Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 209 (5.4.1896)
- Date
- 1896-04-05
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 209. c Seit« 7. - Freie» Blatt. so, daß sie ihn in feierlich gesperrter Schrift zum Abdrucke befördert. Daß Lhristenthuin und Deutschthum sich nicht widerfprechen, ist leine neue Entdeckung. Ist ja das Lhristenthuin die LebenSsonne für -alle Nationen — möchten die Herren dies nur immer recht beherzigen. Daß aber das Lhristenthum feine .harmonische Ergänzung' im Deutschthum zu suchen hat, daS ist eine nagelneue Erfindung, aber eine tief traurige. Anne Apostel! Arme Märtyrer der ersten christlichen Jahrhunderte! Arme griechische und lateinische Kirchenväter! Ihr Alle entbehrtet der .Ergänzung' durch da» Deutschthum und besaßet daher nur euer unfertige» Lhristenthuin! Da ist heute doch eine herrliche Zeit! Man denke sich n urdaS Berga ni-BlattalS, harmonische Ergänzung' der beiden Testamente! Nach Flieger sprach eine Dame auS Wien Uber .deutsch-antisemitische' — Äindererziehung! Und so iva» wird applaudirt und bejubelt in katholischen Blättern!" Hiezu bemerkt das katholisch-konservative Blatt: „Wir möchten mit Dr. Lueger in dieser Sache umsoweniger strenge in» Gericht gehen, al» er sein Ziel nie so sehr in der Berlretnng klarer Grundsätze als vielmehr im .Ohrenkitzeln hal (und dazu muß man in Graz national schinimern), und alS andere Herren ihm vorausgehen, die vielmehr berufen wären, daS Uitgereimle nnd Gefährliche solcher Phrasen zu verstehen.^ So hat neulich in St. Pölten der Theologieproseffor Monsignore Sch eich er von einem .BolkSsrcunde' in erster Linie verlangt, daß er national sei, in zweiter, .daß er auch christlich sei', und in dritter, daß ec .social veranlagt sei'. (!) Eine Wiener Dame überreichte hieraus dem Herrn Theologieproseffor .ein Blumenangebinde', damit man vollständig an die Komödie erinnert iverde! Selbst ein Salzburger Blatt, welchesonst gerne in daS Reclamegeschrei dex Wiener Christen einstiinint, suhlt sich von Dr. Scheicher'S Erklärung .eigenlhiimlich berührt' und meint, man möchte .von einent Monsignore doch wenigsten» eine Umstellung der Punkte 1 >tnd 2 erwarten'. Wir glauben, daß bei unS in Oesterreich dem Götzen des Nationalismus ohnehin genug geopfert wird und daß Christen es nicht uöthig haben, diesem unchristlichen Princip Zugeständnisse zu machen." Aus antisemitischen Blättern. (Glcriklllcr Ucbcrmukh.) „ES gibt Leute, welche die drohende Wiederkehr clericaler Herrschaft für ein Wahngebildc oder sür ein zur Erreichung taktischer Zwecke auticlericaler Parteien auSgegebeneS Schlagwort halten, dem die thalsächliche Berechtigung mangelt, Leute, die glaitben, der Grundsatz unserer Verfassung, daß die Kirche dem Staate sich unlerzuordnen habe, sei längst anerkannt. Ihnen diene zur Belehrnng folgende vom .Tiroler Tagblatt' initgetheilte Thatsache, welche zeigt, daß die fromme Clerifti nicht übel Lust Hai, die weltliche Obrigkeit, wie einst im Mittelalter, mit Jntcrdict und Kirchenbann zu züchtigen, wenn diese gegen psäkfische Anmaßung zu mucksen wagt. Die tirolische Gemeinde Itter erfreut sich seit zehn Jahren eine» PsarrerS Max' Haller, in dem sie zugleich einen Berwandten des Cardinal» und Fürsterzbischos« Haller von Salzburg verehren darf. Die Orte, an denen Pfarrer Haller früher die Schäslein geweidet hatte, sollen inimer sehr bald diese» schmerzlichen Vergnügens satt geworden sei» und sich ihres Hirten trotz seiner hohen Verwandtschaft auf irgend eine Weise ztt entledigen gewttßt haben. Auch die Gemeinde Itter hat die Liebenswürdigkeiten dieses Seelsorgers ganz ausgiebig zu kosten bekommen. Der Gemeindevorsteher Krim bach er, ein gut müthiger, etwas schüchterner Mann, ivagte sich überhaupt nur in amtlichen Geschäften in die Behausung des geistliche» Herrn, der ihn aber nicht in sein Zimmer