Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1896-03-22 · 207 (22.3.1896) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
V (1896)
Issue
207 (22.3.1896)
Date
1896-03-22
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4886575-5439173-5439279--2563-4888934
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Set:» *. Freie» Statt. Nr. 207. reiche». Tie 5,317 Genossenschaften, welche im vorigen Jahre in Oesterreich gezählt wurden, haben während ihres fast fünfzehnjährigen obligatorischen Beständenicht mehr als 122 Fach- und Fortbildungsfchrlen errichtet, von welchen auf weite Gebiete unseres Staates oft nicht eine einzige entfällt. Der Herr Minister selbst mußte daher vor versammeltem Hause zugeben, die genoffenschaftliche Organisation des Gewerbeslandes habe sich nicht in allen Fällen und in dem Maße bewährt, als ursprünglich zu erwarten stand. Wenn sich die Regierung damit tröstet, daß die vorhandene gewerbliche Organisation nunmehr in eine andere, rein wirthschaftliche Richtung zu drängen wäre, so gibt sie sich eben einer neuen Täuschung hin. Wir können ruhig abwarten, bis sich die Unmöglichkeit dieser Umgestaltung einer Kampf- und Widerstandsorganisation zu Erwerbs- und WirthschaftSzwecken ebenso darthun wird, wie sich die vollständige Unbrauchbarkeit der Berufsgenossenschaft heute schon erwiesen hat. Immerhin begrüßen wir das offene Geständniß dieser Einsicht maßgebenden Orts als einen großen Fortschritt und schöpfen aus diesem voruriheilsfreien und streng unparteiischen Borgehen drS .Herrn Handelsministers die Zuversicht, daß er auch dann, wenn sich die letzten in die sogenannte gewerbliche Organisation gesetzten Erwartungen nicht erfüllt haben werden, vor das hohe Haus treten und die Thatsache mit der gleichen Aufrichtigkeit ^onstarircn werde. Dann erst wird geistig die Bahn frei sein, welche zu den richtigen Mitteln führt, um den für Staat und Gesellschaft notbwcndigen Gewcrbestand zu erhalten und in positive Bahnen hin überznführen, wie es Freiherr v. Glan; als die enistc Psticht aller im öffentlichen Leben thätigen Factoren hinstellte. (Bon der Landwirthschaftsgescllschaft.) Tie niederösterreichische Landwirthschaftsgesellschast war während der letzten Landtagssession wiederholt (Gegenstand von Angriffen antisemitischer Maulhelden, welche mit ihren Schmähungen und ^Verdächtigungen über alle gemeinnützigen Institute herfielen. In der Generalversammlung der Landwirthschaftsgescllschaft, welche am 17. d. M. statffand, spielte der Präsident, Heinrich Freiherr v. DoblhoffDier, in seiner Eröffnungsansprache auf die Borkommniffe im Landtage an. Er begrüßte den Ackerbau minister, welcher der Bersammlung beiwohnte, und sagte: Die Anwesenheit des Ministers sei ein Zeichen, daß jene Angriffe, welche ge rade in letzter Zeit gegen die Landwirthschastsgcsellschaft gerichtet wurden, von der Regierung nicht getheilt werden. Seit ihrem.Bestände habe die Gesellschaft niemals einzelne Personen oder Stände begünstigt; sie werde auch künftig unbeirrt durch Angriffe in ihrer bisherigen Thätigkeit weiter fortfahren. Hierauf antwortete Ackerbauminister Graf Le d eb ur: „Gestatten Sie mir, daß ich mich nicht darauf beschränke, den Dank allein Jhnön auszudrücken, sondern auch einigr Worte an Sie richte.. Ich bin der Einladung gerne gefolgt, um über den geschäftlichen Contact hinaus persönliche Beziehungen zwischen dem Ministerium und der Gesellschaft anzuknüpfen. Im Hinblicke darauf, daß ich erst seit wenigen Monate» an der Spitz«' meines Amtes