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Freies Blatt · 1896-04-05 · 209 (5.4.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
209 (5.4.1896)
Date
1896-04-05
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. .freies Blatt. Nr. 209. I d i e Stimme» der Cleri< alen in der inneren Städterh i e U e li. Ä. H. Wolf ernnberte, die Deutsch-Nationalen wären keine Feinde der Religion, al« die sie Lueger hinstellle; aber sie machen einen Unterschied zwischen Religio» und gedankenlosen Rosenkranzplapperern und Sutten küssern; sie wollen nie mehr da» Concordat, in keiner Form Pfaffenherrschaft, in keiner Form einen Uber da»kirchliche hinausgehendenEiufluß de.sPriesterthuin«. Ser Priester habe auf der politischenArena nichts zu suchen. Tr. Lueger habe Uber seine Amstettener Fahrt Auskunft gegeben — warum sei er denn aber eine ständige Erscheinung bei allen Katholikentagen? Stürmischer Beisall der Deutsch-Rationalen brach hier lo». Tie Spannung der Ber'äinmlung gab sich in einem gruppenweise tobenden Lärm und Streite» kund. Gregorig lärmte am meisten, beschimpfte den Redner, die Deutsch-Nationalen und war trotz aller Bersuche de» Vorsitzenden nicht zur Ruhe zu bringe», auch nicht durch den Hinwei« aus die vollste Redefreiheit. Wolf iviederholte die verfängliche Frage an Dr. Lueger, worauf der Lärm neuerlich losging. Ter Vorsitzende erklärte, es sei unmöglich, die Ruhe herzustellen, wenn die „unter deutschen Männern Üblichen UmgangSsormen" in einer Weise verletzt würden, ivie die» Gregorig thue. Wolf schloß seine Rede damit, daß die Teulsch-Nationalen der Berclericalisirung de» Antisemitismus mit aller Macht entgegenrreten werden, worauf sich neuerlich Beifall und Lärm seitens der Teutich-Nationaleu, Lärm und Schimpfreden seitens der Christlich- Socialen erhoben. Tr. Lueger erklärte nun unter fortwährender Unruhe, er sei kein Kuileuküsier und kein Rosenkranzplapperer, aber er laste sich seinen Glauben nicht nehmen und raube den Teulsch-Nationalen auch nicht den ihrige». Seinetwegen können Sie Wodan aobeten.... Hier konnte Dr. Lueger nicht weiter sprechen. Lame Oho-Rufe ertönten. Wolf trommelte auf dem Tische,, im Saale selbst wurden die Anhänger der beide» Parteien handgemein, und eS dauerte geraume Zeit, bi» die Ruhe einigermaßen wieder hergestellt war. Dr. Lueger inachte den Teutich-Nationalen den Vorwurf, e» klebten noch die Eischalen des Liberalismn» an ihnen, was neuerdings stürmischen Widerspruch hervorries. Wolf wie» die Ausfälle Lueger's zurück, erinnerte ihn daran, daß er vor nicht langer Zeit ein „Inden-Demokrat" war, und erflärte, die Teulsch- Nationalenkennen die Geschichte zu gut, freilich nicht au» Büchern in uimu delphini, au» einer jesuitisch verzerrten Geschichte, um zu wissen, was ClencakiSmus bedeute und an der Gegnerschaft gegen dem'etben festzuhalten. Stürmischer Beisall und vereinzelter Wideripruch folgte diesen Wonen. Ein Christlich. Socialer mußte auS dem Saale entfernt werden. Abgeordneter H a u ck ergrist sodann da« Wort zu dem eigentlichen Gegenstände der Bersaminlung. zu de» Vorgängen auf der Universität, die er jedoch nur flüchtig streifte, um wieder am die Auseinandersetzung mit den Christlich-Socialen zu komme». Zwischen de» Teulsch-Nationalen und de» Christlich-Socialen bestehe viel nuhr der Trennenden als de» Einigenden. Tie Ersieren sagen nicht: Alles für da» christliche Volk — sondern: Alles für unser deutsches Volk! Nun meldete sich Abgeordneter G e ß in a n u zum Worte. Lauter Widerspruch der Deutsch- Nationalen er'choll. Erst nach längerem Warten und dringenden Bitten des Vorsitzenden an die Versammelte» konnte Geßmann seine Rede beginnen, welche die gaiize unliebsame Auseinandersetzung als einen politischen Gewinn des Gegner» hiiizustelleu suchte; er-konnte aber nicht ausreden, denn der Versammlung bemächtigte