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Freies Blatt · 1896-04-19 · 211 (19.4.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
211 (19.4.1896)
Date
1896-04-19
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 211. Freie» Statt. Seile 5. war. Roquettc, der für sich selbst nie eine Gunst beansprucht hatte, zauderte hier keinen Itugenblick, da es galt, Unglücklichen beizustehen. Wahrlich, eine solche Selbstlosigkeit dürfte vergeblich ihresgleichen suche»!" (Flora Äaß' Brrthkldigungsschrist.) In ihrer neulich erschienenen Bcrtheidigungsschrift berichtet Flora Gaß, sic sei in Basel Mitarbeiterin der „Grcnzpost" gewesen, habe in einer Berliner Familie eine Gon v.ernantenstellc gehabt und sei nach ihrer Entlasinng mit Freiherr» v. Hammerstein bekannt geworden, als sie Beschäftigung bei der „Krcuzzcituncz" suchte. Hannnerstcin gab ihr sofort 50 Mark. Er bc hanptetc hiebei, er sei seit sechs Jahren Witwer, sei reich und könne ihr eine sorgenfreie Existenz schaffen. Im Reichstage pläcirtc er sic wiederholt in einer reservirten Loge. Als er einmal eine Rede gegen, die Unmoralität gehalten hatte, sagte sic ihm: „Ihr seid Alle Komödianten!", worauf er erwiderte: „WaS soll ich thun'? Das ist doch mein Beruf." Die Gaß erzählt weiters, sic habe viele hochgestellte Männer und bekannte Politiker kennen gelernt. Auf Reisen gab Hamnicrstciu Flora Gaß als seine Frau ans und versprach ihr, sic zu ehelichen, sobald seine Töchter verheiratet sein würden. Ausführlich behandelt die Broschüre das Ende des BerhältnisseS. Hammerstein gab erst 500 Mark Abfindung, dann für die Aushändigung der Briefe 1000 Mark :c. Ein Rind von kl?! fünf Monaten ist die Frucht dieses BerhältnisseS. <Dcr Antisemitismus in Frankreich.) Es ist eine leider nicht hinwegzulcugncndc T'hatsache, daß die rastlosen und durch reiche Geld opscr unterstützten Agitationen der französischen Antisemiten nicht ganz ohne Erfolg bleiben; demgegenüber ist aber auch zu beobachte», daß die französischen Inden ungleich ihren österreichischen Glaubensgenossen keineswegs unthätig dem Anwachsen der schmählichen Bewegung zusehe». Bei einiger Rührigkeit dürfte der Antisemitismus auch in Frankreich, wie, seinerzeit in Ungarn, i»i Keime erstickt werde», umso eher, als die confcssioneUc Gehässigkeit bis jetzt »och keineswegs vom Bolle anSgcht, sondern diesem erst von gewissen Leute» — Ultramontancn, Crlcawiften und anderen Rcactionärcu — cingcimpft wird. Wer die Drahtzieher des französischen Antisemitismus sind, ist glücklicherweise allen bekannt. So wird eben jetzt ein sehr interessanter Brief mitgcthcilk, den der Rcdarteur Au bey von der „France“, die seinerzeit die Ramcn der „104 Panamalentc“ znsammcnlog, an Dr. Favre geschrieben hat: derselbe lautet: Mein lieber Docwr! Tie „France" wird in nächster Zeit wieder eingerichtet werden. Wir wollen gründlich den große» antisemitischen, antienglischen und »mhammedanischen Feldzug führe». Glauben Sic, daß M. de M o r >■ S mit un« mari'chiren wird? Sollte eS. der Fall sei», so frage» Sie ihn, bitte, um Rath und überrumpeln gewissermaßen im Rothfall seine Entscheidung, wenn er »och schwankt. Wir wollen nnbedingt marschiren, ohne daß »nS etwas hindern ioll, bi» wir unser Ziel erreicht habe». Ich sehe ein, daß man unverzüglich zur Hilfe kommen muß, und bemerke noch, daß wir hinreichende Eapitalie » zur 4? e r s ii g u » g h a b e n, so daß wir nicht» z» fürchten brauchen. Anden. Roch besser als ans diesem Briefe lernt Man die Arrangcnre antisemitischer Temonstratione» auS einem Berichte dcS „Teiups“ kennen über eine Kundgebung, die