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Freies Blatt · 1896-04-19 · 211 (19.4.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
211 (19.4.1896)
Date
1896-04-19
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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/ Freies Blatt Aboniirment-vreiS. Kür Oesterreich.Ungarn: SanuSbrig . . . 0 Kronen (st. 3.—) S-Ibjabrig.... 3 Kronen 40 Heller (fl. 1.70) vierteljährig... 3 Kronen (fl. >.—) Kür da» gelammte kln»Iand: «anuährig.e Mark Hald,ährig .4 Mark Sin,eine stlnmmern » kr. Unsrankirte Briefe werden nicht angenommen. Erscheint an jedem Sonntage. ^Hcöiirtioii mit) VItnuiiiiftrntion: ' i «filcrftnltr 10. stnferale werden mit so Hrller i>» fr.) Illt die viermol gespöttene Aonporeille;eile lere.dnet. Lkleiner -Inniger da- Won i Heller (S Ufi- Aufnahme von Inseraten in unserer Admunstralion sowie un Annoncendurean-M. f uT<*, I. WollzeUe s. Stummer 211. Wien, 11). -April 1896. V. Jahrgang. Ein lÜovt an die Aampfmüden. Wer die politischen Vorgänge in Oesterreich mehr alö flüchtig verfolgt, gewinnt die Ueberzeugung, daß man im liberalen i*agu' kampfmüde ist. Man nimmt antisemitische Verunglimpfungen und Verdächtigungen mit einer fatalistischen Ruhe entgegen und setzt sich auf die Kunde von Vorstößen der verbündeten Feinde dcö Liberalismus nicht zur Wehr. Niederösterreich hat, um nur ein Beispiel anzuführe», binnen Kurzem die Neuwahl des Landtages vorzunchmen. Jeder Tag bringt neue Meldungen über Vorbereitungen zur Wahlaction, aber sie kommen säst dnrchgehends aus dem antiliberalen Lager. Nur spärlich taucht eine Nachricht auS liberalen Kreisen auf, und da begegnet man auch Anzeigen, daß dieser oder jener Abgeordnete nach fa und so viel Jahren anstrengenden Wirkens die politische Arena zu verlasse» wünsche und die Wiederannahme eines Mandates ablehne. Alö „lachende Erben" drängen sich sofort antisemitische MandatSwerber herbei. Wenn die Officiere Muthlosigkeit oder wenigstens Mangel an Kampflust verrathen, so wirkt daS selbstverständlich deprimirend auf die Truppen. Die liberalen Wähler fühlen sich entmuthigt und sind zwar bereit, zur Beschwichtigung ihres GewisienS das Unvermeidliche zu lhun, wolle» sich aber nicht übermäßig er eifern. Wozu sich in Gefahr und Unkosten stürzen, wenn schon die Führer von vornherein den Gegnern daö Terrain, überlassen? Kampfmüde sind namentlich die jüdische» Wähler. So empfindlich sie noch vor nicht langer Z^it gegen antisemitische Stadelstiche waren, ebenso apathisch sind sie jetzt selbst gegen Keulenschläge dcr Antisemiten. Das Vertrauen in die liberale Partei ist bei vielen Inden erschüttert; man vernimmt Arußerungen des Inhaltes, daß eine Politik, welche de» Liberalismus durch Zurückstellung seiner Principien zu retten suchte, keine Gewähr dafür biete, daß sie nicht auch uni dci^Opportunltät willen den Grundsatz der Rechtsgleichheit zurückstellen wetzdt^daß übrigens die Rechtsgleichheit in Wirklichkeit nicht bestehe Md^Ne „auf dem Papiere" ungefähr de» gleichen Werth habe wie nach einem einstigen Auösprnche Eduard Gregr'S daS böhmische StaatSrechl. Die akademische Jugend jüdischen Glaubens sagt sich ebenfalls vom LiberaliömnS loS. Soweit sie nicht social-demokratisch angehaucht ist, stellt sie sich auf den Boden der vom Antisemitismus ausgeklügelten Racentheorie; sie ahmt die Antisemiten nach, indein sie gleich diesen mit einem nationalen Schwamm die Ergebnisse einer zweitausendjährigen Culturgeschichte wegwischen zu können glaubt und zum Ergötzen aller Judenhasser den gefährlichen Sport des sogenannten Zionismus betreibt. Die Verstimmung jüdischer Wähler und die Verirrung der jüdischen Jugend sind leider begreiflich. Die Führer der liberalen Partei haben thatsächlich viele Fehler begangen: Sic haben die antisemitische Epidemie bei ihrem Ausbruche