sich immer größere Aufregung. Ein Manu ries.Geßmann „I ü d i s ch e r S ch u s t" und „Ter .Herl i st e i » R a c e n j u d e" tu. Geßmann antwortete indem er mit drohender Geberde riet: „ T u in m e r I u » g e, ich werdeJhnen eine Ohrfeige geben." Was nun folgte, läßt sich schwer beschreiben. Ter junge l Mann wurde von den Christlich-Socialen umringt, die Teutsch-'Nationalen suchten vergeblich ihn zu befreie», und endlich wurde er hinausgeworfen. Der Regier ungsverlreler erklärte nun die Versammlung für ausgelöst. Die Teulsch-'Naiionalen stimmten die „Wacht am Rhein" an, die Aiiliänger Luege-'s zogen unter sortwährenden Hochrufen auf ihren Führer ab. Gleichzeitig betrat eilte Ablbeilung Sicherheitswache den Saal und räumte, denielbeu. Tr. Lueger und Tr. Geßmann entfernten sich, umringt von einer Schaar Christlich-Socialer, die den „Lueger-Marsch" saugen. Als sie gemeinsam einen Einspänner bestiegen, drängten sich mehrere Teulsch-Nationale. zu dem Wage» und riesen dem Tr. Geßmann zu: „Wir werben schon mit Ihnen ahrechnen, ivir iverden Philen zeige», daß Sie e» nicht mir Buben zu lhun haben." Tie deulich nationalen Redner wurden von ihren Anhängern mit Heilrusen, von den Christlich Socialen mit Psui-Rufen begleitet. Tie zahlreich angesanunelle Menge mußte von der Polizei wiederbolt ausgefordert werden, den Play zu räumen, und es kam zu heftigen Auseinandersetzungen. St. H. Wolf triuiiiphirt nuiiiiiehr ob der von ihm bewirkten „reinlichen Scheidung". Nun aber lauen Sie es, geehrter Zeitgenosse, genug fein des grausamen Spieles und üecken Sie Ihre» Anticlericalismus wieder in das Futteral; er hat seine Schuldigkeit gethan, nach Cfterit ist Bürgermeisterwahl, da werden die „Teutsch- Nationalen" wieder für den Xultenküster stimmen; da können Sie ihren, AnliclericalisinnS nicht brauchen. — Ter Sturm im Glase Wasser wird nur von der antnemiiischen Engend aller Riten süränerlich ernst genommen. Am Tage nach der stürmischen Veiiaminlung kam es im Universitätsgebäude zil einer Rauferei. Auf der Bibliothelsstiege staudeii vier deutsch-nationale Studenten, welche die Vorgänge im antisemitischen Lager besprachen und sich dabei sehr abfällig über Lueger äußerten. Ein Comploirist, welcher mit drei Freunden die Bibliochek besuchen wollte, blieb stehen und verbot einem über Lueger schimpfenden Studenten in dieser Weise weiter zu reden. Der Student gerielh darüber in Wuth und riß dem Comptoiristen mit einem Griste seine Cravaten- --- nadel mit dem Porträt Lueger'S herab. Die» halte zur Folge, daß die vier StudeiUen und die vier Bibliotheksbesucher handgemein wurden und e i n> ander ohrfeigten. Einer der Studenten rief dabei fortwährend: „Ein Jude ist wenigstens vernünftig, aber so ein Pfaffenknecht muß erst vernünftig geschlagen werden!" Durch energisches Einschreiten einiger unbekheiligter Personen wurde der Rauferei ei» Ende gemacht. — Das „Deutsche VolkSblaN" Vergani'S ihul die Gewissensregungen der Deutsch-Nationale» kurzweg alS „LauSbüberei" ab. (Rüstungen zu de» Laudtagswahlen.) Man schreibt uns: Die Antisemiten aller Parteien rüsten sich schon zu den LandtagSwahlen. Der „Deutsche N a t i o n a l v e r e i u" in Krems beschloß über Antrag seines Mitgliedes Nennt eufel mit Slimmxneinhelligkeit, die Bewerbung des Mühldorfer Ehrenbürgers B e r g a n i um das LandtagSmandat unter allen Umständen zti bekämpfen. Um das Mandat von LangenloiS, Egge »bürg rc. bewirbt stch außer dem Scriplor Geßmann auch der national angehauchte Gericht»- adjunct Julius P i rxh o fe r. Um für Geßmann Stimmung zu mache», veranstaltete der Agitationsverein „Christliche Press e" eine Versammlung in LangenloiS, an welcher Lueger, Geßmann ic. theilnahmen. Auch in Horn fand inzwischen ein Meeting im Interesse Geßmann's statt. Der Verein „Deutsche Presse" vergeudete aber seine Agitationskraft und