der Abbe Garnier bei Gelegenheit des dritten Jahrestages der Heiligsprechitng Jcannc d Arc'S mit den Mitgliedern der -Union nationale“ organisirt hat. Rachdcm der Zug sich bei. der Redaction des „Peuple Francais“ ausgestellt hatte, ging eö zunächst nach dem Tnilcriengartcn, dann nach der „Place des Pyramide«“, wo Abbe Garnier vor der Statue der Jungfrau von Orleans folgende Ansprache hielt: „Jeanne d'Ärc hat Frankreich gerettet. Sie hat die tcrritoriclle Einigung Frankreich gesichert: wir wollen die der Herzen sichern. Wir wollen alle Franzosen wieder unter nationaler Flagge einigen. Rieder mit den Engländern! Es lebe die Jungfrau! A bas les juifs!" Als einer der Thcilnehmcr in diesem Augenblicke den Ruf „Es lebe die Republik!" ertönen ließ, wurde er von dem wüthendeft Ehor der Ucbrigen niedcrgestimmt: „ES lebe der König, cd lebe der Herzog von Orleans!" Rachdcm man dann noch Eduard■ D r n in o nt eine Ovation bereitet hatte, wurde die Maste von der Polizei zerstreut.. Nebenbei fei noch bemerkt, daß der Abbe Garnier in seinem Blatte „Le Peuple Fran^ais“ immer seine gute Gesinnung für die jüdische Religion versichert. In einem anderen Falle, den eine Ge richtSverhandlNng in LonS-le-Saunier an die Ocffentlichkeit - brachte, spielt ebenfalls ein clericalfranzösischeS Blatt eine stark anti semitische Rolle. Ei» Israelit, RamenS M. Nathan Lev», hatte in LonS-lc Saunier eine Filiale errichtet. Die „France libie“, ein Schwesterorga» der „Libre Parole", schrieb aus diesem Anlässe: „Unsere Stadt, welche sich bisher schmeicheln konnte, vom jüdischen Aussatz unberührt geblieben zu sein, hat mit Schrecken in diesen letzten Tagen das Erscheinen einiger Knimmnasen im hiesigen Handclöwcsc» constatiren müssen." Rach einigen in gleichem Tone gehaltenen Erpectorationcn forderte sie dann die „Katholiken" auf, nur bei Eompatrioten und anständigen Leuten zu kaufen; die Inden dagegen, deutlich ihre Rainen am Schilde anzubringen, damit das Publicum „unterrichtet" sei. Hiedurch ermuntert, wandte sich ein dortiger Kanfmann . an die Mitbürger mit der Ansfordcrung: „Kauft nicht bei fremden Juden!" Die „Croix du Jura“, die sich sonst in allgemeine» anti- . semitischen Phrasen, die noch nicht ganz gegen das Gesetz verstoßen, bewegt, erlaubte sich, Herrn Lev» anzugreifen, wodurch der Proceß ver anlaßt wurde. -'Natürlich wurde der Redakteur zur Schadenersatzleistung vrrurtheilt, aber einen größeren Erfolg hat dieser Proceß — er wird für die Juden ei» Ansporn sein, »»nachsichtig gegen alle Angristc auf ihre bürgerliche Ehre richterliche Entscheidung anzurufr». Schließlich seien noch der trcsscndcn Bemerkungen de» ehemaligen. Ministe« und Direktors des „Siede“, stjvcs G n»o I, gedacht, die'er bei Gelege» . . heit der bekannten antisemitischen -tiundgebnug in der „Saciet,- >1--- Astriculte»» de Franc»-“, dem französischen Bunde der Landwirthe, schrieb. „Die Edelleute, die Ackerbau treiben, indem sie ihre» Pächtern möglichit hohe Pachtsnminen abnehmen und die großen Herren im Dorf spielen," sagt der geistreiche Publicist, „sind umso eher de» Rathschlägcn ^Drumont-'s gefolgt, als sic sta in Wirklic^Mt die antisemitische Be wcgung erfunden haben." Gnnot sucht diese Behauptung durch de» Hinweis zu stützen, daß die edlen Herren, die von den Rönigen mühelos große Güter zum Geschenke erhielten, mit gewissem Haste ans' die Leute blicken, die durch Intelligenz, Rlugheit, Arbeit sich ein Ber. mögen erworben. Unerklärlich sei eS ihm, wie ein guter Demokrat in das antisemitische Horn blasen kann. „Thoren! Welche» Unrecht habe» die Inden begangen? Worüber beklagt ihr euch'?! ^jc haben an alten große» Unternehmungen dieses Jahrhunderts thcilgcnommcn. Ihnen kann man eS danken, daß die private Finanz'von fern dem Fortschrcite» der Wissenschaft. und Industrie hat folge» können. Ihr hattet den 'Nutzen d»rvon. Wer kann sich beklagen'? Die Unfähige», die Macht losen, die durch Fürstengunst bereichert wurden und die unaufhörlich allerlei Schub und Liebesgaben von der Republik verlangen, die sie. vera'bschcncn!" 