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Freies Blatt · 1896-04-05 · 209 (5.4.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
209 (5.4.1896)
Date
1896-04-05
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. - Freie» Blatt. Nr. 209. (Eugen Dühriag's Lehre und das Ehristeuthum.) Rach dem leitenden Grundsatz der Lehre Eugen Dühring's kann bekanntlich ein Ehrist, wenn er sich selbst versteht, kein Antisemit sein. Jo einer Erläuterung diese« Grundsatzes schreibt jetzt da» Orgelü der Dühringianer, der ,M o t n e Völker» geist": „Christlich gesinnte Leute müssen bei der Bekämpfung der Juden einen Eiertanz auffsihren, damit sie nicht ihre Grundsätze zertreten. DaS Thristenkhum al« Ableger des ZudenthumS kann selbstverständlich nicht in Gegensatz zu dem letzteren gebracht werden; wer alS Ehrist seine Mitmenschen und sogar Feiirde lieben soll, kann nicht gleichzeitig Haß gegen Juden predigen, ohne sich der Zweideutigkeit schuldig zu machen." Es folgt.hierauf eine abfällige Bemerkung über. daS Ehristenthum als neue Art deS Judeuchums, auf deren Wiedergabe ein österreichische» Blatt wohl verzichten muß. ff „Deutsch «atiouale Zeitung".) Am Riederrhein ist die antisemitische Heypreffe im Absterben begriffen. Rach dem Processe Buschhoff schosien dort die Antisemitenblättchen wie Pilze aus der Erde; jetzt aber verscheidet eines »ach dem anderen. Nachdem im vorigen Jahre die „Wacht an der Ruhr" aufgehört hatte, zu existire», sah sich die Düsseldorfer „Deutsch-nationale Zei tu ug", da» Lrgau desTeutfch-socialen Resormparteiverbandes für Rheinland und der deutschen Jugendbünde für Rheinland und Westphalen, bemüssigt, ihr Erscheine» am I. April einzuftelleie, und begründete ihr Fiasco damit, daß sie bei Gesinnuiigrgenossen nicht die erhoffte Unterstützung gesunde» habe. jfciullctnn. Der Minierrock. s.ininürcs!:c von t»dnard ulli Auf einem Trannvanwagen faß in eine Ecke gedrückt ein alter Jude vor .'{iiltc zitternd. Er war betleidet mit einem leichten kurzen Dom merrock, der etwa in der Julihitze angemessen war, dünn, abgeschliffen und fadenscheinig. Eine Dame unt blonden Haaren, eine imponirende (Gestalt von bohem Wüchse, mit kostbarem Pelz bekleidet und einen Brillautichmuck in den Dtzren, der unter Brüdern seine fünfhundert Gulden werth war, stieg ein und sah den Juden. Die setzte sich auf de» leeren Platz neben ihin und betrachtete ihn schweigend einige Zeit. „Was letzt sich die Antisemirerin g'rad';u mir," dachte der Jude, „es sind ja noch genug leere Plätze da. Wahrscheinlich belustigt es sie, zu sehen, wie. kalt mir ist. Auch recht." Und schüchtern silchte er sich noch mehr in die Ecke zu drücken, um ihr den größere» Theil der Bank einzüräumeu. „Ist Ihnen nicht kalk?"-fragte endlich die Dame, „es muß Ihnen in diesem Anzuge ja sehr kalt sein! Mich friert's, wenn ich Die nur ausehe!" „Aha," dachte der Jude, „sie sangt schon an. Ich Hab'" es ja gewußt! Auch recht! Doll sie sich belustigen, Kälter, als mir schon ist, wird mir davon nicht." „Dchanen Die," sagte die Dame, indem sie von der einen .Hand den Handschuh abslreiske, „da fehlt Ihnen ein Knopf, der ist abgerissen : aber den da, warum haben Die ihn nicht zugeknöpft." „Eine merkwürdige Art, sich zu unterhalten," dachte der Jude, indeß die blonde Dame sich daran machte, ihm den Rock zuznknöpfen. „Dchanen Die," sprach sie weiter, „da die Dtützeln, die sind ja ganz verschoben, da geht Ihne» ja die ganze Kälte hinein!" „Ein sonderbarer (Geschmack," dachte sich der Jude, während die Iran damit beschäftigt war, ihm die Pulswärmer ordentlich um die Handgelenke zu schieben und zurecht zu machen. „Ich sollt' mir," sagte der Jude sich im Dlillen, „eigentlich von ihr Eutr.'e bezahlen lassen für die Unterhaltung, die ich ihr bereite; aber der Hauptspaß besteht doch für die Antisemistin wahrscheinlich darin, daß sie ihn unentgeltlich haben kann. WaS soll ich thun? Wenn ich ein Wort red', wird sie glich doch nur auSlachen. Eine Bosheit von einer Iran!;Tie Grausamkeit sieht ihr ans den Augen heraus wie einem Tiger. Wenn sie nur schon auSsteigen niöcht', daß ich Ruh' von ihr hätk'. Dder soll ich anssteigen'? Ich niöcht' es, wenn eS kein so weiter Weg war', den ich Hab' bis nach HauS." „Die find wahrscheinlich ein Geschäftsmann," sagte die Frau, und der Jude dachte: „Dieh' dir an da! Ein Geschäftsmann! ,emstahs' gesagt «dem Dtein sei es geklagt), häkeln (sticheln) will sie mich! Auch recht. Meinetwegen! Ich bin nur neugierig, wie weit sie es treiben wird." „Die