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Freies Blatt · 1896-04-05 · 209 (5.4.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
209 (5.4.1896)
Date
1896-04-05
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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f freies Statt. Nr. 209. Seit» 4. Andrang abgchalten hat. Abel, wo bist du? Sollte die ausgebreitete Agitationsthätigkeit des Jesuiten sogar schon seinen schwarzen Borgesetzten zu intensiv geworden sein? (Antisemitismus der That.) Tein „Wiener Tagblatt" wird folgende charakteristische Scene berichtet, die sich an einem Abende, der lctztvergangenen Woche in der Rothenthurmstraßc abspicltc. An der Wand des erzbischöflichen Palais stand ein jüdischer Hausirer und bot Kindcruhren feil. Es war eine mitlcidcrregcnde Gestalt, gebeugt vom Alter und Elend; plötzlich trat ein junger, anständig gekleideter Mann auf ihn zu und versetzte ihm einen heftigen Schlag ins Gesicht. Ter Greis wankte, und fast wäre sein armseliger Borrath seinen Händen entglitten; der „mannhafte" Angreifer aber verschwand unter der Menschenmenge und konnte nicht mehr crnirt werden. ((Sin« der Zhrigen.) Bon dem Wiener Schwurgerichte wurde nach mehrtägiger sensationeller Berhandlung am 28. März der Dircctor der „Export-Union EommanditgescÜschaft" Wilhelm Julius Schmidt wegen Betruges und Eautionsschwindclcien, bei welchen 46 Firmen durch gefälschte JnscratenbestcÜnngcn geschädigt erscheinen, zu vier Jahren schweren und verschärften Kerkers und zur Landesverweisung vcrurtheilt. Wilhelm Julius Schmidt war, wie im Laufe der Berhandlung fcstgcstellt wurde, ein großer Antisemit vor dem Herrn und will einmal einen ihm angeblich gemachten günstigen Antrag mit der Motivirnng abgelehnt haben, „weil er mit Juden nichts zu thun haben wolle". (Förderung des Antisemitismus in der Schule.) Es schreibt uns ein Gymnasialprofcyor: In dem vom k. k. Ministerium für Eultns und Unterricht ckilto. 7. April 1884, Z. 7648, znm Unter richtsgebrauche an Mittelschulen mit deutscher Unterrichtssprache all gemein zugelasscnen deutschen Lcscbuchc von Leopold Lampcl. Dircctor des k. k. Staatsgymnasiums im III. Bezirke Wien, ist das Rückcrt'schc Gedicht: „Bom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt" aufgc nommen. Dieses für Primastdr bestimmte und sogar im Eanon empfohlene Gedicht enthält nun folgende Stelle: Aber wie eS Abend ward. Ging der Jude durch den Waid Mit großem Sack und großem Barl: . Der sieht die gold'nen Blätter bald; Er steckt sie ein, gebt eilends fort Und läßt das leere Bäumlei» dort. Wir sind weit davon entfernt, das Gedicht an und für sich für anstößig oder gar etwa Rückcrt für einen Antisemiten zu haltenaber für Unterrichlszwecke bei de» heutigen Zeitläuften scheint uns das Gedicht dennoch höchst unpasscnd. Man denke sich, in der Prima sitzen Kinder jüdischer Eonfsssion, müssen diese Stelle interpretiren und — auswendig lernen. Es ist schier unbegreiflich, wie ein k. k. Minifteriuni für EultuS und Unterricht ein solches Buch, das eine solche Stelle enthält, approbiren kann! Ein antisemitischer Professor wird allerdings mit Wohlbehagen vielleicht diese Stelle vom „Juden und seiner Eharakteristik" den Kindern zu Geniüthe führen: was aber aus der iu die Kinderhcrzcn gestreuten Saat werden kann, das