Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 208 (29.3.1896)
- Date
- 1896-03-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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AdomiementSpreiS. Kür Oesterreich-Ungarn: Saiujldrig ... 6 jkrone» ist. « —1 Lx>Ib>abrig. ... 3 Sronen 40 Heller ist. 1.70) BierteljLhrig. . . * Kronen (fl. 1.—) «llr »a» gefammle «n»la»d: SonzjShrig.8 Mark HaldjSbri, ..4 Mark I Einzelne Kammern 6 kr. Unfrankirte Briefe »erden nicht angenommen. Erscheint an jeden: Sonntage. Redaetion unb Administration: i. Eeikrstiitte 10. Inserate werden mit ro Heller (10 kr.) iiir die viermal. gefpaltene ülonpareillereile dereckinet. Kleiner «nzetger da« Wort 4 Heller (t Ir.). Ausnahme von Inseraten in unserer Ldmin.stration sowie im klnnoncenburean M. Duke«.,1. wollzeile 8. Nummer 20S. Wien, 29. Märr 1896. Y. Jahrgang. Lächerliche Drohungen. Seit einiger Zeit gefallen sich die österreichischen Antisemiten, sowohl diejenigen, welche schon seit Langem in Dciitschthümelei machen, als auch die frommen Herrschaften, die erst jüngst zu Wahlzwecken ihr deutsches Herz entdeckt haben, in Drohungen mit dem AuSlande, namentlich mit der Auslösung deS Dreibundes. Den neuesten Anlaß zu einer solchen Drohung gab die-Anwesenheit deS österreichisch-ungarischen Ministers des Acnßern, Grafen GoluchowSki, in Berlin. ÜHtan erging sich in Klagen über die polnischen Minister, welche in Oesterreich die Deutschen „drangsaliren"; man hob Gegensätze zwischen der Berliner und Wiener Politik hervor und wieS namentlich auf die Aeußerungen hin, welche der preußische Cultusminister Dr. Bosse im Landtage gegen die polnische Agitation in Posen und Westpreußen gethan hatte, und kam glücklich zu dem Schlüsse, der so national gesinnte Kaiser Wilhelm II. könnte leicht zu folgender Erwägung gelangen: „Wenn unsere Freundschaft mit Oesterreich unseren Volksgenossen jenseits der schwarzgelben Grenzpfähle nichts nützt, dann hat daS Bündniß für nnS keinen Werth, dann lassen wir lieber Oesterreichs Freundschaft fahren und ertrotzen als Gegner, was man unS alS Freund verweigert: den Schutz des deutschen Besitzstandes in Oesterreich." ES ist nicht daS erstemal, daß von antisemitischer Seite daS Ausland gegen die eigene Heimat in geradezu landeSpreiSgeberischer Weise auSgrspielt wird. Schon vor mehreren Jahren hatte der damals dem österreichischen ReichSrathe angehörige schlesische Bader Türk eS gewagt, in öffentlicher Sitzung die BundeStreue der österreichischen Armee für den Ernstfall in Frage zu stellen; er wurde aber für diese Unverschämtheit sofort moralisch gezüchtigt, und alle. parlamentarischen Gruppen, die Steinwender'sche nicht ausgenommen, sprachen ihre Entrüstung über ein so frevelhaftes Treiben rückhaltlos aus. Unter dem Eindrücke dieser Justificirung mußte selbst der Führer deS AntijemitenhäufleinS — irren wir nicht, war eS dazumal der Mittelschullehrrr Ficgl — sich von Türk loSsagen und dessen schmachvolle Auslassungen deSavouiren. An der letzten Drohung ist nur neu, daß auch die Scheinpatrioten sie auSstießcn, Leute, welche sonst zum Ruhme ihrer Knochen deren „schwarzgelbe Farbe" auSposaunen. Aber wer soll denn durch diese Drohung gefoppt werden? Im Dreibunde ist Oesterreich-Ungarn nicht bloß der empfangende, sondern in nicht geringem Grade der spendende Theil. An den Grenzen Oesterreich,Ungarns lauern nicht mächtige, revanchelüsterne Feinde wie die Hypnotisirten, deren Blicke auf daS Loch in den Vogesen gerichtet sind, auf einen günstigen Augenblick zu einem Ueberfalle. National im Sinne unserer Antisemitsii war man in Preußen niemals. Die Aera Taaffe ließ nicht nur den Fürsten BiSmarck ganz kalt, sondern die officiösen und freiwillig gouvcrnementalen Blätter Berlins begleiteten jede