Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 210 (12.4.1896)
- Date
- 1896-04-12
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit» 4. Freie» Blatt. Nr. 210. anstaltcnde Uebtrsttzling des Schulchan Aruch vergeblich." Diese Ausgabe soll auch die Arbeit des berüchtigten Schwindlers Pavly, der nach dem Erscheinen der vierten Lieferung seiner Bearbeitung der Löwe'schcn scandalösen Berdeutschung plötzlich das Weite zu suchen für angezeigt fand, fortsetzcn oder besier gesagt entbehrlich machen. Zur Anpreisung des Unternehmens witd ein längerer Passus aus einem Schmutzbuch des durch seine frühcreJntimität und dermalige Feindschaft mit dem flüchtigen P a a s ch, mehr als durch seine eigenen Schreibereien bekannt gewordenen vr. jur. Frciherrn F. E. v. Langen angeführt und zum Ueberfluß hervorgehoben, die „Uebersetzung" Lowe's wäre antiquarisch kaum um 50 (fünfzig) Mark erhältlich. Die letztere Behauptung ist entschieden unwahr; denn der „Antiquarische Anzeiger" von S. Calvary & Co. in Berlin vom 1. April 1896 gibt auf Seite 221, unter Nr. 4472 Löwe's Schulchan Aruch für 25 (fünfundzwanzig) Mark an. Die Herren Patres versprechen den Subskribenten nur einen Auszug in verbessertem Deutsch für 6 fl., beziehungsweise für 9 fl. zu liefern. Voraussichtlich finden sie ihre Rechnung dabei; pfäffische Geschäftspraris kennt sich aus. Ihr ergebener I)r. It. 8. , (Antisemitismus und Wahnsinn.) Dieser Tage kam ein Fall vor, welcher neuerdings beweist, daß die Bcthörung der minder gebildeten Volksschichten mit antisemitischen Schauermärchen zum Wahnsiim führen kann. Das Märchen vom „Ritualmorde" ist ganz geeignet, die Phantasie urtheilsloser Leute aufzuregen und so mit blinder Angst und Furcht zu erfüllen, daß dadurch ihr Gehirn ganz zerrüttet wird. Die 20jährige Magd . Anastasia Swoboda, - die in der Salesianergasie Nr. 8 bedienstet war, mußte am 7. d. M. Abends auf Grund des polizeiärztlichen Pareres der psychiatrischen Klinik übergeben werden. Sie leidet an dem Wahne, ihre christliche Tienstgeberiu sei eine Jüdin und habe sie anläßlich der jüdische» Osterfeiertage abschlachten wollen. Die arme Magd ist ein Opfer gewisienloser antisemitischer Hetzer. (Ehrenbelkidigung.) Das Bezirksgericht Alsergrund beschäftigte sich am 8. d. M. mit der Ehrenbcleidigungsklage eines jüdischen Kaffeesieders, welchen der ehemalige Obmann des Gastwirthegehilfenausschuffcs, Leopold Mittermayer, nach Antisemitenart beleidigt' hatte. Der Rechtsanwalt des Privatklägers beantragte eine Freiheitsstrafe, da „die Beleidigung eine confessionelle Tendenz bekunde und ein Exempel statuirt werden, muffe, damit nicht jeder Mensch von untergeordneter Bildung sich ein Plaisir daraus mache, Jemanden deshalb zu beleidigen, weil er Jude sei". Leopold Mittermayer, der zur Verhandlung nicht erschienen mar, wurde in contumaciam zu drei Tagen Arrests verurtheilt. (Deutsch-nationaler Geist.) Der Gastwirth Michl Ott in Egrr sandte einem Kaufmanne, der seit Langem regelmäßig bei ihm zu Gaste rinkehrte, einen Brief, der in der Orthographie deö Originales also lautete: Wohlgeboren Herr S.Kaufmann in Eger wole Sie jo freundlich sein, und sie nicht mer zu mier zum Bier kommen den ich wäre ienen ser gud aber meine gest« »ichl. Sonst kenten sie einmal die Größlen unannemlichkeiden haben, den die Gäste die bei mier verkeren die sind ale Teutschnozional. AchlungSfol Mich! £ t t. Die Deutsch-Nationalen Eger4 müssen eine sehr gebildete Gesellschaft sein, nach ihrem Abgeordneten Jro und ihrem Stammgastwirthc Ott zn schließen. . (Zur Troppauer Rcichsrathswahl.) Aus Anlaß der Vcrificirung der Wahl des Professors Wladimir Demel zum Rcichsrathsabgeordneken wurde von den Antisemiten im Parlamente und in 'der Presse neuerlich die Erzählung aufgetischt, es wäre seinerzeit dem tschechischen Landtagsabgeordneten Dr. Stratil von liberaler Seite eine größere Summe für national-tschechische Zwecke unter der Bedingung angeboten worden, daß die tschechischen Wähler in Troppau dem Professor Demel ihre Stimmen zuwenden sollen. Dr. Stratil veröffentlichte nun eine Erklärung, in welcher er die antisemitischen Äugabcn als unbegründet zurückweist. Auch von deutscher Seite liegt in Bezug auf diese Angelegenheit eine Reihe von Erklärungen vor, von denen wir nachstehende als die bedeutsamste wiedcrgeben: Ter Ausschuß und die BertrauenSmänner des deutsch - fortschrittlichen BereiueS für Westschlesien in Troppau erklären die in der „Deutschen Wehr" enthaltenen Mittheilungen, wonach die deuv'ch-sortichrittliche Partei in Troppau anläßlich der vor drei Jahren erfolgte» Wahl de» ReichSraihSabgeordneten Professor Demel durch einen Unterhändler oder eine Mittelsperson dem Herrn Dr. Stratil für tschechisch-nationale Zwecke irgend einen Geldbetrag angeboten habe, als bewußt« Lüge und weisen diese verleumderischen Anwürfemit Entrüstung und Verachtung zurück. Sie erblicken darin nur einen jener zahlreichen niedrigen und unwürdigen Angriffe, deren sich die Partei der „Deutschen Wehr" seit Jahren gegen die liberale Partei in Troppau bedient. (Proceß Hammersttin.) Wie aus Berlin berichtet wird, dürfte Landgcrichtsdircctor R i e ck als Vorsitzender der ersten Strafkammer des Landgerichts I schon in den nächsten Tagen den Termin zur Hauptverhandlung gegen Wilhelm Freiherr» v. Hammerstcin anberaumen. Dem Vernehmen nach ist den Anträgen der Bertheidigcr, Rechtsanwalt Rätzel I. und Dr. Schwindt, auf Nichteröffnung des Hauptverfahrens, respcctive auf weitere Beweiserhebungen vor Abfassung des Beschlusses nicht stattgcgeben worden. Die Eröffnung des Hauptverfahrens bezieht sich 1. auf Fälschung zweier Urkunden über je l 00.000 Mark auf den Namen des Grafen Finckcnstein; der durch dieselbe Handlung begangene Betrug mußte, weil bereits Verjährung eingetrcten ist, ausgeschieden werden; 2. ist in der Verwendung von etwa l 2.000 Mark zu Privatzwccken des Herrn v. Hammerstein eine Unterschlagung angenommen worden; 3.» ist ein fortgesetzter Betrug in der Erhöhung des Papierpreises um das Doppelte erblickt worden, indem angenommen wird, daß die Preise von dem Aufsichtsrathe nicht gezahlt worden wären, wenn die Mitglieder desselben gewußt hätten, daß in den vereinbarten Preisen die Bezahlung einer Privatschuld des Angeklagten an den Papier lieferanten mitcnthaltcn ist. Charakteristisch ist auch die im Laufe der Untersuchung erfolgte Feststellung, daß Freiherr v. Hammerstein jeden Angestellten, der sich gegen etwaige Unregelmäßigkeiten bei der „Kreuz- Zeitung" irgend welche Bemerkungen erlaubte, sofortentließ, somit einen Terrorismus ausübte und die Untergebenen einschüchtcrtc, um sic davon abzuhalten, ihre Wahrnehmungen weiter zn verbreiten. (Keine kleinliche SiUlichkeitsreiterei.) Der Führer der „Deutsch bund-Bewegung" Dr. Friedrich Lange