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Freies Blatt · 1896-04-05 · 209 (5.4.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
209 (5.4.1896)
Date
1896-04-05
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Freies Watt Abonnement-prel». Für Oesterreich-Ungarn: BanzjSbrig ... 6 Sfrontn (fl. 3.—) KaltiSdrig.... 3 Kronen 40 Heller (fl. I.TO) vierleljifhrig... * Kronen (fl. t.—) ({Br da» gesammte tfuflanb: (Sanijährig .6 Dlnrf Haldidtzrig .4 Mark Qinjclnt Nummern 6 Ir. Ilnsrankirte Briese werden nicht angenommen. Erscheint an jedem Sonntage. Redactio» lind Administration: I. Seilerstätte 10. Inserate werden mit ro Hellrr (10 kr.) für die oier. mal gespaltene Nonpareille(e»e'berechnet, »einer »nzeiger da» Wort 4 Heller (3 kr.). Ilnsnahme von Inseratenin unserer Administration sowie im klnnoncenbureau M. Duke», I. Wolljetie 3. Ninümer 209. "iUicit, 5. ^pril 1896. V. Jahrgang. Das russische Oolk für die Inden. (Original-Mitlheilung de» „Freie» Blatte»".) Petersburg, Ende Mär;. Im Lager bet' hiesigen Judenfeinde herrscht Mißstimmung. Seit Jahr und Tag sind diese angeblichen VatcrlandSrcttcr bestrebt, der Regierung wciszumachen, daß die Politik der Jndcnvcrsolgung ei» nationale» Bedürfniß sei, das vom Volke angeblich. tief empfunden wäre, nnd nnn kommen die Ständcverwaltungcn des Reiches, die berufcnen Vertreter dieses Volkes, und erklären einhellig, das Volk stehe imvollsten Widersprnche zu der antijtidischcn Politik, in welcher es eine große Gtfahr für das Gedeihen und die Wohlfahrt de» Landes erblicke. Diese Actio» der Ständcverwaltungcn zu Gunstc» der Juden in dem Momente, da in Petersburg der jndenfcindliche Geist der PobedonoS;cw und Jgnatjcw sich neuerdings mit besonderer Schürfe zu regen beginnt, wirkt in den Kreisen der Judenfeinde Rußlands wie eine plötzlich geplatzte Bombe. Die Anregung zn dieser Knndgcbnng dcS Volkes ging von Bessarabien anS. Wie die Leser des „Freien BlatteS" sich erinnern dürften, haben im vorigen Jahre einige Banerngcmcindcn anS dem Gonvcrncmcnt Kischinew dem Ministcrinm des Innern eine Denkschrift überreichen lassen, in welcher sic um die Zulassung von Juden;n>» ständigen oder zeitweiligen Anscnth'altc in den Dörfern baten. Ihre Bitte motivirtcn die Baucrngcmeindcn mit folgenden Worten: „Wir Irene Uutcrthancn nnsercs vielgeliebten Czar-Bätcrchcns müffcn um Rückbcrnfnng der anS gewiesenen Juden bitten, weil mit deren Ausweisung auch unser Wohl stand dahingeschwunden ist. Wir haben gehört, daß die Ausweisung der Inden ans unseren Dörfern deshalb erfolgt ist, weil die Regierung uns von Blutsaugern befreien wollte. Aber die Juden sind cS gar nicht, vor welchen wir geschützt werden müsicn. Im Gegcnthcilc, die Blut sauger sind bei uns geblieben, während man »nS dies Inden, von bcixcjt wir überall nnd immer nur Vortheil hatten, nahm. Unsere Geistlichen können die Wahrheit unserer Angaben bestätige»." Diese cigcnthümlich abgefaßte Bitte der beffarabischen Bancrngeineinden war von Erfolg gekrönt. Das Ministcrinm dcS Innern übermittelte die Denkschrift dem dirigirenden Senate, nnd dieser verfügte, daß den Juden der Aufenthalt in de» Dörfern und Marktflecken Bcsiarabicnö wieder gestattet werde. Vor einigen Wochen erhielt nnn das Ministerium des Innern eine Adresse aus Bessarabien, in welcher die Baucrngcmcindc» für die Wicderzulassung von Jude» znm Aufenthalt in den Dörfern ihren tiefgefühlten Dank zum Ausdrücke bringen. „Die Rückkehr der Inden nach den Dörfern," heißt cs in der Adresse, „hat auf den Wohlstand der bäuerlichen Bevölkerung den wohlthncndsten Einfluß geübt. Die Bauern haben ihre Produkte um hohe Preise abgcsetzt, die Steuern und die Schulden bezahlt und Dank der Ehrlichkeit der Jaden die Möglichkeit erhalten, auch künftighin von Blutsaugern unseres Glaubens nicht ausgcbentct;n werden." Diese Dankadresse fand bei de» Bauern des Reiches ein lebhaftes Echo. Denn nicht nur in Bessarabien, sondern auch in alle» anderen.russischen Provinzen