Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 208 (29.3.1896)
- Date
- 1896-03-29
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Freie« Blatt. Nr. LOS. Antisemiten, die cs nicht verschmerzen können, daß der Nachfolger ihres Hubert Fuß im Reichsrathe ein Liberaler ist, suchten ihren Mangel an Nullitätsgründen durch Schimpfereien zu ersetzen. Hiebei benahm sich selbstverständlich der Stampiglienfälscher am scandalösesten. Für. die Giltigkeit der Wahl traten die Abgeordneten Freiherr v. Scharschmid, Wrabetz, Dr. Meng er und Ritter v. Kry nicki ein. Bon den liberalen Rednern wurden auch die antisemitischen Wahlpraktikcn gründlich erörtert, worüber die demaskirtcn „Anti-Corruptionisten" sehr aufgebracht waren. Die Wahl des Profeffors Demel wurde schließlich mit einer Zweidrittel-Mehrheit verificirt. «Israelitischer Literaturverein „Mendelssohn".) Man schreibt uns: Der seit einem Jahre in Wien bestehende israelitische Litcratnrvcrcin „Mendelssohn" hielt am 21. März Abends im großen Saale des Restaurants Robitschek seinen ersten Vortragsabend ab. Es hatte sich ein sehr zahlreiches, den besten Kreisen der Wiener Judenschaft angehörigcs Publicum eingefunden, darunter auch viele Frauen. Der Raum erwies sich als viel zu klein für die andrängcndc Menge, und -viele Besucher mußten darum gleich wieder»Weggehen. In einer kurzen Ansprache setzte der Viccpräsident Tr. A. Rabel die Ziele und Zwecke des Vereines auseinander, worauf Dr. Bernhard Münz einen schwungvollen und geistreichen Vortrag über Moses Mendelssohn und seine Zeit hielt. Erst gegen 9 Uhr Abends kam Eduard Kulkc mit einer seiner lieblichsten Ghettogeschichtcn zu Wort, die eine Illustration zur Entstehung des Sprichwortes: „Alt Eisig wird tänzcrig" bildet. Daran schloß sich eine lebhafte Tcbattt. über die wichtige Mission, die der Mendelssohn-Verein als israelitischer Volksbildungsverein in Wien uud in Oesterreich überhaupt zu erfüllen habe. (Ein ljui pro quo.) Es schreibt UNS ein Freund unseres Blattes: Auf der Heimfahrt von Wien war ich zwischen den Staticncn Gänserndorf und Wagram Zeuge folgender Scene. In cincr Coup^ccke war ein Reisender cingeschlafen. Zwei antisemitische Jünglinge machten sich über den Schlafenden luftig, ja cincr derselbe» erfrcchle sich sogar, den Reisenden am Barte zu zupfen, indem er sprach: „Jüdcl wach auf!“ Und es erhob sich der Reisende, ein magyarischer Borstcnviehhändlcr (Ehrist), eine hünenhafte Gestalt, packte die beiden antisemitischen Helden bei den Haaren und schopfbeutelte sic nach allen Regeln der Kunst. Tie Passagiere des Coupes aber sahen lachend dieser Lynchjustiz zu. (Antisemitische Argumente.) Wie der Falkenauer „Bolkswillc„ erzählt, versuchte in einem Egerer Wirthshause der dortige Fleischermeisler Anton Hart antisemitische Lehren an den Mann zu bringen, wurde aber von einem Arbeiter ad absurdum geführt. Darüber ge nett) er so in Zorn, daß er sein Messer aus der Tasche riß und sich auf den Arbeiter stürzen wollte, indem er ausrief: „Der zaundürre Hund muß verrecken!" Nur dem Eingreifen der übrigen Anwesenden ist cs zu danken, daß die antisemitischen Argumente, rohes Schimpfen und Gewaltthätigkcit, kein weiteres Unheil anrichtetcn. (Teutschvolkliche Arbeit.) Mit Bezug auf unseren Artikel „Dcutschvolkliche Arbeit" in Nr. 207 ersucht uns Herr J. U. Dr. Grünberg, Advocat in Budwcis, festzustellen, daß Herr Dr. Carl Havclka jun. nicht