einließ, sondern nur im Stiegenraume mit dem Haupte der OrtL- -behörde zu verkehren geruhte. AlS der Vorsteher nach de» Gründen dieser litt*' gehörigleit in aller Demuth zu fragen sich gestattete, fuhr der Pfarrer zornig aus. Er geberdete sich wie ein Wahnsinniger, schalt Krimbacher einen schlechten Mensche», der nicht mehr sein Psarrkind heißen dürfe -u. s. w. Am 2. August v. I. wurde Krimbacher, alS er wieder in Amtssachen zum Pfarrer kam, von diesem ohne jede äußere Veranlassung in einer Art und Weise behandelt, die jeder Beschreibung spottet. Schließlich wurde ihm noch gesagt, er dürft nicht mehr zur Beichte koimnen, welche .Strafe' auch bis heute noch über ihn verhängt ist. Wen» die Leute nicht Messe» oder Aemter zahlen, - iverde,t sie manchnial gar nicht verkündet. Die Schreibgeschäste de» Pfarramtes besorgt die Schwester Köchin, die außerdent noch sehr stramm de» Paittofset zu schwingen versteht. Dem Lehrer I. Schmid, der außer dem Schuldienst auch den Meßner- und Organistendienst zu versehe» Hai, wurde der sassionSmäßige Gehalt für seine Kirchcndienste einfach voreitthalteu, er mußte, »in seine paar Gulden zu erlangen, erst die Hilfe des Gerichtes anruftn. Eine Vorladung der Gemeindevorstehutig beantwortete der Pfarrer damit, er fei zu hoch nnd zu stolz, sich vorladen zu lasse». Zweimal hatte die Äeiiteinde EhrenbeleidigungSproceffe gegen de» Pfarrer dnrchzusühren; einmal zahlte Erzbischos Haller die 10 fl., zu denen sein Verwandter verurtheill wurde, das zweiteinal redete sich Pfarrer Haller äus ei» Mißverständniß an». An Kirche und Widdum ließ Pfarrer Haller Reparaturen, die nicht einmal nothwenbig waren, sür 2100 fl. durchführen und verlangte von der armen Gemeinde bediiigungSlo« die Zahlung. Einen RechnungSauSwei« verweigerte er, denn .da« gehe die Geineinde nichts an'. Ohne Einverständniß der Gemeinde .ernannte' der Pfarrer seinen einzigen Freund zum Kirchenpropst, dar ist zum Vertreter der Geineinde bei Verwaltung de« Kirchenvermögen». Der Geuieindevorsteher sah sich endlich, da» wird gewiß Jeder sehr begreiflich finden, genöthigt, dem Pfarrer nahezulegen, er möge sehen/ daß er sortlommc,. nachdem doch nicht die Geineindcmitglieder mit Hau» und Hos auSivandern könnte». Taraushi» ermahnte in Folge einer Eingabe de» Pfarrer« au da» Lonsistorium der Tiroler Landesausschuß die Gemeinde Itter, sich dem Pfarrer gegenüber einer anderen Sprache zu befleißen. Tie Gemeinde antwortete mit einer Darlegung deS Sachverhalte», woraus dar Consistorinm gewisiermaßcn da« Unrecht de» PsarrerS sanctionirte, den Firmungsbesnch de« Cardinal-FürsterzbischosS in Iller abwgle ^und weitere .sehr schmerzliche Maßregeln' sür die Gemeinde drohend i» Aussicht stellte. Welcher -Natur diese Maßregeln sein sollen, geht au« einem Schreibe» de» Cooperator» P i r ch in p s e r an den Gemeindevorstehcr Krimbacher hervor: ES wäre eben das Jnterdict, da« heißt, e« würde da« Gotteshaus ans längere Zeit gesperrt. Für den Fall,, al« die Gemeinde den Weg der Oeffentlichkeit beschreitet,, soll die sofortige Sperrung der Kirche angedroht worden sein, wa» eigentlich sehr nahe an Er pressung grenzt. Wahrscheinlich wird der Zweck auch erreicht werden." Diese gewiß höchst lehrreiche undzcilgcmäße Geschichte j a in in t Vorgesetzter Moral entnehmen wir dem Organ der deutsch nationale» Antiseniite». Es freut uns recht sehr, daß diese« Blatt seinen Lesern ein so eindruckvoller Bild clcricalen lleberinutheS, besonders auch den Lehrer» ein io verlockende« Zukunft»- bild-vorhält; nur schade, daß sich die „L st d e u t j ch e R »»d j ch a u" nnd ihr Anhang — wen» sie einen solche» überhaupt besitzt — der Gefahre» de« ClcricaliSmuS iininer erst dann besilinte», ivenu sie kurz vorher in einem Wahlkanipse da« Ainvachse» deS ClericaliSmuS kräftigst unterstützt haben. In kritischen Augeiiblickeu denkt