Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 208 (29.3.1896)
- Date
- 1896-03-29
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seht 8. .freie* Blatt. Nr. 208 (Jude »ider Wille»:) In Berlin hat, wiedie„Staat«bürger- Z ei tu n g" berichtet, die Judenriecherei folgendes Histörchen gezeitigt: Herr Schlächtermeister Oscar Lindner, Höchstestraße 4L wohnhaft, ein Mann, der einer durchaus christlichen Familie entstammt und besten Frau ebenfalls christlich ist, hat feinen auf den Namen Oscar getauften sechsjährigen Sohn am I. April o. I. in die 161. Gemeindeschule, Georgenkirchstraße 2, gebracht, wobei er natürlich die üblichen Legitimationspapiere, Taufschein, Impfschein rc. mit zur Stelle brachte, wie das Brauch und Rechten« ist. Run war e« dem braven Meister, wenn er so Nachmittags vor seiner Ladenthür stand und sein Junge sich vor ihm auf der Straße tummelte, mehrmals sonderbar vorgekommen, baß die Schulkameraden den kleinen Oscar „Judenbengel", oder „oller jüdischer Schwarzkopp" schimpften, unser Meister legte der Sache aber weiter keine Bedeutung bei, zumal Einem heutzutage Manches wunderbar Vorkommen kann. Daß sein Junge in der Schule noch nie etwas vom „Vaterunser" gehört, dies nicht einmal dem Namen nach kannte, schien ihm zwar schon etwas bedenk- * sicher, zumal sein viel jüngerer Sohn dies in der „Spielschule" schon wunderbar schön gelernt hatte und vorzüglich auswendig sagen konnte. Der Meister schwieg aber auch hiezu; denn al« bescheidener Mann wagte er nicht, in die Geheimniffe der modernen ErziehungStheorie einzudringen. So überließ er denn die Erziehung der kleinen Oscar vertrauensvoll der 161. Gemeindeschule und gab die Hostnung nicht auf, daß au« ihm doch noch ein tüchtiger Mensch werden würde, wenngleich in dem Jtcpfe de» jugendlichen ABC-Schützen die Welt sich anders zu malen schien als sonst in Ehristenköpfen. Ta brachte der 12. März eine sonderbare Enthüllung an den Tag. Ter kleine OScar kam nach Hause und erklärte mit resignirter Miene Folgende«: „Morgen ist Prüfung der christlichen Schüler, und da hat der Lehrer gesagt, daß ich ein Jude bin, und da darf ich nicht kommen. Ich habe frei!" Als man nun den Meinen' auSforschte, erzählte er: „Der Lehrer tagte: Tie Juden haben morgen frei, sie sollen ausstehen. Ich blieb sitzen. Ta fragte mich der Lehrer: .OScar, warum stehst du denn nicht auf?' Ich antwortete: .Ich bin Loch kein Jude!' ,Ach, Unsinn!' sagte der Lehrer, .du bist Jude! steh' nur auf!' Nun stand ich auf, und nun soll ich zu Hause bleiben!" Natürlich untersuchten die Eltern jetzt die Sache näher, und eS stellte sich heraus, daß d^r kleine Oscar seit einem Iahte in der Schule trotz seine« Taufscheine» von Lehrern und Schülern als Jude behandelt worden ist; und seinen ReligiouSuiiterricht das ganze Jahr hindurch in einem besonderen Llasienzimmer mit den jüdischen Schülern zusammen von einer jüdischen Lehrerin erhalt»» hat. So geschehen im Jahre 1896 in der Reichshanptstadt Betli»! Wate die Sache nicht dutch einen Zufall zur Kenntnis der Eltern gekonimen, io wäre, meint die „Staatsbürger Zeitung", der Junge vielleicht Rabbiner wider Willen geworden. Und dieses Kunststück,. fügen wir hinzu, hätte die in der Aeta des Antisemitismus herrschende Judenriecherei zustande gebt acht. i Lauge und Hempel.) Ter ehemalige Herausgeber der „Täglichen Rundschau", Tr. Friedrich Lange, gibt zum 1. April ein neues, täglich erscheinendes Blatt heraus, die „Deutsche Zeitung". Die Äniioncen, die aus sein Unternehmen Hinweisen, enthalten die alten Laugeschen Phrasen: „Im gewohnten Zuiamme» klänge verläßlicher Deutschgefinuung" .... „die kommende Deutschpartei der wirthichaftlichen Reform" .... n. j. f. Taß Tr. Lange und sein Verleger Tr. Hempel sich jetzt einander in die Haare fahren, ist erklätlich. Vornehm ist eS nicht. Wenn