sein Compagnon, sonder»' sein Concipicnt gewesen sei. (Tas Blutmärchen von Garam-Kisz-Szallo.) Am 19. September 1£95 erschien im „Magyar Allam" ein Artikel über einen „Ritualmord", dem im Garam-Kisz-Szallo ein fünfjähriges Bauernmädchen Julie Balaz zum Opfer gefallen-sei. Das kleine Mädchen, wurde in dem Artikel erzählt, sei in den Laden des dortigen Kaufmannes Ignaz Adler gekommen, um Branntwein zu kaufen, und sei nicht mehr zu ihren Eltern zurückgekehrt. Zu dieser Zeit seien drei Juden, darunter ein Schächter, im Laden des Adler gewesen. Ein Müllerbursche habe auch vor Auffindung der Leiche auf dem kritischen Orte, dem sogenannten Jnselplatz, diese Inden gesehen. Trotz alledem thue die Behörde den Juden nichts zu Leide; denn so sei die Rechtspflege in Uvgarn, wenn von den „recipirten Patrioten" die Rede sei. Wegen dieses Artikels stand am 20. d. M. der Verfasser, der katho lische Hilsspricstcr Johann Fusz, vor der Budapestcr Preßjury unter der Anklage, sich der Berleumdui^ und Ehrenbelcidigung schuldig gemacht zu habe». Ter betreffende „Ritualmord" hatte bald nach dem Erscheinen des incriminirten Artikels den Gegenstand einer Criminaluntcrsuchung vor dem Jpolsager Gerichtshöfe gegen Ignaz Adler und (Genossen gebildet, die aber mit der Einstellung des Strafverfahrens endete, weil sich nicht die geringsten Anhaltspunkte dafür ergaben, daß Adler und Genossen die Mörder des kleinen Mädchens seien. Ignaz Adler, den die Verdächtigung tief schmerzte, hat vor einem Monate einen Selbstmord verübt, doch bestanden dessen 'Kinder auf Fortsetzung des zu seinen Lebzeiten eingeleiteten Prcßprocesses. Derselbe schloß damit, daß der Angeklagte schuldig gesprochen und zu vierzehn tägig em Arrest sowie zu einer Geldstrafe von 50 fl. verurthcilt wurde. Bcmerkenswerth ist es, daß der Vrrtheidiger Fusz', der Abgeordnete und Chcfredacteur des „MagyarAllam" Dr. Josef Hortovanyi, seinem Plaidoyer, in welchem er die dona lides Fusz' darzulegcn suchte, die mit der Haltung seines Blattes conttastirendc Erklärung vorauSschickte, daß nach seiner Ueberzeugung die Juden keine Ritnalmorde kennen. Herr Sedlatzek in Berlin hat vor einiger Zeit im dortigen antisemitischen „General-Anzeiger" anläßlich des Blutmärchens von Garam- Kisz-Szallo eine gcgentheiligc Ueberzeugung ausgedrückt, wurde von der Staatsanwaltschaft wegen Beleidigung der jüdischen Religions genossenschaft angeklagt, vom Gerichte jedoch freigesprochen. (Ein neues Richtergesetz in Preußen und die Juden.) Dem preußischen Abgeordnctcnhause ist ein Gesetzentwurf, betreffend die Regelung der Richterbezüge und die Anstellung der- Gerichlsaffefforcn zugegmigen. Bisher wurde jeder Referendar, sobald er die Assessor- Prüfung bestanden hatte, in den Justizdicnst übernommen. Wann er eine Richterstellc erhielt, das war freilich ungewiß. Aber cs konnte sich ein Assessor mit der Hoffnung schmeicheln, daß er eine Richterstelle bekommen werde, wenn er nur die »öthigc Zeit zu warten verstehe. In Zukunft soll das anders werden. Da sollen zwar auch die Referendare noch die Affessorprüfung machen könne», aber keineswegs ohncweiters in den Justizdienst übernommen werden. Vielmehr trifft dann die Verwaltung eine Auswahl. Sie nimmt nur Assefforen an, so weit Bedarf vorhanden ist, und nur diejenigen, die ihr geeignet erscheinen, geeignet nach Vcrmögensverhältniffe», gesellschaftlicher Bildung, Takt und anderen