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Freies Blatt · 1896-04-19 · 211 (19.4.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
211 (19.4.1896)
Date
1896-04-19
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 211. $**!*• Namen Tr. Marchinger als Jesuit geschildert, der in einem GeschichtSwerke „haarsträubende Fälschungen" verübt und dadurch beweist, „daß die Jesuilenmoral e« löblich findet und gebietet, im Kampfe für eine vermeintlich gute Sache selbst die unverschämtesten und »iedcrlrächtigsten Lügengewebe für Geschichte auszugeben". Um nicht zu weitläufig zu werde», bemerken wir nur im Allgemeinen, daß Heyse und Franzo» keine» Platz verdienen in der Bvchersammlung eine» Katholiken, und daß insbesondere Ersterer sittlich sehr gesährlich ist. Ebner- Eschenbach und Suttner sind tvahre Typen eines gottentfremdeten EuIIurweiberthums. Wir wenden un» den Werken „geschichtliche», naturwifienschasllichen und anderen Inhalt«" zu. Bücher von Schopenhauer, Hartmaun, Darwin, Büchner, Hellwald u. A. muß der Fachmann zum Gegenstände seiner Studiums mache», um ein begründetes, selbstständiges Urtheil zu gewinnen; aber dergleichen Bücher mittelst einer Lotterie verbreite», ist eine nicht genug zu brandmarkende Leichlsertigkeit. Faulmaun'S „Jllustrirte Eulturgeschichte" kennen wir nicht; wenn aber darin Ansichten und Grundsätze aufgestellt sind, wie in desselben BerfafferS „Geschichte der Schrist", dann-ist eS ein schlechtes Buch'. Wie eS mit Mantegazza'S „Indien" steht, wisien wir ebensallS nicht; wohl aber wifieu wir, daß mehrere andere Bücher diese« Autor« wegen grober Verletzung der Sittlichkeit auf dem Index stehen. Wir wollen nur noch an zivei Beispielen de« Näheren zeigen, wie sehr die AuSwa^ der in daS Berzeichniß ausgenommenen mißglückt ist. Wir finden da die „Deutsche Geschichte" von Stacke. „Die Entstehung der Erde und des Irdischen" von Fr. Meyer prangt unter den Büchern der Lotterie. Der Bersafier will alle tranSscendentalen Begriffe vermeide» u»d dafür nur Menschliche« oder menschlich Erfaßbare« setzen. Die« bedingt' noch» wendig die Beugung der biblischen Schöpfungsgeschichte, eine« allwaltenden Gotte«, überhaupt jeder geoffenbarten Religion. Demgemäß kann nach dem Bersasser die Entwicklung der Lebewesen, aus Erde» nicht al« ursprünglich schöpferischer Act aufgesaßt,, sondern muß au« dem Einflüsse der übrigen Wellkörper hervorgegangew gedacht werde». Hiemit glauben wir hinlängliche Stichprobe» geliefert zu haben, um zu beweisen, daß eS in dem Bücherverzeichnisse in der That der schlechten Bücher nicht wenige gibt. Wahrscheinlich um gegenüber der Gefahr allzu großer Bildung und Aufklärung für ein gehörige« Gegengift zu sorgen, hat sich vor einiger Zeit unter der Leitung des Erbprinzen Johann zu Schwar;cnberg ein Comits gebildet, welches den Zweck hat, ctericalc Bücher, Bilder und Schriften unter das Bolk zu bringen. Die bisher von den Landpfarrern und ihren Helfern betriebene Colportage genügt den Clcricalen nicht-mehr; die Bcrkleistcrung der Köpfe soll schwunghafter betrieben werden. DaS erste Lebenszeichen dieses Comitüs ist ein öffentlicher Bettelbrief um Bücher, Zeitschriften, Bilder und andere Druckschriften oder um Geld, ui» die angckauften oder geschenkten Druckschriften den Conferenzen des St. Vinccnz-VcrcincS oder den Pfarrern zur Bildung von Lesezirkeln zur Verfügung zn stellen. ES fehlt also nur daS Geld, dann wird die litcrarifch-clericale Hochfluth über die österreichischen Länder hercinbrechen. Geld ist freilich