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Freies Blatt · 1896-03-29 · 208 (29.3.1896) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
208 (29.3.1896)
Date
1896-03-29
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. jreits Blatt. Zit. 208. Ganz anders aber steht die Sache, wenn es die Gewcrbsleutc nicht mit Privatbauherren, sondern mit professionsmäßigcn Bauunternehmern, respcctive Bauspcculantcn;u thnn haben; cs ist dies jener Fall, wo für den kleinen Meister fast immer die Existenzfrage im Hintergründe eines scheinbar verlockenden Auftrages emportaucht. Bringt ein solcher Bauunternehmer ein Projekt zur Ausführung, so wird in der Regel mit den Handwerksmeistern nach Genehmigung des Kostenvoranschlages ein Uebereinkommen dahin getroffen, daß letztere 60 Percent der vereinbarten Gesammtsumme während der Bauzeit, den Rest aber erst dann erhalten, wenn der Bau fertiggestellt und durch irgend ein Ercditinstitut belehnt sein wird. Tiefe 60 ~ Percent des Betrages iverden aber nicht auf cinnial den Handwerksmeistern ausgefolgt, sondern in Wochcnraten und obendrein in vielen Fällen nicht gegen baar, sondern in Wechseln, welche weiter begeben werden müssen. Wenn nun ein solcher Meister, der zehn oder auch noch mehr Gehilfen während der Bauzeit beschäftigt, die allwöchentlich baar entlohnt werden müffe», am Samstage -zu dem Bauunternehmer, um sein Geld kommt und statt Baluta einen Wechsel erhält, so muß er oft bis spät Abends in den verschiedenen Gast- und Kaffeehäusern hcrnmlaufen, um jene Leute aufznsnchen, die aus der Escomptirung solcher Wechsel rin Geschäft machen. Ta zu Hanse die Gehilfen auf ihren Lohn warten, muß der Meister den Wechsel um jeden Preis an Mann bringen, was oft, locnn der Aussteller des Wechsels sich keines besonderen Eredites eri freut, nicht ohne lf>—20percentigcn Verlust abgeht. Rur so nebenher j fei erwähnt, daß diese unsoliden Escomptcurc sich keineswegs ans fclflicßlich oder auch nur vorwiegend aus den Juden rccrntiren: mir ist einer der „ hervorragendsten dieser sauberen Bögel bekannt, welcher nicht nur ein verläßlicher GesiunungSgcnoffc des Mechanikers Schneider ist, sondern auch in feinem ans dem Schweiße kleiner.Handwerks »icistcr erwuchcrten Hause in der Mariahilferstraße eine Privatcapellc eingerichtet hat. Allein diese Vampyre könnten nicht existiren, wenn eben nicht jene von uns geschilderten Verhältniffc in der Baubranche bestünden, dieselben niüffen zuletzt zu dem Ruin eines jeden bei einem solchcii Bane beschäftigten Meisters führen: denn auch wenn der Ban fertig ist, ereignet es sich noch häufig, daß der kleine Meister ganz oder thcilwcise um den Rest der ansbcdnngencn Summe kommt. Ent ivcder dadnrclz, daß der Spcculant das Hans noch vor der Belehnung verkauft, oder daß nach der Belehnung der Meister sich erst im Pro ceßwege sein wohl erworbenes Geld erkämpfen und natürlich theilweisc wieder in den Proccß hincinstccken muß. Man kann also ruhig annehinen, daß ei» t->'csamintverlnst von 10—IT» Percent der gelammten ausbe dungkiien Summe zuletzt bei jedem Ban das Ende vom Liede ist, und schließlich muß der arme Teufel froh sein, wenn er nicht noch mehr verliert, indem die Geldmittel des Spcculanten vielleicht noch vor Fertigstellung des Hanfes versiege». od) frage nun Jeden, welcher imstande ist, die Sachlage vornrthcils