Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 211 (19.4.1896)
- Date
- 1896-04-19
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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.freie* Blatt.. Nr. 211. f T Seite 6. ^Hammer", förmliche socialpolitische Borträge gehalten worden. Tr. F o ch l e r gab als Zeuge an, daß er in eigentlichen VereinSversammlungen stet» selbst präsidirte: wa« Peka angeführt habe, beziehe sich nur auf zwanglose Zusammenkünfte von BereinSmitgliedern in verschiedenen Gasthäusern. Der Lertheidiger bestritt jeden strafbaren Thaibestand und machte auch die Berjährung geltend. Ter Richter verurlheilte den Angeklagten bloß wegen unbefugter Berbreitung von Druckschriften zu einer G e l d st r a s e von 46 fl., wobeier als erschwerend annahm, daß der Inhalt der meisten Schriften geeiguet war, unter den jungen BereinSmitgliedern Schaden anzurichten. Der Verlauf der Verhandlung läßt, um ein in Antisemitenkreisen beliebte« Wort anzuwenden, „tief blicken". lSalzburzer Gemrillderilb.) Tie Salzburger Antisemiten deutsch-volklicher Färbung haben bei den Gemeinderathswahlen im ersten Wahlkörper eine empfindliche Niederlage erlitten. Eine ihrer Größen, der bisherige erste Bürgermeister-Stellvertreter Tr. P o v i n e 11 i, ist durchgefallen. (Abgkblitzt.) Wie bereit« gemeldet, eilten anläßlich der letzthin stattgefundenen Salzburger GemeinderathSwablen der Pfaidler G re g o r i g und mehrere seiner Gesinnungsgenossen auf kaS Schlachtfeld, offenbar um die kämpfenden antisemitischen Truppen durch den Anblick ihrer zaubergewaltigen Erscheinung zu begeistern. Jndeß war der Empfang der Wiener Wurstkeffel-Antisemiten in Salzburg ziemlich kühl, und ein Theil der dortigen Cle'ricalen und Antisemiten ist undankbar genug, den Wiener Gästen iogar höchst unfreundliche Dinge an den Kopf zu werfen, lieber eine am Osterdienstag im Mödlbammer-Saale zu Salzburg abgehaltene Versammlung von Gemeindevorstehern schreibt daS „Salzburger Tagblatt": „Der Versammlung, welche unter dem Vorsitze de« Herrn Gemeindevorsteher« Frieinbichler von Henndorf stattsand, wohnten auch ReichsrathSabgeordneter Hofrath Lienbacher, mehrere i'alzburgiichO Landtag-abgeordnete und die Wiener antisemitischen Gemeinderäthe Gregorig und S t e i n e r ijotl heißet; Schreiner A. d. R.) bei. Die verschiedenen salzburgischen Redner tauschten ihre Ansichten, Wünsche und Beschwerden über so manche die Landgemeinden drückenden Berhältniffe au«, so über die Mißstände bei den Dienstboteiikrankencasstn, über die Handhabung der Thierseuchengesetzgebung, über die Regelung der Weidefervitute und über die Wildschadeiisrage. Auch Landtagsabgeordneter Gregor!^ und Gemeinderath Steiner (recte Schreiner) ergriffen da? Wort, weniger um de» Landwirthen Nene« oder sachlich Werthvolle« zu logen, al« vielmehr, um in ihrer Art fiir die kommenden Wahlen im Sinne des Wiener Antisemitismus Stimmniig zu machen und den Bauern den Rath zu. geben, sich unter die Führung der Wiener Antiseiniten zu stellen. Tie Herren hätten (ich den weiten Weg und die Muhe ersparen können und könnten e« getrost unserer Bauernschaft selbst übetlaffen, daß sie zwischen den verschiedenen hierzulande bestehenden Parteien, den Deutsch 'Rationalen, «acholisch Conservativen, Teutsch-Conlervativen und Liberalen, den richtigen Weg finde. Hierzulande besteht weder daSBedürfniß, noch da« Berlangen nach dem Wiener W u r ft f e f} e l, besonder« wSun die Vertreter deSlelben unseren Bauern nicht« Andere« zu sagen haben, al« daß an der da« Land Salzburg lo schiver schädigenden Thierseuchengesetzgebung und deren Handhabuiig nur da« jüdische Großcapital, die jüdischen Viehhändler und Biehcommifiare in Wien schuld, feien, welche an der Hinanftreibung der Wiener Fleiichvreiie ein Iuteresie haben. Alle«, wa« recht ist. Die Juden sind zwar an manchen