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Freies Blatt · 1896-04-12 · 210 (12.4.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
210 (12.4.1896)
Date
1896-04-12
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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< Nr. 210. Frei«» =— 7 ---— r- . amerikanischen Gesetze sind so elastisch und die Geschworenen so lenkbar und bestechlich, daß derjenige, welcher über daS nöthige Kleingeld verfügt, sich Alles erlauben kan», zumal in den von der Cultur noch zienilich unbeleckten Südstaaten. Dort wird für das Verbrechen des reichen Weißen stets eiue dem Wortlaute des Gesetzes entsprechende Entschuldigung gefunden; aber, wehe dem Schwarzen, welcher, ans einem solchen Präccdenzfalle fußend, sich nur deS geringsten Vergehens schuldig macht! Mnndfcrtige Advocaten malen ihn als Teufel in Menschengestalt, und die Richter secundiren ihnen; sie beeilen sich im Interesse der arg verletzten Gerechtigkeit, ihni daS höchste Strafausmaß zuzucrkcnnen und erweisen damit der Bevölkerung, welche den Reger so gerne vom Erdboden vertilgen oder ihn zum Mindesten wieder in die alte Sclaverci znrückzwängen möchte, einen großen Gefalle». Wie der Reger einen so harten Schädel hat, daß, wie man sagt, ein gegen ihn geschleuderter Backstein wirkungslos abprallt, so hat er auch rin bombenfestes Herz, auf welches die von Weißen ihm an gethanen Beleidigungen nicht den geringsten Eindruck auSüben. Am allerwenigsten aber scheint er sich dadurch veranlaßt zu fühlen, de» ebenso sonnigen wie ungastlichen Süden zu vcrlaffe» und nach den Rordstaaten oder der Regerrcpublik Liberia auSzuwander». Die Südstaaten sind nun einmal seine Heimat, und von dieser will er sich seinen Feinden zuliebe nicht trennen. In Südcarolina am Mississippi über» steigt die Regerbcvölkernng bereits die der Kaukasier; in Louisiana halten sich die beiden Raren ungefähr die Wage, so daß der Schwarze dort schon wegen seines Stimmrechtes eine wichtigere Rolle spielt als in irgend einem Nordstaate. Leider macht er jedoch von diesem Rechte nicht den erwarteten Gebrauch, denn er übt eS zu selten aus, wozu auch der Umstand nicht unwesentlich beiträgt, daß er daran sehr häufig mit allen erdenklichen Mitteln, oft sogar mit der Waffe in der Hand, gehindert wird. Nicht selten ereignet es sich aber auch, daß der von ihm abgegebene Wahlzcttcl vor dem Scrntiiiiui» anf uncrklärlichc Weise verschwindet. JDb der Reger aber auch »ach alledem ein'Paria hu vollsten Sinne des Wortes ist, so ist er doch von ungetrübter LebcnSfrende erfüllt. Seiner guten Laune geht er nur in den Gefilden der Liebe verlustig, wenn er Grund zur Eifersucht zu haben glaubt. In diesem Falle wird bei ihm die Milch der frommen Denkungsart plötzlich in gährcndcS ( Drachengift verwandelt, und er reißt schleunigst seine Rationalwaffc, ein Rasirmesser, ans der oberen Westentasche und zerfleischt damit dem Störer seines Friedens das Gesicht nach allen Richtungen. Daß er das Rasirmcffer aber auch seinem eigentlichen Zwecke entsprechend und kunstgcmäß zu handhabe» versteht, daS muß Jeder zngestehcn, welcher sich jemals von einem schwarzen Barbier bedienen ließ. Als Bartkünstlcr ist der Reger rin Virtuos, und als solcher erwartet er, daß man ihn mit. dem Profcsiortitcl beehrt; denn von den vielen Titeln, welche man in Amerika beanspruchen und sich beilegen kann, ohne daß sich eine Universität oder die Polizei darum kümmert, übt der Titel eines Profcsiors die größte Anziehungskraft und den höchsten Reiz anf ihn aus. Er wird ihm