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Freies Blatt · 1896-04-26 · 212 (26.4.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
212 (26.4.1896)
Date
1896-04-26
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Freie» Blatt. Nr. 212. . schaff in RzeSzow zur Verhandlung, ivelche sich gegen die Sistirung eines von dieser Genossenschaft gefaßten Beschlusses kehrte, daß die Zöglinge der vom l'ocakontite der Baron Hirsch'fchen Stiftung i» RzeSzow errichteten Schlosser- Fachschule nicht als Lehrlinge zu betrachten ttnd in die Genossenschaft nicht cinzutragen seien. Die Beschwerde, die von Dr. Lueger vertreten war, wurde al» unbegründet zurückgewiefen. Zn den EntscheidungSgründen, welche die vom Vertreter der Beschwerde geltend gemachten Einwände alS weder im Gewerbegesetze begründet noch zutreffend und zum Theile alS ganz belanglos bezeichnen, wird auSgesührt: Tie Genossenschaft hat zwar einen RecurS gegen die Ertheilung. einer Gewerbescheine« an das Cömits der Hirsch-Stiftung eingebracht, aber dieier RecUrS behindert nicht den Antritt einer Handwerks, denn zum Antritte einer handwerksmäßigen Gewerbes ist nur die Ertheilung eines Gewerbescheines seitens der Gewerbebehörde nothwendig. Mit der Betheilung' mit einem Gewerbescheine iü aucb schon die Berechtigung zum Antritte eines handwerksmäßigen Gewerbes und daher auch zur Aufnahme von Lehrlingen verbunden. Der Beginn der Berechtigung, zur Ausübung, eines handwerksmäßigen Gewerbes ist nur von der Erlangung eines Gewerbescheines, nicht aber von der RechlSgiltigkeit des letzteren abhängig. Eine später etwa eintretende llngilligkeitSerktärnng des GeiverbescheineS hat nur die Untersagung deweiteren Gewerbebetriebes;ur Folge. Daher ist der Einwand, daß ein Rekurs gegen die Ertheilung des Gewerbescheines eingebracht wurde, belanglos, >veil, so lauge die Gewerbeberechtigung nicht zurückgenommeu wurde, die Berechtigung aufrecht bleibt. Tie Behauptung, daß da« Berhäkmiß, wonach B e rk o w $ f i «der Leiter der Schlosserschule) neben dem eigenen Schlossergewerbe auch dar der Baron Hirsch-Stiftung betreibe, ein illegaler Zustand sei, findet im Gesetze keine Stütze, weil in dem § 19 der Gewerbeordnung nur vou dem Ausschanke und Kleinverschleiße mit gebrannten geistigen Getränken die Siede ist und eine übnliche auf andere Gewerbe bezügliche Bestimmung nicht chestebt. Wenn iveiter seitens der Beschwerde behauptet wird, daß nicht klar lei, ob Berkowski oder dar Eoniitö der Stiftung als Lehrherr gilt, io ist zu bemerken, daß das Localeoiuitv der Hirfch-Stiffung als Lehrherr sungirt und daß BerkowSki die Lehrverträge im Namen deS EomitsS abgeschlossen hat. Was den Beschwerdepunkt betrifft, daß die Baron Hirsch-Stiftung das Gewerbe nicht betreiben darf und auch nicht die Genehmigung erhalten hat, daß die Zeugnisse der Schule den Befähigungsnachweis ersetzen, so hat laut Statuten die Hirsch-Stistung den Zweck, israelitische Kinder in Galizien und der Bukowina zu Handwerkeru heranzubilden, und soll dieser Zweck durch Placirung der israelitischen Lehrlinge bei tüchtigen Handwerker» und durch Gründling von Handwerkerschuleii erreicht werde». Ta4 Comitö hat. ferner bereits einen Gewerbeschein für da« Schlosseigewerbe erlangt. Wa« die AuSfübrung anbelangt, daß die Hinch Stiftung kein Gewerbe betreiben darf, indem fie nur berechtigt ist, israelitische Kinder bei Handwerkern zu placiren, so hat der BerwaltungSgerichtShof diesen Einwanb für die Lö'iing der Frage alS belanglos erkannt, weil die Stistuiig zur AuSüvung de; Gewerbe-; so lange berechtigt ist, bis der Gewerbeicheui zurückgenoinmen wird. Was weiter die Einwendung betrifft, daß die Stiftung das Schlossergewerbe nicht betreibt und nur. Schulunterricht ertheilt, so ist z» beinerken, daß