, der im Dienste des Tr. Starkel stehe, letzterer habe, sagte Tr. Urantschitsch, diese Eingaben in Sectionssitzungen befürwortet, und in zwei Fällen sei er sogar Referent gewesen. Tr. Urantschitsch stellte fest, daß ein Rechtsanwalt, der im Gemeinderathe den Gegenstand seiner Partei vertrete, unzweifelhaft in eine Pflichtencollision komme. Er führte sieben Fälle an, in welchen eine solche Eollision stattgefunden habe, und der Richter ließ den Wahrheitsbeweis zu. Nachdem die Berhandlung durchgeführt worden war, erfolgte das eingangs erwähnte freifprecheude Erkenntniß. Ten Freispruch begründete der Richter damit, daß die Zeugenaussagen die Schuld des Geklagten nicht ergeben haben, nizd wenn es auch der Fall gewesen wäre, so müßte dennoch eine Freisprechung erfolgen, da der angetretene. Wahrheitsbeweis in allen Stücken als gelungen zu betrachten fei. Tr. Starkel meldete gegen dieses Urtheil die Berufung am Bekanntlich ist Tr. Starkel neben Hern Feichtinger, der sich seit Kurzem in Untersuchung befindet, einer der Hauptmatadore der Grazer Antisemiten. — Am 20 April wurde in Graz der von Tr. Starkel vertheidigte antisemitische-Gastwirth Franz Winkler wegen Ehren beleidigung zu sechs Wochen Arrests verurtheilt. «Das BlutmärchkN in Mähren.) Wie alljährlich beim Herannahen der Osterzeit verbreiteten auch dieses Jahr verschiedene antisemi» tische Blätter eine gruselige Geschichte, wonach der jüdische Kaufmann Mori; Möller in M ä h r i sch 'T r ü b a u seiner Tienstmagd Philomena Waclawek des Nachts mittelst Nadelstichen an den Gelenken der Arme und Beine Blut abgezapfl habe. Möller hatte durch diese «Gerüchte viel zn leiden und mar sogar gefährdet, weshalb er selbst die Einleitung der gerichtlichen Untersuchung begehrte. Es ergab sich, daß die Mägde Sone Remluwil nnd Emilie- Schwab das Märchen verbreitet hatten: sie wurden verhört und gaben an, die Waclawek babc ibnen mit eigenem Munde erzählt, was Möller deS Nachts an ihr vorgenoinmen habe, mit dem Beifügen, sie sei am Morgen hievon ganz matt und schwach gewesen. Nun wurde die Waclawek alS Zeugin vorgelade» und gestand, sie babe Derartiges allerdings den beiden -Kameradinnen erzäblt, allein sie habr ihnen nur einen Bären auf bin den wollen und sie nicht für so dumm gehalten, daß sie ihr glänben würden. In Wirklichkeit sei Alles erfunden, eS sei i>,r im Hanie Möller s nichts geschehen, derselbe fei reich genug, sich Blut zu kaufen, wenn er wirklich solches benölhigen sollte: sie glaube dieS aber nicht, zum Beweise denen sei sie auch jetzt ivieder bei einer jüdischen Familie im Dienste. Taraufpin wurde die Boruntersuchung gegen Möller, die wegen ösientlicher Gewaltthätigkeit geführt worden >var, mangels jeden ThatbestandeS eingestellt, nachdem auch die Gerichts arfre die ganze Geschichte als sinnloses Märchen bezeichnet hatten. Dem Möller wurde auch ein SchuldlosigkeitS;engniß ausgestellt. Sein Bertrcrer erhob nunmehr aber gegen die Urheberin des so gefährlichen Ge- ' rüchtes, gegen die Waclawek/ die Klage wegen verleumderischer Ehren beleidigung, worüber es dieser Tage bei dem,Bezirksgerichte Mährifch- Trüban zur Berhandlung kam. Tie angeklagte Magd änderte mit 1 einemmale vollständig die Darstellung, denn sie trat vor dem Richter j mit der Behauptung aur, sie habe früher die Unwahrheit! gesprochen, sie sei wirklich mit Nadeln gestochen worden. Ta nun | entweder dre eine oder die andere Angabe fatsch