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Freies Blatt · 1896-05-03 · 213 (3.5.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
213 (3.5.1896)
Date
1896-05-03
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Eine Ausnahme macht daS Verhalten der jeweiligen Regierung gegenüber der antisemitischen Bewegung. Seit ihrem Ausbruche unter Taaffe und ihrer Fortentwicklung unter dem CoalitionS-Cabinete, dem Provisorium und der gegenwärtigen Regierung war eS den antisemitischen Wortführern in der Hetzpresse, in WirthShauSversammlungen und kirchlichen Conferenzreden vergönnt, den Kampf gegen die Rechtsgleichheit und insbesondere gegen die Staatsbürger jüdischen Glaubens in brutalster Weise zu führen, ohne auf ein ernstes Hindern iß zu stoßen. In der sogenannten Wiener Frage eröffnet« Graf Casimir Baden! allerdings eine Campagne, doch war dieselbe nach seiner eigenen Erklärung nicht gegen den Antisemitismus als solchen gerichtet, sondern bloß gegen die Person des Agitators Dr. Lueger. Optimisten konnten indessen immerhin annehme», der Ministerpräsident, dem eine eiserne Hand' von Lemberg her nachgerühmt wurde, verfolge den Zweck, den einzigen Manii unschädlich zu machen, der in den Reihen der Antisemiten eine Ziffer darstelle, und lege den Nullen.keine Bedeutung bei, die hinter ihm stehen Der neueste Cours bringt Allen, die sich trotz vieler unangenehmer Erlebnisse von einer optimistischen Auffassung nicht befreien konnten, eine bittere Enttäuschung. ES wird gegen Lueger von regierungSwegen nicht mehr gekämpft, denn officielle Verhandlungen, die man mit ihm anzuknüpfen für gut fand, schlossen mit einem glänzenden Erfolge des früher Bekämpften, mit einem Triumphe deS Antisemitismus, dessen Organe nachstehendes SiegrSbulletin veröffentlichen konnten: „Der vom Wiener Gemeinderathe abermals zum Bürgermeister gewählte Dr. Carl . Lueger wurde in Folge einer erhaltenen Berufung von Sr. Majestät in Audienz empfangen. Se. Majestät geruhten mit Rücksicht darauf, daß dem Dr. Carl Lueger die Bestätigung als Bürgermeister dermalen nicht gewährt werden könne, allergnädigst an seine Loyalität zu apprlliren und der Erwartung Ausdruck zu geben, daß Dr. Carl Lueger, von dessen persönlicher Ehrenhaftigkeit, erforderlicher Begabung sowie Kaiser- und Vaterlandötreue er überzeugt sei, im Interesse der baldigen Wiederkehr normaler Verhältnisse in der autonomen Verwaltung der Stadt Wien auf die auf ihn gefallene Wahl/freiwillig verzichten werde. Dr. Carl Lueger erwiderte, er danke für den gnädigen Empfang, er stehe dermalen einem directen Wunsche seines kaiserlichen Herrn gegenüber, und als Patrioten und stets loyalem Staatsbürger obliege ihm nunmehr selbstverständlich die Pflicht, in diesem allerhöchsten Wunsche für sich einen Befehl zu sehen." Ob eS Graf Badeni war, der aus freien Stücken diesen neuesten CourS anregte, oder ob Faktoren und Einflüsse mitwirkten, denen der Ministerpräsident ungeachtet seines Vorsatzes, die politischen Geschäfte selbst zu führen, nicht widerstehen konnte, erscheint unS gleichgiltig. Die Thatfache steht fest, daß jene antisemitischen Gemeinderäthe, welche die Sehnsucht nach Uebernahme der Communalverwaltung und insbesondere des Präsidiums und der StadtrathSstellen nicht mehr verbergen konnten, bald in der angenehmen Lage sein werden, ihren Heißhunger zu stillen, ohne daS dem gefeierten Häuptling unzähligemale geleistete Gelöbniß breche» zu müssen. Letzterer aber wird