frei nnd rein sachlich zu Prüfen, welche Mittel zur Sanirnng der ge ichildertcn Anstande ergriffen werden können und solle». Tic Ge. »onenichaft der Baugcwcrbctreibcndcn wird in Vcrhältniffen, wie die eben angeführten, kaum wirksam eingrcifen könizcn, sic besitzt keinerlei Srgan nnd Hilfsmittel dazu. Ter Staat kann weder die Bauspceulation vcr. hindern, noch wäre dies im Interesse irgend eines ThcileS gelegen, weil dies für gcwiffe Meister überhaupt die Arbeitsgelegenheit unter binden hieße: auch an den Zahlungsmodalikäten im Allgemeinen läßt sich absolut nichts ändern, nnd selbst die Begleichung der Schuld dnrch Wechsel ist nun einmal ans nnicrem Wirthschaftslebcn nicht zu tilgen, i Ter Staat hat, wie man sieht, in diesem Falle absolut nicht die | Beacht, durch positive öder negative Maßregeln etwas zu ändern, und es bliebe ihm nur die eine Aufgabe, dnrch ein Gesetz die Banuntcrnehmcr allgemein zur Erlegung, einer Eaution zu verpflichten, welche zur eventuellen Tcetnng der berechtigten Forderungen der kleinen Meister zu verwenden wäre. Tas wäre Alles, was der-Staat als solcher thnn tonnte und wozu er sich allenfalls der gewerblichen Grnoffcnschaften - da sie nun cinnial da sind — als Srgan bedienen könnte. Tas Hanplübcl aber nnd der Hanptanlaß der empfindlichsten Verluste für die kleinen Meister wäre n,ir einer solchen Maßregel keineswegs beseitigt. Tie Schwierigkeit, die empfangenen Wechsel gegen eine normale Escompte gebühr ivciter zu geben,' bestünde fort, und ihr ist nicht anders, als ani dein Wege der wechselseitigen Selbsthilfe zu begegnen. Kein Eredit Institut, auch nicht, wenn cs von Staatswegcn für die/Zwecke der <Gewerbetreibenden gegründet oder von der Genossenschaft errichtet wäre, könnte dicic Schwierigkeiten beseitigen nnd verhalten werden, eventuell dubiose Wechsel direct aus der Hand irgend eines kleinen Meisters zu überncknien: - wohl aber können die Härten einer solchen Zwangslage dadurch abgeichliffc» werden, daß die Baugewcrbctrcibcndcn untereinander sreie.,; ans dem Princip dcr Solidarhaft gegründete Crcditgcnoffenschasten brkdcn, ivelchc sich den Escompt solcher von Mitglieder» überreichter Wechsel zur Hauptaufgabe machen nnd dieselben dann auch wieder leichtergrößeren Creditinstitutcn weiter begeben können. So also liegt die Sache wenigstens in unserer Branche, aber ich zweifle nicht, daß dit Situation auch in anderen Berufszweigen eine ähnliche ist. Man ruft die Hilfe des Staates und dcr Gesetzgebung an, ohne sich darüber klar zu sein, was der Staat denn eigentlich thnn könnte, ohne das Kind mit dem Bade zu verschütten und durch den auf der einen Seite gewährten Schutz auf der anderen den Handwerkern zugleich die Arbeitsgelegenheit überhaupt zu entziehen. Dagegen merkt man von einer vernünftigen Selbsthilfe gerade dort, wo diese allein etwa» fruchten könnte, so gut wie nichts, und das ist wohl eine der Hauptveran laffnngeu;» dem rapiden Niedergänge des Kleingewerbes. - Indem ich Sie um freundliche Veröffentlichung dieser Zeilen ersuche, bin ich mit Hochachtung R. St. Lin Briefwechsel. i. i Wien, am 13. März lHflii. Lieber Bätcr! Heute am 48. Jahrestage der Frcihcitökämpfe in Oesterreich hat Tein treu ei- Sohn Lothar im Bewußtsein seiner Tüchtigkeit und Wehr Hastigkeit als Mitglied einer jüdisch-nationalen Studentenverbindung einen 'arischen