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Freies Blatt · 1896-04-19 · 211 (19.4.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
211 (19.4.1896)
Date
1896-04-19
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Frei«» Blatt. Nr. 211. Seite 4 Sic jüdischen Acrztc, welche tut Dienste des CnltnsministeriumS stehen, 4hre Pslichtcm dcnl Staate gegenüber erfüllen, das bewies der kürzlich in Sibirien verstorbene jüdische Arzt Josef Beigel. Mehr als zwanzig Jahre bekleidete er das Amt eines Arztes der Stadt und der Lehranstalten von KainSk und erwarb sich die Achtung und die Liebe Aller. Der officiellc „Silnrskij Wjcstnik" schrieb in seinem Bcigel gewidmeten Nachrufe: Hetzer, der den verstorbenen Bcigel nur stüchtig kannte, wird ilni aufrichtig betrauern. Höchst bescheiden, uneigennützig, pflichttreu. stets liebevoll und einfach, hat Beigel niemals aufgehört, ein echter 'Menschenfreund zu sein. Trotz aller Schicksalsschläge, trotz schwerer Krankheit blieb Bcigel seinen humanen Principicn bis zu seinem Sode treu. Er hintcrließ seiner Familie nur seinen makellosen Namen, denn er verschenkte seine reichen Enkünfte an Arme." Bergleicht man diesen Nachruf mit dem Eirculär des Curators des Kiewer Lehrbezirkes, so sicht man, wie ungerecht die russischen Machthaber Vorgehen. Die Maschine des russischen Staatsschiffes bewegt sich im alten Geleise, und dem mächtigen Ezarenreiche mangelt es an Männern, die ehrlich wären, um dieses Schiff auf die Bahn der Toleranz und Gerechtigkeit Zu lenken. ^rxus. Wir ersuchen alle wahrhaft freisinnigen Bürger unserer Stadt dem im Znseratcntheile unseres Blattes besindlicheu Verzeichnisse christlicher Gewerbetreibender, die sich zur Sache des Freisinns und der Rechtsgleichheit bekannt haben, ernste Aufmerksamkeit zu schenken und diese wackeren Gesinnnngsgenoffcn nach Möglichkeit zu unterstütze»! - . Zur Bürgenneisterwahl.) Die im sogenannten Bürgerclub ver einigten antisemitischen Gemcinderäthc Wiens faßten in einer am 14. d. M. Alicnds abgehaltcnen Bcrathung einhellig den Beschluß, an der Candidatur Luegers für die Bürgermcisterstelle unter allen Umständen scstzuhalten. Damit ist, meint rin antisemitisches Blatt, ausgesprochen, daß Lueger' auch im Falle der Nichtbestätigung für alle etwa weiter noch vor;unehmenden Wahlen der Bürgerin e i st e r c an d i d a t der antisemitischen Parteien bleibt. — Lueger Inzt es angeblich dem Bürgerclub „freigestellt", bei der Bürgcrmcisterwcichi von seiner Person Umgang zu nehmen. Ebwohl man von dieser Pkcrnz-^tzinen Gebrauch gemacht hat, scheint man in antisemitischen Kreisen von der Aussicht' auf eine abermalige Auflösung des Gemciuderathes nicht sonderlich erbaut zu sein. Ein christlich-sociales Srgan macht auch dem Ministerpräsidenten den mit dem Gemeindcstatut schwer in Einklang zu bringenden Borschlag, die Wahl der Bicebürgcrmeister noch vor der Bestätigung des Bürgermeisters vornehmen zu lasten, wodurch die Möglichkeit geschaffen würde, daß die Bicrbürgermcister die Gemeindeverwaltung leiten, auch wenn Lueger neuerdings die kaiserliche Bestätigung nicht erhielte. l Das „Attentat" auf Lueger.) Ter Gärtnergehilfe Johann Hämisch, der am Mürz Tr. Lueger aufsuchte und ihm in geheim nißvoller Weise die Mittheilung machte, daß er von einem Unbekannten gedungen worden sei, den Antijcmitenführer zu ermorden, stand am 13. d. M. wegen jenes Borfalles als Angeklagter vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Döbling. Tie vom ftaatsanwaltschaftlichen Funcnonür erhobene Anklage.'lautcte auf Uebcrtretung des Pagabundengesetzcs durch Betteln und auf Uebcrtretung des Betruges zum Nachteile des Rutschers, mit welchem Hanusch gefahren war. Ter Angeklagte erklärte, sich an den ganzen Borfall nur dunkel erinnern zu .können, da er damals angeheitert gewesen sei; keineswegs sei es ihm darum zu thun gewesen, Lueger anzubetteln. Ebensowenig habe er den Kutscher, dem er im Vorhinein zwei Gulden Fahrgeld zahlte, betrügen wollend Der Richter constatirtc auS den Acten, daß der Angeklagte bei seiner Anhaltung sieben Gulden bei sich hatte, und Tr. Lueger deponirte als Zeuge, daß der Angeklagte auf ihn nicht den Eindruck machte, als ob er ihn anbettcln wollte. Tie Berhandlungschloß denn auch mit der Freisprechung des Angeklagten.!Stimmen über die christlich-sociale Agitation.) Tie „Korn c n b u r g c r Z c i t n n g" reproducirt eine Aeußcrung der „Norddeutichen Allgemeinen Zeitung", welche neulich schrieb: „Es hat uns, wie wir gestehen wollen, aufrichtig gefreut, die Zustimmung des Borsitzenden des Wahlvercincs der Berliner Deutsch Confervativen zu der von uns schon lange Zeit her vertretenen Ueberzeugung zu finden, daß _ das eigentliche Absehen aller dieser christlich- oder humanitär-socialen Agitationen darauf gerichtet sei, die Grundbedingungen des deutschen Erwerbslebens zu zerstöre». Was den Herren und Damen ein Dorn im Auge ist, das ist eben die sittliche und intellektuelle Energie der Männer, die jene Bcrbindung von Hand, Kopf und Willenskraft repräsentiren, auf welcher die Zukunft des productiven städtischen GewcrbefleißeS wesentlich beruht. Glücklicherweise mehren sich die Zeichen, daß, wesentlich unter der Einwirkung einer klaren, willeyskräftigen und zielbewußten Regierung, die trüben Wasser der Demagogie sich allmälig verlaufen und da und dort Gipfel hervorragen, auf denen Vaterlands- " liebe und gesunder Menschenverstand ruhigen, zukunftsicheren Sinnes ihr Werk des Aufbauens wieder aufnehurcn und gedeihlich fortfetzen können. *■ An diese Aeußerung des freiwillig-gonverncmcntalen Berliner- Blattes knüpft die „Korneuburger Zeitung" ihrerseits einige Bemerkungen. „Wir beschränken uns darauf," sagt sie, „zu constatiren, daß wir das Demagogenthum der,weißen Nelkeu' nicht einmal, sondern wiederholt und mit unzweideutiger Schärfe gezeichnet haben. Wir haben zu ungezähltenmalen auf das politische Hintcrwäldler-Kampfsystem derselben Partei und darauf hingcwiescn, wie Land gegen Stadt und Stadt gegen Land gehetzt werden. Wir ließen nicht unbemerkt, daß insbesondere die Willenskraft der Männer wie der Gewerbefleiß und die dadurch entstehende theilweise Wohlhabenheit des Bürgerthnms in den Städten den dunklen Zielen der sich frevelnderwcisc der Namen .Christenthum' und .Socialismus' bedienenden, wahrhaftig aber nnr clericalen Clique im Wege stehen. Und daraus erklärt sich, daß von jener Partei Frauen von der Stätte ihrer segcnsbringenden Thätigkeit, von ihrem Berufskreise, vom Kochherde und dem Kinderzimmer zu Fraucnversammlungen berufen wurden, um dort Körberlgcld-Stndicn machen zu können, zumal speciell in solchen Frauenversammlnngen mindestens eine antisemitische Persönlichkeit brillirte, die nöthigenfalls praktische Vorlesungen übers Defraudiren hätte halten können." (Verhaftung Feichtinger's.) In Graz wurde am 15. d. M. der