handeln," sagte die Frau, „wahrscheinlich mit alten Kleidern?" „Ru, was denn," erwiderte der Jude, „mit neuen Kleidern werd' ich handeln! Bin ich denn ,etwaS' Jacob Rothverger auf dem Dtephansplatz?" '■> „Wollen Sie mich besuchen'?" fragte die Dame. „Nicht schlecht," dachte der Jude, „besuchen ob ich sie will. Ein Einfall von einem Frauenzimmer. Jetzt seh' ich erst, was sie eigentlich für eine Absicht hat. Foppen will sie mich. Das Gespött will siesich aus mir machen." „Ich wohne," sagte die Dame, „schreiben Sie es sich auf!" Sie gab ihre Adresse an. „Ach, Sie Armer," fuhr Sie fort, „Sie haben ja ganz erstarrte Hände! Sie können mit den halberfrorenen Fingern ja nicht schreiben." Hierauf nahm sie einen Bleistift ans der Tasche und schrieb die Adresse auf ein Papierzettelchen. „Kommen Sie aber gewiß," sagte sie, indem sie ihm den Zettel einhändigte, „übermorgen! Ich erwarte Sie!" „Tu kannst lang warten," dachte sich der Jude, „anfsitzen werd' ich dir nicht! So weit halten wir noch nicht. Stärker sind sie zwar, die Antisemiteriche, als wir, größere Raufbolde sind sie, Verstand aber haben wir schwache Juden mehr! Ich lass' mich nicht einmal foppen von Lueger, und der bild't sich doch ein, daß er der .ObernEhochem' (superklug) ist, viel weniger von einer Antisemitistin, von so einer gold haarigen Frauenversaininlnngsgenossin wie diese da." „Sie werden doch nicht vergessen," sagte die Dame »och, indem sie aufstand und sich entfernte. „Gott sei Dank, daß sie weg ist," sagte sich der Jude im Stillen, „die hat mir gut eingeheizt. Ganz warm hat sie mir gemacht; mir scheint aber, eS hat es mehr ihr Pelz gethair, mit dein sie sich so an mich aizgedsückt hat. Aber waS wahr ist, ist wahr. ,Jofe' (schön) ist sie, daS kann man nicht leugnen. Foppen lass' ich mich aber doch nicht von ihr. Warum, ich bin doch nicht sicher, wen» ich hinkomuie, inan wirft mich hinaus!" Während der Jude noch weiter solchen Betrachtungen sich hingab, war die Dame bereits in ihrer Wohnung angelangt und musterte den Garderobekasten ihres Herrn Ehegemahls. „Der Eine drei und der Andere nicht einmal einen," sagte sie;« sich selber, nachdem sie die Musterung beendigt hatte, „das ist doch wirklich nicht gerecht! Da will ich mir schon daS Vergnügen gönnen, ein bischen Vorsehung zu spielen." „Mannerl," sagte die Fryu, als der Mann znm MittagStisch nach Hause kam, „wie viel hast du Winterröcke?" „Drei, liebeS Kind," anlwortete er, „warum fragst du?" „Weil ich dich immer nur den einen tragen seh'." „DaS ist ja doch natürlich," sagte der Mann und lachte, „ich -kann ja doch nicht alle drei ans einmal tragen." „DaS mein' ich ja nicht," entgegnete die Frau, „ich meine, du ziehst die beiden anderen gar nie an." „Aber der, den ich trage, ist ja noch accht gut." „Und 'die beiden anderen hängen müßig im Kasten." „Ja, was sollen sie denn thun? Dollen sie arbeiten?" „Ach, »geh' mir, du weißt ganz gut, waS ich meine." „Run'?" fragte er, „und was meinst du?" „Du könntest wirtlich schon einen von den beiden anderen nehmen." "„Für alle Tag?" fragte er. „Warum nicht?" fragte sie dagegen. > „Und waS soll ich mit diesem machen." „Den schenkst du,mir." „Dir? Was willst du damit machen? Willst du ihn verschachern?" „Hast du was dagegen?" „Aber schau, hast denn du daS nothwendig? WaS gibt dir der Hausirer für den Rock? Nicht ein Viertel von dem, was er werth ist. Was du brauchst, hast du ja ohnehin, und wenn eS das Beste »nd Thenerste ist." „Do gib mir ihn doch." „Meinetwegen, wenn du es durchaus willst; aber sag' mir nur wozu?" „Nimin'S für eine Laune von mir!" sagte die Frau, „und gib ihn mir." „Biit tausend Freuden," sagte er. „wenn es dir Vergnüge» macht, nimm' ihn. „Abgemacht?" fragte die Frau. „Abgemacht," bestätigte er, und man ging zn Tische. Wenn sie gewußt halte, daß es ihr so leicht gelingen werde, ihren Willen durchzusetzen, hätte sie den Inden schon auf den nächsten Tag bestellt; in der, Meinung, daß sie um den erwünschten Winterrock mit ihrem Manne vielleicht ein bischen zu schmollen haben werde, bestellte sie ihn, um Zeit zn gewinnen, für übermorgen. Es that ihr jetzt nach träglich leid, aber eS war nichts zu machen, sie konnte ihn nicht früher herbeirufen, sie wußte nicht, wo er zu finden sei; sie hatte ihn darum nicht gefragt. Also hieß es bis übermorgen warten. Das Dienstmädchen wurde instruirt, den Hausirer, sobald er kommen würde, einznlassen, ohne viel zu fragen waS er wolle und dergleichen. -'1

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