Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1896-05-03 · 213 (3.5.1896) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
213 (3.5.1896)
Date
1896-05-03
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/4886575-5439173-5439291--2639-4889004
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Frei»» SlJ t t Nr. 213. Seite 2. \^t)rc: das Diplömatisiren, das Aurückstellen von Principien führt nicht zum gkwünfchtkn Ziele. Wir müssen vielmehr für unsere freiheitlichen Errungenschaften jederzeit mannhaft einstehen. Gott ist nur mit. den starken Bataillonen, und die Regierungen pflegen nur über jene Parteien nicht zur Tagesordnung überzngechcn, welche mit dem Aufgebote ihrer ganzen Kraft ihr Programm, ihre Forderungen und Wünsche gellend machen. PsP Die Enquete über die Frauenarbeit. Bor ciliigeu Tagen endete eine aus privater Initiative hervorgcgangcnc Enquete über die Frauenarbeit, welche durch Wochen die Anfincrksamkeit aller Kreise der Bevölkerung ans sich gelenkt hatte. Socialpolitikcr aller Pärteischattirungen hatte» sich vereinigt, »in auf einen der am wenigsten beachteten »nd vielleicht eben deshalb beachtenswerthesten Punkt der eben in lebhafteren Formen auftrctenden Frauensrage hinznwciscn. Während auf der einen -Seite nämlich mit Ungestüm die Erschließung neuer Arbeitsgebiete für die Frau gefordert wird, suchten die Bcranstalter der Enqn>-te einmal jenes Arbeitsfeld klar;» beleuchten, auf welchem das Weib auch heute sich bewegt. Es ist allgemein bekannt, in welchen dunklen Bereich großstädtischen Elends und gerade;» unbegrciflicheu Schlendrians bei dieser Gelegenheit hineingeleuchtet wurde. Auf allen Feldern der außerhäuslichen Arbeit wurde das Weib anfgciucht, und fast überall kehrten dieselben Thatsachen wieder: brutale Ausbeutung der weiblichen Schwäche in materieller »nd moralischer Hinsicht, Hungerlöhne, vertragsmäßige Entrechtung, Bcrnachlüssigung aller Borichriiten des Arbeiterschutzcs, sanitätswidrige Anstände, welche zum phnsischcn Ruin führen müsien u. s. w. Es wird die Aufgabe anderer Factoren sein, die allgeiueiucii social volilischen Folgerungen, aus den bei der Enqu>'-te zu Tage getrrtenen Berhültniffen zu ziehen. Ter praktische Werth dieser llutersuchungen wird zunächst einer realistischeren Aufsasinng nud Formnliruug der sogenanntcn Fraucusrage zugute kommen, sodann den arbeitenden Elasten in, Allgeiueiucii: denn die Enquete hat die. Aufmerksamkeit der politiichen Kreise aus die THatsache gelenkt, wie maiigelhask das bisherige Tnstely der Gewerbrinspectivn und wie lückenhaft datier der de» Arbeitern gebotene Schul? sei. Iusoferne kann das Ergebuiß der Enqu-'te aber auch nicht ohne Einfluß auf das Gewerbe im cngereu Sinne des Wortes sei». Tie crasteften Elends und Ansbentungsbilder, welche die Engn-'le lieferte, sind nämlich bedauerlicherweise an die dem Klei» gewerbe nächstverivaudtcu Berhältnistc geknüpft. '.b'icht in den großen- Arbcitsetablistemeuts, sondern in den kleine» »lil weuigsu Kräften arbeitenden, .Fabriken" sich nenncndcn Betrieben traten die schliminstcn llcbelstände als Folge eines recht übel ange brachten Sparspstems zu Tage. Ticselbc» s'entc, welche in der polili scheu Arena das Work von der Ausbeutung des christlichen PolkeS durch das sittenlose. Großkapital, von der Socialrcform anf religiöser «Grundlage nicht oft genug in den Mund nehmen töinien, dieselben '.'oittc ivurdcu hier als die ärgsten und gewisteuloscstcu Ausbeuter ihrer christlichen Arbeiterinnen und als förmliche Birtuoscn in der Ilingehung der Arbeilcrschnl?geie<?e entlarvt. Tie Nolhwendigkcit, die bestehenden Institutionen zum Schuhe der Arbeiter nach jeder Richtung hin, also auch gegen Unfall, anf alle Bcrhültniste des Gewerbebetriebes auszn dehnen, und in dieser Beziehung gar keinen Unterschied in der Größe des Betriebes zn »lachen, zeigte sich hier in schlagenden Beispiele»: die Eontrole der Behörde» mnß in den kleinen Betrieben eher doppelt und dreifach so stark sein als in großen Etablistements, welche ohnedies unter der viel weniger leicht zu umgehenden Eontrole der Qefsentlichkcit flehen. Tas mag vielen Handwerkern hart dünken, aber eS wäre gewiß .nur znni Borlheile der kleine» Gewerbsleute selbst, denn die Enquöte hat auch die andere Thalsache ergeben, daß die unwürdigste und unzulänglichste Entlohnung der Frauenarbeit bei den sogenannte» Heimarbriterinncn, also unter jenen Berhällnisten eintritt, welche die meiste Aehnlichkeit mit dem Sihgeiellenwesen und Stückmeisterthuiu haben. Wir habe» schon vordem die Unmöglichkeit, dieser gewiß höchst bedauerlichen Form des Erwerbes zu stencrn, nachgewiesen, und das einzige Hilfsmittel gegen die -'.'arten derselben in einer weiteren Ausdehnung und gründlicheren Ausübung ,-der. amtlichen Eontrole erblickt. 