Schäden schuld, aber daß sie auch d a r a n > ch u l d s e i n sollen, daß unsere h i e r l ä n d i s ch e n Behörde n d i e a „ u „ d s ü r s i ch n o t h w e n d i g e n u n d a ü ch g n t e n T h i e r > e u ch e n vo r s ch r i f t e n verkehrt oder ungerecht fertigt strenge handhaben, ta8 mag Herr Gregorig den Wienern erzählen, hier wirdihn für eine solche Behauptung jeder denkende Bauer a u r'l a ch e n. Was übrigen« die Bauerns r e n n d l i ch k e i t dieser Herren ü n V ihrer Gesinnung«- genossen a n b e l a n g t, i o steht sie dwrchan « nicht so bombenfest sicher. Wir erinnern un« wenigsten« au« den Verhandlungen der letzten nieder österreichischen LandtagSsesion, daß der deutsch-nationale Bauer Titz und die .Ostdeutsche R u n d s cha u* ziemlich energisch gegen die Art und Weise austroten, wie mehrere antisemitische Wiener Abgeordnete ihre Bauernsreundlichkeit bei speciellen landwirthschastlichen Fragen an den Tag legten. Auch die Schwärmerei für die Reichsunmittelbarkeit Wien«, um welche Frage sich die Wiener Ehristlich-Tocialen. iit neuester Zeit allerdings sehr vorsichtig herumdrücken, zeugt gerade nicht für die Aufrichtigkeit ihrer Bauernlreundlichkeit oder bester gesagt für ihr Verständniß der bäuerlichen Angelegenheiten und Interessen. Tie beiden Wiener Herren waren auch so freundlich, an demselben Tage gelegentlich der Wahl im zweiten Wahlkörper dem Agitationsloeale des .Salzburger BolksvereineS' einen Besuch abzustatten. Sie wurden dort von den anwesenden Herren freundlich und höflich begrüßt, wie dies jedem anderen Herrn auch geschehen wäre. Tie Herren fanden es aber für gut, über diesen Besuch und Empfang sogar eigen« ein Telegramm an das ihnen nahestehende berüchtigteBergani-Blatt zu senden, au« besten Faffung Fernstehende schließen könnten, al« ob zwischen unseren Salzburger Gefinnungsgenoffen und den beiden Wiener Herren förmlich Bruderschaft getrunken worden wäre. Da« ist nun durchaus nicht der Fall gewesen. Die beide» im, BolkSblatte'genau Uten ^Herren würden möglicherweise sogar die Pflichten der Gastsreundschast etwa« weniger gewissenhaft erfüllt haben, wettn sie hätten ahnen können, daß ihre Namen durch die Nennung im Berga ni-Blatte würden ^ompromittirt werden." (Antisemitisches ans Falkenan a. E.) Man schreibt un« au« Falkenau: Sonntag den 12. d. M. hielt die Genoffenschast der Kausleute für Falkenau und Umgebung ihre Generalversammlung behuf« Vornahme der Neuwahlen für den Vorstand ab. Mit welchen Mitteln bei dieser Gelegenheit die hier lebhaft nach Anerkennung ringenden Antisemiten arbeiteten, zeigt der Umstand, daß das Häuflein von führenden Personen sich schon vor Beginn der Versammlung mit hektographirten Zetteln, die sämmtliche Namen der antisemitischen Eandidateu trugen, ausgerüstet hatte und sie maffenhaft den ankommeuden Gewerbetreibenden, auch wider ihren Willen, ausdrängte. Gewerbetreibende Frauen wurden von der Straße hereingeholt, um nur Stimmen für den Antisemitismus zu erhalten. Ta die neuen „Bolksreiter" trotz alledem in der Minorität blieben, wurde von ihrer Seile ein Wahlprolest eingebracht. An demselben Tage fand auch die Generalversammlung de« ebenfalls schon von den antisemitischen Ideen durchsetzten Militärveteranenvereines statt, in welcher über den auf Grund der Berichte in der antisepiitischen Preffe erfolgten Ausschluß de« israelitischen Veteranen (über besten angebliche Mistethat da» „Freie Blatt" bereits berichtete, verhandelt werden tollte. Ta« beschuldigte Mitglied befand sich aus dem Wege in da« Versammlnngslocal, als der Vorstand, Sattlerniejster E k l, mit der wariienden Mittheilung kam, von dem Vorhaben abzulasten, da er al» Jude von den Versammelten Insulten zu erwarten habe. Der Herr Vorstand muß da von der Intelligenz seiner Getreuen eine jedenfalls nicht sehr schmeichelhafte Ueberzeugung