sein muß, brach der . Richter die Berhandlung ab und verkündete den Beschluß, den Act der StaatSauwallichaft abzulrete» zur Feststellung, ob die Waclawek sich des Berbrechens der falschen Zeugenaussage schuldig gemacht habe. tGalizischcs Bolksschulwcscn.» Das polnische Fachblan „Skolltictivo" entwirrt in einem Berichte über das BolkSschulwesen in Gali.ie» ein gerade;» schauerliches Bild von dem betrübenden Zustande Desselben, oit der Einleitung deS Berichtes heißt eS: »lieber den Stand des Bolksschulwesens in Galisien und die Lage der Lehrerschaft dringen; nur ab nnd zu vereinzelte Mittheilungen in die Fach- und politische! Presse, aber meist von nicht berufener Seite: dieselben reiche» für eine! richtige Information nicht aus. Unter der fchnlpolitlschen Sonderstellung - "'alisiens haben sich in dieiem von der Natur reichgei'eguelen Lände ' >uil, mehr als sechs Millionen Einwohnern ganz eigenartige Schuli tnnande herausgcbildet, wie man solchen sonst in ganz Sesterreich nicht : begegnet, nnd namentlich die Bolksschule ist zum Experimentirobjecte! unberufener Veute geworden, die ohne eingehende Keunlniß der Natur des Bolksschulwesens und der allgemein gütigen pädagogischen Grund! sätze die Entwicklung der BolkSbildung in Galisien auf Jahrzehnte j lnnans stören und beeinträchtigen. Tie Bolksschule in Galizien ist in den Tienn einer politischen Partei, der Eoniervativen, gestellt worden, welche den Adel »nd die durch Sonderinteresien mit ihr verbundenen Kreise und einzelne leitende Persönlichkeiten aus den bürgerlichen Gesellschaft umfaßt. WaS den Anhängern der herrschender Partei sonst als ' 8lat«. Nr. 213 nahrhafte Kost erscheint, soll für den Landmann, den Klein- und Ackerbürger in Galizien gefährliches Gift sein. Diese Lehre hat sich in den Köpfen wie in der Praxis der Eonservativen bis auf den heutigen Tag erhalten und beklagenswerthe Consequenzen zu Tage gefördert. In dem Programm der galizischen Eonservativen bedeutet die Erhaltung der Bauern und deS zahlreichen-ackerbautreibenden Kleinbürgerstandes nichts Anderes als die Erhaltung dieser volkreichen Elasten in der bisherigen Unwiffenheit und Unfreiheit!" Das „Skolnictwo" berichtet auf Grund eines officiellen Ausweises des galizischen Landesschulrathes, daß eS im Lande 4 Millionen Analphabeten, 3000 Gemeinden ohne Schulen, 2000 wegen Mangels an Lehrkräften gesperrte Schulclaffen und 1000 Lehrpersonen gibt, die keine Lehrbefähigung besitzen. Demselben officiellen Berichte gemäß mußten Ende 1305 744.000 normal entwickelte, bildungsfähige Kinder im-schulpflichtigen Alter, trotz der Ein richtung neuer Bildungsanstalten, aus Mangel an Lehrkräften ohne jeglichen Unterricht bleiben. WaS Wunder, daß durch eine solche geistige Verwahrlosung des galizischen Landvolkes dieses noch immer auf einer sehr niedrigen Stufe der Intelligenz sich befindet und dadurch de greiflicherweise in immer größere materielle Nothlage geräth,. in welcher eS einerseits fein Heil in der Auswanderung sucht, andererseits auch sich von geistlichen und weltlichen Demagogen bethören läßt. So das Organ der galizischen Bolkslehrer. Die Wiener antisemitischen „Schrift leiter" und Bersammlungsredner, die ja Alles bester wissen, erzählen aber ihrem Publicum: Wenn es dem galizischen Landvolke schlecht geht, so trage daran niemand Anderer schuld als der Jude.' (P Heinrich v. Trcitschke.) In Berlin ist am 23. April der geheime