deutsch-nationalen College» gefordert nnd crhiekt zu seiner Verblüffung die Antwort, daß wir Juden laut Beschlnffcs der dcntsch nationalen Studenten nicht satisfactionsfähig seien. Ich fühle mich daher verpflichtet, Dir, lieber Vater, mitzutheilcn, daß ich ans Grund dieser impertinenten Antwort einen förmlichen Rummel an dcr hiesigen Universität inscenirt habe nnd daß cs am Bummel beinahe;n einem Maffacrc gekommen wäre, wenn nicht unsere hochbetagtcn Uni vcrsitätsdiencr besänftigend nnd beruhigend intcrvcnirt hätte». Lebhaft kann ich mir Deine Verwunderung über diesen Vorfall ausuialcn! Tu als ein alter Achtundvierziger findest solche Vorgänge vielleicht unglaublich, denn Ihr Alle habet vor 48 Jahren für die Freiheit gekämpft, nnd wir, die Epigonen, tragen noch immer die Sclavcnkcttcn! WaS nützt mir dcr schöne-Rufname, den Tn den modernen Anschauungen entsprechend mir. erthcilcn ließest? Ein deutsch nationaler Student will sich weder mit Lothar, noch mit Löbelc schlagen. In dcr Kneipe habe ich meine Kehle arisch dressirt; allerdings mnß ich gestehen, daß ein solches Training nicht ganz nach meinem Geschmacke ist, aber was will man thnn? Wer unter Wölfen lebt, muß mit ihnen heulen. Und nachdem,die arischen Studenten mit uns jüdisch-nationalen nicht zusammen kneipen und fechten wollen, so haben wir untereinander Vereine gebildet, die alle diese unerläßlichen Eigenthümlichkeitcn des Studeutcnlebens cultivircn. Bei Deinem baldigen Besuche in Wien wirst Du Gelegenheit finden, niit mir zusammen in einer solchen jüdisch nationalen Kneipe das Leben nyd Treiben jüdischer Studcnten beobachten zu können. Sie werden uns nicht frozzeln, diese urarischen Studenten, denn im Kneipen, Fechten nnd Bummeln haben wir bereits große Fortschritte gemacht. Zum Schluffe will ich Dir, lieber Vater, noch mittheilc», daß wir einem großen Ercigniffc cntgegcnsehen: denn sehr gebildete nnd einflußreiche Männer in Wien suchen Mittel und Wege, um einen eigenen Jndenstaat zu gründen. Sie laffcn sich durch nichts davon abhalten. In einer jüdisch-nationalen Stndcntenversammlnng hat bereits ein sehr bedeutender Jurist einen zwei Stunden währenden Vortrag über die Frage gehalten, in welcher Form der Judenstaat errichtet werden wird. Besonders gefallen hat mir die Aussicht, daß daselbst nur sieben Stunden täglich gearbeitet werden soll. Tann bliebe doch dem Menschen wetngstens Zeit zum Kneipen, Fechten nnd Bummeln. Wenn in diesem neuen Iudeustaate das Bier und der Wein so gut nnd so leicht zu haben sein werden wie hier in Wien, dann bin ich der crste Auswanderer. , Neilö balailo, d. i. mit jüdisch nationalem Gruße Tein treuer Sohn L ö b-c le, vulgo Lothar. II. Lzernowiv. am 20. März 1896. t i ii lieber S o h n Lothar! Tein Brief hat unS ganz überrascht. Wir erwarten schon lange eine Aysknnft über Deine Preisichrift, und siehe da, in Deinem Briefe ist davon gar nicht die Rede. Allerdings haben nnS auch die Reuig keilen, die Dn uns erzählst, intcressirt. Die deutsch-nationalen Vereine haben durch ihren Beschluß gewiß in unanständiger und brutaler Art gehandelt, aber der Größenwahn der Deutsch Nationalen darf doch nicht auch noch durch die jüdisch-nationalen Studenten genährt werden. Im Ganzen ist es eine unsinnige Streitfrage, ob jüdische oder antisemitische

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