Carl Hermaiin Wolf nicht nur nicht an die Wiederkehr der alten ConcordatSherrlichkeit, sondern läßt sein Blatt, »>» zwei Abonnenten heranzulocken, von de» Clericalen sogar ald „christliches Blatt" empfehle». (Gin ankiskinitischcr Schädling.» Bekanntlich ist der Herausgeber des „I l l u st r i r t e n ch r i st l i ch e n Extrablattes", der gewesene Friseur A. F. kl m g c h e r. au» der wegen CautionSschwindel» über ihn verhängten llntersuchungShast entlassen und die Untersuchung gegen ihn eingestellt worden. Zwei Beschädigte, die Herren D i st I e r und O e st e r r c i ch, habe» jedoch de» Hos- »nd GerichtSadvocate» Tr. £>tto' Frtschaucr damit betraut, in ihrem Namen die Snbsidiarklage gegen A. F. U in g e h e r wegen B c t r >k.g e S zu erheben. Die klebrige» hatten sich dem Strasverfahren nicht angeschlossen. Nnnutehr haben aber zwei Beschädigte, der Mnllergehilse Anton Lehnet: nnd der Commis Julius W111aIek die ösfentlichc Erklärung abgegeben, daß sie nur durch eine seitens antisemitischer Parteigänger ans sie geübte Pression und durch die Zusicherung, daß die Partei etwa« für sie thn» werde, bewogen worden seien, sich dem Sirasversahren nicht anzuschlicßcn. Her» Lehncr theilt mit, daß er durch Umgeher tu» seine ganze», durch jahrelange anstrengende Arbeit erzielten Ersparnisse ii» Betrage von 1400 fl betrogen worden . fei; erstehe dasür persönlich ei» und wolle diese Erllärnng vor Gericht verantworten. Sein RechlSgesühl sträube sich dagegen, daß ein Mensch iiv io gewissenloser Weise mindesten« vierzehn Pecfone», von deiten die,Meiste» Familienväter und nun mit Weid und Kind der größten Noth preiSgeg^ben siiid, uni ihr Alle» bringen dürfe, während er selbst ein vergnügte» Lebe» führt und den Beschädigten, die ihre Eautionen znrückverlangen, böhnisch erklärt, er sei ihnen nichts mehr schuldig. ES sei ei» J a»,wer, die Noth dieser Leute zu sehe»; er selbst sei ein lediger Mensch und iverde den Verlust ertrage», aber daß die anti semitische Partei die Verheirateten im Stichelasse, jetzt, nachdent sie erklärt haben, daß sie sich dem Strasversahren nicht anschlicßen, da« sei unerhört. Er, Lehncr, habe dem Umgeher niemals erlaubt, sei» Geld sür sch zu verwenden, er habe keine Einlage gemacht, sondern nur eine Cautio» erlegt, 'und sei betrogen, ob jener jetzt sreigelasse» worden ist oder nicht. , v ,^citkschcs Bollsrcchk"). Dar von Ahl >vardt nnd Böckel gegründete und später in de» Besitz de« „deulichcn GaslwirthcS" Bo deck gelangte „Deutsche V o l k» r e ch i" bot an, l. April zu erscheinen ausgehört. (HkNIpel und Lange.) -TaS Heiupel'iche Autisemitcnblatt, bei welchein Dr. Friedrich Lange noch vor Kurzem tdütig ivar, iheilt von diesem „deutschen Manne", der jetzt ein »eueS Autiseinitenblatt heransgibt. Folgend»-« mit: „Ein Aiigestellter der ,V o l l S r u n d.s ch a tr , welcherbei der. ,D e u vs ck> e n Zeitung' eine» Posten erhalten sollte, erschien kurz vor Antritt seiner nenen Stellung im Vcrpackuiigsranin der .Tägliche» Rundschau- und ersuchte, wie er mittheille, im Anstrage d'e« Herrn Tr. Lange nusetcn Verpacker, sich am nächsten Tage (einem Sonntage) bei Herrn Tr. Lange mit de» der Obhut des Verpackers auvertrauic» VersenduugSlisten der .Täglichen Rundschau' einzufinden, in welchen jäiNmtliche Postorte mit der beigcsügie» Abvnurntenzahl;nsaminengestellt sind. Der Ueberbringer diese« Austrages fügte hinzu, daß Hcrr Dr. Lange sechs Schreiber zum Abichrcibcu dieser Liste» in Bereitschaft halten werde, nnd sragte de» Verpacker zugleich, welche Vergütung er sür seine Gefälligkeit von Herr» Dr. Lauge beanspruche. Ter Verpacker, welcher diese Begriffe von Treu nnd Glauben nicht theilte, hat daraus nur erwidert, daß er »icht käuflich sei. Wir enthalten uni eines weiteten Contmentar» und bemerken nur, daß wir de» Vorfall der StaatSanwaltschast angezeigt chaben." .