Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 207 (22.3.1896)
- Date
- 1896-03-22
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 84% known words query
- IRI
…/4886575-5439173-5439279--2564-4888935- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 207. Sr ei t 9 in meiner Diöccsc sich sehr gnt vertrage». Glauben Sic fnir, ich kenne, in meiner Diöccsc Hunderte von Bekenner» anderer Confcssionen und Juden, die das tägliche Brot für ihre Familien ehrlich, aber kämpfend verdienen. Tie stehen meinem väterlichen Herzen ebenso nahe, und ich schließe deren Glück in mein tägliches Gebet ebenso ein wie dasjenige meiner Gläubigen. Es wäre kein gottgeftilligeS Werk gewesen, wenn ich ihnen eine Wohlthat nur deshalb entzogen Hütte, weil sie Anhänger eines anderen Bekenntnisses sind. Ich bin ein achtzigjähriger gebrechlicher Greis, der nur mehr eine kurze Zeit zu lebe» hat. Ich babc stets sorgsam gcwirthschaftet, Heller zu Heller gelegt, nicht für mich und meine Familie, sondern für daS Gemeinwohl, für die Berlasicncn und Bcrirrtc». Sinn, da mich die Borsehnng dcS Glückes thcilhaftig werden läßt, das Fest dcS tausendjährigen Bestandes meines thcncren Vaterlandes mitznfriern, konnte ich nicht anders handeln, als der Dankbarkeit, die ich Gott schulde, dadurch Ausdruck zu gedeih als daß ich ein gutes Werk für Alle stifte, wie eS meine geistliche Pflicht ist." (Der Ursprung des Tnclls.) I» der vom freisinnigen Parlamentarier Tr. Th. Barth in Berlin hcranSgcgcbcnen trefflichen Zeitschrift „Die Nation" lesen wir: Bor einiger Zeit erregte i» den st reise» deutscher Gelehrter ei» Ttrcithandcl, der blutig abznschließc» drohte, allgemeine Heiterkeit. Ein streitbarer und streitlustiger Profcffor der Geschichte zu Münster, Herr Professor v. Bclow, hatte durch Re censionen von Untersuchungen zweier Berliner Privatdoceute» über ein a» sich ganz friedliches Thema (die Entstehung der mittelalterlichen Ttadtverfassnng in Deutschland) diese so in de» Harnisch gebracht, daß sic ihre gekränkte Ehre nur mit dem Degen in der Faust oder der Pistole in der Hand wieder Herstellen zu können wähnte». Da Herr v. Bclow derartige wisicnschaftlichc Beweismittel ablehncn zu sollen glaubte, sagte sich — o Schrecken! — die Familie v. Bclow durch eine Er klärnng in öffentlichen Blättern von diesem ihnen nicht standesgemäß argnmcntircndcn Namensvetter los. Die Ge»ngthnnng der beide» Privat, docentcn über diesen Act Derer v. Bclow wird groß gewesen sein. Die Herren haben aber ihre Rechnung ohne den Wirth gemacht. Herr Pro fcffor v. Bclow fühlte sich nichts weniger als gcvcmüshigt. Er lud die Frage auf den gelehrten starren und schrieb in Nr. l des 1'>S. Jahr gangS der „Göttingischcn gelehrten Anzeigen" eine gründliche Rcccnsion der 17. Auflage dtS „Lehrbuchs dcS deutsche» Strafrechts" . -i’on A. F. Berner und entrollte hier die Frage nach der Entstehung des Duells. Herr Berner hatte nämlich in seinem Buche ansgcführt, daß „der tiefere Gehalt dcS DneUS" dem Gernianentlmin aiigehvrc, während seine „heutige Form" ans Frankreich stamme. Die (Gründe, welche für diese landlüusige Ansicht über die Entstehung dcS Duells in den Vchrbüchcrn des Strafrechts n. j tu. angeführt zn werden pflege», »»tcrzicht nun der gelehrte sicnncr mittelalterlicher RcchtSinstitntioncn einer sorg fältigcn siritik und weist, so scheint eS wenigstens, ganz überzeugend nach, daßin die»em Punkte die medioacvalcn Rcchtsanschannngc» vcr nünstiger n»d auch rcchtsfrcnndlichcr waren als die mancher st reise des XIX. Jahrhunderts. Tenn mit dem gerichtlichen Zweikampfe, der ja allerdings ein sonderbares