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Freies Blatt · 1896-04-05 · 209 (5.4.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
209 (5.4.1896)
Date
1896-04-05
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Sei», ± jrtiu 8 I o 11 Nr. 209. Lin alter junger Stürmer ttnd Dränger. Jung ist nur der Werdende. Ein Werdender ist. auch der Tiroler Dichter Adolf Pichler, und darum ist er auch mit weißen Haaren jung, ein tapferer, muthigcr Kämpe für das Wahre, Gute und Schöne, wie ehedem. Er ist ein Dichter des ewig Männlichen, wie ihn die Gegenwart mit ihren schwächlichen, eines Rückgrates entbehrenden Epigonen just dringend braucht. Er paßt sich nicht den herrschenden Moden an, er duckt sich nicht vor den Schrullen des Publicums, souverän steht er ihm gegenüber wie die reckenhaften Tiroler Berge und sagt ihm derb und rücksichtslos die Wahrheit. Sein Gesang ertönt wie von einer Aeolsharfe, welche die lauten Stürme der Zeit verhöhnt, weil ihre Saiten aus Stahl sind. Wenn Pichler auch sein jüngstes Werk „Spätfrüchte" getauft hat, so vcrrathen sie doch keine Spur der 76 Jahre, welche er hinter sich hat. Dichterherzcn und die Engel werden niemals alt. Er ist ein ganzer, kerniger, harmonisch in sich geschloffener Mann. Ter Grundsatz, auf welchen sein Thun und Treiben gestimmt ist, lautet': _ Lei schweigend, was du bist. Gib schweigend, wa« du hast. Zermalmt da- Schicksal dicb. Trag' schweigend deine Last! Sb sich aber auch sein tiefes Führen, sein hohes Denken und seine Fettigkeit bei allen Wetterschlägen nach diesem Reecpte schweigend abspielt, so spricht doch mit flammenden Zungen aus seinem langen und reichen Leben das Grundgesetz der Menschheit, die Liebe, welche den Glauben zeitigt, der die Wiege der Hoffnung ist. Und weil er der Liebe heilige Fahne unentwegt hoch hält, zieht er sich nicht pessimistisch in die Einsamkeit zurück, obgleich er viel und schwer geduldet,.-des Gebens bittere Schale fan bis aus die Hefe geleert hat. Biclmchr sproßt unter den beiden der Fittig, welcher durch den Rcbcl dringt. Er bekämpft unvhlässig das Teuflische und ergreift nicht vor seinem Gistzahn die Flucht. Dem Schwachen mild, bietet er stolz und trotzig dem Frechen die Stirn und stellt ihn nackt und unverhüllt an den Pranger. Er macht es sich zur Richtschnur: Wirf das Böse frisch ins Feuer, Daß es loheiw sich verzehre. Mag ihm folge» auch der Böse — Und so gibst du Gott die Ehre. Michael, der Filist der Engel, Hat den Teufel nicht gebeten: „Geh' hinanvom Himmel!" — ''oildern Mit den Füße» ihn getreten. Klar ist sein Auge, stark die Hand, und er betvahrt Treue sich selbst und dem Vaterland. Er preist Wien als ein Juwel im Riesen bccher, er nennt die Wienerinnen die schönsten Erdenweibcr, aber er zürnt der leichtblütigen Phäakenstadt, weil sie nicht mit der nöthigcn Entschloffcnhcit slavische Eompromisse zuruckweift, er tadelt ihre Bewohner, ivelchc Lappalien statt ernsten Lebensfragen ihre Aufmerksamkeit zuwcndcu, er ruft ihren Bewohnerinnen ins Gedächtniß, daß sie einst in grauer Vorzeit die vom Feinde geschlagenen Männer in den Kamps zurücktriebcn, und gibt dem innigen Wunsche Ausdruck, daß sic Helden das Leben schenken mögen, welche für die Ehre ihres Volkes mit dem „Balmung" Siegfrieds streiten. Ein gewaltiges Weh bemächtigt sich seiner angesichts der Thatsache, daß die großen Zeiten für iöien vorüber sind, und er gemahnt es an seine hell strahlende Vergangenheit: Reiche Stadt der Babenberger An dem Strom der Nibelungen^ Tenkst du, wie zu. demschen Halfen Einst das dettlsche Lied g> klungen? Wie ein steingeword'neS Märchen _ Ragt dein Tom mit seiner Blume, Und in Oesterreichs Wappen steigen ' Teutiche Lerchen ihm -um Rubme. Den Reichsdeutschen aber gibt er zu bedenken, daß ihr Sieg über die Franzmänner kein vollständiger gewesen sei, obwohl das Schwert seine Schuldigkeit glorreich gcthan habe; denn sie haben die Erbschaft Friedrichs des Großen noch immer nicht, ganz überwunden, die Bande ihrer geistigen Abhängigkeit von Paris noch immer nicht zcrriffcn. Er empfiehlt ihnen als nachahmungswürdiges Beispiel die selbstbewußten Briten, an denen gemcffen sich ihr Reich wie das Reich der — Mitte ansnehme. We den feilen Streber», welche nntcrthünigst Speichel leckend, vor de» Mächtigen auf dem Bauche kriechen, so reißt er auch jene» Priestern der^ Religion der Nächstenliebe, welche mit fahler Wange, versteinerter Stirn und tief liegenden Augen den Mund von Christus voll nehmen. in der Praxis aber nur Haß und Zwietracht säen, die Larve vom Antlitz. In major. m Doi gloriam