Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 208 (29.3.1896)
- Date
- 1896-03-29
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 208 Frei«, »lat». Raufbolde einander das Gesicht mit Schlägern zerkratzen sollen oder nicht. Ach wohin ist eS mit dem edlen studentischen Geiste gekommen! Macht der Antisemitismus aus der .Alma mater ein TollhanS'? Wahrlich, eS sicht so aus. Jeder Unsinn von der eine» Seite erzeugt einen womöglich noch größeren ans der andere». In der Glnthhitzc, die sich in dem der Wissenschaft und der Forschung gewidmeten Palaste entwickelt, stehen die Parteien einander zornerfüllt gegenüber. Stoß und Gegenstoß muß gleich verwerflich erscheinen. Die Wissenschaft ist nicht national, sic ist eine europäische und verkörpert die Errungen schäften aller großen Culturnationen. Ein englischer Schriftsteller vergleicht die Menschen i» ihrem Verkehre unter einander mit wüste» Inseln, die gleichsam über einen Scca» von Mißverständnissen sich unverständliche Worte zurufen. In wie viel höherem Maße das noch von dem Studenten gilt, das bat wieder einmal die Geschichte der .letzten Zeit aufs Schlagendste bewiesen. Wie vcrständnißlos »ud unver ständig schollen n»S die Stimme» anS/den Zeitungen entgegen, in denen gereizte nationale Eitelkeit sich 1'uft machte! Und wie wichtig ist eS doch auf der anderen Seite, daß die Studenten sich verstehen! Anch was Du über den Jndenstaat berichtest, will mir nicht ge fallen. Hamerling hat im „Homnnculns" scherzhaft de» Rückzug der Inden nach Palästina geschildert. Ist der Jndenstaat also ein parodistischcs Seitcnstück zu jenem Zerrbilde'? beider scheint ta, daß Dn die Sache ganz ernst nimmst. Erwartest Dn wirklich, daß ich alle Deine Boeder und Nachsätze zugeben nnd die himmelblanc Flagge eines jüdischen Staates nnd einer jüdischen Ratio» aufhisscn werde? Dann müßten wir nnserc ganze Vergangenheit verleugne»! Haben die Juden seit den Tagen MendelSsohn'S »nd besonders seit der großen weltgeschichtlichen - Umwälzung in Frankreich deswegen ihre besten Männer ansgesandt, um für ihre Anerkennung »nd Gleichberechtigung i» den europäischen Staaten zu kämpfen, in zahlreichen Schriften ihre geistigen Kräfte für das hohe Ziel der Emancipation in Bewegung gesetzt, »in im Jahre 18% alles Errungene prciszugcbc», alles Erkämpfte aufzngcbe», sich selbst als Fremde, Heimat und Vatcrlandolosc zu bekennen nnd den Wanderstab in der Hand ein problematisches neues Vaterland auf zusuchcu? Rein! Taö hieße unseren unversöhnlichen Gegnern, die nns jedes wahre patriotische Gefühl in Europa absprcchc», Recht gebe»! Anch.-könne» wir cs nicht. Wir sind heimisch in Europa »nd fühle» unS als Kinder des 1'andcS, in welchem wir geboren nnd erzogen worden sind, dessen Sprache wir reden nnd desien Bildung unsere geistige Ezistcnz ausmacht. Das Gefühl einer hebräischen Rationalität ist uns längst abhanden gekomme». Die Wiedervcrpflanznng der Inden nach Palästina kann sich ans kein historisches PräccdenS weder in der Geschichte nnsercs eigenen Volkes, noch in der anderer ihres ursprünglichen Vaterlandes beraubter Stämme berufe». Iudcnthum ist etwas, das weder von einer Erdscholle, »och von einem Staatslebc», noch von einer Racc oder Rationalität ab hängig ist. Ich halte den Plan eines IndcnstaateS nicht nur für praktisch undurchführbar, sondern geradezu