RegierungSrath Heinrich v. Treitschke im Alter von 62 Jahren gestorben. Treitschke hatte, obwohl von Geburt Sachse und anfänglich liberaler Gesinnung, sich später alle jene Eigenschaften angeeignet, welche ihn zum preußischen Hofhistoriographen befähigten und znm Lieb linge der bekannten „Stützen von Thron und Altar" machten. Mit vielem Temperament ausgestattet und voll von zeitgemäßen, hoffähigen Borurtheilen, aber ohne die kritische Ruhe und- SelbstverlengnungSkrast deS Historikers, war er wenigstens vom wiffenschaftlichen Standpunkte die ungeeignetste Person, welcher die Nachfolge Ranke's übertragen werden konnte, Treitschke hatin seinem Hauptwerke, der „Deutschen Ge schichte im XlX. Jahrhunderte", die nun unvollendet "geblieben, seinen politischen Parteistandpnnkt und seine persönlichen Empfindungen nie verleugnet, wo eS sich darum gehandelt hatte, inmitten des hochgehenden Parteienkampfes den ruhigen, geraden Weg der Wistenschafl zu wandeln. Tementsprechend löste sich seine „Deutsche Geschichte" im weiteren Berlauf immer mehr in episodenhaften Schilderungen und in einer estani Nischen Form auf. Wenn Treitschke nach jeder Richtung hin sich als eine merkwürdige Berqnickmig an Geistreichthum und Bornirtheil erwies, so kam dies bei seinem Indenhaste besonders kräftig zum Ausdruck. Sein Antisemitismus war vielleicht, wie alle seine Anschauungen, auf eine rein persönliche Empfindung znrückzuführen, er nahm aber auch in dem Denken und Wirken deS Historikers, Politikers und Professors einen breitem Raum ein. Tie ">ciedermetzelung jüdischer Größen in Literatur, Kunst und Politik gehörte zu den Lieblingsbeschäftigungen Treitschke's, und der geheime Regierungsrath konnte dabei mitunter ebenso der Wahrheit wie dem Anstande mit offenen Auge» zuwiderhandeln. Sein im Jahre 1880 erschienenes Buch „Ein Wort über nnser Iudenthum" reihte ihn unter die sogenannten wiffenschaftlichen Begründer deS Antisemitismus ein. Wir haben wahrlich keinen Grund, ihm eine Thräne nachzuweinen. -Antisemitismus in der Schule.) In Erfurt ist es, wie die Berliner „Mittheilungen" berichten, bei der Einführung eines neu ernannten Oberlehrers zu einer peinlichen Scene, gekommen, deren Urheber der Tirector des dortigen königlichen Realgymnasiums, Toctor Za »ge, ein ausgesprochener antisemitischer Parteimann ist. Ein in allen Kreisen der Stadt Erfurt hochangesehener jüdischer Lehrer, Toctor Pick, bekannt als Historiker nnd AlterthumSforscher, der bisher an einer höheren Handelsschule thätig gewesen, ist von der königlichen Regierung zum Oberlehrer am Realgymnasium ernannt worden. Beim Wiederbeginn des Schulunterrichtes nach den Osterferien benützte nun der Tirector den Einführungsact, um vor versammelter Schule seinem Unwillen über die Ernennung des neuen Lehrers Ausdruck zu geben. Ter Tirector erklärte nach der Borstfllung des Tr. Pick offen, daß er alle ihm zu Gebote stehenden Mittel zur Hintertreibung der Wahl desselben versucht habe: selbst weite Reisen habe er nicht gescheut. Sein Streben sei jedoch erfolglos gewesen und Herr Dr. Pick zum Lehrer au der Schule ernannt worden. Er betrachte dieses als einen Mißgriff: die Zahl der jüdischen Schüler am Realgvntnasium sei so klein, daß sich die Ernennung eines jüdischen Lehrers nicht rechtfertigen laste. Trotzdem sei dieselbe erfolgt, und er könne nur noch den Wunsch aussprechen, daß Herr Dr. Pick stets unparteiisch handeln und in seinem