Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 210 (12.4.1896)
- Date
- 1896-04-12
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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Seit* 8. .freiet Blatt. Nr. 210. wegen eine« „Au« Ostfnerland" betitelten Artikel«, in dem behauptet wurde, eaß jüdische Schlächter Fleisch, welche« zum Verkauf an Christen bestimmt war, in ekelhafter Weise besudelt hätten. Die Anklage lautete auf groben Unfug. Die königliche Staatsanwaltschaft hatte die Anklage, anscheinend auf Anzeige von Berlin an«, erhoben. Herr Rosenthal gab als Bersaffer de« Artikel« den Navigationslehrer Doering au« Leer an, erklärte aber ausdrücklich, daß der Artikel mit seinem Wissen und Willen'abgedruckt sei. Ter Amtranwalt beantragte 50 Mark Geldstrafe, weil durch diesen frivolen Artikel weite .Hreife beunruhigt seien, nämlich die durch denselben betroffenen jüdischen Schlächter und deren christliche Lonstimeiiten. Herr Rosenthal vertheidigte sich dahin, er habe die Angabe de« Herrn NavigationSlehrer« Doering in Leer für wahr gehalten, und erachte e« für feine Ehrenpflicht, derartige Sachen zu bringen, da andere Blätter nicht den Mnth dazu fänden. Er beantragte die Vernehmung de« Tr. B a ch l e r in Berlin, der da« Vorkommen solcher Fälle bezeugen könne. Da« Schöffengericht erkannte a u f F re i s p r e ch u » g mit folgender Begründung: Die Voraussetzungen de« groben Unfug« lägen nicht vor.^Die Art der AusdruckZweffe jene« Artikel« sei zwar wenig geschmackvoll, doch nicht jede Ungebühr falle unter den Unfugsparagrophen, sondern nur die „grobe" Ungebühr. Tie Leser der „Hannoverschen Post" seien durch den Artikel nicht den n r n h i g t. weil er j a ihren Tendenzen entspreche. Wenn möglicherweise einige jüdische Schlächter und deren christliche Xunden den Artikel geleien hätten, soseien diese jireise zu klein, um da« allgemeine Publicum darznstellen. Charakteristisch für den vorliegenden Fall ist, daß Herr Rosenthal die Unwahrheit seiner Verdächtigungen ohneweiter« zugegeben und nichteinmal den Versuch gemacht hat. da« Schauermärchen von der Fleischbesudelnng in Ost sriesland durch den gesinnungstüchtigen Antisemiten. Herrn Navigationslehrer Doering in Leer, unter Beweis zu stellen. 5,rcuülctau. Zur Geschichte der (Lmcrncipation in Deutschland vor dem )ahre 1848. r.K a <tj älteren C. lt.e Ilen bearbeitet.) in florlsebunz.) Mit gleichem Nachdruck und Noch größerem Erfolge, besonders mit der i''eißcl des Spottes, kämpfte der Abgeordnete Vincke gegen das 'dlkückschrittssl,ftem der Negierung. Er fand es schwer begreiflich, wie die christliche Lebensaufchanung insbesondere dein Pandektenrechte zu gründe liegen solle. Er erklärte, dass der vorgeschützte Doctoreid eben auch ein Ueberbleibsel mittelalterlicher Formen sei, da« man jetzt für dnrchans überflüssig halten müsse. Wolle inan durchaus die Spielerei beibehalten, so siehe ja nichts dagegen, den Eid iu der Synagoge abzniielllnen und die Fassung zu inodisiciren. Desgleichen zeigte er die innere Nichtigkeit des Raisonnements der Regierung in Beziehung auf die Lehrstühle für Philosophie und Geschichte; er meinte, wenn Spinoza und Mendelssohn sich heute auf der-Berliner Universität habiliriren ivollten, so würde diese alle Ursache haben, sich dazu Glück zu wünschen. Unter wiederholtem stürmischen Beifallsrufe drang er darauf, daß die Kirche sich vom Staate