Rücksichten, die weder tut Gesetz, noch in seiner Begründung besonders angegeben sind. Die liberale Presse und die CentrnmSorganc machen gegen diese Neuerung entschieden Front und bezeichnen sic als unannehmbar. Es liege die Gefahr nahe, daß die Auswahl der Assessoren nach ihrem politischen Standpunkte erfolgen würde, die verfaffungsmäßige Gleichberechtigung der Staatsbürger könnte gefährdet werde». Nur die Antisemiten erklären sich mit den vorgcschlagcncn neuen Be stimmungcn einverstanden, weil sie von denselben die Fernhaltnng der Juden von dem Justizdienst, also die Erfüllung eines ihrer Lieblingswünsche erhoffen. Sic dürfen diese Hoffnung umsomehr hege», als nach einer Mittheilung der „Breslauer Zeitung" schon vor vielen Jahren einzelne Obcrlandesgerichtspräsidentcn einen , unüberwindlichen Abscheu gegen jüdische Richter und namentlich gegen jüdische Amts" richtcr hatten, und eine solche Abneigung nun in ein System gebracht werden könnte. Auch wird eine Acußcrung, welche Justizminister Schönstedt im vorigen Jahre anläßlich einer Debatte des Abgeordnetenhauses über die Anstellung jüdischer Richter gcthan hat, so ausgelegt, als ob er den Antisemiten in dieser Beziehung cntgcgenkommen wollte. (Carl Paasch über Freiherrn v. Langen.) I», Berlage von I. Schabelitz in Zürich erschien eine Flugschrift des antisemitischen Agitators Carl Paasch unter dem Titel: „Dr. jur. F. E. v. La » gc n, Mitglied des ireutscheu Reichstages, und der Fall , Paasch", lieber die Persönlichkeit, den Charakter uud moralischen Lebenswandel des Freiherrn v. Langen macht Paasch Enthüllungen, welche aus Sittlichkeitsgründen sich nicht einmal andeuten lassen. Bon einer Episode, in welcher auch Freiherr v. Hamm erste in eine Rolle spielte, darf indessen Notiz genommen werden. Paasch -schreibt: „Während wir in Groß-Lüdershagen waren,- erzählte mir v. Langen, daß ein angesehener Herr ans Stralsund ihn ermahnte, einen anderen Lebenswandel in Berlin zu führen, da sein jetziges Leben bei seinen Wähler» Anstoß erregte. Dieser Herr war ein aufrichtiger und wohlwollender Freund des Herrn v. Langen. Wie sich später herausstellte, hatte dieser, dä seine Ermahnungen nichts fruchteten, an Herrn v. Hammerstein geschrieben und diesen gebeten, auf v. Langen einzuwirken.^v. Hammerstein hatte geantwortet, daß ein solcher Lebenswandel, wie ihn v. Langen führte, nur dazu beitragen könnte, um den Mann interessant zu machen. Nun erschien um diese Zeit ein Artikel in dex.Kreuzzeitung', gezeichnet von Freiherr» v. Langen, worin derselbe sich über daS Verhalten der Social-Temokraten bei der Eröffnung des Reichstages beschwerte und worin er für Thron und Altar, für Sitte, Ordnung und Religion ciutrat. Der Artikel machte einiges Aufsehen, und v. Langen war mächtig stolz auf seine literarische Thütigkeit. Meine Bermuthung geht dahin, daß v. Hammerstein den Artikel selbst geschrieben und v. Langen hat zeichnen lassen, während er sich über den gelungenen Scherz und Freund v. Langen, der auch seine Flora Gaß hatte, königlich amüsirte." Andere Mitglieder der conscrvativen PaLtei faßten die Sache dagegen ernster auf, und Paasch theilt darüber Folgendes mit: „Da redete mich eines Tages Herr v. d. Gröben- Are»stein, ein wohlwollender Freund v. Langcn's, im Reichstage an. .Hören Sie, lieber Freund,' sagte er, .ich glaube, Sic haben Einfluß ans unseren Freund v. Langen. Bieten Sic Alles auf, um ihn and