eine Substanz, von der auch sehr viele Dienerim Weinberge des Herrn niemals genug haben können, somit dürfte diese Ucberschwemmung noch eine Zeit auf sich warten lassen. Sofern das Geld bei denen, die's haben, nicht durchwegs an Ketten hinge, hätte ja der Erbprinz von Schwarzenberg mit Leichtigkeit eine solche Summe hcrgeben können, daß alle Wege und Stege sozusagen mit clericalcn Agitationsschriften wenigstens für den Anfang hätten gepflastert werden können. Den Clericalcn ist zwar seit den Wiener Gcmeindewahlen der Nacken wieder ganz außergewöhnlich steif geworden, aber die Zeiger an der Uhr der Entwicklung werden sie trotzdem nicht zurückdrehen können. 3m alten Geleise. (Origiual-Miliheiluiig be« „Freien Blatte«".) Petersburg,' 10. April. Trotzdem Volk und Gesellschaft in Rußland ihrer Unzufriedenheit mit der gegen die Juden gerichteten Regicrungspolitik lauten Ausdruck geben, bewegt sich dieselbe dennoch in ihrem alten Geleise, und cs hat sogar den Anschein, als ob die Machthaber der Gegenwart besonderen Eifer entwickeln würden, um ja nicht den unter Alexander IIIherrschenden Idealen untreu zu werden. Man benützt jeden unbedeutenden Anlaß, um neue Beschränkungen gegen die Inden zn schassen. Und auffallend ist es, daß die Judcnverfolgiingen zn einer und derselben Zeit in den entgegengesetzten Richtungen deS Reiches cingeleitct wurden Aus Kiew und Warschau, aus Kowno und Tschcrnigow, an« Cherson und. Rostow am Don liegen Berichte vor, die deullich dafür sprechen, daß die Hoffnungen, welche die Optimisten auf den Regierungswechsel im Czarenreichc setzten, durchaus trügerisch waren. Herr PobcdonoSzew, der Oberprocnror des heiligen Synod, dessen Stern nach dem Tode Alexanders III. zu versinken schien, hat leider seinen Einfluß auf die innere Politik des Reiches nicht im Geringsten eingebüßt. Sein dem »latt. __ Seite 3 Czar neulich unterbreiteter Rechenschaftsbericht, in welchem die Juden. gründlich angeschwärzt wurde», erzielte den gewünschten Erfolg. Die Ausweisung von Juden arrs den Dörfern »nd Marktflecken, welche im vorigen Jahre eingestellt wurde, ist in der jüngsten Zeit wieder an der Tagesordnung. Ans Tschcrnigow meldet der „Woschod", daß sämmtlichc Behörde» des Gouvernements angewiesen wurden, jene Städtchen, welche keine selbstständigen Gemeindeverwaltnngcn besitze», als Dörfer zu betrachte», in denen der Aufenthalt von Juden nicht geduldet werden darf. Run sind im Gonvcrnement Tschcrnigow mehr als zwcilinndcrt Städtchen der bczeichneten Kategorie vorhanden, in welchen Juden seit mehr als dreihundert Jahren seßhaft sind. Die Handelskammer von Tschcrnigow hat zwar daö Ackcrbauminislerinm ersucht, mit Rücksicht ans die öko nomischen Verwicklungen, welche die Ausweisung , der Juden aus de» Städtchen heranfbeschwören würde, auf die Rückgängigmachung der bc hördlichen Verordnung hinzuarbciteisi erhielt jedoch die Antwort, daß die Entscheidung darüber ausschließlich vom Ministerium des Inner» abhängc. Letzteres aber lehnte die Einstellung der von den Tschcrni gower Behörden angcordncten JndenauSweisnng rundweg ab. Allein noch mehr, selbst in jenen Dörfern, in welchen den Inden der Aufenthalt gestattet wurde, sind während der letzten Zeit Anordnungen getroffen worden, welche den Zweck verfolgen, die Juden ans denselben zu verdrängen. Im Gouvernement Podolicn;. B. ist unlängst an sämmtlichc Dorfbchördcn die Weisung ergangen, in den ihnen unter stehenden Dörfern Gemeinde Lebcnsmittclmagazinc zn errichten, in denen jeder Dorfinsaffc die ihm nothwendigen