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Freies Blatt · 1896-05-03 · 213 (3.5.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
213 (3.5.1896)
Date
1896-05-03
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 213. < Freie» noch um die Erhaltung ihrer (Geistlichkeit. Es ist eine freche lieber hcbung irgend einer Dcete, gleichviel welcher, stch als die .Kirckic der Bereinigten Staaten', die andere als .DisientcrS';u bezeichnen, und ebenso ist es eine Ueberheduilg irgend eines kirchlichen WürdcnlrügcrS. sich etwa den Namen eines .Bischofs von Pcnnsnlvanicn' oder einen ähnlichen nach irgend einem Staate der Union z» geben. Tic Bcr fasinng, die politische Idee/ die Berwallnng der Bereinigten Diaaien kennen keinerlei Kirche oder 3cctc. “ Ter Ö'cift, der einst die (Gründer der Union leitete, war nicht der von irgend einem beschränkte» Dcetcnstandpunkt bccinflnßle, es war ei» Geist, der den Werth jedes Glaubens anerkannte, sich aber über alle erhob. DaS Ideal der (Gründer der Union war: ,.die (Gerechtigkeit zu schilpen, die allgcincinc Wohlfahrt zu fördern »nd die Wohlthaten der Freiheit zu sichern für die (Gegenwart unddie späte Zukunft". In dieser Weise hat sich die Gewissensfreiheit in den Bereinigten 3Milten entwickelt nnd diese zu dem freieste» Z'ande der Welt gemacht. (Das Urbild Shylock s.s In der am 24. Mär; staltgesnndenen Bcreinsvcrsammlnng der „Union" hielt Herr Univcrsitälsdoeenl Dr. l'con Kellner einen fcsiclndcn Bortrag über das Urbild Dhnlock's, dem wir' folgendes entnehmen: Die (gestalt des Jude» Dlinlock in Dliakc spcarc's „Kaufmann von Bcncdig" hat von jeher das (belehrten und l'aienpnblicnm lebhaft intcrcfsirt, Feinde nnd Ircundc der Iltden haben den Dichter »ach ihrem Gutdünken intcrprctirt, geistreiche Vcutf nnd trockene Bnchmcnichen habe» sich an dem Räthsel versucht. Denn räthselhaft wie keine zweite gestalt Shakespeares ist Dlmlock in mehr als einer Beziehung, nnd viele Broblcmc knüpfen sich an diese (Gestalt. Wo aber hat Shakespeare daS Material zu scincm Dhnlock gesunden, nnd wie ist derShylock vom Dichter gedacht'? Für den Mob. auch für den gelehrten Mob, ist cS ei» Dogma, dag der dichter in Dlmlock ein wohlgclungcncS Porträt des Iudcnihnms geliefert hat: die Frage »ach dem Urbilde Dhnlock's erledigt sich dann ganz von selbst: der erste beste Jude von der Straße war ein gccigneics Modell! Aufgeklärte Shakespeare Forscher dagegen, welche die Juden nnd ihre (beschichte kanntcii nnd auch wußten, daß der Dichter auf dem ganze» Erdcnrundc nnmöglich einem' Dhnlock begegnet sein konnte, daß er aber in England nnd im benachbarten Frankreich keine (Gelegenheit Hane, einen Inden überhaupt zu scheu, denn ans beiden Ländern waren sie seit dem Xlll , respcetivc seit Anfang dcS XIV. Iahrhnndcrts, verbannt: djcsc ans geklärten teilte sagten mit vieler Berechtigung, Shakespeare hat einfach einen Inden gezeichnet, wie er in der Phantasie des BolkcS im XXI. Jahrhundert existirtc. Das traf, soweit der Wucher und die (beschichte vom Pfund Fleisch in Betracht kommen, den Nagel auf den Kopf. Wir wisicn jcpt, daß der grausame Wucherer in der nrsprüng lichen Fasinng der (beschichte, wie sic die tu*sta Roinaiionim erzählen, ein Kaufmann schlechtweg war, nnd daß erst Giovanni Fiorentino! in seinem Werke ..I'soorono" im Jahre 137S den Wucherer znm Inden machte, osscnbar unter dem Einflüsse jenes allgemeinen Hanes und jener ^erdüchtignngc», die. seit dem Wüthcn des schwarzen Todes die Juden verfolgten, Für diese Praxis, in der Bolkslitcratur