Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 207 (22.3.1896)
- Date
- 1896-03-22
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4886575-5439173-5439279--2561-4888932- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seile 2 Freie» Blatt. Nr. 207. Schuld des Antisemitismus — jüdischen Knaben noch jetzt schwerfällt, bei christlichen Handwerkern als. Lehrlinge Aufnahme zu finden, und daß es demnach auch in Deutschland an jüdischen Handwerkern nicht fehlt; daß in Rumänien Maurer, Zimmerleute, Schmiede, Schlosser :c, fast nur durch Juden vertreten sind; daß in Rußland fünfzehn Gouvernements, die den Juden Aufnahme gewähren, gegen 15.000 jüdische Schlaffer und Schmiede, gegen 12.000 jüdisch« Dachdecker und Zimmerleute zählen, abgesehen von der übergroßen Menge anderer jüdischer Handwerker in Rußland, lieber frühere Zeiten belehrt unS die Schrift „Jüdisches Handwerkerleben zur Zeit Jesu, nach den ältesten Quellen geschildert" von dem verewigten Professor der evangelischen Theologie Dr. Franz Delitzsch (dritte, revidirte Auflage, Erlangen, Deichert, 1879), auö der einige Anführungen gestattet sein mögen: Das jüdische Volk ist von jeher ein arbeitsames gewesen, welches an Trieb und Kraft und Erfindungsgabe zu rastloser Thätigkeit hinter keinem Volke zurückstand (S. 23). Schon in der oorexilischen KönigSzeit sehen wir die mannigfaltigsten Gewerbe zu Lebensberufen auSgebildrt. Schmied und Schlaffer, Zimmermann und Maurer haben besondere Namen (S. 24). Eine besondere Vorliebe zu demjenigen Handelsgewerbe, welches nicht vom Umsatz eigener, sondern fremder Arbeit lebt, zeigt sich ii» jüdischen Volke nirgends, wenn wir von dem ersten christlichen Jahrhundert so weit als möglich rückwärts und etwa ein halbes Jahrtausend vorwärts blicken (S. 25). Die Juden in Alexandrien hatten eine weltberühmte prächtige Synagoge. In dieser saßen die Männer nicht bunt durcheinander, sondern da hatten die Goldarbeiter, die Silberarbeiter, die Nagel- und Nadelschmiede, die Kupferschmiede, die Weber ihre besonderen Stände und Bänke, und wenn ein armer Handwerksgenoffe hineinkani, setzte er sich zu seiner Innung, die ihn so lange unterstützte, bis er Arbeit bekam (S. 38). Zahlreiche Altrabbiner (Talmudisten) werden S. 76 ff. a. a. Q. namhaft gemacht, denen Wiffenschaft und Gewerbe, Arbeit des Geistes und Arbeit der Hände als ein verträgliches und nicht zu scheidendes Paar galten, gemäß dem altrabbinisch-elhischen Spruch: Schön ist das Studium der Thorah! Gottcslehre) im Verein mit einem bürgerlichen Gewerbe, denn die eifrige Beschäftigung mit beiden entwöhnt der Sünde (Aboth II, 2 u. ö/. Es fehlt unter den aufgeführlen Rabbinern auch nicht an einem Schmied (nazim-st), Namens Isaak. Neben der oben nachgewiesenen Unterdrückung eines ganzen Satzes hat der Verfasser des Flugblattes noch eine kleine Untreue begangen: er läßt unter den Gerüchen, die Israel zum Schärfen brachte, die an erster Stelle genannte Pflugschar aus. Es sollte wohl den Lesern des Flugblattes nicht zu deutlich in Erinnerung kommen, daß Israel in Palästina auch Ackerbau getrieben hatte. Die Fabel muß doch aufrecht erhalten bleiben, daß die Abneigung gegen die schaffende Arbeit in jeder Gestatt jüdische Raceneigcnthümlichkeit sei! Wie stimmt zu dieser Fabel z. B. die Thatsache, daß selbst viele und hervorragende Talmudisten hinter dem Pflug cinhergingcn? Wie stimmt dazu das stolze Wort eines solchen- Talmudisten-Bauern: „,4clam, selieön io learica. eno adam“ „Ein Mensch, der keinen Acker hat, ist kein Mensch"? (Babyl. Talmud, Tractat Jcbamoth 63 a, 7. Zeile von oben.) Qffenbar um nicht so leicht ertappt zu werden, hat der Verfasser des Flugblattes die Bibelstelle nur nach Buch und Eapilel bezeichnet, die Nummern der Verse j(19, 20) dagegen nicht angegeben; er rechnete auf die Bequemlichkeit und Leichtgläubigkeit der Leser. Aber dennoch — welche eiserne Stirn gehört dazu, die Allen zugängliche Bibel dermaßen zu-fälsche»! Welche Verruchtheit, über ein solches 9ügenwerk das Motto zu setzen: „Furchtlos, treu und wahr!" Mit den Worten, die der 32jährige Bismarck im Landtage von 1847 gegen die Juden, insbesondere gegen die Mögsichkeit eines jüdischen Richters sprach, ist das Flugblatt in eine äußerliche Beziehung zum Geburtstag des Altreichskanzlers gesetzt. Aber der Skdatsmann Biömarck hat andere Anschauungen bethätigt, als der Abgeordnete sie gehabt; nach der unter seiner Kanzlerschaft gegebenen Gerichtsverfassung ist der Jude vom Richteraml nicht ausgeschlossen! Ucberhaupt ist ja der eiserne