Peine Dienste leisten zu lasten habe; ihr Reich fei wefentlich ein inneres, ans die innere Ueberzeugung begründetes, und jede innere Ueberzeugung thue ihm leid, wenn sie erst durch den Staat gewährleistet werden solle: die Ueber^ugung müste im Menschen vorwalten, und wenn sie nicht in ihm vorwalte, so sei nicht einzusehen. durch ivelche Zwangsmittel des Staates sie producirt werden solle. .Den Geist des classischen Alterthums namentlich wolle er eben nicht int christlich theologischen Geiste dargestellt misten, sondern so, wie die Alten selbst ihre Zeit betrachtet hätten; wer das Alterthuni benützen wolle, uni kirchliche Dheorieu daraus' zu entwickeln, der werde bei dem Ziele vorbeifchießen und den Grift nicht tresten. Unter donnerndem Bravo forderte er die Bersammlung aus, sie möge an dem Grundsätze festhalten, von den höheren 'Bildungsanstalten, die sich als Sitz der Humanität in Preußen stets ausgezeichnet hätten, die engen consessionellen Rücksichten auSzuschließen. Wenn Statuten aus dem XVI. Jahr- Kundert noch beständen, so sei es eben an der Zeit, aus deren Modisication im Geiste des XIX. Jahrhunderts anzutragen. Die Zulaffung der Juden zu allen akademischen Aemtern, welche nicht ihrer Natur nach das christliche Glaubensbekenntniß voraussetzen, einschließlich des Decanates und des Prorectorates, wurde mit 222 geghn 181 Stimmen beschlosten: auch sprach sich die Ständecurie für Errichtung eines besonderen Lehrstuhles behufs der Bildung jüdischer Theologen aus. Anders war die Entwicklung der Sache in der Herrencurie. Vergebens boten auch diesmal die Grafen Dyhrn und?)ork, denen sich mehr oder minder entschieden auch einige andere Mitglieder anschlofseir,' alle Beredtsamkeit auf, um denselben Erfolg zu erzielen. Ersterer gab dem Cultusniinister zu, daß die deutschen Universitäten organisch gegliederte Eorporationen seien; aber eben zu ihrem Ruhme seien sie über die Basis thatsächlich hinausgegangen, auf der sie im Mittelalter errichtet worden. Mit Recht entgegnete er gegen die Anpreisung der englischen Universitäten, daß gerade in diesem einen Punkte der Deutsche stolz sein dürfe, etwas zu haben, was dem Engländer fehle. Unseren Universitäten verdanken wir es vor Allem, daß in Deutschland mehr als anderswo die Idee der reinen Humanität zur Entwicklung gekommen sei, und nur deshalb, weil bei uns die Universitäten anders als in England und Frankreich den Begriff von wahren Ufliversitati-.- literarum erreicht hätten, von denen kein Fähiger änsgeschlosten werden dürfe. Tie Namen der Jakobi, Ries, Beer, Mendelssohn, Gans kamen zu ehrenvollster Erwähining. chork machte noch eindringlicher als fein Freund aus die geistige Knechtschaft der englischen Universitäten austnerksani, deren Grund darin liege, daß man sie zu Dienerinnen bestimmter consessioneller Anschauungen gemacht habe. Er erinnerte au die schöne Zeit des Aufschwunges in Preußen, an die Berufung des als Gottesleugner verfolgten Fichte, an die Stiftung der Universität Berlin, an ihre Glanzperiode unter Hegel. Er bemerkte, wenn die Universität ein organisches <fan;es sein solle, so müsse sie auch die Fähigkeit haben, alle geistigen Notabilitüten in sich ausnehmen zu können. Er bekannte, nicht zu begreifen, wie die christliche Bildung in i&etu griechi scheu und römische» Alterthume zu sinden und zu entwickeln sei, und wie die Philosophie des Aristoteles nach christlichen