durch eine Auszeichnung schadlos gehalten-, wie sie unseres Wissens noch keinem österreichischen Parteiführer zutheil wurde. Unter derselben Regierung, deren Mitglieder noch vor Kurzem im Parlament von unberufenen Händen sprachen, denen man die Verwaltung der Wiener Commune nicht anvertrauen dürfe, und den antisemitischen Triariern sogar den Vorwurf, daß sie ejnein Patriotismus auf Kündigung huldigen, entgegenschleuderte», wurde dem Dr. Lueger vom Staatsoberhaupte, für dessen öffentliche Kundgebungen verfassungsmäßig das Ministerium die Verantwortung trägt, daö Zeugniß ausgestellt, er sei persönlich ehrenhaft, begabt, kaiser- und vaterlandstreu. Ueberdies scheint Dr. Lueger selbst in den kaiserlichen Worten, daß seine Bestätigung als Bürgermeister dermalen nicht gewährt werden könne, einen von der Regierung ausgestellten Wechsel zu erblicken, welcher dafür bürgt, daß nach einiger Zeit die Hindernisse beseitigt sein werden, die jetzt der" Bestätigung eines persönlich ehrenhaften, begabten, kaiser- und reichslrenen ManneS entgegenstehen. Die Dr. Lueger dienstbaren Organe geben der Hoffnung AnSdruck, daß nach der Budapcster Millenniumsfeiek und der Erneuerung des Ausgleiches mit Ungaril der Moment zur Einlösung dieses Wechsels eintreten werde. Demgemäß wird denn auch der künftige Bürgermeister ganz ungenirt als Platzhalter bezeichnet. Hiefür wird nun ein Mann auScrsehen, auf den man sich unbedingt verlassen zn können glaubt. Cs ist dies nicht ck>er streb- und betriebsame Herr Strobach, sondern der famose Professor Schlesinger. DaS engere Comitö deS BürgerelubS nominirte ihn als Candidaten für die Bürgerineisterstelle, ferner Lueger für den ersten und Strobach für den zweiten Vicebürgermeisterposten. Der biedere Schlesinger kann seinen Parteigenossen nichts abschlagen und. hat erst neulich bei der Wahlreformdebaltc im Abgeordnetenhaus einen der schamlosen Anträge des Mechanikers Schneider auf Entrechtimg der Juden unterstützt, während andere Antisemitenführer es vorzogen, den Berathnngssaal zn verlassen. Dieser' Bürgernteistercandidat erweckt bei 'Niemandem die Besorgniß, es könnte ihn die Lust anwandeln, auf dem hohen Posten auch dann zn verbleiben, wenn er abberufen würde. ES ist jedoch nicht ausgeschlossen, daß Lueger trotz alledem das Ziel seines Ehrgeizes nicht erreichen lind zur Bürgermeisterwürdc in Wien nie gelangen werde. iFürst Bismarck erklärte einmal, er mache keine Säcularpolitik. Man kann eS also minder bedeutenden Staatsmännern nicht verübeln, wenn sie sich^mit bescheidener Tagespolitik, init dem Taaffe'schen Fortwursteln zufriedengeben Bis zum Abschluß der Millenniumöfestlichkeiten und der Anögleichsaction wird vielleicht schon der neueste CourS verschwunden und der allerneueste an seine Stelle getreten sein. Im gegenwärtigen Augenblicke frohlocken aber die siegreichen Autisemitcn und ihr so sehr ausgezeichneter .Führer mit Fug und Recht. Während ein Hammerstein ein „Opfer deS römischen Rechtes" ist und ein Ahlwardt jenseits deS Oceans einen schweren Kampf umS Dasein führt, war Lueger daS Glück beschieden, in der Wiener Hofburg einen Appell an seine Loyalität entgegenznnrhmen. Für die Freisinnigen, welche noch immer in Oesterreich vorhanden sind, ergibt sich auS dem Ganzen, sowohl aus der Rücksicht, die man der Empfindlichkeit Ungarns zollt, als auch ans der ungewöhnlichen Auszeichnung Luegers, die wohl zil beachtende

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