ist — wie aus unseren früheren Meldungen hervorgeht — in letzter Zeit Gegenstand sehr heftiger persönlicher Angriffe seitens seiner antisemitischen Gesinnungsgenossen. Der Bcrliner Obmann. des Dcutschbundcs, ein Dr. Förster-Pankow, hat sich bei diesem Anlässe als warmer Vcrthcidigcr Lange's erprobt. Gerade besonders ehrepd für den Vcrtheidigte» war indeß seine Methode nicht. Er schrieb an einen Herrn M., dessen Tochter sich — trotz Lange's Widerstreben — als dessen rechtmäßige Braut betrachtet: „Ich habe Ihnen erklärt, daß es jedenfalls thöricht sei, den h öch sten si ttli ch c n M a ßst a b an einen Führer zu stellen, und in der Politik sei cS geradezu eine verwerfliche Sache, da die größten Erfolge so leicht durch kleinliche Sittlichkeitsreiteret in Frage gestellt würden." Wie sich Fräulein M. mit dieser politisch-philosophischen Maxime über die Üntrcue ihres Liebhabers trösten wird, sei dahingestellt. Die antisemitischen Führer aller Länder werden jedenfalls, das Wort Förster-Pankow's bereitwillig aufgreifen und es bald als die O.uinteffenz der neuen urteutonisch-antisemitischen Moral populär machen. (Die Juven und die Leipziger Messen.) An einem Vortragsabend, welchen der „Verein für die Geschichte Leipzigs" neulich veranstaltet hatte, sprach Lehrer Tr. Richard Markgraf über den „Einfluß der Juden auf die Leipziger Messen", betrachtet vom Volks wirthschaftlich-statistischen Standpunkte. Tie „Leipziger Neuesten Nachrichten" geben darüber folgendes Referat: Es ist bekannt, daß schon in frühesten Zeiten die Handelsstädte besondere Anziehungskraft auf die Juden ausübten, und Leipzig, das jetzt seit länger als sechs Jahrhunderten seine» Mcßrnhm behauptet, von ihnen ebenfalls schon zeitig zu Handclszwecken besucht wurde. Zuerst wird der Juden zur Regierungszeit des Markgrafen'Dietrich von Landsbcrg — 1263 bis 1284 — gedacht, wo sich die Juden in Leipzig seßhaft gemacht zu haben scheine». Sichere Kunde von ihnen gibt erst eine urkundliche Nachricht ans dem Jahre 1359, in welcher einer besonderen Gasse gedacht ist, die „Juden - bürg" hieß und den Juden als Wohnung angewiesen war. Sie befand sich am Fleischerplatze, zwischen der Barfußmühlc und dem Naundörfchen. Von Judenverfolgungen, wie anderwärts, wußte man damals in Leipzig noch nichts, ja man erkannte sogar die Bestrebungen der Juden für die Hebung des Handels an. Als im XIV. Jahrhundert die Verfolgungen der Juden wegen angeblicher Brunncnvergiftlzngen und anderer Beschuldigungen cintraten, genossen allein die sogenannten Hofjudcn Schutz, indem sie von den Fürsten als ihre Diener bezeichnet und mit Privilegien und Frecheitcn begabt wurden. Einer von ihnen war der in Leipzig angesessene Jude Abraham, welcher bedeutenden Grundbesitz inüe hatte. Er wird 1428 zuerst genannt und dann wieder 1439, wo er, wahrscheinlich wegen finanzieller Sünden, im Gefängniß saß und mir mit schweren Opfern sich von demselben kosniachcn konnte. Später wird der Juden nur noch auf den Messen gedacht, wo inan sie jedoch nicht unglinipflich behandelt zu haben scheint. Ungerechte Beschränkungen der Juden, wurden in Leipzig erst ini XVII. Jahrhundert eingefnhrt, wie dies auch theilweisc die bis 1675 zurückrcichendcn Rathsacten erweisen. Von diesem Jahre an bis 1839, wo der erste Jude in Leipzig das Bürgerrecht erlangte, entwarf Dr. Markgraf in seinem Vortrage ein ausführliches Bild der Handels-