Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 211 (19.4.1896)
- Date
- 1896-04-19
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seit« 2. Frei«» Blatt Nr. 211. ZUM Gewerbecongreß in Troppau. Die ersten Erfolge, welche der Antisemitismus zu verzeichnen hatte, errang er in den Kreisen der Kleingewerbetreibenden. Es ist noch Jedermann erinnerlich, wie die Antisemiten zunächst hier in Wien die keineswegs von ihnen in Fluß gebrachte Gewcrbebewegung vollständig auf die antisemitische Mühle zu treiben verstanden, und wie der Mechaniker Schneider, eine bis dorthin in den weitesten Kreisen unbekannte Person, urplötzlich als-der unbestrittene Herr und Meister des Wiener Gewerbegknosienschaftstages diese Organisation in einen Agitationskörper für die Antisemiten umwandelte. Mit Hilfe dieser Kampfestruppen erfochten die Antisemiten ihre ersten großen- Siege, mit Hilfe der Phrase von der antisemitischen Gcwcrbrfreundlichkeit erschlichen sie sich auch das Pertraucn anderer mit und ohne Berechtigung die Hilfe des Staates aufrufcnder Kreise, die Kleingewerbetreibenden bilden heute noch den Grundstock der antisemitischen Phalanx, kein Zweifel. Allein,es ist nur natürlich, daß gerade in diesen Kreisen, aus welchen sich die ältesten und treuesten Anhänger der Antisemiten recrutiren, auch am frühesten sich die deutlichsten Spuren der Abkehr bemerkbar machen. Es war gewiß nicht die antisemitische Politik der Lueger und Schneider, was diesen die erdrückende Mehrheit der Wiener Handwerker zuführte; man glaubte vielmehr an die Gcwerbefreundlichkeit der neuen Partei, welche nicht eincii Augenblick Bedenken trug, die unter dem Drucke der Verhältnisie aufkeimendcn rückschrittlichen Wirthschaftsideen des GcwerbestandeS zu den 'ihrigen zu machen und jedem reactionären Gelüste des Kleinbürgerthums zu schmeicheln. Man überredete die urthcilsunfähigen kleinen Meister, daß an allem ihren Unglücke nur der Jude Schuld sei, daß die fortschrittlichen Parteien nichts als Agenturen des Großjudenthums seien, und daß deshalb der natürlichste Weg zur Rettung auf wirthschaftlichcm Boden der unerbittlichste, rücksichtsloseste politische Kampf gegen Juden und Liberale sei. Wie von bösen Geistern getrieben stürzte sich der Gewerbestand mit einemmale in den politischen Kampf, deffcn Entscheidungsschlacht nun wohl geschlagen ist und mit einem entschiedenen Siege der Antisemiten endete. Allein trotzdem die bisherigen politischen Freunde des Handwerkes schon seit Jahren Tank der Jntriguc oder dem Terrorismus über einen Einfluß verfügen, welcher längst die letzten Spuren liberaler Grundsätze in den maßgeblichen Kreisen ausgemerzt hat, ist durch diesen Kampf dem Gewerbe auch nicht der geringste Bortheil erwachsen, im Gcgentheil eine große Anzahl wirthschattlicher Existenzen ruinirt worden. Wenn die von den Socialistcn aller Ruancen, alsoauch von den Ehristlich Socialen, auSgcgebene Phrase, jeder politische Kampf löse sich iu Wirtbschaftsfragcn auf, wahr ist, dann ist cs ja vollkommen erklärt, warum gerade die Handwerker den Anfang der Abkehr vom Antisemitismus machen. ES dämmert eben in den Köpfen der kleinen Meister allmälig auf, daß dieser politische Taumel Alles eher imstande sei, als ihre witthschaftliche Lage zu besicrn. Spuren dieser Einsicht haben sich in Wien in den letzten Jahren oft genug geltend gemacht. Allein der von den AntisAniten ausgeübte Terrorismus erschwert es heute noch den kleinen