denn auch ohncweitcrS bereitwillig und kostenfrei von jedem Manne, dessen Bart feine Fertigkeit zu erproben Gelegenheit hatte, verliehen. Er revanchirt sich dafür, indem er sich im Gespräche stets die erdenklichste Mühe gibt, seinen Ehrentitel durch Anwendung hochtrabender, meist verkehrt angewandter Redensarten gerecht zu werden. Wenn man beim Anhören derselben sich deS LachcnS nicht erwehren kann, so stimmt er schnell mit ein und freut sich königlich, seine weiße Kundschaft erheitert zu haben. Ueberhanpt ist der Reger der einzige Amerikaner, welcher wirklich frisch und herzhaft lachen kann. Wo der trockene, ausschließlich von geschäftlichen Gedanken in Anspruch genommene B»nkce kaum die Lippe zum Lächeln verzieht, schlägt der Reger eine weithin schallende Lache auf, daß alle Fenster der Nachbarschaft klirren. Er hat stets daS Herz auf der Zunge n»d macht niemals ein Hehl aus seinen Empfindungen. Seine angeborene Rednergabe wird nur durch sein phänomenales Talent für Musik übertroffcn, und er hat bereits einige Melodien geschaffen, welche nicht nur i» den Eonccrt saal, sondern auch in anglo amerikanische Kirchen Eingang gefunden haben. Die Verse, welche er zur Zeit seiner Sklaverei dazu dichtete, sind größtentheils religiöser Natur und behandeln Episoden auS der biblischen Geschichte, welche er gelegentlich von einem Rcisepredigcr der Methodisten- oder Baptistenkirche gehört hat. Diese „Spirituals" ge * nannten Lieder sind ebenso reich an unfreiwilliger, haarsträubender Komik wie die von den schwäbischen Communisten, den Rappisten in Pennsylvanicn, im Anfang dieses Jahrhunderts zusammengereimten und unter dem Titel: „Harmonisches Gesangbuch, theilS von anderen Autoren, theilS neu verfaßt", herauSgcgcbenen Verse. Gelegentlich wird der Borttag der „Spirituals" auch mit Tanz, Händeklatschen und sonstigem Lärm verbunden, besonders wenn die Reger, was häufig ge- »lat«. ' Seite 3 schieht, in religiöse Ekstase gerathen, so daß sic nicht mehr ruhig sitzen bleiben können, sondern hin. und hcrspringcn und an den Wändest hinauf hüpsc» müssen. Ein solcher Gottesdienst wird dann „shnut“ genannt. Da der 'Reger sich keine Musik ohne GesangSbegleitnng denken kann, so hat er,'da er füglich nicht zu gleicher Zeit zu singe» und zu blasen vermag, allen-Blasinstrunlenten den Krieg erklärt und seine ganze große Geschicklichkeit in den Dienst deS Banjo, der Gnitarrc und der Mandoline gestellt. Wen» er auch sonn nichts auf dem ganzen Erdboden sein Eigenthum nennt, so besitzt er doch gewiß eines dieser Saitciiinstruincntc, mit welchem er wie ein von Lena» gezeichneter Zigeuner die Widerwärtigkeiten des Lebens verscheucht. Sein ganzer Reichthnm ist sei» Lied, und außer diesem braucht er in vielen Fällen auch nichts zu seinem Glücke. Ei» Sparer ist er überhaupt nicht; wenn er, wie cS manchmal vorkommt, viel Geld verdient, so schafft er sich die thcuersten, nach der neuesten Mode zugeichniireneii Kleider an und besucht in ihnen, um Aufsehen zu erregen, die feinsten Trinklocale oder kauft sich den ersten Sitz "in einem Theater, vorausgesetzt, daß ihm Einlaß in dasselbe gewährt wird. Für den eigentlichen, den Amerikaner» unentbehrlichen Eomsorthat er keinen Sinn, wie er sich denn überhaupt höchst ungern zu Hause aushälr und stets solchen Bcschüfti gungen den Vorzug gibt, welche ihm den Aufenthalt und freie Be wegung in frischer Luft gestatten. Sein Hans dient ihm nür als Schlafstelle, und es ist als solche stets im ärmlichsten Zustande. Wenn man durch die Regervicrtel der größeren Städte des 'Nordens