für gefährlich, da er den Antisemiten die Mittel a» die Hand gibt, ihrem unsittlichen Treiben einen Schein von Berechtigung zu verleihen. Sollen wir außerhalb Europas einen kleinen Staat ä la Bulgarien oder Serbien gründen, der einer Schach fignr gliche, ivrlchc beständig von der einen Großmacht gegen die andere vorgeschoben wäre, nnd dessen Zukunft eine höchst problematische würde'? Wa« wird Europa dazu sagen, was Rußland, welches jährlich 100.OUU Rubel auf Palästina verwendet nnd sich als den natürlichen Beschützer Jerusalems erklärt? Würde der Erbprinz des künftigen IndcnstaateS Rußland gegenüber eine leichtere Stellung haben als Prinz Boris, da er' noch nicht der orthodoxen Kirche angchörtc. Ich, ein alter Jude, der ich die hebräische Sprache nnd Vitcratnr »och stndirte, dachte dabei nie an eine» Jndenstaat, nnd Dn, der Du nicht einmal hebräisch lesen kannst, schwärmst für den Jndenstaat'? Rein, mein Sohn, das ist nicht der richtige.Wcg. Wenn die großen Rationen Europas jahrhundertelang kämpfen mußtcn, bevor d;r Rechtszustand geschaffen wurde, desien sic sich heute erfreuen, war»,» verlangst Dn, daß die Juden in einem halben Jahrhunderte, nämlich seit der Morgen dämmcrung der Freiheit im Jahre 18-18, über die so lange gehegte» »nd genährten Vornrtheilc wider ihren Glauben und ihre Abstammung sieacn sollen'? Und wenn 1000 Jahre einem einzigen Tage in der Weltgeschichte gleichen, so sind wir Juden seit der Zerstörung Jerusalems noch nicht am Ende des zweite» welthistorischen Tages angelangt. Wenn für uns die Dinge heute noch nicht besser stehen, so, werdet Ihr sie nicht besser machen, indem Ihr des IlebelS Ursache verstärkt. Man hat überall zu häufig nationale Macht nnd Größe als letzten Zweck bc handelt, dem alle anderen weichen müßten. Unsere Zeit und unser Volk hat aber die Aufgabe, ein einigcndcs Band um die durch den Ration nalitätenhaß getrennten Glieder der Enlturmenschhcit zu schlingen »nd die Einsicht zu verbreiten, daß die Pflichten gegen das eigene Volk »nd Stitt 3. die Pflichten gegen die Menschheit »iclit von einander z» trennen sind, nnd daß die höchste Vollendung »nd die wcrlhvollstc Frücht eines tüchtigen Volkslebens die Humanität in. Darm», mein lieber Vothar, schreibe lieber Tcine PreiSichrisl nnd erinnere Deine jüdischen Eollegcn daran, daß Ihr nicht zu dem Zwecke in Wien weilet, um die kostbare Zeit der Jugend mit Kneipereien »nd Saufgelage» zu vertrödeln, sondern daß Ihr an die Universität gesandt wurdet, «in;n lernen nnd zn nndiren. Han Tn freie Zeit, so kannst Du dieselbe dem geistigen Genüsse widmen, aber den Schwärmern für einen Jndenstaat nnd ei» Rational Indenthum gebe gefälligst ans dem Wege. Das wüiif^t Tein aufrichtiger Vater I ar'o b V. An unsere Leser! Wir krsuche» alle wahrhaft srcisiuiligc» Burger mifcrcr Stadl, dcm im Inscratciithrilc »iisrres Blattes licsindlichrn Verzeichnisse christlicher Gewerbetreibender, die sich zur Sache des Freisinus und der Rechtsgleichheit bekaunt haben, ernste Rnsinerksalnkeit zu schenken und diese wackere» Gesinnungsgenossen nach Möglichkeit zu unter stiineii! 