gehabt haben. (Antisemit ober'Philosemit.) Die jenseits der Leitha hinter dem klang vollen Namen einer „ungarischen Bolkspartei" operirende» Clericalen bemühen sich nach dem Muster ihrer Wiener Parteifreunde, durch eine maßlose Judenhetze sich einige Verstärknngeu au« den ungebildeten Volksschichten zu verschaffen. E« werden Flizgschristen verbreitet, Hetzpredigten gehalten, die zumeist gehen die Jude» gerichtet sind. Im Trencsiner Eomitate, wo es unlängst zu argen Ausschreitungenkam, mußte die Behörde den Hetzern sehr hart an den Leib rücken, und mehrere katholische Pfarrer wurden wegen ausreizender Predigten gegen die Juden zu empfindlichen Freiheit«- und Geldstiafen verurlheilt. Die „Volkspartei' sucht sich also den unter, n Elasten gegenüber — wie man sieht — eifrig aus Antisemiterei und Eaplauokratie zu stützen. Weil mau aber in Ungarn, um einen dauernden Erfolg zu erringen, ungleich wie in Oesterreich mit einem politisch reifen Bürgerthuiu zu rechnen hat,, hält es der Lpiritus rector der „Bolkspartei" für angezeigt, dieser nicht jenen prononcirten und ausschließliche» antisemitischen Eharakter zu geben, den sich die Wiener Iung-Clericalen angesichts eines volituch viel unkritischeren Volke« gönnen könne». Dieser Auffassung entspricht es, wenn Gras Ferdinand Zichn, unbeschadet der wilden antisemitischen Agitation, die er in gewisteu «reifen Ungarns entfesselt^ jüngst anläßlich eines Besuche« in Wien neben der Verbeugung vor den Siegen der Antisemiten auch dem alle Schranken der Rationalität und Eonsesston übersetzenden Geist der Moderne seine Achtung zollte. Tamit hat er sich aber die Wiener Antisemiten auf den Leib gehetzt. Zit einem angeblich au« den Kreisen der „ungarischen Volksparlei", Ihatsächlich aber wahrscheinlich an« der Feder eine« Wiener Christlich-Socialen herrührenden Artikel des „Deutschen Volksblalte«" wird dem ungarischen Grasen wegen seiner laren antisemitischen Moral ordentlich der Text gelesen. „Graf Zichy," heißt e« in dem genannten Blatts „versäumte nie die Gelegenheit, seiner Liebe, seiner Verehrung und seines Hochachtung vor der goldenen Internationale Ausdntck zu verleihen, und auch das Blatt, da« er zweck« weitgehendster Propagirung der volksparteilichen Ideen vor etwa einem halben Jahre ins Leben rief (,A l k a t in a n t)‘), war vor der Geburt als Organ angepriesen worden, das vollkommen unabhängig, den verschiedenen .Eonsessionen', also auch der jüdischen, freundschaftliche« Entgegenkommen beweisen werde. Die Volk-Partei wuchs und gedieh, sie hat sich heute bereit« eine Stellung als Factor im marianischen Reiche errungen, obzwar nur ein einziger Vertreter dieser Richtung im Parlamente sitzt. Nun frage» wir aber, wieso es kam, daß diese Partei in verhältnißmäßig kurzer Zeit sich ein so große« Terrain zu erobern wußte? Wieso kam es, daß die Volkspartei heute über eine geschlossene Phalanx von vielen Tausenden vyn Wählern verfügt? Uud da stoßen wir aus eine charakteristische Erscheinung. Die Organisation der Vorksparlei wird dadurch ermöglicht, daß die Bertreler dieser Richtung aus dem flachen Lande sich offen al» Antisemiten bekennen, sie wird gefördert durch die entschieden antisemitische Tendenz de« .Alkatmany', kurz, die antisemitische Strömung des Landvolkes ist e«, die die Bolkspartei gedeihen läßt, die der Partei des Grafen Zichy tagtäglich neue Anhänger wirbt. Trotzdem ergreift Graf Zichy jede sich ihm darbietende Gelegenheit, um seine Judenliebe zu demonstriren. - Warum? Fürchtet sich der Graf vor Jenen, gegen die seine Partei in der Provinz kämpft, oder will er für feine Person sich erst dann zum Antisemitirmns bekennen, wenn seine Partei gesiegt haben wird? Wozu da« Doppelspiel? In Ungarn ist heute der beste Boden für den Antisemitismus vorhanden, und wenn man da« Banner offen entfaltet, wird die Heerfolge viel