beweisen die Er klärungcn der sogenannten „wehrhaften deutsch nationalen Studenten". Daß übrigens der Herausgcbtr des Bnches anderen Ständen gegenüber ein jbcwundcrnöwerthcs Zartgefühl an den Tag legt, beweist die heitere Thatl'ache, daß in dem bekannten Rackert'scheu l^cdicht „ Ter betrogene Teufel" der einleitende Bcrs „Tie Bauern hatten ihr Fe^d bestellt" in nsum also umgcwandcll wurde: Tie Araber ballen ihr Feld bestellt, wabrsiycinlich, damit ein zweiter Bers iu dem Gedichte, der da lautet: Tie Bauern aber sind Füchse von Ha»S nicht irgend einen Bauernsohn verletze. Aus dem Kremser Obergymnasium.) Nach einer Meldung aus Krems haben Schüler des dortigen Obergymnasiissns zum Zwecke anti semitischer und „alldeutscher" Propaganda geheime Zusammenkünfte ver- , anstaltet, die aber zur Kenntniß der Schulbehörden gelaugt sind. Auf Grund gepflogener Tisciplinaruntcrsuchungen wurden daher in der Winterresidenz Georg Schönerer's vier Gnmnasiasten relegirt und acht zu Earcerskrasen vernrtheilt. l?ie antiskmitische Bewegung in Nordwestböhincn.1 Man! schreibt uns: Es bat ziemlich lange gedauert, ehe man im nordwestlichen Böhincn von einer größeren anriscmilischcn Bewegung sprechen konnte. Seit den letzten Landtagswahlc» hat dieselbe aber, Tank der unermüdlichen Agitation einiger mit den verwerflichsten Mitteln arbeitender Veute, an Ausdehnung gewonnen und dringt in immer weitere Kreise: namentlich ködert man die kleinen Gewerbetreibenden mit den unsinnigsten Bersprechungen. Im Egerer Kreise, wo zu den Matadoren der Bewegung einige Advöcaten gehören, bildete die Forderung nach Errichtung eines Bezirksgerichtes in Königsberg a. d. E. eines der antisemitischen Schlagworte. Die Handwerker des Städtchens, dem es an Industrie und Bcrkehr mangelt, erwarten von einem Bezirksgerichte lohnende Beschäftigung. Für die antisemitischen Advöcaten ohne Elicnten handelt cs sich aber lediglich darum, einen neuen Ort, wo sie sich etabliren könnten, zu gewinnen. Die antisemitische Partei verfügt in dem nordwestlichen Böhmen bereits über fünf Organe, die in den Städten Egcr, Asch, Falkcnau, Graslitz und Saaz je zweimal wöchentlich erscheinen und im Hansknechttone die Bekämpfung des JudenthumS betreiben. Friedliche jüdische Geschäftsleute sind rohen Angriffe!; der Hetzpresse schon ansgcsctzt, wenn sic vor ihren Läden stehen oder promc niren.. Auch die Folgen dieser pnblicistsschcu Thätigkeit bleiben nicht ans. Bor Kurzem kam in Königsberg ^n jüdischer Handwerker in ein Gasthaus und bestellte ein Glas Bien allein der antisemitische Wirth warf ihn unter Schimpfworten in fcC brutaler Weise hinaus, daß er blutüberströmt nach Hause gebracht werden mußte. Der Fall steht keineswegs vereinzelt da. Bon einem Acte der Rohheit eines Egerer Fleischermcisters gegen einen social demokratischen Arbeiter haben Sic^ bereits Notiz genommen. Sehr traurig ist es, daß Geistliche an der Jndenhctze sleißig nütarbericn und daß, um nur ein Beispiel anzufahren, ein Katechet in einer Bolksschnlc cs für zweckmäßig erachtet, das Thema von der „ewigen Berdammniß der Inden" mit besonderer Borliebe zu erörtern. Egon. Gin Bnbtnskiick gegen die Aiilltiniiumsfeitr.) Bndapestcr Blätter verzeichnen die aus Wien stamincnde Meldung, daß die hiesigen Antisemiten Alles aufbictcn wollen, um die