Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 207 (22.3.1896)
- Date
- 1896-03-22
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 207. i Fr»«» anläßlich der letzten Landtagswahl alS Candidat im Bezirke Elbogen ausgestellt; seine ausgesprochene Absicht geht dahin, die antisemitische Partei in BudweiS und im südlichen Böhmen zu organisiren, um vielleicht hier zu einem Mandate zu gelangen. Rastlos ist er bemüht, Ortsgruppen des Bundes der Deutschen in Böhmen, auch im südlichen Böhmen, so in Krumau, Winterberg, inS Leben zu rufen, in BudweiS soll auch eine -FrauenortSgruppc gegründet werden oder sogar schon bestehen. Dann sollte auch in BudweiS ein antisemitischer Gewerbcverein inS Leben gerufen werden. Den deutschen Gewerbetreibenden wurde aber von liberaler Seite der Standpunkt klar dargelegt, und dieselben haben die Gründung deS Gewerbevereines fallen lasse», dafür eine Gcwerbe- BundeSgruppe deS Deutschen BöhmerwaldbundeS inö Leben gerufen, der selbstverständlich, da der Böhmcrwaldbund Niemande» auSschließt, Juden sowie Christen angehören. Die Artikel in der „Ostdeutschen Rundschau", wodurch Dr. Havelka seine Operationen unterstützt, haben nie irgendwelche Erfolge erzielt. Im Gegentheile, alS am 31. Dccember v. I. ein von den niedrigsten Angriffen gegen einzelne Personen strotzender Artikel in der „Ostdeutschen Rundschau" erschien, traten viele Budweiser auS der Ortsgruppe deS Bundes der Deutschen in Böhmen sofort aus. Auch rin Artikel am 12. d. M., welcher de» Abgeordneten Taschek deS Bruches des Wafsenstillstandes zeiht, weil dieser bei einem Feste der Deutschen Liedertafel die Allianz der deutsch-nationalen Antisemiten, Pfaffen und Tschechen — wie sie bei der Wiener GrmeinderathSwahl zum Vorschein kam — geißelte, halte nur den Erfolg, daß sich immer mehr Personen selbst ihr Urtheil bilden und von diesen Leuten abwenden. Der wider den Führer" der Deutschen in BudweiS erhobene Borwurf ist schon deshalb haltlos, weil nie ein Waffenstillstand bestand; es wurde einfach bei einer Besprechung, welche einige antisemitische Herren mit Hrrrn I. Taschek hatten, ausgemacht, die noihwendige Einigkeit in BudweiS aufrecht zu erhalten, und wurde von Herrn Taschek selbst erklärt, daß alle Wählerkreise bei Aufstellung von Eandidaten berücksichtigt, also auch, wenn sich ein antisemitischer WählerkreiS findet, dieser zu gemeinsamen Besprechungen über Wahlangelegenheiten einberufe» werden solle, eben aus den« Grunde, weil Einigkeit nothwendig ist. ES wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, daß in diesem Falle keine liberale», antiliberalen und sonstigen Parteifractionen bestehen dürfen, sondern nur eine einige deutsche Partei, die selbstverständlich die freiheitlichen Principien nicht abseits stellen darf. Wie wenig Herr Taschek den nationalen Frieden durch seine freisinnigen Aeußerungen thatsächlich gestört hat, geht schon daraus hervor, daß ihm bei dem Feste Niemand, auch nicht der Artikler der „Ostdeutschen Rundschau" entgegentrat, und daß Herr Taschek eine Woche nach dem Coinmerse von der Hauptversammlung der Liedertafel zum Ehrenmitgliede ernannt wurde. In dem betreffenden „Budweiser Brief" der „Ostdeutschen Rundschau" heißt rS auch, der Waffenstillstand sei gedroche» worden von Leuten, welche unter Einigkeit nichts Anderes verstehen, „als ein Augenzudrücken vor ihrer von craffestester Selbstsucht bestiminlen Gemeindewirthschaft, die Duldung ihrer Politik, die ein Unglück für da« deutsche Volk bedeutet". Die Tschechen haben gewiß in der Kritik der Gemeindewirthschaft in ihren in BudweiS erscheinenden Blättern daS Menschenmöglichste geleistet. Wenn überhaupt irgendwie an der Gemeindewirthschaft gekrittelt werden könnte, hätten eS sie, die sehr sachkundig sind, gewiß herausgefunden. ES blieb aber einem sogenannten deutschen Blatte Vorbehalten, mit allgemeinen Verdächtigungen bewährte Führer deS DeutschthumS in der öffentlichen Meinung herabzusetzen, ohne auch nur den Schalten eines Beweises erbringen zu können. Es ist dies bereits der dritte Artikel, in welchem gedroht und verleumdet wird, aber concrete Angelegenheiten, welche als ein Berbrechen gegen das Deutschthum und daS deutsche Volk bezeichnet werden könnten, werden niemals angeführt. Der Artikelschreiber — nach allen Wortfügungen und einzelnen Sätzen kann dies nur Herr Dr. Havelka jun. selbst sein — schließt mit einer furchtbaren Drohung. „Stößt unö Herr Taschek vor den Kopf," sagt er, „so ist er derjenige, welcher einer Verständigung beider Parteien im .Wege steht. Unsere Liebe zum deutschen Volke ist zu groß, alS daß wir selbst dann durch Aufstellung eigener Eandidaten oder durch Wahlenthaltung dasselbe gefährdeten, aber wir werden die Ueberzeugung erlangt haben, wo daS Hemmniß unserer Verständigung liegt, daS im Interesse unserer Einigkeit weggeräumt werden muß, wir