Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- V (1896)
- Issue
- 206 (15.3.1896)
- Date
- 1896-03-15
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 8. Freie» Starr. Nr. 206. Aufträge und der Bitte, denselben mit dem Rector aller Deutschen, Ahlwardt, christlich und brüderlich zu theileu. Al» der fromme Pastor nach geraumer Zeit keine Antwort erhielt, weder von seinem AmlSbruder Stöcker, »och von dem Rector Ahlwardt, schrieb er an Ersteren: „Lieber AmlSbruder! Neulich sandte ich Dir einen großen Lachs. Hast Du denselben erhalten und ihn mit Ahlwardt christlich und brüderlich gelheilt, so wie ich e« wünschte?" Da annvortete Stöcker: „Habe Tank für den Lach«, den ich erhalten und nach Deinem Wunsche getheilt habt." Einige Zeit darauf kam Rector Ahlwardt in den Ort, wo der Pastor wobnt, und dieser fragte ih«r, wie ihn denn jener Lach« gemundet habe. Da sagte Ahlwardt: „Lach« ist nie auf unseren Tisch gekommen, wir haben Alle einen solchen Fisch noch nie gegessen." Die Moral von der Geschichte, welche nicht etwa ei» „Judenblatt", sondern Sedlatzek's „Generalanzeiger" zum Beste« gibt, ist, daß Herr Stöcker bei sich gedacht haben wird: „Selber essen macht fett." (Christlich-germanische Widersacher Töhriag's.) Dankbarkeit ist keine antisemitische Tugend, und da« Lo« der leitenden Racenhetzer ist nicht bcneidenrwerth; der Eine wird stet« durch den Anderen abgethan. So läßt denn Liebexmann r. Sonnenberg in feiner „Antisemitischen E o r r e s p o n d e » z" an D ü h r i n g's Charakter bedenklich« Schwächen entdecken »nt seine Philosophie ein „hohle«, nur auf BerstandeSraffinement aufgerichtete» Truggebäude" neunen. Noch schärfer greift ein Dr. H. im „Deutschen B o l k«r echt", da« vor nicht langer Zeit „dühringisch-socialitär"war, den.,thörichten 'Hochmmh und Forscherdünkel" Tühring'S an. Tiefer Tr. H. meint: „Ist es schon an und für sich unbegreiflich, wie ein Dühring als .deutsch-wisseuschasiliche Autorität' in der sociale», in der Hebräerfrage, auf dem Gebiete der Nationalökonomie und im Bereiche der Philosophie rc. gelten konnte, der selbst über seine Gedanken so unk>ar ist, daß er nicht einmal imstande ist, auch nur einen Satz wirklich deutsch und für die Deutschen verständlich zu schreiben, so muß es doch aus das Befremdlichste Wunder nehmen, daß sich gelehrte und gebildete Leute durch die angeblich große Wisienschaftlichkeil eine« Tühring konnten verblüffen und täuschen lasten." Dühring ivird dann wegen seiner Aeußerungen über den Heiland schärsstenS zurecktgewiesen und dahin belehrt, „daß Christus niemals ein Hebräer gewesen ist, weil die unendliche Liebe und Barmherzigkeit, die Selbstlosigkeit. Demulh, Treue und Ehrlichkeit, die in Christ»« verkörpert ist, niemals auch nur im Geringsten im Blute eine« echten Hebräer» liegt". Wie Theodor Fritsch, will Dr. H. aus Christu» einen „Arier" machen. Er zeigt aber in dem Versuche, dieses Xunüstück anSzuführen, eine klägliche llnbcholsenhelt. Ungleich gewandter benimmt sich in dieser Hinsicht der consui« Geheime RegierungSralb E. v. Selchow Rudnik, welcher in einer neulich publicirten Schr ft so christlich und zugleich so urgermaniich ist, daß er die Verehrung Christi mit großer Verachtung des Seinitcnthuin« und mit der — Anbetung Odin» in Einklang bringt. Der