juristisches Beweismittel war, auf Gn,„t> desic» aber die Gerichte erst entschiede», wen die Strafe treffe, hat das Duell innerlich gar nichts gemein. Das moderne Duell beruht ja gerade auf der Berachtnng des ordentliche» Rechtsweges. Herr v. Bclow dreht daher den Spieß vollkommen hernm und beweist, das Duell fei seiner Form nach wohl germanischen Ursprungs, im gerichtlichen Zweikampfe enthalten, seinem Beesen nach aber ei» romanisch keltisches Product. Er geht so weit, zu erkläre»: „Es gereicht dem deutsche» Bolte und specicll auch dem deutsche» Adel zum Ruhme, daß sic das Duell nicht hcrvorgebracht haben." Hoffentlich führt die hicmit cröffnete neue Eontrovcrsc nicht zu neuen HcranSfordernngc». Herr v. Bclow scheint in der Thal die vulgären Behauptungen der Eriminalistcii über den Ursprung des Duells stark erschüttert zu habe». Es könnte sich am Ende hier in der Enltnrgeschichte das Schauspiel wiederholen, das die Literaturgeschichte schon wiederholt dargcbotc» hat, das nämlich, daß man litcrargcschichtliche Denkmale des Mittelalters als profundeste Prodnctc des deutschen Geistes ansgegcben hat, bis man deren französisch keltische T.nclle kennen lernte. Nachtrag: Mit der Rccension in den nur Männer'» der Wisicnschaft zugänglichen „Göttingischen gelehrten Anzeigen" hat Herr v. Bclow nicht genug gctha» zu haben geglaubt. Er will seine These auch populär machen und har zu diesem Zwecke eine ausführlichere, der Gelehrsamkeit nicht entbehrende Broschüre z „Das Duell und der germanische Ehrl'cgrifs" in Easscl bei M. Brnmicmann erscheinen lasse». Hier faßt er daS Resultat seiner Untersnchnngc» in die Worte zusammen: „Das Ehrcndnell ist nicht ein Rest von Einrichtungen des alten deutschen Ritterthnms, sondern von Liebhabereien einer erbärmlichen Gesellschaft (der französischen anS bpv zweiten Hälfte des XVI. Jahrhunderts), wie sie sonst kaum das Mittelalter und die Ncnzcit kennen." Die Wiener Bnbokratie wäre über das Ergebnis; der Blatt.. Seite ü. Untersnchnngc» des Professors v. Bclow, wenn cs zu ihrer .Ecnntniß gelangen sollte, »tchcrlich entrüstet. Danach wären eS ja nicht einmal altchrwürdigc deutsche Heiligthümer, zu denen Jude» der Zutritt vcr wehrt werden soll, indem man sie als nicht salisfactionsfähig crtlärt, sondern bloß der Reit von Liebhabereien einer erbärmlichen Gesellschaft, welche der „Erbfeind" vor drei Jahrhunderten ansznmeiscn hatte. Pfui T Süsel! (Tie jüdischen Lehrkräfte an den Berliner Schulen.» Die Eo>» Mission, welche von der Berliner Stadtverordnetenversammlung mit der Borbcrathnng des „Antrages betreffend die von den Staatsbehörden, in Bezug auf das städtische Schulwesen erlassenen Anordnungen" betrank wurde, faßte folgenden Beschluß.: „Die Bcriammlnng erhebt gegen den Erlaß dcS Herrn Ministers der geistlichen, Unterrichts- und M'cdicinal angelegciihcitc» vom 27. Deren, ster „ud die Bersttgnng des königlichen ProvinzialschulcoUegiuiiis .vom 2!>. Jänner l-!st> Protest und ersucht den Magistrat, an den bisher von der Berliner Schul Verwaltung befolgte» und dem (leiste der Geseltgebuug durchaus ciu sprechenden Grnndsälzen, betreffend Anstcllniig und Beschäslignng jüdischer Vehrkräftc, auch fernerhin scstznhaltc»." J>» Sinne dieses Beschlusses entwarf der Magistrat eine „Borstcllung" a» den E»lt„s»ii»istcr. (Nathan und Shhlock.» siammcrgcrichlsrath Wichcrt'. hielt in Berlin im „Ecntralvcrcin dcnischer Staatsbürger jüdischen t^lanbcns" einen Bortrag über zwei berühmte Jndcngcstalte» auf der Bühne. Ehe der Bortragciidc verrieth, wer diese Gestalten wäre», schickte er voraus, weshalb er gerade ein solches Thema