Mann, wie er an die Gießencr Theologen-Facultät nach Verleihung der Doclorwürde schrieb, milder geworden; und so dürfte er auch wohl den Juden gegenüber die Vorurtheile seiner Jugend nicht bewahrt haben. Sicher ist, daß er eine unehrliche Kampfesweise, wie ne oben aufgedcckt ist, verabscheut. Deutsch-volkliche Arbeit. (Original-Mittheilung de« „Freien Blatte«".) - 18. März. Jene Gruppe von Antisemiten, welche sich, deutsch-national nennt, sucht sich mit Vorliebe als Arbeitsfeld Orte heraus, wo daö Deutschthum einen harten Existenzkampf gegen die Tschechen zu führen hat und der Verlust jeder Stimme daS Ende einer deutschen Majorität bedeuten kann, wie z. B. BudweiS. An diesem gefShrdetsten Posten des DeutschthumS in Böhmen provocirt eine gewissenlose Schaar, die sich deutsch nennt, einen Bruderzwist, der, wenn überhaupt Jemandem, doch gewiß nur dem nationalen Gegner zu statten kommen kann, und das Wiener Organ der strebenden Jungdeutschrn verabsäumt es nicht, jeden Monat mindestens einmal sich einen Päan über das siegreiche Vordringen des Antisemitismus in Budweis zusenden zu lassen. Budweis zählt derzeit ungefähr 19.000—20.000 Tscheche« und 11.000—12.000 Deutsche. Bei der letzten Landtagswahl im November 1895 betheili-ten sich von 3366 Wählern 2935, und erhielt der deutsch-liberale Candidat 1606, der tschechische 1332 Stimmen; einige Stimmen zersplitterten sich. Dir.M-i^«ir krtrug also 274 Stimmen. Tschechische Blätter bracht nach der Wahl ein Verzeichniß von 220 jüdischen Wählern, » riche dm'.sch gewählt hatten, tschechisch wählte» überhaupt nur 2 Juden. Wenn nun von diesen 220 Juden nur 150 mit den Tschechen grstimnit hätten, so wären die Letzteren schon mit 26 Stimmen in der Mehrheit gewesen. Bei der ReichsrathSwahl 1885 betrug die Stimmenmehrheit der Deutschen, mit welchen selbstverständlich auch damals die Juden geschlossen wählten, nur 56, bei der Landtag- Wahl 1889. betrug sie 130 Stimmen u. s . — cv Beweis, daß nur dann, wenn die Juden mit den fortschrittlichen Deutschen stimmen, überhaupt die Position der.Deutschen in Budweis zu halten ist. Wenn nun die Juden auS irgendwelchen Gründen, sei cS wegen einer politischen Meinungsverschiedenheit od r. wie eS dermalen in Budweis der Fall ist, durch per-Snliche. Strcberthum, in einemfort vor den Kopf gestoßen w>rden, so 'st eS »ur natürlich, daß dieselben darauf reagiren und sich endlich von den Deutschen fcrnhalten; was aber dann eintr-i. dahaben die tschechischen Blätter nach jeder Wahl und w ,l°"st hundertümk erzählt, daß nämlich die. Deutschen auS allen "'tionen r-rdrci»gt werden. Diesen 'rein praktischen, localen ■ ndpunkt hat die deutsche Parteileitung in Budweis, an der-'" Suitze Hen Taschel steht, zu allen Zeiten vor Augen gehabt ustd ei»fo na yürücklich betont wie den allgemeinen liberalen Stail^unkt der Freiheit und Duldsamkeit gegenüber allen GlaubenSbci —Hpj" Es ist niemals in Budweis Jemande:-! semitische Hetze zu-treiben. Erst seit etwa unter der Studentenschaft ein antisemitischer Hochschüler vereinigten sich zunächst zu eine-' * Verbindung, und seit Bestand des Bundes de ' bildeten die Budweiser Studenten auch <• antisemitischen Bundes. Dieselbe hat, 150 Mitglieder, die jedoch keineswegs junge HandlungScommis und andere j»n dieser Ortsgruppe ist der Greißlereibesiz tschechischen Actienmühle Wenzel Brtzan, Jahre an der Hochschule in Wien als En... die Zeit verbrachte. Der Macher dex (jonttit Be.org>..., . >j«Ä, der Sohn eines Budweiser Notars, Dr. 'K- Havelka ja». Dieser junge Mann, der eben jetzt seine Advocaturskanzlei eröffnet hat, benahin sich während seiner Studienzeit und. gleich nach Vollendung seiner Studien in Budweis stets al« social-demokratisch gesinnt, später zeigte er nicht übel Lust, liberalen Anwandlungen zugänglich zu sein, hat jrdoch sehr bald seine Gesinnung wieder geändert und ist jetzt antisemitischer Agitator. Dieser Antisemit hat die ihm nothwendige Zeit, rin die Advocat.-.r-prüfung ablegen zu können, auf sein ausdrückliches Ersuchen bei «in<3SL^^V scheu Advocaten zugebracht. Als er die Prüfung abgelegt yatle und als Vertheidiger, nicht^aber als Advocct eingetragen wurde, war er durch zwei Jahre" bis jetzt Eompagnon des jüdischen Advocaten Dr. Grünberg. Seinem Vater macht der junge Herr, der auch in der Aufnahme von Darlehen große Virtuosität besitzt, viele Sorgen, doch hat der würdige alte Herr keinen Einfluß über ihn, der seinem Vater das Betreten seiner Wohnung entschieden abgcrathen hat. Dr. Havelka jun. wurde von detr Deutsch-Volklichen i.tVi