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Freies Blatt · 1896-04-26 · 212 (26.4.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
212 (26.4.1896)
Date
1896-04-26
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Frei«, Blatt. Nr. 212. Seile i. gewiß nicht gehörige Reise von drei Genossenschaftsmitgliedern in Gesellschaft des Mechanikers Schneider nach Lemberg und fünftägigen Aufenthalt daselbst wurden auS Gcnoffenschastsgeldern 408 fl. an Diäten bezahlt, also für einen der drei Herren Schneidermeister tägliche Diäten von etwa 25 fl., sonach mehr als die Diäten eines Ministerpräsidenten betragen. Unbrauchbare Kräfte finden lucrative Anstellungen, falls sie tut antisemitischen Sinne partcigetrcu sind, während verdiente und brauchbare Kanzleikrüftc wegen vermeintlicher Angehörigkeit zu der Gegenpartei nach neunzehnjähriger Thütigkeit in der Gcnofienschaftskanzlei einfach aufs Pflaster geworfen werden. DaS Merkwürdigste aber an der Sache ist, daß alle diese Dinge keineswegs der Behörde unbekannt bleiben. Dieselbe ist zum Mindesten durch zahlreiche Proteste darauf aufmerksam gemacht worden, wie die Genossenschaft vom politischen Partcigeiste zerriffen und dnrchwühlt ist. Sic hat auf dem gleichen Wege Kenntniß von allerlei Unzukömmlichkeiten erhalten und hat trotzdem nie die Gelegenheit benützt, um sich durch eigene Untersuchung darüber Klarheit zu verschaffen, ob die Genoffenschast nicht das ihr vom Gesetze vorgcschriebene Maß der Thätigkcit etwa überschreitet. Wir nehmen an, daß es den österreichischen Regierungen der letzten Tecennien ernst mit ihrem Borgeben mar, mittelst der bernfsgcnosicnschaftliche» Organisation der Handwerke diesen einen Stützpunkt im wirthschaftlichen Existenzkämpfe zu bieten. Dann verstehen wir aber nicht, wie dieselben Regierungen diese Organisationen;itm} Werkzeuge politischer Agitation hcrabsinken lasten konnten, wie man ruhig znschen konnte, daß die Genoffenschaft die unbedingte Domäne einer politischen Partei wird, lvrlche der gegenwärtigen Regierung einen Kamps aus Leben und Dod zu liefern entschloffen ist. (Moriz Freiherr v. Hirsch.) In D-Gyalla bei Komorn ist am 2 l. April Moriz Freiherr v. H i r s ch - G e r c u t h plötzlich einem Schlagansalle erlegen. Moriz v. Hirsch wurde am 9. December 1831 zu München geboren, sein Batcr war der königlich bayrische Hofbanquier Josef v. Hirsch, der am 2. April 1869 von König Ludwig II. in den Frcihcrrnstand erhoben wurde. Schon der Großvater des jetzt Dahingcgangcnen, Jacob Hirsch, mar königlich bayrischer Hofbanquier; nachdem er den Adclssitz Gereuth angekauft hatte, wurde er am 13. August IS 18 von König Maximilian Josef geadelt, um die herrschaftliche Gerichtsbarkeit auf seinem Gute ausübcn zu können. Seit 1855 war Moriz v. Hirsch mit Clara BischoffSheim, Tochter des belgischen Financiers und Senators Bischoffshcim in Antwerpen, vermählt. Dieser Ehe"cntsprosten zwei Kinder, ein Sohn Lucicn und eine Tochter. Letztere starb in sehr früher Jugend, während Lucicn im Jahre 1887, kaum 30 Jahre all, verschied. Boir seinem Bater hatte Moriz v. Hirsch etwa fi'ytf Millionen Gulden geerbt; dazu kam noch das väterliche Erbthcil seiner Frau im Betrage von mehrals zwanzig Millionen Francs. Diese Mittel setzten ihn in den Stand, eine ausgedehnte finanzielle und industrielle Thütigkeit zu entwickeln. Eisenbahnunternehmungen, insbesondere die Erbauung der Srientbahnen, die Gründung und der Betrieb von Fabriken, glückliche finanzielle Speculationen verschiedenster Art vermehrten sein Vermögen