steh«, werden Sie es nicht als Ilcberhebung ansehen, wenn ich mich verpflichtet halte, heute der Bersaimnlung Tank und Anerkennung für die hervorragenden Leistungen auszudrücken. In Ermanglung eines anderen Centralorganes war die Gesellschaft die alleinige Trägerin zeitgemäßen Fortschrittes auf allen (Gebieten der Landescultur, die Vermittlerin aller jener Unternehmungen, welche seitens der Regierung gefordert wurden. Sie hat ein Recht, stolz zurückzublickcn auf diese ihre Thätigkeit. Während meiner kurzen AmtSwirksamkeit fand ich Gelegenheit, zu erkennen, daß die Vergangenheit der Gesellschaft eine ehrenvolle sei, und daß ihre Bestrebungen derartige seien,, daß man nur wünschen kann, der Erfolg möge in Zukunft denselben gesichert sein. In noch höherem Maße gebührt die Anerkennung dem Centralausschuffe, welcher eine so außerordentliche Arbeit geleistet und mit Aufopferung sich derselben unterzogen hat. Die Gesellschaft sieht heute an einem Wendepunkte. Sie hat die Absicht, jene landwirthschaftlichen Kreise, welche der Organisation ferne gestanden, heranznzirhen. Dieser Gedanke, welcher den thatsächlichen Berhältniffen Rech- »nng trägt, ist als ein Llücklicher zu bezeichnen, und ich kann nur wünschen, daß der Ausschuß nach wie vor Hand in Hand mit dem Ackerbanniinisieriuni die Pflege und Förderung der landwirthschaftlichen Interessen als gemeinsames Ziel anstreb«. In dieser Beziehung versichere ich Lie, indem ich Ihnen nochmals die besten Erfolge wünsche, meiner vollsten Unterstützung." Im weiteren Verlaufe der Versammlung reagirte auch Vicepräsident Franz P i r k o auf die gegen die LandwirthschafkSgcjellschaft im Landtage erhobenen Angriffe. Nach eingehender Richtigstellung all der Behauptungen über die Einführung der „BestechnngSstiere" betonte Herr Pirko, daß eS höchst verwerflich sei, in öffentlichen Vertretnngskörpern die Fähigkeiten Anderer zu bemängeln und ohne stricte Beweise deren Ehrlichkeit und Pflichttreue zu verdächtigen. Jnfolange nicht an Stelle der Landwirthschaftsgesrllschaft eine andere Corporation zur Vermittlung der Subventionen des Staates und des Landes an den Kleingrundbesitz gettetcn ist, könne eS auch nicht in dessen Jntereffe sein, wenn Jene, die sich jetzt aufopferungsvoller Arbeit unterziehen, fortgesetzt den Chicanen Unberufener ausgesetzt sind, da e« in der Folge schwer sein dürfte, Männer zu finden, die so viel Lust und Lieb« zur Sache haben, daß sie nebst allen Mühen bereitwillig alle möglichen Verdächtigungen mit in den Kauf nehmen. RcichsrathSabgeordneter Franz Richter führte die Angriffe gegen die Gesellschaft hauptsächlich darauf zurück, daß der Wille vorherrsche, die Gesellschaft in einen Landescrllturrath verwandelt zu sehen. Die Erfolge, welche die Wiener LandwirthschastSgesellschast errungen, seien jedoch größer als die mancher Landesculturräthe. Die Versammlung stimmte einer Statutenänderung zu, durch welche die Heranziehung bäuerlicher Kreise bezweckt wird. (Verschollen.) Man schreibt uns: Der Hctzkaplan Dr. Georg Battisti, welcher, wie wir seinerzeit berichteten, aus Ottakring, wo er als Katechet fungirte, spurlos verschwand, gibt nun wieder ein Lebenszeichen von sich. Dr. Battisti, welcher vor einigen Jahren zu den eifrigsten Anführern der Hernalfer Liechtenstein-Bande zählte, mußte in Folge Einschreitens der Schul- und Kirchcnbchörde seine Stelle niederlegcn. Grund dazu bot einerseits sein verhetzendes Treiben als Agitator, andererseits sein Lebenswandel. Der geistliche Hetzer unterhielt verschiedene