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Freies Blatt · 1896-03-29 · 208 (29.3.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
208 (29.3.1896)
Date
1896-03-29
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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7 Freie» Blatt. t Nr. 20« Seite 6. hinwcgturntc, waren noch allerlei kleine Stacheldrähte gezogen, die recht empfindlich stechen konnten: im FürstbiSthum Würzburg mußte er nach der Taxordnnng von 1742 immer die doppelte Taxe zahlen, bei Beschneidungen, Hochzeiten und Todesfällen dem Trtspsarrer die Jura stola«“ entrichten, und seinen Most konnte er erst nach besonders erholter herrschaftlicher Erlaubniß cinkaufcn, »damit die Juden nicht die zeitigsten Trauben und besten Mäste zu ihrem Koscherwein bekommen“. Tie jüdische Hausfrau durfte in Fulda ihre Bictualicir »nicht vor oder unter den Thoren kaufen, auch nicht den Christen vorgreifen“, nach castellifchcm Rechte battete sie gesammtvcrbindlich für die Schulden ihres Mannes. Eines freilich ward fast allcrwärts den Juden gewährt: das entehrende Privilegium höherer Zinsiiahmc. Am fränkischen Untermain hliebe» z. B. bis zur Revolutionszeit die Mainzer Berordnnngcn von 1732 und 17-17 in Rraft, nach welchen ausschließlich den Juden gestattet war, 8 Pereent Zinsen ans Tarlehen zu berechnen. «.Blutaberglailbk in Frankreich.) Jüngst hielt, wie die »Frankfurter Zeitung“ berichtet, der französische Romauschriststcllcr Jules BoiS eine» Bortrag über »Schwarze Meffc und Bcrhexung“. (Unter schwarzer Mcffe versteht man eine unzüchtige und freche Parodie auf die heilige Messe.) Jules Bois begann mit der Widerlegung der Zweifler, welche die - »schwarze Mene“ ins Reich der Fabel verweisen. Schwarze Messen würden gelesen und fänden auch heute noch statt, denn wozu würden sonst so häufig Einbruchsdiebstähle in den Kirchen stattsindcn, wo nichts als die geweihten Hostien weggenommcn würden, deren Profauirung zur schwarze» Messe nöthig ^'ei. Eine historisch beglaubigte schwarze Messe ist »ach Jnles Bois diefcnige, welche Madame de Montcspan lesen ließ, um . sich die Vichc *V ndwigS XIV. zu erhalte». Ein Alibi- Guibourg celebrirtc sie. Tic Montcspan wohnte ihr unbekleidet unter einem schwarzen Tuche bei, und das Sühncopfer fei ein neugeborenes Kind 'I l gewesen, dessen Blut in den Kelch gegossen wurde Gegen die Bedrückung fremder Konfessionen und NationalitätkN. i Lebhafte Ansmcrksamkcit erregt in Rußland ein Artikel, welchen der bekannte russische Slanophilc und ehemalige Borsitzciidc des Peters burger Stavcnvcreines W. Lamauskij inden »Petcrsburgskija Wjedomosti“ über die Bedrückung fremder Coufcsstonc» und ssiationali täte» in Rußland vcrösscnllicht hat. Lamauskij tadelt in scharfen Worten den Mangel an Toleranz und Hnmauität, welchen man in Rußland den »ichlorthodorcn Confcssioncn gegenüber bekundet, und sagt: »In einem großen Thcilc der russischen gebildeten oder halb' gebildete» <Gesellschaft hört mau nicht auf, die rohcsteu, gröbsten Aus fälle gegen die Angehörigen fremder Contefsionen und Rationalitäten zu schlendern. Tas ist nicht christlich, das ist eine große Berirrung, ja es iss geradezu ein Unglück für Rußland.“ In einem redactioncllen Artikel berichten di? »Petcrsburgskija Wjedomosti“. daß echte .Rnsscu cs sogar gewagt hätten, den Czar Alerandcr III. auf die Per dcrblichkcit der Bkrfolgnng der Richtorkhodoxcn aufmerksam zu mache». So hätte eine t^rünn Vnbow an den verstorbenen Czar eine Teilt schritt über die Berfolgiing der katholische» Schulkinder im Weichsel - gebiete gerichtet, die Alerandcr III. mit der Randglosse versah: „Wenn das wahr sei» sollte, io muß man darüber Nachdenken.