4 (Bürgeruicisterwahl. > Ter »eugcwähltc Wiener Gemcindcralh wird, wie unnmchr cndgiliig festgestellt ist, am 8 April zur Wahl des Bürgermeisters zusamimiitrete». (Gegen die antisemitische Bnbokratie.) I» der Sitzung des Ab georduetenhauscs vom %. d. M. beantwortete llnterrichtsminister Freiherr v. Gautjch die Interpellation der Abgeordneten Dr. Rott und Genosse», betreffend di« Beschlüsse der Delegirtcnversammlung wehrhafter studentischer Verbindungen gegen die Satisfactionofähigkeit von Stiidirende» jüdischer Eonfeisio», folgendermaßen: Rector und Senat der Wiener Uuiversuär haben in Ausübung ihrer Amtspflicht selbstverständlich gegenüber den i» der Interpellation bezeichnet«» bedauerlichen Vorgängen innerhalb eine» lleinen Theiles der Studentenschaft, welche den akademischen Frieden ernstlich zu gefährden geeignet ist, nicht bloß sofort ihre schärfste Mißbilligung ansgesprochen, sonder» de» bestehenden alädemjschen Gesetzen gemäß eine strenge llntersuchnng eingeleitet und ans Grund der bisherige» ResiNtate dieser Untersuchung in der Sitzung des akadeinischen Senats vom 20. d. M. Beschlüsse gefaßt nnd hierüber vorläufig an mich berichtet. Hienach wurde znnächst gegen denjenigen Stndircnden, welcher der Versammlung der sogenannte» wehrhaften deutschen Stndenlenvereine aiu 1t. März prästdirte, die Strafe der d a u e r u d e » R e l e g > r » n g von der Wiener Universität, gegen zwei weitere Stndirendc, welche am l l. März da» Abfinge» von tziedern in ■ der Universitälshalle veranlaßt«» und dadurch die Ordnung störten, die Straf« der R e l e g a l i o n für ein Semester, gegen diejenigen Studirenden, welche die Ansjage bezüglich ihrer persönlichen Theilnahme an der Versammlung vom It. Mär; in Folge eine« gemcinsaine» Beschlusses verweigerte», die Strase der Rnge durch den Rector vor dem versammelten akademiichen Senat, - verjchärsl mit dem <_'o n s i 1 i ifm a b e u n <1 i, verhängt, und soll gegen die letzteren die llntersuchnng ihre» weitere» Gang nehmen. Tie Regierung, welche die Vorgänge in der Studenten, schast mit pflichlmäßigcr Ausmerlsainkeit verfolgt, hatte bisher keine Veranlassung, in den Gang der llntcrs'uchnng ein- oder der Loinpelenz der akademischen Behörden vorzngreifen, nnd die» umsoweniger, als diele Behörden »ich!» z» th»n »nlerlasse» habe», wa» de» bedanernstverlhe» Vorkommnissen zu begegne» nnd ihre» zn besorgenden Folgen vorzndengcn geeignet scheint. In-1 sofern« da» Vorgehen der Stndeutenverbiudungt» gegen das Verein »gesetz verstößt und z» iveiteren Maßnahmen Veranlassung gibt, werden die coinpelenten politische» Behörden ihre» AniteS Handel». Dell „Wiener akademiichc Friedensverei»" hat in seiner AnS-I schnßsitzung vom 'l'l. März d. I folgende Resolution beschlossen: I Mit Rücksicht aus die letzten bedanerlichen Ereignisse, diesich innerhalb« der Wiener Slndentenschast zngetrage» habe», sieht sich der Wiener akademisch«! Friedensverei» genölhigt, unter Wahrung seines principieUen neutrale» Stands punkte» al» Friedensverei» zu erkläre», daß er jegliche« Vorgehen, durch! welche« Unfriede und Zwist in die Slndentenschast getragen werden, perhorrescirl! und gegen die unerhörte, durch nichts gerechtfertigte, incollegiale Beschiinpsung! eine» große» Theile« der Wiener Studentenschaft aus das Entschiedenste Protest! einlegt. „ ' (Das Troppancr Rcichörathsmandnt.) Am R>. d. M. bcschäs-I tigtc sich das Abgeordnetenhaus mit der Vcrification von Wahlen. Von antisemitischer Seite wurde die Giltigkeit der Wahl des Professor-! Wladimir D c m c l in Troppau auf das Heftigste bestritte». .Die Herren