laut Lehrvertrag das Localcomitö der Stiftung verpfiichtet ist, die Zöglinge im Schlossergewerbe auSzubilden und, .wie der Bericht der BezirkSbauptmanti'chaft darthut, werden die Zöglinge ausschließlich mit Schlosserarbeiteu be>chä'tigt; dieselbe» genießen sowohl theoretischen als auch praktischen Unterricht. Nachdem dar Localcomitö einen Gewerbeschein besitzt, zwei Gehilfen verwendet und die Schüler im Schlosserhandwerke Unterricht erhalten, so müssen diese Schüler als Lehrlinge angesehen werden. Wenn die Einwendung gemacht wird, daß der Geschäftsführer im Schlossergewerbe eine so große Anzahl von Lehrlingen nicht auSzubilden in der Lage ist. so ist zu bemerken, daß dieser Einwand im administrativen Lersahren nicht geltend gemacht wurde und auch nicht einen Gegenstand der Entscheidung gebildet hat. Wenn weiter gesagt wird, daß bei der Stiftung die Lehrzeit nur drei- Jahre beträgt, während sie bei der Genossenschaft vier Jahre lang dauert, so ^st zu bemerken, daß nicht alle diese vier- Jahre bei einem und demselben Lehrherrn zugebracht werden müssen. Uebrigens stand es der Genossenschaft frei, die Eliminirung der betreffenden Bestimmung aus den Lehrverträgen zu verlangen. Nach dieser Entscheidung de- BerwaltungSgerichtshofeS ist nunmehr die Bereinigte HandwerkSgeuossenschaff in RzeSzow verhalten, die Zöglinge der dortigen ScblosserFach'chule der Hirsch-Stistung als Lehrlinge zu betrachten und als solche auch in d e Genossenschaft einzutragen. Aus antisemitischen Vereinen und Versammlungen. (Bürgermeisterwahl in Wien., Am 18. April verlaminelten sich die neuerwählten Äemeinderäthe, um der Stadt-Wien einen Bürgermeister zu geben. Wie vorauszusehen war, ging au» dieser Wahl Tr. Lueger, als erkiesenes Stadtoberhaupt hervor. 96 Stimmen waren aus ihn entfallen, 42 aus Dr. G rüb l. Lueger nahm „natürlichdie auf ihn gefallene Wahl an und ließ eine hochpolitische Rede von Stapel, in welcher er die Wiener Bürgermeisterfrage zu einer Lebensfrage der Gefammtmonarchie aufzubauschen suchte. Bon seiuer Bestätigung — so klang eS'au« seinen Worten — hänge es ab, ob die präponderirende Stellung Ungarn« der diesseitigen Reichshälfte gegenüber weiterdauern werde oder nicht. Nur Lumpe sind bescheiden. Jndeß'haben es viele Anhänger'de» immer gewählten und nie bestätigten Bürgermeister« übel vermerkt, daß in dessen Rede so viel gegen die Ungarn und kein Sterbenswörtchen wider die Juden enthalten fej, während in politischen Kreisen allgemein die Ansicht vorherrscht, Lueger hätte diese Rede nicht gehalten, wenn er selbst noch an seine Bestätigung glauben würde. Nach der Bürgermeisterwahl wurden aus der Straße, wie üblich, einige antisemitische Excedenteu verhaftet. (Einfach und friedlich.) I» der Generalversammlung de« Vereine» „Christliche Familie" sagte dessen Präsident Frauz Z u l e g e r nach einein Berichte de« Bergani-BlatteS: Die „In de «frage" werde durch den Berein auf einfache und friedliche Weife gelöst, die dahin führen werde, daß sich die'In den wo anders ein Asyl suchen werden. Würde eine solche „einfache und friedliche Weise" auch geduldet werden, wenn sie Freidenker gegenüber der römischen Elerisei, deutsche Lrtschasteu zur Abwehr tschechischer Zuzügler oder gar ruthenische Bauern gegen adelige polnische Gutsherren zur Anwendung brächten? („Socialitär.") In einer Antisemilenversammlung zu Gablonz sprach ein Chemiker Namens I o k s ch . über den , „socialitäcen" Gedanken und prie» die T ü h r i n g'sche Heilslehre alS einziges Mittel zur Rettung des deutschen Bolle« an. Tie „nationale" Zuhörerschaft dieses Jokjch scheint jedenfalls nicht gewußt zu haben, daß Tühring und fein Anhang Bismarck als eine „Reklame.Größe" geringschätzig behandeln und außer Herrn Dühring selbst niemand