den Juden zum Dündenbock zu machen, citirtc der Bortragcndc ein lehr reiches Beispiel auS der Zeit Dhakcivcarc's. Im Jahre 1607 wurde in London ein Stückaufgcführt, das sehr große Popularität erlangte. ES behandelte die Abenteuer dreier Brüder,- der Söhne eines englischen EdclmanneS, in Persien und der Türkei. In diesem Stücke sigurirt ein Jude als Wucherer und Halsabschneider, nnd dieser Jude ist mit seinen Schurkereien an allem Unglück schuld, daS de» drei Brüder» begegnet. (Glücklicherweise haben wir die D-ncllc zu diesem Drücke Schwarz auf Weiß, nnd wir thnn einen Blick in die Werkstätte eines Dramatikers jener Zeit.* In demselben Jahre 1607 war nämlich die (beschichte jener drei Brüder in einem anthcntischcn Prosawcrk erschienen, nnd dieses Werk war eingestandenermaßen die D.ucllc für das Stück. Nun, die D.uelle erzählt wirklich von einem Juden, der tief i» daS l?eben der drei Brüder cingrisi — aber wie'? Der älteste der Brüder, Dir Thomas Shirlcy, schmachtete als Gefangener zu Eonstantinopcl und wäre im türkischen Kerker gestorben, wenn ihm nicht ein Jude in der selbstlosesten, aufopferndsten Weise, wie das Werk wieder und wieder betont, zur Freiheit vcrholfen hätte. Aber daS paßte dem Dramatiker nicht in den Kram. Flugs verwandelte er mit gewohnter Dankbarkeit den selbstlosen Retter in einen Schurken nnd Bcrräthcr, das Zugstück war fertig, und der Dichter war ein gemachter Man»! Nach diesem einen. Beispiele wäre die Annahme nicht ausgeschlossen, auch Shakespeare-Habe einfach ein Phantasicgomäldc ohne jedwede reale Grundlage geschaffen. Aber eS sprechen so viele Momente gegen diese Auffassung, daß seit einer Reihe von Jahren nach einem historischen Urbilde für Dhylock gesucht wird. Sidncn Xce nnd nach ihm Gractz glaubten dieses Urbild in dem marranischcn Arzte Xopcz gefunden zu haben, der fälschlich Blatt. feite' f>. dcS -OochverratlieS angetlagk und zn Z'ondon hingerichtet wurde. Aber diese Hnpolbesc wird 'durch die Ehronologie als unhaltbar er wiese». In Wahrheit geht der Dlmlock Dliakcipeare's ans „den Inden von Malta", de» Helden dcS> gleichnamigen Stückes von Ehristophns Marlowc, zurück, und für diele Gestalt hat der Dichter das Urbild i» Ton Joseph Nassi gefunden, freilich nicht in-dem Ton Joseph der (beschichte, sondern dem der phanlastischen Uebcrliefcrnng, wie sie sich in den Berichte» der venctianiichen Historiker nnd in den 'Bersen des Tialcetdichters Manoli Bleifi tvideripiegeln. Als Marlowe von der Geschichte Ton Josephs hörte, war die große Gestalt dieses Mannes vom kinorischen Dchanplape verschwunden, »nd nur sein von den Inden gesegneter, von den Ehrinen in jeder Weise vcrnnglimpfler Name war geblieben. Und nun, nachdem iid> das Urbild Dhnlock's in Marlowe's Barrabas und das Borbild des Baürabas in der ü>'estalt Joseph Naisi's' gefunden haben, drängt sich wiederum hie Frage ans: 'Wie hat sich. Dliakcspcare seinen Dlmlock gedacht'? Tie Antwort tan» nicht zweitel hast sein: Dhnlock in nicht der T»pus eines ganze» Bolle S, sondern d a s Z e r r.b i l d eines c i n; i g e n Bi e» i ch c >:, » icht wie er i n Wahrhcil iva r, io n dcru kvic ,j ich ihn die erschreckte P h a n t a s i e d e S ch r i st l i ch c» Euro p a S m a l t' e WaS aber. die Parteinahme des großen englischen Dichters gegen die Juden betrisft, so hat in dieie^i Falle das Wort (Goethes sicherlich seine volle Geltung: Jeder große Man» hängt durch seine Borurtheile mit seinem Jahrhundert znsamnien. Reicher Beifall lohnte die trcss lichen Ausführungen des geistvollen Redners. (Bercill für Siillticrliortc.') 