so bedeutend, daß man dasselbe schon in den Siebzigerjabrcn auf Hunderte von Millionen bezifferte. Das Gebühren dcS Freiherr» v. Hirsch als Geschäftsmann war aber vielen Anscchtiingcn ansgesctzt und wurde wiederholt auch, in Kreisen der haute finiinoo abfällig beurtheilt. Wohlverdiente Anerkennung fand dagegen seine Wirksamkeit auf humanitärem Gebiete, der Wohlthütigkciissinn, welche» er stcrs, in erhöhtem Maße jedoch seit dem Ableben seines Soynes bclhätigte. Rachdcm er sich von allen Geschäften zurückgezogen hatte, entstanden in Wien, Budapest, Lemberg, Krakau :c. Comit>'s mit der Bcstimniung, jeden Monat Tausende von Gulden an solche Kleingewerbetreibende ohne Unterschied der Confcssion und Rattonalität zur Bertheilung zu bringen, welche unverschuldet in Rothlage gcrarhc» waren. In Galizien wurde die große Stiftung errichtet, ivclche dazu bestimmt ist. Schulen für die jüdische Jugend ins Leben zu rufe», um sie;n Landwirthen und Handwerkern auszubilden. In Rußland wollte Freiherr v. Hirsch zu demselben Zwecke eine Stiftung mit einem Capital von 50 Millionen Francs ins Leben rufen, doch scheiterte diese Absicht, an den Schwierigkeiten, welche die Petersburger Regierung inachlc. Für die jüdischen Auswanderer aus Rußland traf er indessen in inunificentestcr Weise Borsorgc durch die Gründung von Colonien in Argentinien. Ta man in den Bereinigten Staaten dicsett Colonien Mißtrauen entgegenbrachtc, veröffentlichte Freiherr v. Hirsch in einer nordanierikanischen Zeitschrift einen Aufsatz, in welchem er seine Intentionen erläuterte. „Meines Erachtens," schrieb er, „kann darüber kein Zweifel obwalten, daß der Besitz eines großen Bcrmögcns dein Cigenthünier Pflichten auferlcgt, und meiner innersten Ileberzcugung entspricht eS, daß ich mich bloß als zeitweiligen Verwalter de« von mir erworbenen Vermötzens zu betrachten habe und daß ich cS für ineine Pflicht halte, durch Linderung des Elends der vom Schicksal hart. Betroffenen in meiner Weise beizutragcn. Indem ich in solcher Weise wirksam bin, bekämpfe ich die althergebrachte Art der Almosenvertheilung, die nur neue Bettler schafft, auf das Entschiedenste, und ich betrachte als die Hauptaufgabe der Wohlthätigkeit, aus Individuen, die sonst der Bettelei verfallen müßten, erwerbsfähige Menschen und damit nützliche Mitglieder dxr Gesellschaft heranzubilden. Für mich hat das Geschick ein besonderes Feld philanthropischer Wirksamkeit ausersehen. Wenngleich ich bei Linderung menschlicher Leiden niemals frage, ob der Nothschrei von Angehörigen meines Glaubens komme oder nicht, was ist dennoch natürlicher, als daß ich meine höchste Aufgabe darin erblicke, den durch tausendjährigen Druck verkommenen, in Elend darbenden Anhängern des Judenthnms die Möglichkeit einer physischen und moralischen Wiedergeburt zu bieten, daß ich mich bemühe, sic zu befreien, sie zu arbeitsamen Bürgern heranzubilden und dadurch der Menschheit viele neue und schätzenswerthe Kräfte zuznführen? Jedes Blast in der Geschichte der Juden lehrt uns, daß ich mit diesem Gedanken keine Utopie verfolge, und ich hoffe zuversichtlich, daß dieses Ziel erreicht werden kann. Was ich zu vollführen wünschte, was nach manchen schweren Unglücksfällcn das Ziel meines Lebens geworden ist und wofür ich bereit bin, mit meinem Vermögen und mit meinen intellectucllen Kräften cinzustehcn, ist, einem Theile meiner verfolgten, aus ihren Heimatsstätten vertriebenen Glaubcnsgenoffen die Möglichkeit zu geben, eine neue Existenz, in erster Reihe als Ackerbauer, ferner auch als