man, bemerkt unsere Berliner Abwehrcollegin, jahrelang Arm in Arm gegen „Teutschverneinung" und „Jiidenknechtschast" gekämpft hat und sich kann in die Parade fährt, weil der Eine dein Andere» ka« Einkommen verkürzen will, so scheint daS sich jener realistischen LebenSayf'affuiig zu nähern, welche dieselben Herzten so gern und so oft „jüdisch" genannt haben. Tr. Hempel jettert nun in einem gegen seinen früheren Genosse» Tr' Friedrich Lange erlaffenen Rundschreiben: ,,E« ist ein noch nie dagewesener unlauterer Wettbewerb der schlimmsten Art,' wenn sich Herr Tr. Lange an die Leier dep .Täglichen Rundschau' wendet und in das Eigenthum desjenigen,' mit dem vereint er vierzehn Jahre gearbeitet hat, den Loncurrenzkampf trägt, den er in cyniscffoffener Weise mit den Mitteln der Verdächtigung und Entstellung führt." Roch nie dagewesen? Als vor anderthalb Jahren die Hempel-Lange'sche „B o I k« r u n d s ch a u" eiugeführt wurde, da sagte der conservative „R e i ch « b o t e" : „Er macht keine» gute» Eindruck, wenn ei» Blatt gleich von vornherein mit solchen crassen Unwahrheiten und mit Reclamen austritt, tie den jüdischen den Rang ablaufen; denn e« ist nicht wahr, daß eS keine ganz Teutichland umsaffende Zeitung gibt, die ein ehrlicher Anwalt für deutscher Bolksthum und de» deutschen Mittelstand ist. E« gibt viele Zeitungen, vor Allem die conservativen, von denen daS gesagt werden kann und gesagt werde» ,muß. ES ist eine Anmaßung sondergleichen, die Preffe aller Parteien als einen GeschästSagenten sür die Ausbeutung durch die Mächtigen oder eine Hetzpeitsche in der Hand der Agitatoren zu bezeichne». Ei» großer Theil der Preffe hat die Jntereffen des Mittelstandes ehrlich und treu vertreten, ehe e« eine .Tägliche Rundschau' und eine ,Volksrundschau' gab. Einem Blatte, daS sich mit solche» dreiste» Verleumdungen und Unwahrheiten ankünkigt, steht eS schlecht an, sich als Anivalt de« deutschen BolksthumS zu bezeichne» und in einem Aufruse an die Geistlichen denselben zuzumuthen, für die Verbreitung cheS BlatteS thätig zu sein". Auch die conservative „Bad ische L a n d p o st" wie» daS Hempel-Lange'sche Unternehmen mit den Worten ab : „ES ist eigentlich unnöthig, daß wir im Namen der Eonservativen und der conservativen Preffe Einspruch gegen diese mit faustdicken Unwahrheiten veS< mischte wahrhaft jüdische Reklame erheben." Ein „unlauterer Wettbewerb schlimmster Art" ist also schon dagtwesen, nur nahm Dr. Hempel an demselben keinen Anstoß, so lange et zur Förderung einer Spekulation bestimmt war, welche auch ihm Profit bringen sollte. Ueber den Charakter Dr. Lange'S hat die Ansicht de« Verleger» Dr. Hempel eint merkwürdige Wandlung erfahren; er schreibt: „Wenn ich mir jetzt zurückrt/fe, wie er (Lange) seine Person den Lesern gegenüber stet» in den Vordergrund stellte, wie diese» unberechtigte, sonst nicht übliche Bordrängen, da« sich auch in dem skrupellosen HinauSdrängen verschiedener werthvoller, aber ihm unbequemer Redacteure zeigt, sich stet» verstärkte, so kann ich nur zu dem Schluß gelangen, daß er den unlauteren Wettbewerb, den er jetzt offen betreibt, schon vorbereitete, al» er »och in Stellung bei der .Täglichen Rundschau' war. An Stelle des früheren Benrauen« war schon im Jahre 1895 bei mir die Uederzeugung getreten, daß ich eS mit einem überaus geschickten, aber keineswegs idealen Streber zu thun hatte, der dein mit Eonsequenz und Vorsicht stets verfolgten Ziele dev Ausbreitung seine« Ansehens bei den Lesern und damit der Schaffung einer ihm ergebene» Rundschau- .Gemeinde' mit rücksichtslosester Mißachtung der Rechte de- Verlag» nachging. Diese meine Uederzeugung hat sich durch sein jetziges Vorgehen in jeder Weise als durchaus berechtigt erwiesen." Zntereffant ist ferner die Mittheikung, daß im Dienste der „VolkSrundschau" „Viele ihr