Lebensmittel kaufen soll. Diese Maßregel war hauptsächlich darauf berechnet, jene jüdischen Dorfcinwohner zu treffen, die Victualicnhändlcr sind. Aber wie aus Verabredung weigerten sich die. Bauern der im Gonvcrnement Podolien liegenden Dörfer, ihren Bedarf an Lebensmitteln aus den Gemeinde - Magazinen zu decken. Sic. erklärten einstimmig, daß die Juden ihnen gute Waarc zu billigen Preisen liefern und ihnen auch Credit gewähre», was die Gemeindemagazine nicht thu». Die Gemeindemagazinc mußten aus Mangel an Kunden gesperrt werden. Da ordnete die Behörde die Wiedereröffnung derselben an uild führte den — Kaufzwang ein. Jeder Bauer, der seinen Bedarf an Lebensmitteln nicht in den Gcmeindemagazinen decken wollte, wurde zu einer Geld-, manchmal sogar Arrest strafe verurtheilt. Die Bauern richteten hierauf eine Collcctivbeschwcrdc an den General-Gouverneur von Kiew, in welcher auSgcführt wurde, daß die Gemeindemagazine, welche angeblich deshalb errichtet wurden, um die Bauer» vor der Ausbeutung der Inden zn schützen, in Wirk lichkeit die bäuerliche Bevölkerungarg schädige», da die Lebensmittel in denselben doppelt so thenkr sind als bei den Juden. Obwohl nun der Gubernialvcrwaltung von Podolien aus Kiew bedeutet wurde, den Kaufzwang anfzuhebcn, fährt sic fort, die Bauern zum Abnehmen von Lebensmitteln aus de» Gcmeindcmagazinen zn zwinge». Diese Behörde verfügte letzthin, daß in alle» Dörfern »eben jedem Victualicngcschäftc eines Jude» ein Sotskij (Dorfpolizeimann) Aufstellung nehme, dessen Aufgabe es sein soll, die Bauern zum Einlaufe von Lebensmitteln bei Juden nicht zuzulaffen. Der Correspondcnt der „Rcdcljnaja Chronika" berichtet, daß er in den Dörfern.Obrchowa, Chranowka und Kopai gorod diese seltsame Wache sah, die unter den Bauern große llnzu friedenhcit hcrvorruft. Das Ergrbniß dieser kleinlichen, aber in ihren Conseqnenzen furchtbaren Verfolgung ist, daß viele Hunderte jüdischer Familien, deren Ehrlichkeit von den Bauern selbst bezeugt wurde, an den Bettelstab gebracht werden. " , Aber auch dort, wo die russischen Machthaber keine gesetzliche Bc stiinmnng ausfindig machen können, um die sinnlose Judenverfolgung zu beschönigen, wird diese nicht minder eifrig betrieben. "Rack dem Wortlaute des Gesetzes sind Kinder von Aerztcn, welche sich im Dienste des CultusministeriumS befinden,, als Gymnasiasten, oder Realschüler vom Schulgelde befreit und eines Stipendiums theilhaftig. Der Cnrator des Kiewcr LehrbrzirkeS jedoch fand es für angezcigt, den Kindern jüdischer, im Dienste deS CultusministeriumS stehender Acrzte diese Privilegien zu entziehen. Er richtete nämlich an die ihm unterstehenden Lehranstalten folgendes Circulär: „Rach dem Wortlaute 'des Gesetzes (t? 1405) müssen die Kinder von Aerzten, die im Dienste des CnltuS reffortS .stehen und standen, vom Schulgelde befreit werden. Allein dieses Gesetz . kann in Bezug ans die Kinder jüdischer Aerzte nicht zu deren Gunsten interpretirt werden. Die Aufnahme jüdischer Kinder in die Lehranstalten des Reiches ist durch Sondergesetze beschränkt worden. Diese Gesetze wollten also die Zahl der Juden in den Lehranstalten einschränken. Es würde deshalb dem Geiste dieser Gesetze widersprechen, wollte man die Kinder von Juden, wenn "sic auch im Dienste des Ministerium« stehen, vom Schulgelde befreien." In Ermangelung einer gesetzlichen Basis zur Verfolgung der Juden nimmt der weise Curator des Kiewcr LehrbrzirkeS zum „Geiste der Gesetze" Zuflucht! Wie aber

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