werden nur Einen fallen lassen, aber dieser »la«»._ Sei,« 3. Eine, welcher fällt, weicher dann sicher fällt, dieser Eine wird — Herr Taschek sein." Vielleicht bleiben auch in BudweiS die anti semitischen Söldlinge der Pfaffen und Tschechen mit ihrer Drohung im Rechte;°aber wenn Herr Taschekj fällt und Dr. Havranek an seine Stelle tritt, dann werde» es gewiß nicht die Deutschen sein, die sich darüber zu freuen haben werden. Lin merklicher Fortschritt. Die Verhandlungen des Abgcardnctenhmises über dao Budget deo HandclSministcrinmS boten dein Leiter dieses Restarts, Errellcnz Avci Herrn o. Glanz, de» Anlaß, in ausführlicher nnd klarer Weise die Stellung der Regierung zu den Fragen der Gcwcrbcpoliiit und Ge wcrbcgesctzgcbung zu präcisirc». Der HerrHaiidclomnnstcr erkennt, wie nicht anders;n erwarten, die trübselige n»d schwierige Lage, in welcher sich u»ser Gcwcrbcstand befindet. Welches auch die Anfsasinng von den Ursachen dieses krisenhaften/ Zustandes und von de» Mitteln, mit welchen diesem.Zustande abznhclfc» wäre, sein möge, darin stimmen wohl Alle dem Handclsminister bei, daß dem Gewcrbcstandc geholfen werden müsse. Vielfältig seien die Rcccpte, meinte der Redner am RegierungStischc, aber eine Gruppe derselbe» müsse von vornweg aus geschloffen werde», das sei die Rückbildung in alte Forme», welche^, heute nicht mehr möglich sind, weil wir uns ohne Selbstmord nicht ansschlicßen können von dem großen Pnlsschlage deS Lebens, der in den Erscheinungen »nscrcr Zeit zu Tage tritt, man mag im Einzelnen darüber denken wie man will. Wir haben lange nicht so freie Worte vom RegicrnngStischc ans gehört nnd vor Allem nicht, als an der Stelle dc.s Freiherr» v. Glanz ein Vcrtranensmann der liberalen Partei zu sprechen pflegte. Damit aber ja keine Zweifel in die Tendenz seiner Worte gelegt werden können, bezcichnctc der Handclsminislcr diese Re rcptc genau als diejenige», welche die Stärke in die Negation legen, in die Feindseligkeit gegen den Großbetrieb, die da glauben, ivenn mau die Großindustrie im Fnlandc nicderränge, dann werde der goldene Bode» des Handwerks ans der guten alten Zeit wicderkehrcn. Und da die Regierung den Weg nach rückwärts in alte! überlebte Formen für nicht mehr gangbar erkennt, so hält sie cS für'ihre ernste Pflicht, die richtigen Mittel aufznsuche» nnd anzuiocndc», um den für Staat und Gesellschaft »othwcndigcn Gewcrbcstand zu erhalten nnd in positive Bahne» hinübcrzuführcn, wo er neu belebt werden kann. Die Mittel hiezu erblickt der Herr Handrlsministcr Euerseits in der nnablüssigcn Helning der fachlichen Bildung und Zugänglichmachung der modernen technischen Hilfsmittel, andererseits aber auch in der Zufanimcnfaffnng nnd Entwicklung der eigenen Kräfte des Gewerbcstandes im Rahmen der gcnosic»schaftlichcn Organisation. Es ist ein doppelt erfreuliches Zeichen, daß ein österreichischer HandclSminister es wieder einmal wagt, in ^officicllcr Weife nnd wn - zweideutig die rückschrittlichen Tendenzen unseres wirthschaftlichen Lebens . znrttckzuwcisen und als das erste und kräftigste Mittel zur Ncnbclcbung des Gewerbcstandes nicht eine Handel und Wandel lülpuendc Gesetzgebung, sondern die Zugänglichmachung sachlicher Bildung wie der technischen Fortschritte anzupreisc». Bei solcher Einsicht der maßgebenden Factorcn verspreche» wir uns von der für die GewcrbFördcrnng seitens der Regierung in Anspruch genommenen Dotation von l'>O.OoO fl. eine ersprießlichere Wirkung als von dem Millionengcschenkc, welches der Abgeordnete Hauck großmüthig nnd großmäulig für die Klei» gewerbetreibenden beanspruchte. Es vcrräth eine — um im Fargo» der Zeit z» spreche» — echt protzcnhaflc und rapitalistische Auffassung der Dinge, zu meine»,. einem unter dem EntwicklnngSproreß zweier Jahrhunderte leidenden Stande sei durch Geld unddurch Geld allein zu helfen. Der Abgeordnete Hauck selbst sollte ans eigener Erfahrung twisten, daß man mit noch so vielem Geld nicht einmal ein Rohstofflager erhalten könne, wenn cs den dabei Bctheiligten ä» gutem und ehrlichem Wille» und dem nöthigcn Vcrständniß gebricht. Andererseits bedarf es keineswegs so märchenhafter Unsummen, »m dem Handwerke wahrhaft dienstlich zn sein, wenn es nur an der rechten Fnitiativc maßgeblichen Ortes nicht fehlt. Daß dieser gute Geist "augenblicklich im österreichischen Handelsministcriui» weht, beweisen die Ausführungen des Herrn Handels Ministers in der Budgetdebatte: Bildung nnd technischer Fortschritt seien die Arrana, durch welche allein dem Handwerke sein goldener Boden wieder zn geben wäre. Wir sind geneigt, darob dem Herrn Minister seinen Rest von Hoffnungen zu — verzeihen, die er noch immer in die genoffenschaftliche Organisation des Handwerks setzt. Wir haben zisscrmäßig dargrtha», daß die gewerbliche Organisation nichts dazu beitragen kann, das-wo» Freiherr» v. Glan; gesteckte Ziel zn er-