sauer Ersparte» und Dr. Heinpet ei» Vermöge» zugesetzt haben, Herr Dr. Lange aber nicht einen Pfennig riskitt, geschwcige denn geopfert hat". Eine hübsche Lharakteristik erfährt Dr. Lange auch seiten» des „M o d e r „ e n Völkergeistes", des Organ« der Düh. ringianer. Darin heißt e»: „Ter Herr Friedrich Lange war ursprünglich Schulmeister, und sein besonderes Steckenpferd waren viele Jahre lang die Einheitsschule. Beim Anwachsen der antisemitischen Bewegung begann er äußer lich zaghaft und formell zunächst vorsichtig mit dem AntisemilismitS ein wenig zu liebäugeln. . .! . Er hatte viel an Dühring zu kritisire», unter Anderem daß dieser ein eigene« System haben wollte, daß er stnlistisch schwerfällig und nicht leicht verständlich sei. Doch laffen wir die Kritik de« Herrn Lange an Dühring, die zugleich eine unfreiwillig komische Selbstkritik ist, aus sich beruhe». Kurz und gut, nach Kenntnißnahme unserer Artikel und einiger Tühring'scher Bücher verspürte Herr Lange mit einemmale, nachdem er so viele Jahre so simpel seine Zeitung redigirt hatte, den Berus eine« Reformators in sich und fing an — Systeinartiftl zu veröffentlichen. Herr Lange hüllte sich immer mehr in einen »ebelhasten mystificatorischen Phrasendunst, als deffeu Kern der sogenannte .Deutschgedanke' gelte» sollte. Soweit der .Deutschgedanke' specialistisch faßbar war, enthüllte er sich als platter RationaliSmu«, der mit Allem vereinbar sei» und alle« durchbringe» sollte. Monarchie, Ehristenthum, Agrarierthum, Zunftwesen, ständische Vertretung und sonst allermögliche romantisch reactionäre K,am sollte nach der Jmprägnirung mit dem Lange'scheii .Deutschgedanke»' etwas Guter und dauernd Haltbarer vorstellen. Offenbar hat Herrn Lange der Dühring'sche Gedanke, dem Lharakter der bessere» Völker, vor Allem de« deutschen Volkes, die Grundbestandtheile für eine alle bisherige Religio» in vollkommenerer Weise ersetzende GeisteSsührung zu entnehine». am meisten imponirt. Bei seinem NachentdeckungSversuch machte jedoch Herr Lange anstatt den Tühring'schen Gedanke» doch wenigstens einigermaßen erkenntlich nachzuentdeckeu, den Fehler, die Grundbestandtheile der neuen GeisteSsührung nicht dem moderuen Lölkercharakter in seinen besten Jndividualprägungen zu entnehmen, sondern seinen eigenen Eharakter zugrunde zu legen. In Folge deffen sind die Grundbestandtheile de» Lange'scheii .DeutschgedankenS' aus dem Nebelzustand, entsprechend der Langeschen Geistesverfassung, gar nicht herauSgekommen, und wo sich die Nebel 'mal etwas lüfteten, sind nur längst be- , kannte ausgetretene Wendungen und Gemeinplätze zum Vorschein gekommen Geistige Verworrenheit und aus Eitelkeit en springende Unehrlichkeit ch a r a k t e r i s i r e n vornehmlich da« Lange'sche Deutschreformatordebut. Damit stimmt der Zug auf daS Schönste überein, denjenigen, von dem man heimlich zu zehre» versucht, öffenisich he, adzuwürdlgen und zu verkleinern. Es lohnt sich kaum, dieser Deutschbündelei in ihrer weiteren Bethätigung nachzngehe»." Schließlich wird in demselben Blatte noch D r. Lange'S und Dr. Böcke l'S Racenreinheit stark angezweifelt. Am Ende sind sie auch Verwandte deS Schmuel Leeb Kahn aus Pohrlitz. (Ausgezeichnetes Gehör.) Der „Osservatore Romano" will kürzlich in Rom de» Ruf: „Nieder mit den Juden!" vernoininen haben. „Wir haben," sagt daS vaticanische Blatt, „diesen Ruf erheben gehört, e» war der einstimmige Ruf einer großen Volksmenge. Wir haben uns die Leute genau betrachtet, der Ruf kam weder von unreifen Junge», »och von ierauschtem Gesindel, sonder» er wurde von gereiften Männern, ernsten Leute» auSgestoßen." Der „Osservatore Romano" scheint ein ausgezeichneter Gehör z» besitzen, da kein andere» römisches Journal diesen Ruf vernommen hat. Eine „akustische Täuschung" ist bei dem sromine» Blatte wohl auSgeschloffen.