Principien vor getragen werden solle. Allein diese freieren Ansichten fanden iu der Herrencurie nur sehr bedingten Anklang. Besonders von katholischer Seite her zeigte sich die schroffste Unduldsamkeit. Es wurde geradezu damit gedroht, daß, wenn jüdische Prosefforen der Philosophie zngelaffen werden sollten, die katholischen Bischöse den Studirenden ihrer Eon selsion den Bestich der Universität verbieten würden. Das Dogma vom christlichen Staat wurde wieder mit Inbrunst ausgebeutet, so daß an einen Sieg deS Principes der freien Wistenschast nicht zu denken war. Man mußte froh sein, daß die Enrie die Juden wenigstens zu den ordentlichen Prosesturen der mathematischen, ngturwistenschastlichen und niedicinischen Lehrfächer znzulassen beschloß. In Folge qiäer glücklichen ■ Apostrophe des Grasen zstork, der daran erinnerte, daß wir die Er; Haltung und Kenntnis; eines großen Theiles der alten Literatur den Arabern und Juden verdanken und daß uns nainentlich die Schriften des Aristoteles durch die Juden erhalten worden seien, kämen auch noch die lingnistischen Fächer hinzu - mit lll gegen 2o Stimmen), wogegen die Errichtung eines Lehrstuhles für jüdische Theologie abgelehnt wurde. In Beziehung ans die Zulassung der. Juden zu anderen Schulämter» hatten beide Abtheilungen in ihrer Mehrheit beantragt, daß die Juden zwar von dem Lehramt an christlichen Elementarschulen und den Borsteherstellen an anderen christlichen Schulen ausgeschlossen, da gegen zu Lehrstellen an Gymnasien, höheren Bürgerschulen u. s. w. zugelasieu fein sollen. Ein Theil von Mitgliedern der Ständecurie hatte noch weiter gehen und die Inden auch hier zu allen Stellen znlassen wollen, die nicht uothwendig das christliche Glaubensbekenntniß voraus fetzen. Allein nicht einmal der erste Vorschlag war durchzusetzen, selbst in der Skändecnrie nicht, wo abermals von katholischer Seite her der heftigste Widerspruch erhoben wurde. Doch waren hier wenigstens 180, in der Herrencurie dagegen nur neun Stinimen für den Vorschlag. Insbesondere erklärte hier auch der Prinz von Preußen, man sei in der Toleranz schon weit genug gegangen und brauche sich die Juden nicht auch noch als Gymnasiallehrer gefallen zu lasten. Doch gelang es dem Eifer des Grafen Z'jork, wenigstens die Zulassung derselben zu Lehrstellen an Gewerbeschulen herauszuschlagen.. Tie wichtigste Frage .war die über Gewährung der ständischen Rechte an Juden. Die Abtheilung der Ständecurie hatte sich in großer Mehrheit dafür erklärt, weil dies aus dem Grundsätze: Gleiche Pflichten, gleiche Rechte folge, weil die Juden schon seit ö0 Jahren als Stadt- - verordnete an der Regelung des Gemeinwesens theilgenommen. hätten, weil endlich auf den Kreistagen sowohl als auf den Landtagen nicht die Jntereffen irgend einer Kirche, sondern nur allgemeine bürgerliche Angelegenheiten verhandelt würden, welche die Juden ebenso wie die Christen angingen und zu deren Berathung nicht die Angehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgesellschaft,' sondern die allgemeine Bürgertugend erforderlich sei. Dagegen wurde abermals die Idee des christlichen Staates geltend gemacht, und weil der Minister einsehen mochte, daß das so viel nicht mehr verfange, noch eindringlich beigefügt, daß es - „der .entschiedene Wille der Regierung" sei, den Charakter des christlichen Staates aufrecht zu erhalten, weshalb sie dringend wünschen