unterschätzt und nichts gethan, um die studirende Jugend vor Ansteckungsgefahr zu bewahren; sie haben schüchterite Einsprachen gestammelt, wo wuchtige Anklagen geboten waren; sie schlosse« endlich mit clericalen Reaktionären ein Bündniß, bei welchem sie schmählich übervortheilt wurden. All dies rechtfertigt aber noch nicht die Annahme, daß die liberale Partei je so tief sinken könnte, um daS gleiche Recht für Alle, ihr Lebensprincip, zeitweilig dem Opportunismus zu opfern. Auch ist die Gleichberechtigung „auf dein Papiere" keineswegs so werthloS, ui» leichte» Herzeno prrisgegedcn zu werden. Die Stellung des Staatsbürgers, welcher ein gar nicht oder nur theilwcise zur Ausführung gelangtes Gesetz zu seinen Gunsten anrufen kann, ist jedenfalls nicht so schwierig und trostlos wie die eines feindseligen Gelüsten auogrsetzte» „Fremden", welcher eines gesetzliche» Schutzes entbehrt. Noch ist es, meine» wir, nicht an dcr Zeit, kainpfmüde zu sei». Wir befinden u»S erst mitten im Kampfe, und dcr Feind, mit dem wir eS zu thun haben, gewährt feine» Pardon. Als letzthin der zu den Liberalen zählende Bürgermeister einer größeren niederöstcrreichischcn Stadt bei einem Manöver christlich socialer Streiter zu chercn Begrüßung erschien, schleuderte ihm dcr aüS Wien angekommenc Eommandanl die Insulte ins Gesicht: „Es weht jetzt ein anderer Wind, und da wiffl auch du auf eine andere Seite geweht!" Die Ritter von der weiße» Nelke und ihre mit Kornblumen geschmückten Hilfstruppcn sind nicht dadurch zu gewinnen, daß man sich vor ihnen demnlhigt. Sic' würden nicht rasten, so lange noch irgend eine Errungenschaft des freiheitlichen Geistes unversehrt bliebe. Die Liberalenin Oesterreich aber haben zwar cmpsindliche Niederlagen erlitten und so »tauche »verlh« volle Position cingebüßt, doch ist ihre Lage keineswegs so ver zweifelt, daß sie »ichtü mehr zu verlhcidigcn, nichts mehr zn ver kiercn hätte». Und da gebieten es Ehre und wohlerwogene Einsicht, opferwillig weiter zn kämpfen. , Glicht bloö' hierzulande, auch anderwärts gehl cs dem Libern liümuü schlecht. Insbesondere im benachbarte» Deutschen Reiche bedrängen ihn rückschrittliche Ränkeschmiede aller Art, und zwar schon seit jener Zeit, in welcher Fürst Bismarck als allmächtiger Kanzler . zn seinen Jugendideale» vom christlichen Staate zurück kehrte und die „Berliner Bewegung" unseligen Angedenlens durch wohlwollende Neutralität förderte; cS ist dies, nebenbei bemerkt, derselbe Fürst BiSmarck, dcr helktzulage als Privaiinaun in FriedrichSruh für Minister de» Grundsatz aussleltl: „ l.u r.-,-li,-r.-li.- d» l:i eontussioii est intcrdit»." Wir haben indessen »och nicht gehört, daß die Richter und Rickert nach Wahlniederlagen kanips müde geworden wären. So verschieden auch die Wege und Mittel sind, auf denen diese b'cide» Bolköverlrele/ eine Erfolg , verheißende Thätigkeit zu entwickeln bemüht sind, darin stimmen sie überein, daß cS gegenwärtig frevelhaft wäre, die Waffe» aus der Hand, zu geben. Auch von den jüdischen Studenten und den junge» Doeloren in Deutschland haben wir bisher »och nicht vernommen, daß sic der Judcnhetze der Stöcker und Ahlwardt durch zionistische Spiele rcien Vorschub leisten würden. Nehmen wir uns in diesen trübe» Tage» an de» ehrlichen Bekenner» des Liberalismus in Deutschland ein Beispiel, raffe» wir u»S auf, das Versäumte »ach zuhole», fördern wir thatkrästig Freunde und Genossen, in erster Linie hilfsbedürftige Gewerbetreibende, klären "wir die nur Jrregeführtcn auf, doch ergeben wir n»S nicht Jenen, die nur auf unser Verderben sinnen. Keine Eapitulkitio», keinen feigen Rückzug, sondern Aufgebot aller zulässigen Mittel zur entschiedenen Fortsetzung deS Kampfes im wohlverstandenen eigenen Interesse, sowie zu in Besten »nsrreS Vaterlandes^ y y y « i

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