Gemeinderath Josef Feichtingcr, Rcdacteur des antisemitischen „Grazer Extrablattes", verhaftet und dem dortigen Landesgerichte eingeliefert. Bor der Verhaftung Feichtinger's ivurdc sowohl in seiner Wohnung als im Redactioüsbureau des „Grazer Extrablattes" eine Hausdurchsuchung vorgenommen. Die Verhaftung erfolgte wegen des Verdachtes der Veruntreuung und der schuldbarcn Crida. Bon dem „Mißgeschick" Feichtinger's ist auch sein Freund, der Landtagsabgeordnete Tr. Starke!, insofern betroffen, als er cs war, welcher im Feichtingcr'schen Jntcreffe einen eigenen Preßvcrcin gründete. Lueger, dem Feichtingcr vor Kurzem in Graz die Honneurs machte und durch die. schmeichelhafte Titn latur: „bester Mann der Jetztzeit" sowie auf andere Weise Vergnügen bereitete, ist wohl ebenfals von der Kriminalgeschichte peinlich berührt worden; Ernst Schneider aber, welcher Feichtinger's Scandalblättchen als das einzige anständige Grazer Blatt pries, dürfte sich über die Unbeholfenheit des steirischen Antiscmitenhäuptlings moquiren und stolz ausrufen: „Mir wäre das nicht so leicht paffirt!" (Berttanenskundgebung für den Abgeordneten Professor Demel.) In Troppau fand vorige Woche eine vom dcirtsch-fortschrittlichcn Vereine unberufene Bcrtrauensmännerversammlung statt. In derselben erschien der ReichsrathSabgeordnete der Stadt Troppau und der schlesischen Handelskammer, Profeffor Wladimir Demel, und wurde vom Obmannstellvertreter, Apotheker Gustav Hell, frcundlichst begrüßt. Herr Hell beglückwünschte den viel angcfeindeten Abgeordneten zu der nunmehr erfolgten Agnoscirung seiner Wahl und sprach ihm namens der liberalen Partei in Troppau den Dank dafür aus, daß er trotz der wüsten Angriffe und Beschimpfungen seitens der Gegner so mannhaft ausgehalten habe. Auch der Präsident der schlesischen Handels- und Ge-- werbckammer, kaiserlicher Rath T o r a s i l, beglückwünschte Herrn Profeffor Demel, indem er bemerkte, die Kammer habe nie daran gezweifclt, daß die Wahl agnoscirt werden müffe, und dem Abgeordneten stets volles Vertrauen entgegengebracht. Die Gegnerschaft der Antiliberalcn sei keineswegs sachlichen, sondern lediglich parteipolitischen Gründen entsprungen. In ähnlichem Sinne sprachen auch noch andere Redner, »nd so gestaltete sich die Sitzung zu einer glänzenden Bertrauenskundgebung für Profeffor Demel, welcher der Versammlung dafür seinen Dank aussprach; er versicherte, daß in all den heftigen Kämpfen ihn immer das Bewußtsein aufrechtcrhaltcn habe, daß ehrenfeste Männer, daß die liberale Partei in Troppau ihm vertraue und fest zu ihm stehe. (Ltto Roquette.) Der in diesen Tagen in Darmsladt verstorbene Dichter von „Waldmeisters Brautfahrt", Stto Roquette, war zeitlebens ein Gegner des Antisemitismus und intim mit hervorragenden Juden, wie Profeffor Lazarus, Gustav Karpeles n. A., befreundet. Wie Roquette auch einmal persönlich mit eingegriffen, um die Lage der Juden zu vcrbesiern, wird im „Berliner Börscn-Courier" folgendermaßen erzählt: „In Rußland schlug man damals Juden tobt, und ein Ukas beraubte die Hebräer ihrer Landgüter. Roquette, an den ich mich deshalb wandte, that Alles, was in seinen Kräften stand, um das Berhängniß abzuwenden. Es gelang ihm, zu bewirken, daß eine sehr hochgestellte Persönlichkeit eine diesbezügliche Bittschrift dem Czar peiffönlich übergab, da auf anderem Wege der Kaiser nicht zu erreichen

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