Leuten, offen ihre wahre Gesinnung zu zeigen. Aber in der Provinz, welche der Antisemitismus nicht wie Wien gleich einer Spinne mit seinem Retzc umsponnen hält, dort konnte es bereits zu einer Massendemonstration gegen die politische Verirrung des Hand werkerstandes kommen. Am 12., 13. und 14. d. M. tagte in Troppau der Vervandscongrcß der deutsch österreichischen Gewerbegenossenschaften, einer Organisation, welche gleich dem Wiener. Genossenschaftstage aus der Zusammenfassung verschiedener gewerblichen Genossenschaften hervor gegangen ist. Wir sehen in diesem Congrcß nicht bloß eine gleich den antisemitischen Wiener Gcwcrbetagen ausschließlich'aus Gewetbekrcisen sich recrutirende Bersamnilung; derselbe wird auch gewiß von keinem Vcrnünftigcn liberaler Anwandlungen geziehen werden. Das gesammte reactionäre Wirthschaftsprogramm des Haudwerkcrstandes, gegen welches sich heute kaum Einer aufzulchnen wagt, fand auf dem Troppaucr Eongrcß unbedingte Huldigung: man verlangte neben einigem Ve» iiünfligen, wie Einschränkung der Concurrenz durch die Strafhaus arbeit, Errichtung selbstständiger Gewerbekammern u. s. w., auch den Ausbau des durch die Praxis längst ad absurdum geführten Genossenschaftswesens, Berschärfung des Befähigungsnachweises, Verbot des SiygescUenwescns und des Maßnehmcns seitens der Confecsionäre, Ber Hütung der Einbeziehung der Kleingewerbe in die Unfallversicherung :c. Auch gesiel sich der Troppauer Gewerbecongreß gleich gewissen antisemitischen Versammlungen in Wien in einer Insulte gegen den liberalen Abgeordneten Exner, welcher eben das Symptom der Gewcrbefreundlichkcit nicht in der 'Nachgiebigkeit gegen jede reacttonäre Forderung des GewerbeNandes sehen will. Allein trotz alledem kam es auf dem Troppauer Eongrcsse zu einer entschiedenen Brrurtheilung jener politischen Verirrung, welche die Klcingewerbetteibenden dem Antisemitismus auSlieferte. Die Versammlung erklärte nicht, nur in der unzweideutigsten Weise, und zwar durch den Mund von des Philosemitismus ganz unverdächtigen Leuten, daß der politische Mißbrauch, welcher mit der Gewerbebewegung getrieben wurde, wohl eine der wichtigsten Veranlassungen für die Mißlage des Gewerbestandes sei, cs wurde auch der Mechaniker Schneider, welcher in Troppau erschienen war, von den Berathungen dieses und aller künftigen Gewerbecongrcffe ausgeschlossen und damit der ganzen Demonstration eine auch die antisemitische Dickhäutigkcit durchdringende Spitze gegeben. Wie gesagt, wir überschätzen den Freisinn des Troppaucr GcwerbccongrcffeS nicht; noch ist er vollständig pon jener reactionären Phrase beherrscht, 'für deren Einwurzclung der Antisemitismus so gründlich gesorgt hat. Allein er hat cs gewagt die Hcilswirkung deS Antisemitismus als solchen zu leugnen; er hat in einen bisher kaum angctastetcn Aberglauben Bresche gelegt und ruft die Kleingewerbetreibenden auf, das Reformwerk auf wirthschaftlichem Gebiet und mit wirthschaftlichen Mitteln zu beginnen. Das ist immerhin etwas, und die Wuth dxr antiseniitischcn Presse über die ihrem Schützling Schneider widerfahrene Lection beweist, daß cs der-Anfang vom Ende ist. Haben die Kleingewerbetreibenden einmal den Muth, gegen die Verquickung der sogenannten Jndcnfrage mit der Gewerbefragc zu protestiren, dann werden sic auch eines Tages die Kraft finden, sich zu sagen, daß die wirthschaftlichen Wege, die sie wandeln, nicht die richtigeu sind. Hoffen wir, daß dieser Moment