Geheime Regierungsrath schreibt: „Eines erscheint uoerläßlich; eS ist das, daß inan da« Neue da sucht, wo cs bei nüchternem, nur ans die Erde gerichtetem Streben allein zu finden ist, nämlich in der Heiligen Schrift. Verkünder dieselbe ja den Völkern aller Zeiten die für die menschliche Geistes- und Cnliurentwicklung entscheidungsvollste aller Historische» Erscheinungen in dem Weltsieg, weichen indogermanischer, in brüderlicher Dienstleistung und Hingabe bis i» den Tod oder in der Erfüllung des väterlichen GesammtwillenS gipfelnder Idealismus über allerverhärtetsten semitischen, nur aus Befriedigung de« eigenen EinzelwillenS gerichteten Materialismus in Christus, dem zur WirklichkeitSgestalt seines Traumhelden Odin gewordenen Gottesebcnbild« und Urbild« alle« wahre» KöniglhumS, davontrug. Sie ist deshalb nicht bloß da» deutscheste aller Bücher, sondern zeigt auch besonder« in ihrem symbolischen Thcile den Recht«- und Gesetzesweg, auf welchem allein die mit der thierischen Ich. oder HerrichaflSnatur aurnahmSlo« dem Menschen. angeborene semitische Weltanschauung erfolgreich zu bekämpfen ist." Diese Publication, in welcher die der Lehre Dühring'« Hohn sprechende Amalgamirung deS ChristenthumS mit dem WoSan-CuItus versucht wird, ist — hört! hört! — ein Plaidoyer für dev Antrag Kanitz. >„Juda in der Sommerfrische.") Di« „Triburger Zeitung" brachte neulich dar folgende charakteristische Inserat: „Widerruf und Erklärung. DaS zu Kassel erscheinende antisemitische ,B o l k < b l a l t' enthält in seiner Nummer vom 28. September 1895 einen Schmähartikel, betitelt: ,Juda in der Sommerfrische', dessen Berfaffer und Verbreiter ich bin und der gegen Herrn Alexander Flcchkheim zu Brakel und dessen Familie gerichtet war. Herr Flechtheim erhob darauf gegen mich bei dem königlichen Amtsgericht zu Brakel Privalklage, und wurde ich in der am 13. Dexember v. I. stattgefundenen Sitzung de« Schöffengericht« der Thäterschaft überführt und zu einer Gefängnißstrase von zwei Monaten kostenpflichtig verurtheilt. Herr Flechtheim hat sich aus Rücksicht aus meine Verwandten und auch, weil er meinem verstorbenen Vater befreundet war, bereit erklärt, gegen diese Erklärung und gegen bereiterfolgte Zahlung einer Buße von 500 Mark, welche an Arme und Kranke der Stadt Brakel zu vertheilen sind, sowie ferner gegen Uebernohme der Kosten den Strafantrag zyrückzuziehen. Ich erkläre nuu hiemit, daß alles Nachtheilige, wa» besagter Artikel über Herrn Flechtheini und dessen Familie enthält, Verleumdungen und Entstellungen der schändlichsten Art sind, und daß meine Handlungsweise um so verwerflicher war, alS mir jedweder Anlaß dazu fehlte, da ich niemals perfönlichenodergefellschaftlichen noch geschäftlichen Berkehr, sei es mit i h m, sei es mit seiner Familie, gehabt habe. Bincenz Brinkmann, zur Zeit Driburg." Feuilletons Zur Geschichte der (Lniancipation in Deutschland vor dem Jahre 1848. (9k a ch älteren Quellen bearbeitet.) (io. Fortsetzung.) Selbst die preußische Herrencurie entschied sich dafür, daß aus den nach der Regierungsvorlage zu bildenden Synagogenvcreinen alles dasjenige anszuscheiden sei, was über den Zweck einer corporativen Regelung ihrer Cultusangclegenheitrn hinausgrcifc und dieselben zu abgesonderten politischen Corporationen machen