Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 209 (5.4.1896)
- Date
- 1896-04-05
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4886575-5439173-5439283--2594-4888963- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 209. Seit« 9. . Frei«, Der Uebcrmorgkii kam; der Jude aber kam nicht. Den ganze» Tag über wartete sic auf ihn mit immer mehr sich steigernder Ungeduld. So oft die Thürglocke gezogen wurde, meinte sic: jetzt kommt er, das ist er; aber er war cs nicht, er kam nicht. Immer und immer wieder lief sic hinaus: „Nun, ist er noch nicht da?" „Nein," war jedesmal die Antwort des Dienstmädchens, und sie kehrte ärgerlich in ihr Zimmer zurück. ■' Der Jude, der den ihm bestimmten Tag hatte verstreichen lassen, rieb sich die Hände vor Vergnügen, daß er der Antiscmitin, die sich aus ihm einen Jux machen wollte, den Spaß verdorben habe. Nach dem aber noch weitere zwei Tage verstrichen waren, sagte er sich: „Eigentlich Hab' ich doch eine» Fehler gemacht. Ich Hütte doch sehe» sollen, was sic vor hat. Ich hält' die Sach' ja »mkchrcn könne». Ich Hab einmal gehört von einem sehr gescheite» Man», wenn ein Mensch spielt mit der Katz, so ist die Frag', ob nicht vielleicht die Katz spielt mit dem Menschen. Ich hätt' ja können mir einen Spaß machen aus ihr! Und daS wär' doch der Hauptspaß, wenn ich gesehen hätt', wie sic mich zum Besten haben will, und sic gar nichts bemerkt hält' davon, daß ich eS bemerk' und daß eigentlich ich es bin, der sic;nm Besten hat. Schad', daß ich nicht hingegangcn bi». UcbrigcnS kann ich cs denn nicht noch thun? Warum nicht? Was hindert mich? Daß sic mich nicht mehr erwartet? Das thut ja nichts! Um eine AuSrcd', daß ich nicht znr Zeit gekommen bi», wcxd' ich doch nicht verlegen sein! Ich geh' hi»! Fertig! Ich bin neugierig, was für ein Besicht sic machen wird, die blonde Antiscinitcrin!" Und er ging. „Da ist daS HauS," sagte er, indem er die Hausnummer mit dor Nummer ans dem Zettel, den er in der Hand hielt, verglich. Er stieg hinauf, glückliche» weise nur cincn Stock hoch. Muß „ctwas^ eine vor nehme Antiscmistin sein, dachte er sich, wen» sic im ersten Stock wohnt. Er schritt über den Eorridor. Die Wohnungsthür war bald gefunden: cS war ja das Alles auf der Adresse genau angegeben. Er blieb stehen. Schon hatte er den Knopf der Thürklingcl in der Hand. Er überlegte nochmals. „Länt' ich a» oder nicht? Noch Hab' ich die Wahl frei. Ich lüut'! Was kann mir gcscheh'n? Mehr als hinausschmcißeu wird sic mich nicht!" Und er zog an der (Blocke. Das Dienstmädchen kam und schaute durch das (Guckloch. „Sie sind," sagte das Mädchen, nachdem sic geöffnet hatte, „wahr-. scheinlich der alte Jude, den die gnädige Fra» schon vor einigen Tagen erwartet hat?" „Was will sic denn eigentlich von mir?" fragte der Jude. „Das weiß ich nicht," antwortete das Mädchen. „Warten -Tic ein , bischen. Ich werd' Sic anmctdcn." „Ist sie allein?" fragte der Jude. Das Dienstmädchen sah ihn spöttisch, an und fragte: „Was wollen Sie damit sagen?" „Ich mein, ob nicht .etwas' ein Hund drin ist bei ihr." „Ah so," sagte das Mädchen und ging lachend hinein. Nach ungefähr einer Minute kam die Frau heraus. „Aha," dachte der Jude, „da ist sic schon, jetzt muß cS sich ent scheiden." „Warm» süld Sic nicht schon früher gekommen?" fragte die Frau. „Entschuldigen Sic," sagte der Jude, „haben sic cs denn wirklich ernst gemeint?" i „Na, erlauben Sie mir," sagte die Frau, „wenn ich Sic extra herbcstclle." '„Es war mir früher nicht möglich," sagte der Jude. „Waren Sic vielleicht krank?" fragte die Dame. „Haben sich wahrscheinlich erkältet? Ein Wunder wär'S nicht in diesem Anzug bei dieser Witterung.