wandert, wird man selten eine Familie antreffen, welche sich bei noch so großem Kindersegen nicht mit einem Zinimcr und einer Küche,begnügte. Wer mehr Raum braucht, kann ja anf dir Straße gehen. Zerbricht im Sommer eine Fensterscheibe, so fällt cs keinem Reger ein, eine neue cinzusctzcn, denn er ist ein begeisterter Freund der Ventilation. Anch im Winter wendet er sich an keinen Glasrr„ sondern stopft einfach jene Oeffnung mit einem alten Hut oder einem ausgedienten Rock zu, denn er weiß ganz gut, daß keine Aristokraten bei ihm verkehre». Wenn cs dem Amerikaner nur einigermaßen möglich ist, so vermeidet er die Gesellschaft der Reger; er schreckt vor einem geselligen Verkehre mit den Schwarzen zurück. An die gesetzliche Gleichberechtigung derselben-'hat er sich allerdings gewöhnt, z»id er vermag gegen dieselbe — im Principe nichts cinzuwcndc». Dr. Bernhard Münz. (Biirgtrilieiwcrwahl.) Bczirkshauptmann Dr, v. Frikbeis hat die Wahl des Bürgermeisters der Stadt Wien für Samstag den Ie>. d. M, I0)llhr Vormittags, anberaumt. , (Pfäfffschc GtschäftSss^axiS. > Wir erhielten von einem unserer Leser folgende Zuschrift: ^rhr geehrter Herr Rcdactcnr! Vor einigen Wochen unternähme» die in Wien domicilircnden Priester des Mechi t a r i st e n o r d e n s einen im größten Maßstabe angelegten Schnorrzug zu Gunsten der in der asiatischen Türkei lebenden Glaubens, Stammes und Sprachgenosscn. Alle Zeitungen, die logciianutcn „Jndenblättcr" natürlich nicht auSgenoninien, mußten zur Forderung dieses an und für sich löblichen Zweckes beitragen. Es flogen ungezählte tausende Ein ladungcn unter Eyuvcrt auS an .alle Leute, die in Adreßbüchern stehen, und wieder natürlich auch an Juden. Und wie ich weiß, haben viele Juden ihr Schcrflcin zu dem Hilfszwccke bcigestcncrt, vielleicht weniger von der Erwägung geleitet, daß der Stammvater Israels ein ans Armenien nach dem gelobten Lande cingcwandcrter Mann gewesen und daß, wie es geschichtlich fcststcht und selbst ein oberflächlicher Vergleich der vorkonimendcn Typen cö lehrt, Juden und Armenier einander zum Verwechseln ähneln, als nut Rücksicht auf die Veranstalter der Geld sammlung. Man hält nämlich die PatrcS vom Orden deS heiligen Mclichar für gar fromme und sanftmüthigc Herren, die stets dessen eingedenk sind, daß sic als Fremdlinge in unserem Vaterländc überaus gastliche Anfnahmc gefunden. Nachdem, aber die Eollcctc erledigt, d. h. die Schäflcin berupft und beznpft worden sind, erachten es die frommen PatrcS für angemessen, die Welt aus dem Jrrthnm zu reißen, und ihrerseits einen Beitrag zur „Klärung" c/r „Jndcnfragc" zu liefern. Mit anderen Worten, die Herren entpuppen sich plötzlichals g^ivicgte Geschüftsantiscmiten. In den allerjüngstcii Tassen versandte die Mcchitaristcnbuchdrnckcrci in Wien in tausenden Exemplaren einen Prospekt, um zur Subscription auf eine neue, verschlechterte Ucbersctznng des Schnlchan Arnch cinzuladen. Es heißt da, diese zweite Ausgabe — ein Nachdruck, für den selbstverständlich weder der erste Herausgeber, noch dessen Erben anch nur einen Heller exhalten haben dürften — veranstalte der Crbeit, weil angeblich das Verlangen darnach ein von Jahr zu Jahr dringenderes sei. „Gegner und Freunde der Juden," wird feierlichst versichert, „wünschen über den Geist dcö Judenthuists besser aufgeklärt zu werden, «als cS bisher geschah. Trotzdem waren die Petitionen an die verschiedenen Regierungen Deutschlands und Oesterreichs um eine authentische, auf Kosten des Staates zu ver-

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