“ Aus antisemitischen Vereinen und Oer - sammlungen. (Großsprecherisch.) Auf eine Anfrage des Abgeordnete» Franz Richter erllärte der Winislerpräsident Graf B a d e n i, daß er die vom niederösterreichischeu Landtage beschlossene Wahlreform wegen der Bestimmung, daß schon eine Gemeinde mit zwanzig Wählern Wahlorl >ei, nicht zur Sanktion verlegen könne. Ter Ministerpräsident fügte jedoch hinzu, daß er bereit fei, für den Fall. a>S der niederönerreichische Landtag eine Abänderung dieier Lestlminung beschließen wollte, denselben zu einer außerordentlichen Session einzuberusc». Abgeordneter Richter lud hierauf die antiliberalen niederösterreichi,'chen Landlagsabgeordneten, welche auch dem ReichSrathe angehören, zu einer Berathnng ei» und theilte ihnen mit. daß die Regierung bereit fei, einer Ktstiinmung, wonach nur solche Gemeinde», welche ivenigcr als 30» Einwohner besitze», zur Vornahme der Wahlen vereinigt werden könne», zuzüstiminen. Eine Bereinigung von Gemeinden zur Bornahme der Wahlen wäre, aber auch in dieser Form nicht nach dem Geichuiacke der Antisemiten und ihrer ctericaleii Verbündeten, und sie legen daher keinen Wetth aus das justandckcuiinien derLondtagS Wahlreforni. In ihrer großsprecherischen Weise gaben sie dies' durch »achstehenden Beschluß kundi »Bei dem Umstande, alS bisher das Ministerium Baden, in allen Fragen eine dem Wille» der Volkes entgegengesetzte Haltung eingenommen hat, lehnt er die Versammlung derzeit ab, eine Aeußerung über eine eventuelle Aenderuug der vom niederösterreichischen Landtage beschlossenen Wahlordnung abzugeben.“ (Brutalität.) Man schreibt UN«: Sonntag fanden wieder mehrere Antisemitenversammlungen statt, in denen Schneider, Liechtenstein, Lueger, Steiner, Polzhofer re. so sprachen, wie die» ihre Gewohnheit ist: insbesondere die »Judenliberalen“ wurden geschmäht und verdächtigt. Zur Brutalität in Worten gesellte sich auch Gewaltthätigkeit. In Favoriten hatten sich zur Versammlung der Antisemiten mehrere Social-Demokcaten eingefunden, sie wurden jedoch unter Beschimpfungen und thätlichen Mißhandlungen vor die Thür gesetzt. Bei der Rückkehr von einer Antisemitenversammlung in Preßbaum kam e» ebenfall» zu Thätlichkeiten. Wie sich die Deutsch-Nationalen beschweren, waren die Ehristlich.Socialen in „gehobener Stimmung", und wurde auf dem Westbahnhofe ein gesiuuungStüchtiger SechShauser Turner vom Mechaniker Schneider geohrseigt. (CleruS und Tentschthum.) In einer Antisemitenversammlung zu Floridsdorf, in welcher der Mittelschullehrer Pommer, der Branntweinschänker Polzhofer, der in Leipa verkrachte Advocat je n o tz und ein Herr P r j b i l auftraten, sprach auch der Pfarrer von Jedlesee, der hochwürdige Herr M a u x. Unter Hinweis auf eine Anzahl von Aussprüchen de» verstorbenen Freiherrn v. Bogelsang und de» gewesenen Ritter» Georg Schönerer legte er dar, daß ein wesentlicher Unterschied zwischen Deutsch- Rationalen und Ehristlich Socialen nicht bestehe, daß e» »principiell trennende Fragen" zwischen ihnen nicht gebe. Der Eleru», versicherte Pfarrer Manx, sei der nationalen Sache treu ergeben. Wenn man die» früher nicht wahrgenominen habe, so trage daran die liberale Partei die Schuld. Seit Jahrzehnten sei deutsch und „judenliberql“ identisch gewesen, und da habe doch der Eleru« zur Förderung de» Deutschthum» nicht so frisch und fröhlich Mitwirken können, wie gegenwärtig in de» schönen Tagen de» deutsch-nationalen und christlichsocialen Antisemitismus. Die Parole de» Deutschthum», wie eS dem Pfarrer Maux vorschwebt, lautet: »Hepp! Hepp!" (Verfrüht.) Roch