könne. Noch entschiedener wurde aber in der Ständecnrie (namentlich von Hansemann)' auf den Rückschritt in der preußischen Gesetzgebung aufmerksam gemacht, die von der Idee des Staatsbürgerthnms nach und nach abgekommen sei, ja sogar den ' Ausdruck Staatsbürgerthum scheue, während sie sichtlich darauf ausgehe, wieder eine gewisse Zersplitterung der Gesellschaft in verschiedene Classcn hcrbcizuführen. Die andere 1'ieblingsidee der Regierung, das Dogma vom christlichen Staat, ward dagegen der Dreiständccuric von dem Schatzminister, General Thile, vorgeführt. Weil aber der General sich nicht ganz sattelfest erwies, so zog er den Geheimen Regierungsrath Brüggcmann zur Unterstützung herbei. Aber weder dem einen noch dem anderen gelang cs, die ungläubige Mehrheit zu bekehren. Der Minister begnügte sich mit dem Tictat, daß die Rechte des christlichen Staates gewahrt bleiben, daß die Gesetze vom christlichen Geist durchweht sein müssen; aber die nähere Erklärung deS Problems blieb er schuldig, während Brüggcmann mehr Salbung als Klarheit verschwendete, die Aufgabe zu lösen. Zwar versicherte ein Abgeordneter der Ritterschaft, ihm sei der Begriff des christlichen Staates vollkommen klar: cin anderer desselben Standes versuchte aus dem Titel: „von Gottes Gnaden" die Bcrpflichtnng der Fürsten zur Berwirklichung der Idee des christlichen Staates herznlcitcn und fügte bei, daß ein Staat, welcher nicht auf einer solchen religiösen - Grundlage, sondern nur auf den vagen und wandelbaren Begriffen von Humanität beruhe, nothwendig dem Eommunismus verfallen müsse. Allein die hervorragendsten Mitglieder der Versammlung wiesen die ministerielle Mystik bald mit Ernst, bald mit Spott, jedenfalls aber mit größter Energie zurück. Ter rheinische Abgeordnete Camphauscn erklärte, nach seinem Dafürhalten sei der Begriff des christlichen Staates weniger im Kreise praktischer Staatsmänner, veranlaßt durch wirkliche Erfahrungen und Bedürfnisse, cnt- .standen, als vielmehr eine vielleicht mit äußeren Ursachen zusammenhängende Entdeckung der neuen preußischen Staatsphilosophie. „Ich habe wahrgenommen," sagte er, „daß jahrhundertelang in Europa ein furchtbarer Kampf gekämpft wurde, um das Rechtsgebiet des Staates von dem der Kirche zu trennen. Ich nehme wahr, daß zwar in Rußland, in der Türkei und in China, nicht aber in einem germanischen Staate die kirchliche und weltliche Gewalt sich in einer Hand vereinigt findet. Ich nehme wahr, daß Großbritannien niemals ein anglikanisch-christlicher Staat genannt wurde. Ich habe nicht wahrgenommen, daß die Niederlande und Frankreich, welche die Emancipation der Juden vollzogen haben, sich durch diesen Umstand so von uns unterschieden, daß sie aufgehört haben sollten, christliche Staaten Lu sein, während wir ein christlicher Staat geblieben-wären." Der Freiherr v. Vincke zeigte spottend, daß die preußischen Gesetzgebungen selbst mannigfach im Widerspruche mit den Moralgeboten deS Alten und dienen Testamentes stehen. Hansemann hob hervor, daß gerade das Christenthum Hie erste Religion gewesen, die sich nicht auf den Staat gegründet habe. Selbst ein Gegner der Emancipation drang darauf, daß man bei politischen Fragen die Religion aus dem Spiele lassen solle. Wiederholt wurde in beiden Curicn die Nothwendigkeit der