bald eintritt, denn mit ihm beginnt erst das Reformwerk im Interesse des Kleingewerbes. Schlechte und gute Bücher. Wie sehr die Clcricalcn finsterster Richtung ihre Zeit für gekommen erachten, beweist ein dcnunciatorischcr Artikel, den das „Vaterland" am Tage des Wicderzusammentrittes des RcichsratheS veröffentlichte. In demselben werden Meyer's Eonversationslexikon, Brehm's „Thierlebcn", ferner die Werke von EbcrS, Felix Dahn, Wilhelm Zprdan, Heysc, Franzos, Ebner-Eschenbach, Suttner, F a u l m a n n, M a n t e g a z; a, Stacke und Fr. M c y c r als schlechte Bücher unbedingt vcrurtheilt. Die Werke von Schopenhauer, H a r t m a n n, D a r w i n, Büchner und H c l l w a l d finden insofcrne eine mildere Beurthcilung, als das „Vaterland" cs dem -— Fachmanne zur Pflicht macht, sie zum Gegenstände seines Studiums zu machen; dia Verbreitung dieser Werke in sonstigen Kreisen wird allerdings als eine „nicht genug zu brandmarkende Leichtfertigkeit" verpönt. Das clerical-rcactionärc Organ, welches seit dem kläglichen Zusammenbruch der Coalition wieder mit der Antiseinitcrei liebäugelt, schreibt: , Wir haben vor Kurzem auf dar Verzeichnis der Bücher hingcwiese», die a!« Treffer für die Lotterie zu Gunsten des HeimS für Lehrerinnen und Erzieherinnen gewählt worden sind. Geht man nun das erwähnte Bücherverzeichniß durch, so findet man eine erkleckliche Anzahl,Bücher heraus, auf die das Epitheton schlecht ohneweilerS paßt. Im Folgenden sollen Belege für diese Behauptungen geliefert werden. Wir wollen bei dem nnter den Haupttreffern figurirenden Eonversationslexikon von Meyer und dem an gleicher Stelle stehenden, sattsam bekannten Thierlebeu von Brehm un» nicht aufhalten, kurz bemerkend, daß er dem Katholiken entschieden nicht erlaubt ist, zur Berbreitung dieser beiden Werke beizutrage», und gehen gleich zu den 95 „Wahltreffern" über, um aus ihnen unsere Beweisstücke herauSzugreisen, wobei ausdrücklich erklärt sei, daß mir den hier namhaft zu machenden Werke» die Zahl der im Verzeichnisse enthaltenen, nicht anempfehlenswerlhen keineswegs erschöpft ist. Unter de» Werken erzählenden Inhalt« begegnen wir häufig dem Namen Eber». ES ist noch nicht lange her, so herrschte iu der „guten Gesellschaft" ein wahrer EberS-FanatiSmuS, und eS gehörte zum guten Ton, den neuesten EberS gelesen zu haben. Und doch gehört EberS weder in religiös-moralischer, noch in künstlerischer Hinsicht zu de» empsehlenSwerthen Erzählern. Ta haben wir z. B. den Roman „Frau Bürgermeisterin". Obwohl in dem Buche Toleranz in religiöser und politischer Beziehung zur Schau getragen wird, herrscht doch eine starke Neigung vor, alles Gemeine auf Seiten der Katholiken zu suchen.. In „Homo «um" fühlt Eber» daS Bedürfniß, der Welt zu zeigen, welchen Widersinn da« Mönchsleben i» sich-schließe. In dem Romane „Im blauen Hecht" läßt EberS seinen Tetzel Verschreibungen mit sicherem Ablaß für längstbegangene und später zu begehende Sünden verkaufen und einer armen kranken Person die letzten Heller ihres ganze» Besitzes abpreffen. Nicht minder häufig findet man unter den angcbotenen Bücher» Werke von Felix Dahn, einem der ärgsten Katholikenfeiude, der u. A. in dem im Verzeichniffe angesührten Rollian „Die Kreuzfahrer"- wahre Zerrbilder de» MönchSthumS entwirft. Wilhelm Jordan, dieser durch und durch consuse Pseudotheosoph, erscheint im Verzeichnisse u. A. mit dem Roman „Die Sebald«". Darin wird der Historiker Zanssen unter dem