hielt eine Versammlung, in welcher der Branntweiner Polzhofcr und Franz R i ch t e r an de» liberalen Zeitungen kein gutes Haar ließen, in Mödling ab, anstatt in LangenloiS oder Eggenburg die Bahn für die Candidainr Pirxhofer's zu ebnen. Die um Steinwender sind eben nicht so bewanden und geschickt zn der Wahlmache wie Lueger und Genossen, welche dieses Geschäft seinerzeit voin Juden M a n d l erlernt und e« dann so schön sorteniwickelt haben. — Wie die antisemitischen Organe berichten, fand vorige Woche im Abgeordnetenhause eine Besprechung der antiliberalen Landtags- und ReichSrathSabgeordneten von Niederösterreich statt, welche die Bildung eines Central-Wahlcomitös für die nächste» Landtagswahlen beschlossen. Zum Lbmanne desselben wurde Lueger, zu dessen Stellvenreter Pacher gewählt. T ö y und B a n m a n n lehnten den Eintritt in das Wahlcomitv aus persönlichen Gründen ad; Pilz war zur Besprechung gar nicht ersckiiene». Ein Parteitag aller antisemitischen Partei e u Niederösterreichs soll nach Wie» einberusen werden. — Zur Uulerstntznng der christlich-socialen Porlämpfer treten auch schon die Katholisch-Politischen unter dem Commando des Freiherrn v. Vitkinghoff-Schell in Action. An reichlichen siiiauzieUe» Mittel» wird eS den Widersacher» des Liberalismus, die sich stet» der werkthätigen Unterstützung des Nuntius A g l i a r d i erfreuen solle», sicherlich nicht fehlen. (Eiuc Niederlage des Katholischen «chulvereincs > Für Sonntag de» 2i>. März berief die antisemitisch gefärbte Centralleitung des Katholischen SchulveretiieS eine Wanderversammlung »ach M ar k g r a s-N e u s i e d l ein, für deren zahlreicheu Besuch der CleruS der Umgebung schon Wochen vorher eine rege Agitation entfaltet Hane. Nachdem mit dieser Versammlung zugleich die Eonstituirung einer OrtSgrlippe des Katholischen Schulvereines verbunden war, suchte man unter de» Bauern Mitglieder z» werben, die Einberuser erfuhren jedoch eine unangeiiehme Ueberrafchung. Die Bauern, aufgeklärt durch die Lehrerschaft deS Bezirkes, waren für den Katholische» Schulverein trotz aller Bearbeitung seitens des Neusiedler Pfarrers nicht zu gewinuen und bekniideten ein lebhaftes Interesse für die Neuschule. Die Lehrer T ä u b l e r und Riese widerlegten in glänzender Weise die von den Einberuser» der Versammlung gegen die Neuschule erhobene» Anwürfe. Sie rielhen den Bauern, sich die guten, erprodieu Schule» nicht verschlechtern zu lasse». Noch weniger aber dürfen sie eS zugeben, daß diese Verschlechterung ans ihre Kosten vor sich gehe. An Religion fehle eS dem niederösterreichischen Bauer nicht, aber — an Geld. TaS wenige Geld, das der Bauer besitze, nach für den Katholischen Schulverei» herzugeben, das werde er sich wohl überlege». Die Religio» werde durch die Neuschule nicht bedroht. Sie sei gut, viel besser als djie alte Schule, und sei eS auch werih, vcrlheidigt zu werde». AI« es nach diesen wiederholt von stürmischem Beifall »nterbrochenen Ausführungen zur Constiiuirung der Ortsgruppe Markgraf-Neusiedl kommen sollte, verließen die Bauer» demonstrativ unter Rufen, daß sie den Katholischen Schulverein nicht brauche», de» Saal. Von 400 Mann blieben nur dreizehn zurück, mit denen sich die Einbernfer begnügen mußten. ' (Christlich sociale Größen in kakhoUsch-coiiscrvativce Belcuchkuiig.) Eine Zuschrift an die „Tiroler Stimme»" iöidmet dem Grazer Gast'piele L »eger'S nachstehende Betrachtung: „ES ist geradezu unglaublich, welch sonderbare Triumphe in unseren Tagen die Phrase feiert — Zind wäre sie auch noch so sinnlos. Ta erschwingt sich der große Lueger i» G»az zu der Leistung: .Christenlhum und Deutschthum widerspreche» sich nicht; sie ergänzen sich vielmehr in,harmonischer Weise.' Stürmischer Beifall! Und der ,'örixener Chronik' impouirl dieser Satz

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