0'» der jüngst abgchaltcncn General veriaminlung des Bcrcincs für Kinderhorte in der Brigittenau wurden Über. daS Berhaltcn des Borstandsmitgliedcs Eooprralors Falinskn von nichrcren Rednern Beschwerden erhoben. Es wurde angeführt, daß der Eoopcrator bestrebt gewesen sei, arme jüdische Dckmlkindcr von den Wohlthaten des Bcrcincs anSznschlicßen, was jedoch bei der über' wiegenden Majorität, obivohl keine Juden dem Bcrcine angchvrcn, auf entschiedene Dpposilion stieß. Herr K n t s ch e r a beantragte, da Eoopcrator FalinSk» trov Anmeldung feines Austrittes . sich noch immer als Mitglied dcS BereincS betrachte, die Generalvcrsannnlnng möge dessen Ausschluß auS dem Bcrcine. für Kinderhorte beschließe».- Borstands Mitglied Herr Böller Meinte dagegen, daß die Ausschließung eines Priesters ans einem Bcrcine, der humanitäre» Grnndiäycn huldige, für dcnsckben sehr verlebend iväre, nnd machte den fürmcll milderen Borschlag, cs sei der Austritt des EoopcratorS zur Kenntniß zu nchmc». Tiescr Borschlag wurde hierauf einhellig angenommen. Antisemitismus der Thal.) Montag Früh wurde in Hernals in der Martinsgasic der elfjährige Dcidcnapprrtcur Franz Bart l, an mehreren Wunden blutend, anfgefnnden. Acrztc der Freiwilligen Rcttungsgcsellschaft machten den Man», denen Körper vier Dlich wunden answicS, transportfähig nnd brachten ihn in das Allgemeine Krankenhaus. Bartl erzählte, er habe dir Nacht vom Donniag auf Montag iji einem Ga st ha »sc in der Bcronikagasie verbracht, ohne mit Jemandem in einen Streit gcrathcn zn sein, liegen Morgen sei er nach Hanse gegangen, und da habe sich ihm ans der Straße ein unbekannter Man», von dem er nicht einmal die Personsbeschrcibuckg angcbcn könne, angcschlossen und ihn begleitet. DaS (Gespräch sei ans die "Politik gekommen, und Bartl habe sich als Doeial Temokrat bc kannt. Darüber sei der Fremde so aufgebracht gewesen, daß er — sie waren unterdessen vor Eltcrlein'S Easino gekommen —dem Bartl znrics: „Wenn du nicht sür Xncgcr bist, bist du ein . ... (folgte ein nicht wieder zugebcndcS nnflüthigcS Schimpfworts. (Gleich darauf habe er Stiche und riefelndes Blut gefühlt, und der Fremde sei verschwunden.* Bartl ' häbc sich nach Hause schleppen wolle», sei aber in der Martinsstraßc, durch den Blutverlust erschöpft, znsainnicn,gesunken. Behördliche Er hcbungcn zur Feststellung des Sachverhaltes und Ermittlung des Thätcr-s wurden cingcleitct. — Der ImmunitätS Ausschuß dcS. Abgeordneten Hauses beschloß, dem Ansuchen deS Bezirksgerichtes Fünfhaus um Zn stimmung zur strafgcrichtlichcmBcrfolqung des Mechanikers Schneider wcgcn thätlicher Ehrcnbclcidignng »ach 4l>6 St.-G. Folge zu geben. l Frichtingkr's genossen Vor Gericht. Bor dem Bezirksgerichte Graz fand am 28. April die Bcrhandlnng über eine Ehrcnbclcidignngs klage deS antisemitischen Advoeatcn Dr. Dtarkel gegen den Gastwirth Herr» Braun statt, welche mit der Freisprechung des Xeptercu endete. In einer am 20. November v. I. in Graz staltgchablcn Bersainmlung der Gastwirthc hatte Braun die Thätigkcit Starkel'S als Ge »icindcrath einer abfälligen Kritik unterzöge». Bei dieser Gelegenheit soll er auch das Borgchcn dieses Herrn „geradezu als unwürdig" bezeichnet haben. Der Bertrcter des Geklagten, Dr. Urantschitsch, führte n. A. auö, Dr. Dtarkel habe eine ganze Reihe von Fällen vertreten, die vom Stadtrathc bereits abgcwicsen worden waren. Ans den von den Betreffenden cingcreichtcn Borstcllungm nnd Recursen sei

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