vor diesem sirciic sich erwählt. Einmal sei er als dramatischer Schriftsteller zu seinem Borwnrs ge langt lind sodann durch seine Bcziehnngen zu den Bcstrebnugen des Bcreincs, die, den t>st-dankc» der Toleranz hochhaltrnd, nicht scparatisti scher Tendenz seien. Man habe sich hier vereinigt, eben »in die A» griffe derer abzinvchrcn, welche die Inden wieder in einen nationalen Berband treiben ivollcn. AlS er i» siönigsbcrg Schule und Universität bcsnchtc, war es dort 'etivas Unerhörtes, einen Unterschied zwischen ^»den lind Ehristcn zu mache». In der „Stadt der reine» Vernunft" habeman die h>inia»istischc» Bestrebiingen »ud die Toleranz immerdar hochgchaltc», und so knüpfe er mit feinem Thema nur an jene vom Bcrcine und von ihm verfolgten Bcstrebniigen der Toleranz und der Hnmanität a». I» Nathan »nd Shhlock erblickt u»u Wichcrl die dra matischc Bcrtörpcrnng der Tolcranzidce». Eine nnübcrbrückbare silnst scheine zwischen den beiden Eharaltcrcn zu liege», »nd dennoch sei es möglich, eine Parallele tmischen.beiden (Gestalten zit rieben. Hier Siaiha», die dichterische Bcrkläriing eines edlen SAeiischc», dort Shhlock, die tiefste Schniachgcstalt des Inden. Der Bortragendc beleuchtete literar historisch die Entstchnng des Siatha», die Teiidenz des Stückes und charaktcrisirlc die einzelne» Pcrsoncit. Bo» der Gestalt des Nathan sagte Wichcrt, daß Vcssing nicht den Inden verherrlichen, sonderil nur zeige» wollte, daß auch der Jude ein sittlich vollkommener Bicnsch zu sein vermag. Der Dichter wollte überhanvl tcinc der drei Religionen bevorzuge», das zeige, ja die Fabel von den drei Ringe». Messing er strebte im Nathan eine Berkörpcrniig der Toleranz, »m zu verkünden, daß den Werth dcS SSieuschc» sein sittliches Berhalten bemesie. Wichcrt weiidelc sich iinnmchr dem Shhlock zu. Es sei die „tiefste Schmach gestalt", doch habe der Dichter sie trotzdem u-iserem mciischlichcii Ein psindc» nahe z» bringe» gesucht. T er Bortragendc führt den Beweis ans de» Worten Slmlock's heraus. I» seinem Nalioualttätsgcfühl, in seinem Gefühl als 'Mensch und in feiner Familicnchrc fei der Jude aufs Härteste getroffen. Shhlock töniic also gar kein Anderer sei», als wie er uns entgegentritt, n»d so lcnchlc ans dieser Gestatt, gerade weil sic auf der anderen Seite mit so viel des Häßliche» behaftet ist, noch stärker als im Ratha» die Hnnianitätsidee siegreich hervor. Wichcrt schloß, nachdem erso die beiden «Gestalten in Parallele gestellt, mit de» bemertcnswcrtheu Worten: „Möge dies göttliche Schonnngs und Dnldnngsgcfühl der Station erhalle» bleiben!" Tcm geistvollen Bortrage folgte der lebhafteste Beifall. ((Sill 5cilIlDilll)ilb.) I» P a r is hat ciu Auonimtns, der ans den Anschlagezcttcln alS „großer ungarischer SSicister" bezeichnet wurde, in dem Vocalc des „Art Intenintionnl“ die Slnsstellnug eines Tendenz Hildes: „Scene eines Ritualmordes in Ungarn" veranstalte», lasic», bei der er die SSialweise und Sinance» SA » n t a cs »'s. in Sl»wr»d»ng brachte. Ta nun alle West hinter dem „großen nngarischcn SSialcr" Mniikacsii vermntlicte, io wollte dieser, ni» sich vo^ Bcrdächtiguiigc» zu schlitzeii, die Sache klargcstcllr wisse». Die 'Aussteller bcharrte» dabei, de» Siamen des großen llnbekannten nicht zu vcrösscntlichen, so daß das Phblicni» trotz aller Proteste Muutäcsh's in dem Glauben erhalte» wurde, es handle sich um eines seiner Werke. Munkacsh ist ein heiß blütiger Ungar, und so kam es. daß er in Begleitung seiner Frau und eines Bedienten sich -in die Ansstcllnng begab, nnilaut Verwahrung gegen das ihm zngcichricbcnc Machwerk cinznlcgcn. Er verlangte abermals