neue Sprachenverordnung, obwohl sie den deutschen. Besitzstand in Oesterreich schmälerte, mit ZustimmungSerklärungen. Waren diese auch häufig österreichischer Provenienz und in Wien für den Consum im Auslande fabricirt, so' ändert daS nichts an der Sachet Ferner haben die Maßnahmen der ungarischen Regierung gegen die Siebenbürger Sachsen es nicht verhindert, daß man an der Spree die Magyaren als die verläßlichsten Träger des BundeSgedankenS im Nachbarreiche pries. Endlich hat die Deutschen- und Protestantenhctze, welcher unter Ezar Alexander III. in erster Linie die baltischen Provinzen aus gesetzt waren, die auf realpolitischen Rücksichten beruhende russenfreundliche Haltung deS Berliner Auswärtigen AmieS nicht im Geringsten erschüttert. Aus nationaler Sentimentalität opfert man dort keinen politischen Vortheil und stößt keinen Mächtigen vor den Kopf. ^Unsere teutonischen Jrredcntisten haben denn auch schon zu wiederholtcnmalen empfindliche Lectionen erhalten. So oft sie sich an den Altreichskanzler in Friedrichsruh herandrängten, um demonstrativ ihr Bekenntniß zum Alldeutschthum hervorzukehren, antwortete ihnen dieser abwehrend: „Sie dienen am besten der deutschen Sache, wenn Sie Ihrem Batcrlünde und Ihrem Souverän treu ergeben sind.-" Die Course mögen in Berlin wechseln, aber niemals wird dort ein solcher eintreten, welcher auS der von polnischen Ministern ausgehenden „Drangsalirung" der Deutsch- Oesterreicher, mit anderen Worten: aus der Nichlbcstätigung deS Advocaten Dr. Earl Lueger zum Bürgermeister von Wien — die Rothwendigkeit ableitrn würde, den Dreibund aufzulösen. Eine solche Drohung kann wohl nur ein systematisch verdummtes Publicum ernst nehmen. Besonncne--Menschen lassen sich dadurch nicht irreführen, am allerwenigsten in einem Momente, in welchem auS amtlicher Quelle berichtet wird, daß der deutsche Kaiser Mitte April alS Gast des Kaisers Franz Josef in der Wiener Hofburg weilen werde. ttt Staats- oder Selbsthilfe. Zuschrift eines BaulischlcrmeistcrS.' Geehrter Herr Redactcur! . *. ' In einer Reihe von Artikeln behandeln Sic letzterer Zeit eingehend die Frage, wie dein darnicdcrlicgcndcn Handwerke zu hclscu sei und was ihm mehr zu statten koinmc, die Vortheilc der obligatorischen Be rufSgenosscnschaftcn oder jener gegenseitige Schutz, den sich die Gewerbetreibenden selbst durch freiwillige Asiociationcn zu bieten imstande sind. Ich will cs gestehen, daß ich selbst eine gewisse StaatSbilfc unter den Verhältnissen, wie .sie sich heute z. B. bei den Baugewerbe» zeigen, für unerläßlich halte: gewiß gäbe eS Gesetze, welche den Handwerker leicht vor den allcrgröbstcn Ansbeutungen schützen könnten, ohne die Freiheit des Gewerbes selbst zu beeinträchtigen. Ich kann aber nicht begreifen, wie die Mehrzahl meiner BcrufSgcnosscn irgend rin Heil von einer Gesetzgebung erwarten könne, die thalsächlich nur jede freie Bewegung des Einzelnen erdrosseln würde und zu guterlctzt doch nur darauf hinausläuft, daß sich zwar nicht der Fähigere über den Unfähigeren erhebe, wohl aber der Stärkere über den Schwächeren, der Klügere über den Mindcrschlaucn. Ich kann zwar nur über die Verhältnisse meines Berufes im weiteren Sinne, d. i. über die Baugewerbe sprechen, denen außer den Maurern, Ziminerleutcn und Tischlern noch Schlosser, Spengler, Anstreicher, Glaser, Installateure :c. angchörcn. Fndcß dürften die Verhältnisse bei anderen Gewerben nicht viel anders liegen. Jene von den eben genannten Gcwcrbslcntcn, welche bei Bauten wohlhabender Personen Beschäftigung haben, befinden sich in einer verhältnißmäßig günstigen Situation, indem sic auf einen kleinen, aber sicheren Prosit rechnen können und in den ErwerbsanSsichten eben nur von den allgemeinen Schwankungen in der Banthätigkcit abhängig sind.