treten sie an das Krankenbett, ängstigen dem Sü> der Geld ab und verschmähen auch nicht den sauer erworbenen Kreuzer aus der Hand der armen Magd. Zur größeren Ehre Gottes schleichen sie wie Vipern im Dunkel und suchen ihr Herrschgelüste zu befriedigen. Was immer sie auch in Angriff nehmen mögen, sie thuen cs mir zur Ehre Gottes; aber Gott weiß nichts von ihnen! Ein echter Dichter von Gottes Gnaden rückt er unerbittlich den Dichtern zu Leibe, deren Kunst die Natur vermiffen läßt und Farben ipalt, nicht Leben. Sic sind blutarm und schmincken sich. Sie schmücken sich mit bunten Federn, um uns darüber hinwegzutäuschcn, daß sie nicht fliegen können. Sic schreiten pathetisch auf Stelzen einher, um sich mit einem Nimbus zu mngeben. Bar an Ideen und gestaltender Phantasie, ertränken sie das Wort, das im Anfang war, in der Tinte. Ihnen gegenüber stehen die Dichter, bei denen dse Natur die Kunst überwuchert. Sic geben vor, aus dem vollen Leben zu schöpfen, sic sehen aber nur den Vordergrund des Daseins und leugnen die Tiefenerstreckung. Sie bleiben an der Oberfläche haften und gehen den Dingen nicht auf den Grund. Naturmaler nennensic sich, aber Kieselsteine, Hobelspäne, Blumniknospen, rohe- Avant — Euer Magen hai'S vertragen, Aber leider nicht verdau». So stellt sich uns der alte stämmige Pichler als ein Hort der Ideale der Achtundvierziger dar. Während nicht Wenige unter denjenigen, welche sich in de? Jugend von ihnen berauschen ließen, sic einer glänzend schillernden Laufbahn zum Opfer brachten, hat er sie immerdar, wenn er auch oft im Sumpfe schweigen mußte, im Schreine seiner Brust zärtlich gehegt und gepflegt, und noch heute richtet er, ein abgeklärter Stürmer nnd Dränger, seine scharfen und schneidigen Wnrfgcschoffe gegen die Bastionen von mittelalterlichem Schutt und Gerölle, welche der Verwirklichung der Freiheit hinderlich im Wege stehen. Möge er uns noch lange, sehr lange erhalten bleiben, denn nur schwer könnten wir in unserer trüben, finsteren, schmachbedeckten Zeit einen so goldenen Charakter miffeu. Nicht heitere, idyllische Friedensschalmeien läßt der Dichter in den „Spätfrüchten" erklingen; seine Kainpfesweisen sind jedoch Bahnbrecher der herzerquickenden österliche» Heilsbotschaft, daß neues Leben ans den Ruinen blüht. In der Erscheinungen Flucht hat cs sich schon oft bewährt, daß die Wahrheit schließlich doch zum Durchbruche gelangt. Vftocit veritas! Und so hat Pichler vollkommen Recht, wenn er „zum Geleit" schreibt: Ich trage keinen Leiei kästen, t Nach euren Pfennigen zu hast>»„ Trinkt euer Bier, wie's stet» gewesen. Meine Verse braucht ihr nicht zn lesen: Sie mögen flattern durch das Land, Es find t sie endlich die richtige Hand. Dr. Bernhard Münz. Lonccssionen cm den kleinen Alaun. Das Abgeordnetenhaus hat, bevor cs auf Osterferien ging, noch einige Arbeiten erledigt, welche spccicll die Verhältuiffe des Kleingewerbes und Kleinhandels zu regeln bestimmt waren. So hat es das bekannte Ratengesetz in der vom Hcrrenhausc geänderten Fassung neuerlich angcnommcn. Auf Antrag des Abgeordneteü Dr. Menger wurde auch noch der Gesetzentwurf, betreffend den steuerfreien Bezug von Mineralöl unter der Dichte von 770 Grad zum Motorenbetrieb, eine besonders für die Kleingewerbetreibenden bedeutungsvolle Anregung, auf die Tagesordnung gesetzt und in genchmigendem Sinne erledigt. Als ein acceptabler Versuch, die Oouoiirrenes 6ölo)uls ohne Bcinträchtigung der freien Bewegung des Handels zu bekämpfen, kann der vom Abgeordnetcnhause angenommene Gesetzentwurf bezeichnet werden, womit B.ftiinmuiigkn zum Schutze gegen Ucbcrvorthcilung in Bezug ans O.nantität nnd Onalität im Waarcnverkehre erlassen wurden. Bei den Verhandlungen über diesen Gegenstand zeigte sich wieder einmal, wer wirklich Her; nnd Sinn für die Interesse» des kleinen Mannes habe und wie die Antisemiten auch eine nur auf den Schutz des Schwachen berechnete Maßregel bekämpfen, wenn die Initiative hiezu nicht von ihnen ausgcgangen ist. Die Kanipfesmittel dieser Leute sind immer dieselben; da ihnen zn einer meritorischcn Opposition jede Sachkenntniß abgeht, suchen sie die Debatte stets von dem sachlichen auf das politische Gebiet, wo sich leichter mit Schlagworten opcrircn läßt, hinüber« zuspiclcn. Der liberale Berichterstatter über den angegebenen Gegenstand faßte den Abgeordneten Hauck, welcher sich mit der landläufigen Phrase decken wollte, die Corruption im Waarcnverkehre rühre von den Iudaeo-Magyarcn her, und widerlegte dessen verlogene Kampfes-

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