Anderen als groß anerkennen. (Im Rückgänge.) Ju Berlin war für den 20. d. M. Abends eine „große öffentliche" Antisemitenversammlung einberufeu. Zu derselben hatten sich jedoch nur etwa 80 Personen «ingefuude».' Der Referent, der jetzt in Hamburg wirkende „Schriftleiter" M o s ch, machte für den schwachdn Besuch die Placatirungs gesellfchaft verantwortlich, welche da« Wort „Jude" nicht habe gebrauchen lassen und die Placate angeblich.an versteckten Stellen angebracht habe. Tie Ausführungen der R-dnerS enthielten aber doch das Eingeständniß, daß sich die antisemitische Bewegung in Deutschland im Rückgänge befinde, denn er sprach die Hoffnung au«, daß für den Antisemitismus bald wieder eine bessere Zeit anbrechen werde. Man müsse »nr die Bewegung bi« zu den nächsten Wahlen „durchschleppen", daun werde cS wieder volle Säle geben. Der Borsitzende erklärte, daß die Streitigkeiten in der Partei diese sehr zurllckgebracht haben. (Böckcl und der Bund der Landwirthe.) Der antiiemitische Abgeordnete Tr. B ö ck e 1 ist nach dem „Vorwärts" jetzt beim Bund der Landwirthe bedienstet, in dessen statistischem Bureau er arbeitet. Nicht lange ist eS her, und Böckel war ein Todfeind jener Richtung, die ihm nun sein tägliches Brot gibt. Er griff die „abgelebte" konservative Partei auf daS Heftigste an und schrieb, der „sogenannte" Bund ber Landwirthe führe „Stimmvieh schnapsbenebelt zur Wahlurne" u. s. f. Ter einstige „hessische Bauernkönig" ist gegenwärtig ein Beamter des Bunde« der Junker unb muß Herrn v. P l L v pariren. Welche« Ende steht ihm noch bevor? (Bom dollardurstigkn Ahlwardk.) Au» dem Wahlkreis Friedeberg- ArnSwalde sind Stimme» laut geworden, die verlangt haben, daß Ahlwardt zurückkebre oder fein Mandat aufgebe. Daß Ahlwardt keineswegs gewillt ist, sein ReichStagSmandat »iederzulegen, geht ans einem Schreiben hervor, welchts das „E e n I r a l c o m it e der amerikanischen antisemitischen Association" in Brooklyn nebst einer Probeuuinmer de« von Ahlwardt dort begründeten Blatte« „Der Antisemit" au diie Berliner antisemitische Presse gesandt hat. Danach sind die früheren Mitglieder des EomiteS, welche die neulich mitgetheilte Erklärung gegen Ahlwardt in der „New Jork-TimeS" veröffentlicht haben, ausgeschieden. Da« neue Coinitö bringt an der Spitze des Probeblattes eine Ehrenerklärung für Ahlwardt und ruft zur Unterstützuitg des neuen BlatteS auf. In dem beigefügten Schreiben: „An die Wähler des Kreise» Arnswalde-Friedeberg" wird auSeinandergesetzt, daß Ahlwardt in Amerika den Interessen seiner Wähler besser dienen könne als im deutschen Reichstage. Denn der Antisemitismus international, und es käme vor allen Dingen daraus an, die Bewegung in alle Länder zu tragen. Darum müsse Ahlwardt troch bis zum Herbst 1896 tzi Amerika bleiben „im Interesse der Sache". Dem Langeschen Blatte wird aber aus Rew-Aork berichtet: „Die Handlungsweise Ahl-. wardt'S hat die antisemitische Sache hierzulande schwer geschädigt und ihm selbst jede» Nimbu« genommen. Das Berhalten diese« Judenfeindes hatteeinen allzu jüdischen Anstrich. Was feine antisemitische Wochenzeitung, die er natürlich mit fremden Mitteln gründete, für einen Erfolg haben wird, läßt sich schwer Voraussagen, wahrscheinlich gar keinen; aber selbst tm umgekehrten Falle kann derselbe nicht den Schaden aufwiegen, den Ahlwardt der Sache, die zu vertreten er vorgibt, zufügte." ES ist da von „jüdischem Anstrich" die Rede. Antisemitische Spekulanten bezeichnen immer'dar Verfahren ihrer Eoncurrenten auf dem Gebiete der Judenhetze als „jüdisch"; auch Lange'S geschäftliche Manipulationen sollen »ach der Berficherung H e m p e l'S „jüdisch" gewesen sein. In Wirklichkeit, find aber Ahlwardt's Be-

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