01t diesem Bnntle laufen alle Fäden praktischen Denkens zusammen, welche üch aus den in der Enquete vorgeführten Thatsachen abspinnen lasten. In dieser Forderung liegt aucts die Bedeutung der Enquete für das-«bewerbe im Allgemeinen; so sehr sich auch die Kurzsichtigkeit dagegen nrauden mag, alle, thatiüchlichcn Berhültniffe laufen darauf hinaus, daß ein weseutticher Unterschied zwischen Großindustrie und Handwerk in socialpolitischer Hinsicht schon im Interesse des Handwerkers selbst nicht zu machen sei. Die Religionsfreiheit in den vereinigten Staaten. Bon Lscar 2. Strauß, ehemaligem Gesandten der Bereinigte» Staaten in der Türkei.*) I. »Keinerlei religiöse Bereidigung darf gefordert werden al- Bedingung für irgend ein bezahltes oder unbezahltes Amt in den Bereinigten Staaten." »Der Congrcß darf kein Gesetz annehmen, das eine bestimmte Religion vorschreibt oder die freie Ausübung einer solchen verbietet. " Diese beiden kurzen Bestimmungen der Berfaffung der Bereinigten Staaten proclamiren die Religionsfreiheit in ihrer größten Ausdehnung als ein Grundrecht, das jeder Amerikaner besitzt, sei er nun Bürger oder Fremder. Als das amerikanische Bolk diese Paragraphen in seine Berfaffung aufnahm, gab es der Welt das erste Beispiel von der Mög lichkeit, Kirche und Staat vollständig zn trennen. Bor der Revolution herrschten in den einzelnen Provinzen der Eolonicn, die den heutigen Staaten in der Union entsprechen, dir verschiedensten religiösen Secten: die Puritaner in MaffachusettS, die Baptisten in Rhode Island, die Eongregationalisten in Connecticut, die holländischen und schwedischen Protestanten in New Jersey, die Engländer in New Bork, die Quäker in Pennsylvania, die Katholiken in Baltimore, die Cavaliere in Bir ginia, die Baptfften, Methodisten, Quäker und Presbyterianer in Nord carolina, die Hugenotten und Epiöcopalen in Südcarolina und die Methodisten in Georgia. Mit Ausnahme von Pennsylvania, Maryland und Rhode Island existirte in allen anderen Colonien irgend eine Form der Staatskirche. Bcrweilcn wir einen Moment in Rhode Island, -dem Lande, wo das Banner der religiösen Freiheit zuerst entfaltet wurde. Im Winter Hioli konnte man einen Flüchtling durch die Urwälder von Rcueug land ziehen sehen, der aus dem Gebiete der Puritaner von Massachn sitts verbannt war und jetzt einen Zufluchtsort vor der Tyrannei der Geistlichkeit suchte, wo er und mit ihm alle anderen Menschen, jeder nach seiner Art, zn Gott beten durfte. Zu dieser Zeit gab eö jn der ganzen Welt kein solches Land. Die Colonisten von Birginia waren getreue Anhänger der Staatskirche von England. Dort gab eS weniger Freiheit, als cs zn dieser Zeit selbst in England der Fall war. I» den besiedelten Distrlcten von Reucngland dominirten die Puritaner, welche ihre englische Heimat verlassen hatten, um der kirchlichen Tnrannci zn entgehen und nun in ihren eigenen neuen Sitzen noch ärgere Tyrannei selbst auöznüben. Jener Bürger, der erste richtige Typus eines freien amerikanischen Bürgers, der aufrichtige Freund der wilden Indianer, der Wohlthütcr Jedermanns, hieß Roger Williams. Er voll brachte, was vor ihm Niemand bisher gewagt hatte, er verband reli giösc Ueberzeugnng mit der größten Freiheit und schuf so znm ersten male den rein weltlichen Staat, alö ein Asyl für die Armen und Bcr folgten, der Jedermann das Recht seiner freien religiösen Ueberzeugnng gewährleistete. Es steht zn hoffen, daß die Zeit nicht mehr ferne ist, wo die ganze civilisirtc Welt die Wahrheit der Principien anerkennen-» wird, die Roger Williams angestrebt hat und die seinem Namen einen unvergänglichen Nachrulpu sichern. So groß war aber damals der Haß, den die anderen Colonien gegen diese Ketzeransicdlung cmpfandc», daß MaffachusettS ein Gesetz annahm, welches den Einwohnern des neuen Staates verbot, die Grenzen dieser neuen Provinz zn über schreiten. , Es darf nicht überraschen, daß die römischen Katholiken, die in dem protestantischen England verfolgt wurden, ihre Augen nach dem neu entdeckten Lande im fernen Westen wendeten, um sich dort einen Zufluchtsort zu erwerben. Lord Baltimore war ein zwar neu gewonnener, aber überzeugter und eifriger Katholik, und er benutzte seine hohe Stellung und die Gunst, in der er bei Jacob I. stand, um eine Berfaffung für Maryland zu erzielen, welche ebenfalls schon ziemlich tolerant war. Tic Gcwiffcnsfreiheit war so weit gewahrt, daß alle Secten des Christenthums frei dort wohnen durften. Dies mar bereits eilt großer Schritt zur Borbereitung der vollen religiösen Freiheit, und die Berfaffung von Maryland war um ei» Jahrhundert der der anderen Neucngland-Staaten und Birginicns voraus. Dieselben Gründe, welche die Puritaner und Katholiken trieben, sich ein Asyl im fernen Westen zn suchen, zwangen mit vermehrtem Druck die Quäker zu der gleichen Anstrengung) denn diese Secte war Berfolgnngen von allen Seiten ausgesetzt und trotz ihres friedlichen Charakters nicht minder ingrimmig von der hochkirchlichen Partei gehaßt wie von den diffen- *) De» Berliner „Millheilungeneaus dem Verein zur Abwehr de« Autisemitismus" entnommen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.