^ „G'rad' thu' ich ihr den Gefallen nicht," dachte der Jude und sagte: „Ich bin ganz gesund. Unsereins darf nicht so hcikclich sein von wegen der Witterung. Es wird schon wieder auch schön ivrrdcn bis zu», Sommer." „Bis dahin ist noch lange," cntgcgnetc sic. 7 „Haben Sie keine Furcht," sagte der Jude, „die Zeit steht nicht still." „Aber die Kälte ist anhaltend," erwiderte die Frau, „und bis cs wieder warm wird, kan» man noch hundertmal erfrieren." „Wahrscheinlich hat sic ein' alten Winterrock zu verkaufen," dachte der Jude, „weil sie in cineivfort alles lauter Anspielungen macht. Darf ich fragen," sagte er, „wcShalb-" „Weshalb ich Sic' her bestellt habe," fiel sic ihm in die Rede, „einen Winterrock Hab' ich." „Hab' ich ilsir's, soll ich leben, gleich gedacht," sagte er. „Komme» Sie herein," fuhr sie fort, und er folgte il,r in das Zimmer. Statt. Sic »ahm den Nock ans dem Kasten. „Erlauben Sic," sagte der Jndc und wollte ihr den Nock ans der Hand nehmen, um ihn zu besehen.. Die Fra» aber, mit der Gcschicklickstcit und Naschheil eines Zahl kellnerS, der eben ein splendides Trinkgeld bekommen, »ahm de» Nock inil beiden Händen beim Kragen und: „Probircn Sic, wie er Ihnen paßt," sagte sic, indcin sic ihm hinter den Nücke» zu kommen suchte. „Wozu soll ich ihn probircn," fragte y. „Cb er Ihnen paßt," wiederholte die Frau. ,-Cb er mir paßt oder nicht," sagte der Jude, „das ist ja doch Nebensache. Kauf' ich den Nock denn für mich? Kann sich unsereins denn so was vergönnen? Wenn ich ihn kauf', kaut" ich ihn, um ihn zu verkaufen. So viel ich aber ans den erste» Blick sch', werd ich nicht so viel <Nld bei mir haben,, als Sic dafür verlangen werde». Was kost' der Nock?" „Erst probircn Sic ihn," sagte die Frau. „Aha!" dachte der Jude, „das in also die ganze Fopperei! Erst soll ich ihn anprolnrcn, damit ich l'ust krieg', ihn zu -tragen, und wenn ich ihn dann wieder anszichcn muß, wird sic sich die Haut voll lachen. .Ehochmcs!' l Weisheiten.) So gescheit, wie sic ist, bin ich auch noch!/' „Nun," drängte die Fra». „Wenn es Ihnen Vergnügen macht," siegte er, „meinetwegen!" Und sic half ihm in die Acrmcl hinein. . „Von rückwärts steht er ganz gut," sagte die Frau, „jetzt wolle» wir sehen, wie er vorne paßt. Und sic knöpfte ihm den Nock zu von oben bis unten. „Was ton' er?" fragte der Jude, indem er sich daran machte, ihn wieder aufznknöpfe». „Nissen Sie ihn doch zugeknöpft," sagte die Fra», „er paßt Ihnen, wie wenn er Ihnen auf de» Veit» gemacht wär'." „Alles weiß ich »och nicht, was er kosten thnt. Mir scheint, sie wird da wollen ein .Cischires' (Neichthnm) heransschlagen aus dem Nock," dachte sich der Jude und wiederholte die Frage nach dem Preis. ' „Tragen Sie ihn .gesnuderheit' <in voller Gesundheit)," sägte die Frau. „Was sagen Sie?" fragte der Jude. „Wie kommen Sie zu diesem Wort?" „Wie ich dazu komme?" entgegnete die Frau, „ich Hab' es ja doch seit meiner Kindheit oft genug gehört." „Verzeihen Sie," sagte der Jude, „sind Sie denn keine — — „Was denn?" fragte sie. „Keine Antisemiten»?" - * „Ich?" lief die Frau überrascht. „Also haben Sie sich keinen Spaß gemacht?" jagte der Jude. „Sie wollen mir den Nock wirklich verkaufen?" „Nein," sagte die Frau. „Nein?" sagte der Jude. „Und zu was haben sic mich her bestellt?" . „Ich Hab' Ihnen schon gesagt," entgegnete die Frau, „Sic sollen den Nock .gesnuderheit' tragen." „Aber kosten was er thnt?" fragte er. ' „Was ist Ihne» dran gelegen?" sagte sic-lächelnd, und der Jude rief: „Ist das möglich?" Nachdem er, bekleidet mit dem warmen Wintcrrock, fortgegaugen war, sagte er zu sich: „Sic bat mich doch gefoppt! Ich Hab' gemeint, sie ist eine Antiscinitcrin, derweil ist sic .c Jjidene' eine Jüdin). Nu, die Fopperei kan» man sich gefallen lassen." -- „ * . Zur Geschichte ' der Lmanci'pation in Deutschland vor dem )alfre 1848. (Nach ä l t e r e »° .£■ 11 f 11 e 11 bearbeitet.) (is Aoxictzung.) Es war von Interesse, die Pchrc vom christlichen Staate, die von der preußischen Negierung längst praktisch in Vollzug gesetzt worden, endlich grundsätzlich anssprcchcn zu hören. Man erfuhr jetzt, das öffentliche und Privatrccht gehe in dem Grade aus der gestimmte» Staats- und Familicnordnung hervor und wirke auf diese erhaltend, fortcntwickclnd und sichernd ei», daß christliche d'rbensanschanung in Beziehung auf Recht und Verfassung stets ein entscheidendes Moment bleiben müsse. Man erfuhr, daß in der philo-