ungarischen Millenniums Fcstlichkeiten und die am 8. Mai zu eröffnende Ausstellung auf das Empfindlichste zu schädigen, und daß unter den journalistischen Schleppträger» der Antisemiten geheime Besprechungen siattgcfundcn haben, um zu diesem Behufc unmittelbar vor dem Beginne der Festlichkeiten in de» zu ihrer Bcrfügung stehenden österreichischen und auswärtigen Preßorgancn die Fabel zu verbreiten, cs seien die sanitären Berhält »issc in Budapest sehr ungünstig und sogar die Eholera zum Ans brach gekommen. Sännntlichc Blätter, welche die Meldung verzeichnen, weisen dieselbegebührend zurück. Ter „Ncmzct" charaktcrisirt dieses vorbereitete Bubenstück als ein Attentat, welches die berechtigte und unbegrenzte Entrüstung in der gcsanimtcn öffentlichen Meinung Ungarns Hervorrufe. „Wir wissen sehr wohl," sagt das Regierungsblatt, „daß diese Banden von Eondotlicri, die im Punkte der Ehre nichts;n ver licrcn haben, zu jeder Nichtswürdigkeit fähig und bereit sind. Wir ge stehen ganz offen, daß wir bei der Eonstatirnng der Thatsachc uns fragen müssen, ob eine derartige Bcrworfcnhcit überhaupt möglich ist. Tie öffentliche Meinung Ungarns überantwortet dieses Attentat der geistigen Aussätzigkcit und moralischen Wuthkrankhcit mit ruhigem Bewußtsein der Bcrachtung eines jeden anständigen Menschen." Der „Magyar Hirlap" widmet dem antisemitischen Anschläge gleichfalls einen Artikel, in welchem cs heißt, jeder Ungar könne angesichts desselben nichts Anderes als Ekel und Bcrachtung gegen diesen Kehricht cmpsiuden. Es müsse aber auf die kürzlich aufgctanchtc Meldung verwiesen werden, daß einige ungarische Aristokraten die Stanimhäuptlinge der Antisemiten, den Prinzen Liechtenstein und Tr. Lueger, zu Gaste lade» wollen. Wenn dem so sei, so müsse die „Bolkspartci", an deren Spitze Graf Ferdinand Zichy stehe, auch für dieses Attentat verantwortlich gemacht werden. Dieser Führer der neuesten Partei werde, vor dem Richtcrstuhle der Nation erscheinen, an der Rechten die Rnmüncn, die gleichfalls nicht niitjubilircn wollen, und die Eholera zur Linken. Sehr lebhaft wird auch in dem Journal „Fövarosi Lapok" das Zusammengehen feudaler Kreise Ungarns mit notorischen LandcSfeinden gerügt und bedauert. Ter „Pcsti Hirlap" aber richtet an die Behörden die Aufforderung, Alles vorzukehrcn, dalnit das Ausland der lügenhaften Meldung nicht aufsitze. sÄnfrcizcndc Prrdigtcn.) Josef Badik, katholischer Pfarrer in Szkalitc im Trcncsincr Eomitatc, ein enragirter Agitator der gräflich Zichy'schcn „Bolkspartci", wurde wegen aufreizender Predigten gegen die jüdische Eonfession vom hiesigen Gerichtshöfe zu einem Monate Staatsgefänguiß und 25 fl. Geldstrafe, im Nichtcinbringungsfalle zu weiteren drei Tagen Staatsgcfängniß vcrurtheilt. (Ein jüdischer Bürgermeister.) Aus Gyöngyös im Hcvescr Evmitat wird berichtet, daß man dort an Stelle des suSpenöirtcn Bürgermeisters den jüdischen Magistratsrath Adolf T n d a r znm Bürgermeister gewählt habe. Ta unter den mehr als 16.000 Einwohnern der Stadt 14.000 Katholiken sind, kann man sich denken, wie die Elcricalcn über diese „dem Ehristenthumc angcthanc Schmach" zetern. (Gegen de» Mas des Dr. Bosse.) Ter vom preußischen Enltusministcr im Widerspruche mit der allen Religionsbekenntnissen ver-

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