2lus antisemitischen Oereinen und Oer- , i sannnlungen. -Ter Froschmäusekrieg.) In Wien und Umgebiing fände» vorigen Sonntag wieder mehrere Versammlungen der Antisemiten verschiedener Bekenntnisse statt, _ die einander gemeinschädlichc Bestiebnnge» zinn Vorwürfe. machten. Tie Eine» . ), wolle» jetzt von Pjafsenknechten, die Andere» von vaterlandSloie» Gesellen nicht» Wiste». Deutsch Volkliche verübeln e» dem Bürgermeister Aipiraitte» Lueger, daß er bei einem Ssterchesuche ig Görz „mit den sanatiichen Feinden de» deutschen Bolle» frmernisirt" habe re. Alle aber sind darin einig, die Jude» und Liberale» zu schmähen und zu verdächtige». (Bon den deutsch volklichen Turnern.) In Aeulerä,enfeld wurde am 1t> Mai v. I. ein „D en t sch e r-T u r n v c rei n" gegründet, dessen Mitglieder zumeist junge Leute waren. An der Spitze stand al« Sprecher de, rcchtsknndige Dr. Fochler, sei» Stellvertreter war der Privalbeamte Franz Z a b a l und Säckelwapt der Schneidergehilse Franz P e k'ä. Letzterer cührsste durch diese» Ehrenamt geschästlichc Vortheilc, nämlicki die llebertastiniU der Liescrnng von Turneranzügen; allein er war im Preise zu hoch, e» kam zu Tijikrcnzen, und der Verein schloß feint,, Säckelwart an». Peka erstattete hieraus gegen den Sprecher-Stellvertreter Zabal eine Strafanzeige, welche zur Folge hatte, daß sich derselbe dieser Tage beim Bezirksgerichte Alsergrund wegen Uedertretung de» Preßgesctze» sowie de» Pereüisgcsctzc» und sogar wegen Beruittrennng zu veramworlen halte. Rach Pela'S Anzeige sollen näimich säst jeden Samstag Abend» »nangemeldeie Zusonimcnkünsle vo,, Bereinsmitgliedern stattgesunde» haben, zumeist i» Engel'»'Gasthau» in der Gablenzgasse, nnd bei solchen Bersammlnngen habe Zabal mastenhasl Trnckichristen jeglicher Art verbreitet, so eine.Nrriidgebung, gegen da» „Ternsche Polksblast", welche die bekannte H a n rk» B e r g a n i's ch e Schuldenastaire zum Gegenstände hatte, ferner Roh I i li g's „Die Wahrheit über da» Jndenthnm", fünf Rede» Sch ö n e r e r'S?c Endlich soll Zabal auch ein der BereinSbücherci gewidmete» Buch unterschlage» haben. Tie Berlheidignng de« Angeklagten besorgte Tr. B. v. Berge r. Zabal bezeichueie sich al» nichtichulbig. E» seien zumeist au» Tentschland an den Berein Druckschriften eingelangt, die er der Benimmung gemäß an Berein»- miiglirder vertheili habe. ES sei keine Rede davon, daß »nangemeldetc Bersammlnngen abgehalte» wurden, nur AnSschiißsitzungen de» Turnralhe» jric« es gewesen, in denen er statt des abwesenden Tr. Fochlc'r de» Borsitz sührte. WaS die Berunirenuttg anbelangc, so habe ihn, der Genosse Beranek ein Buch geschenkt mit der Widmung, e» dem Verein zu leihen, doch sei er (Zabal) der Eigenthümer geblieben. Der hl» Zeuge einvernornmene Anzeiger Pekä hielt seine Angaben ausrecht. Er bebauptete seiner, e« habe eine unangemeldete Bismarck- ' Feier im Schoße de» Bereine» stattgesunden. Tr. Fochler sei im Ganzen nur dreimal erschienen, sonst habe immer Zabal präsidirt. E» seien auch von ein-, zelnen Mitgliedern, so von Franz S t e i n, Redacteur der Zeitschrift „Ter >

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