Liebrsverhältniffe, sorgte nicht für seine Kinder und blieb schuldig, wo er nur schuldig bleiben konnte. Kellner, Marqueure, Schneider, Wäscherin :c. ttauerten um den — Vermißten. Aber auch Massenquarticre, wo der hochwürdige Herr sich herumttieb, konnten nur werthlosc Pfand stacke, u. A. einen zerfetzten Regenschirm und Strümpfe, als Zahlung quittiren. Bor Kurzem hörten wir, daß aus dem einstigen Antisemitenhäuptling ein ganz gewöhnlicher Bettler geworden ist. Und heute? Bon ihm ist zwar keine Spur vorhanden, aber die Wählerliste des zweiten Wahlkörpers in Hernals verzeichnetc ihn als Wähler, wohnhaft Hernalsergürtel Nr. 3. Unsere Anftage in dem bezeichneten Hause blieb, resultatlos; man ist dort so glücklich, Dr. Battisti nicht als Wohnpartei zu besitzen. Auch am Wahltage ist der Mann zur Urne nicht erschienen. Hatte er vielleicht Lunte bekommen, daß einige seiner Gläubiger eine große Sehnsucht nach ihm empfinden? Fürchtete er ein Wiedersehen im Wahllocale? (Auder Haft eutlaffen.) Der vormalige Herausgeber des „Christlichen Extrablattes", der ehemalige Friseur A. F. Um geh er, war, wie wir berichtet haben, am 3. d. M. unter dem Verdachte des Verbrechens des Betruges und der Vrruntteuung verhaftet und dem Landesgericht eingeliefert worden, weil mehrere Personen, denen er Anstellungen in der Administration des genannten Blattes zugesagt und Cautionen abgenommen hatte, gegen ihn die Anzeige erstatteten, daß sie weder angestellt worden seien, noch die als Cautionen erlegten Beträge zurück erhalten können. Am 17. d. M. ist jedoch unter gleichzeitiger Einstellung der Untersuchung seine Entlastung aus der Haft erfolgt (Wieder Einer.) Während die Antisemiten fortfahren, die Juden als durchwegs unsittlich hinzustellen, fallen fast täglich dem „römischen Rechte" Personen zum Opfer, welche von „christlichen" Socialreformern als Mustermenschen gepriesen werden. Ein solcher Fall kam dieser Tage auch in Tirol vor, indem das Bozener Schwurgericht in geheimer Verhandlung den Pfarrer Johann Groß in Pauls, einen Mann von 43 Jahren, wegen unsittlicher, an Schulmädchen verübter Verbrechen zu dreieinhalb Jahren schweren Kerkerverurtheiltc. O, diese Juden, dieses römische Recht, sie sind an Allem schuld — meint wohl der sittenstrenge Herr Steinwender. (Stiftung des Bischofs Dr. Schuster für Kranke aller Confesstoueu.) Der Bischof von Waitzen, Dr. Constantin Schuster, spendete vor einigen Tagen hunderttausend Gulden zur Errichtung eines Krankenhauses in seiner Residenzstadt, in welchem nach dem Stiftungsbricfe Kranke aller Confessionen Aufnahme finden sollen. Der Bischof empfing nun einen Berichterstatter des „Pesti Naplo", welcher die Bemerkung machte, daß die Bestimmung des StiftungSbriefcS, wonach bei Aufnahme von Kranken kein Unterschied in confessioneller Richtung gemacht werden dürfe, großes Aufsehen hervorgerufen habe. Bischof Dr. Schuster erwiderte: „Das ist doch ganz natürlich. Vordem Richterstuhle Gottes und in meinen Augen sind alle Menschen gleich. Der Herr des Himmels belohnt und bestraft uns Alle ganz gleich. Soll ich mich etwa vor das Thor des Krankenhauses hinstellen, und wenn man einen verlassenen Schwerkranken bringt, fragen: Weß Glaubens bist du? Dos wäre weder menschlich noch christlich. Ich sage vielmehr: Ich bin ein Samaritaner und nehme dich ans! In meinem Herzen findet jeder ehrliche gotteSfürchtige Mensch den gleichen Platz, und ich danke dem gütigen Himmel, daß die verschiedenen Confessionen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.