sind die ökonomischen Jntcreffen der bäuerlichen Bevölkerung durch die Vertreibung der Juden ans den Dörfern arg geschädigt worden. In Bcresna z. B. versammelten sich, wie der „Woschod" neulich meldete, die Bauern, um den auf seiner JnspectionSreise begriffenen Bezirksvorstand zu begrüßen, und riefen, alS sic feiner ansichtig wurden, wie Ein Mann: „Herr, erlaube den Jude», zu n»S fahren zu dürfen; sic kaufen u„S unser Getreide nni gute Preise ab, während wir, seitdem sic anSgcwicsen wurde», unser Getreide an die orthodoxen Ansbcntcr fast umsonst verkaufen müssen". Dabei zeigten die Bauern auf die in ihrer Mitte stehenden christlichen Getrcidcspccnlanten. Daß sich die Bauern von BcrcSna an den Bezirksvorstand mit der Biltc um Rückbcrnfnng der Juden wendeten, legt allerdings Zcngniß von ihrer Raivität ab. Die Forderung der Baucrngcmeindcn überhaupt nach Rückbcrnfnng der ausgewiesenen Juden bewog, indessen die Vertreter der Stände, , einen Eongrcß ein* znbcrufcn, auf welchem die wirthschaftlichc Lage des Landvolkes besprochen und die Mittel zur Hebung des ökonomischen Wohlstandes ist de» Dörfern ausfindig gemacht werden sollten. Dieser Eongrcß fand »nn in der ^im Gonvcrncincnt Poltawa liegenden Stadt Lochwitz statt, und die von demselben gefaßte Resolution wirft ein helles Licht auf die Verlogenheit und Fülschnngskunst unserer Judenfeinde. Der Vorsitzende dcS EongresscS, ein reicher Gutsbesitzer und Experte deS AckerbanministeriumS, Alexander Rikolajewitfch Ehadolcj, sagte in seiner Begrüßungsrede: „Die Vertreter der Jntcresscu des Volkes, die es mit dem Volke wahr und ehrlich.incincn, haben nicht' daS Recht, die Atolle zu verheimlichen, welche die Inden trotz ihrer Rechtlosigkeit im ökonomischen Leben dcS Reiches spielen und welche sic erst spielen könnten, wenn man sic zu rechtmäßiger Theilnabme an diesem Leben heranzichcn wollte." Rachdcm die Mitglieder des EongresscS-eonstatirt hatten, daß die bäuerliche Bevölkerung durch die Judcnanöwcisuugen iii ihreir vitalsten Interessen geschädigt wurde und daß da» ganze Volk die Politik der Judenverfolgung durchaus mißbillige, faßte der Eongrcß einstimmig folgende Resolution: „Die Lage der Inden ist eine anormale. Alle redlichen Wege zur Erlangung eines Erwerbes werden ilincn verschlossen. Unter anderen Verhältnissen aber könnte die orthodoxe Bevölkerung die den Juden von der Ratnr verliehenen Fäbigkeitcu vor theilhaft ausnüpcn. Die Hcxanzichnng der jüdischen Bevölkerung;«v gleichberechtigten Thcilnahme an dem ökonomischen Leben dcS Reiches würde auf den Wohlstand der Gcsammtbcvölkcrung einen günstige» Einfluß Übe», denn die Inden weisen die glückliche Vereinigung von Arbeitsamkeit, Ehrlichkeit nnd UntcrnchmnugSlnst auf, welche Eigen schäften gcgcmvürtig zum Bedauern Aller dem ökonomischen Leben des Reiches entzogen werden. Der Eongreß erachtet cS deshalb für feine patriotische Pflicht,* die gleichberechtigte Theilnahmc der Inden am öko »omischcn Leben dcS Reiches wärmstcns zu befürworten." Die Manifestation dcS EongresscS gewinnt noch an Bedeutung, wenn man in Erwägung zieht, daß cs sich hier um jüdische Händler handelt, gegen welche die Judenfeinde ihre giftigsten Pfeile richten. Man kann daraus wohl ersehen, wie daS Volk erst über die jüdischen Handwerker denkt, die im Schweiße ihres Angesichte» ihr kärgliches Brot verdienen und deren Zahl vierzig Pcrccnt der gcsammten jüdischen Bevölkerung Rußland» auSmacht. Der Eongrcß hat seine Resolution dein Ackerbauniinistcr zngcschickt. Die Absicht, den Ezar selbst auf die anormale Lage der Inden anfmcrtsam zu machen, ließ man fallen. Die Resolution dürfte jetzt kaum die gewünschte Wirkung Hervorrufen; jedenfalls aber hat sic großen moralischen' Werth als Volksvotnin für die Juden und gegen deren Feinde. Tic antisemitische Presse in Sesterrcich wird wohl diese bedeutsame Kundgebung des russischen Volkes gewohnheitsmäßig — todtschweige». _ Argus. t J

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