Handwerker, in solchen Ländern zu finden, in denen die Gesetze und die religiöse Toleranz ihnen ge statten, den Kampf ums Dasein als brave und pflichttreue Unter- . thanen cftier humanen Staatsregierung zu führen." Der Tod des Freiherrn v. Hirsch ist euf schwerer Schlag für viele Tausende von Hilfsbedürftigen in allen Wclttheilcn, namentlich für seine schwergeprüften Glaubensgenossen, die an ihm einen Wohlthäter von grenzenloser Opferwilligkeit verlieren. (Deutsch-nationale Mittelschüler.) Man schreibt uns aus S a l zb u rgc Das deutsch-nationale Gift hat in beiden Mittelschulen Salzburgs schon wiederholt zu Ueberschreitungcn der den Schülern durch die Schulgesetze gesteckten Grenzen geführt. Wenn man die jungen „Germanen" mit erhobenen Häuptern, Verachtung gegen alles Nichtdcutschc im Auge, durch die Straßen ziehen sieht, so bedauert man die arme Menschheit, welche nicht zu solcher Höhe heranragt, welche ans dem tiefen Dunkel ihrer kosmopolitischen Verwerflichkeit, ihrer internationale» Verkommenheit sich niemals zu solch politischer Reife aufschwingen wird, wie sie ein Maturant oder Sextaner genießt, der die Ehre hat, an einem Ferialtagc am Arme eines hospitircndcn Hochschülers einherzuschrciten, besonders wenn Letzterer „Ccrcvis", Band und kurzen Stock besitzt. Mit erfteulichcr Energie sind jüngst der Dircctor und der Lehrkörper des k. k. StaatSgymnasiums gegen die politischen Kneipereien ihrer Schüler aufgetreten. Einer der Knaben wurde relegirt, einige erhielten Carcer oder Rügen. Es wäre nun wohl ersprießlich, wenn der k. k. Landesschulrath zur Hintanhaltung von neuerlichen Exceffen, welche ja doch den Eltern der unreifen „Grünlinge" nicht gleichgiltig sein können, auch den Verführern den Standpunkt klar machen würde, vor Allein den Hochschulstudenten, welche mit jüngeren Schülern Kameradschaft pflegen, z. B. in der Zeit der „Julfeste". DaS plumpe Aufdrängcn altgermanischer Komödien scheint ein Hauptagitationsmittel Jung-Teutschlands zu sein; wir meinen aber, daß es sein Ende finden könnte, wenn der Landes schulrath auch einmal jenen Verführern eine Lection ertheilen würde, welche ttotz ihres Alters und ihrer Stellung eS nicht unter ihrer Würde finden, bei solchen alldeutschen Demonstrationen & la Schönerer als „Herzoge der Jugend" anfzutreten. Der llntcrrichtsminister sollte über diese Vorgänge genau informirt werden, da es ihm doch nicht gleichgiltig sein kann, wer den unfertigen Knaben die Köpfe verdreht. Eine halbe Maßregel ist und bleibt es aber, wenn man die Schüler straft, ohne gegen die ihnen mit dem Beispiele vorangehenden Personen einen Schritt zu tbun, ja ohne sie auch nur zu kennzeichnen. (Degradirung eines Ossiriers.) Aus Göding wird berichtet: Das ehrengerichtliche Verfahren gegen den Dberlieutenant Baron Suin i, welcher im Deutschen Hause in Brünn durch antisemitische Redensarten einen groben Exceß hervorrief, ist vor .Kurzem zum Abschluß gelangt. Der genannte Ofsicier, der inzwischen zu dem hier garuisonircnden Dragoner-Regimentc Nr. 6 tranSferirt wurde und eine dreißigtägigc Zimmcrarreststrafe abgebüßt hatte, wurde vom Ehrcnrathe der OfficierSchargc verlustig erklärt und nunmehr als Dragoner der zweiten EScadron zugetheilt. (Eine Budapester Antwort.) Wie der „Pesti Naplo" mittheilt, hat die Wiener Firma C. Reichert, welche seit vielen Jahren für die Kliniken der Budapester Universität Instrumente lieferte, neuerdings an die dortige mcdicinische Facultät wegen Lieferung derartiger Gegen-

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