bat sich der gegenwärtige Landtag nicht anrgelebt. und schon stellen die Antisemiten ihre Eandidaten auf; sie lheilen sich in de« Bären Haut, »och ehe sie diesen erlegt haben. Bor einigen Tagen trat der bekannte Freund Geider'S, de: Scriptor G e ß m a n n, mit großem Applomb i» Egge,iburg als LandtagScändidat für den Wahlbezirk Horn-Eggenburg- Retz-Maisiau Langenloi« auf und ließ sich dort von einer Hand voll Bauer» auf de» Schild heben. Roch hat aber Dr. Moriz W e i 11 o f das Mandat inne, und eS ist kaum z» erwarten, daß die Eggenbnrger ihren verdienstvolleu. , Vertreter gegen de» bereit« im Reichs- und Gemeinderath beschäftigten Freund Geider'S eintauschen werden, wäre es auch nur um einen seinerzeit von den Antisemiten proclamirten Grundsatz — Vermeidung der Aemtercumulirung — zu wahren. Die Eandidatur Geßmann'S ist jedenfalls verfrüht. (Höchste Fructificirmig.l Mau schreibt uns au» Graz: Gestalten Sie mir, geehrter Herr Redacteur, zur Illustration einer Bemerkung aus Seite 7 in Rr. 207 Ihre« geschätzte» Blattes eine» Rachlrag zu liefern. Dort heißi eS: »Der Zweck deS ganze» Gastspiel» (Lueger'«) war aber die Unterstützung der Feichlinger-Parlei, deren Oberhaupt/ich auch dankbar erwieS und Lueger den .beste» Man» der Jetztzeit' »annte. Der von seinen Creaturen alS .bester Manu der Ostmark' gepriesene Schönerer wird sich darüber nicht wenig ärgern. Vielleicht läßt er sich nun zum .beste» Manne aller Zeiten' befördern." Tie« erinnert mich an ein ältere» Bonmot. In einer Berliner Gaffe wohnten drei Photographen, die einander die Kundschaften abzufischen suchte». Der erste hing ei» Schild aus mit der Reclame: »Der beste Photograph in Berlin“, der zweite sagte auf seinem Schilde, um den Concurrenten zu übertrumpfen: „Ter beste Photograph in der Welt", der dritte, der ließ bescheiden auf seine Tafel schreiben: „Ter beste Photograph in dieser Gasse“. Ich glaube, Herr Schönerer könnte c« bei dem Ruhme bewenden lassen, einmal der beste Man» unter seinesgleichen genannt zu werden Im Uebrigen hatte der Grazer Antisemitencongreß außer der üblichen Anräucherungskomödie auch eine rein geschäftliche Seite, die eine» Versuch darstellt, »ach reichsdeutschem Vorbild die Antisemiterei zu sructificiren. Die reservirten günstigere» Sitze wurden gegen ein Entgelt von 1 fl. und von 50 fr. loSgeschlagen und, wie berichte: wird, sammt und sonder» glücklich angebracht. Darob großer Jubel bei den Unternehmern, die aus diesem eine» Erfolg Hoffnung schöpfe», die für weitere Agitationen erforderlichen Fond» aufzutreiben. K u n ,. (Tie Stöcker'schen Christlich-Soeialeo.) Das Programm der Christlich- Socialen, die in Deutschland unter der Führung S t ö ckr r'« zu einer Partei ( sich vereinigen sollen, stellt im Entwurf folgende Forderungen aus: Eine starke Monarchie alS Trägerin der socialen Reform im Reiche wie in den Einzelstaaten. Volle Selbstständigkeit der Kirche. Leitung des Religionsunterrichtes durch die Kirche. Lonfessioualität der Schule. Gesetzliche Zulassung freier Schulen nnter staatlicher Aussicht. Gesetzliche Neuordnung deS Ber hältnisseS von Kirche und Schule. Verstaatlichung' geeigneter Betriebe und Berufszioeige- Staatliche Maßregeln zur Erhaltung eines gesunden und zur Einschränkung eine» übergroßen Grundbesitze». Obligatorische Innungen. Befähigungsnachweis. Errichtung von Handwerkerkammer». Thunlichste Durchführung der sechsunddreißigstündigen Sonntagsruhe. Ausdehnung der Sonntagsruhe auf die Angestellten de» Verkehr«- und Schänkgewerbes. Ausschluß der Juden aus allen obrigkeitliche u

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